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ist heute eine Stadt der Gelehrten und Beamten, als Eisenbahnknotenpunkt beherbergt es in seinen Mauern sehr viele Beamte, die mit dem Verkehrswesen zu tun haben. Obwohl das Stadtbild nicht durch hochragende Schlote verunziert wird, so ist in der oberhessischen Provinzialhauptstadt doch eine nennenswerte Industrie aufgeblüht. Bcker- und Gartenbau wird immer noch eifrig betrieben, obwohl die Gemarkung durch die Busdehnung der Stadt naturgemäß kleiner geworden ist. Daß das Handwerk heute noch blüht, zeigte im vorigen Jahre vor Busbruch des Krieges ein Bundgang durch die Gewerbeausstellung.
Das Gießener Handwerk hat eine reiche, beinahe tausendjährige Geschichte, und von einem Handwerkszweige der letzten drei Jahrhunderte wollen diese Zeilen Bericht erstatten, allerdings von einem Handwerkszweige, der im Laufe des 18. Jahrhunderts in Gießen bedeutend zurückgegangen ist, von dem Gerberhandwerke. Buch hier beobachten wir, daß die Großbetriebe die Kleinbetriebe verschlungen haben. Die Erfindungen, die die moderne Zeit gemacht hat, haben manchem Zweige menschlicher Tätigkeit den Untergang bereitet. Vas Frachtfuhrwesen ist der Eisenbahn zum Opfer gefallen, an vielen Orten des Großherzogtums Hessen haben die Weber und Uagelschmiede den Konkurrenzkampf mit den Fabriken nicht aushalten können. Daß die kleinen Gerbereien den Großbetrieben haben weichen müssen, ist zu bedauern. Die Gerbermeister waren einst in Deutschland, vor allem in Süd- und Mitteldeutschland, in der Begel angesehene Bürger, die vom Vater und Großvater her ihr Geschäft hatten und an ihrem Wohnorte manches Ehrenamt bekleideten. Die Industrialisierung unseres Vaterlandes hat manche selbständige Existenz vernichtet, was dem volksganzen nicht zum Segen gediehen ist.
In alter Zeit hat das Handwerk einen gewissen aristokratischen Zug an sich getragen. Durch viele Generationen hindurch blieb eine Familie bei derselben Tätigkeit. Den Zuziehenden war es nicht leicht gemacht, in einer Stadt seßhaft und Meister zu werden, weil das Handwerk in den Zünften streng organisiert war. Die Zunftgenossen fühlten sich als eine Familie und hielten fest zusammen, sie waren auch vom Staat mit erheblichen Privilegien ausgestattet.
Um das Jahr 1800 gab es in Gießen folgende Zünfte: Tuchmacher, Barbierer, Botgießer, Wagner, Schmiede und Schlosser (diese drei waren in einer Zunft vereinigt), Krämer, Leineweber, Buchbinder, Maurer, Küfer, Glaser, Drechsler (diese drei ebenfalls vereinigt), Schneider, Eisenkrämer, Schwarz- und Schönfärber, Schreiner, Weiß- und Botgerber, Fuhrleute, Säckler, Seiler, Schuhmacher, Zimmerleute, Hüfner, Hutmacher, Strumpfweber und Perückenmacher.
Wie aus dieser Zusammenstellung zu ersehen ist, so sind oft verschiedene Lerufszweige, die miteinander Berührungspunkte hatten, zu einer Zunft vereinigt worden. So gehörten der Gießener Gerberzunft die Lohgerber, die Weißgerber, die Botgerber und die Kürschner an. Wann diese Zunft entstanden ist, ist uns nicht bekannt. Die Bngaben, die wir im nachfolgenden bringen, entnehmen wir dem alten Zunftbuche,*) in das wir Einsicht nehmen konnten. Dieses Luch ist
*) Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Gießener Gerberzunft haben mich verschiedene Gießener Herren unterstützt. k)err Prokurist lvill, der jetzt im Gsten als Dffizierstellvertreter im Felde steht, hat mich auf das Zunflbuch aufmerksam gemacht, das mir der Bescher Herr Georg hoß freundlichst zur Verfügung gestellt hat. Die Herren Ltadt- verordneter plank und Buchhalter Wörth haben mir über manches, das mir in dem Zunftbuche unverständlich war, Aufklärung gegeben. Ollen sei hier herzlicher Dank gesagt. f). B.
im Jahre 1628, also mitten im Dreißigjährigen Kriege, angekauft worden. Darüber findet sich in dem Buche folgender Eintrag: „Zunftmeister
Johannes Salier Henrich Sack 1628
haben wir beiden ein Schreibbuch gekauft für den hantwärgt für IV 2 Beißtaller (Beichstaler) haben wir Zunftmeister acht ehlen schwartz wolnduch gekauft für die leichkar zu einer Decken das 3Vr Beißtaler geschehen den y. November 1628. Jost Kangißer hat sein Sohn der erste übergedecht. den 10. November 1628."
Diese Bngabe macht uns damit bekannt, daß die Zunftgenossen verpflichtet waren, ihre verstorbenen Glieder, auch deren Bngehörigen, zum Grabe zu geleiten. Zu diesem Zwecke hat die Gerberzunft ein schwarzes Bahrtuch angeschafft, das bei Bestattungen über den auf dem Leichenwagen ruhenden Sarg gebreitet wurde. Wir hören, daß ein Sohn des Zunftgenossen Jost Kanngießer der erste war, der auf diese Weise zu Grabe gebracht wurde. Diese Sitte hat bestanden, bis die Zünfte aufgelöst wurden, was im Jahre 1867 erfolgte. Bls Georg Keil am 4. Mai 1861 in die Zunft aufgenommen wurde, wurde ihm ausdrücklich die Verpflichtung auferlegt, zunftangehörige Leichen zur Gruft zu begleiten. Das „schwartze wolnduch" wird sicherlich im Jahrzehnt, das auf das Jahr 1628 folgte, sehr oft gebraucht worden sein; denn in dem nämlichen Jahre kam die Pest nach Gießen und forderte aus der Stadt viele Opfer. (Fortsetzung folgt.)
Griechische Zommersrischen.
von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt.
(Fortsetzung.)
Oberhalb der Sommerresidenz bog eine Straße links vom Passe ab nach westen, die bis zu einem großen, von mächtigen Platanen überschatteten Wasserbassin führte, in dem die Ouellwasser einer Waldschlucht sich sammelten, um von dort in offener Leitung an der einen Seite der Straße nach Tatöi geleitet zu werden. Die Straße führte im Halbkreis um den Waldkessel herum, in dem unser Waldhaus lag. Bechts von ihr erhoben sich Berge des parnes, der Kukuretzi mit prachtvoller Bussicht, und weiter zurückliegend der Band des Hochplateaus, der in eine steilabfallende Felswand ausläuft, die wir kurzweg die „Base" nannten, vom Hochplateau herunter liefen zwei Schluchten, eine in der Witte des Wegs, äußerst wild und romantisch mit abenteuerlichen Felsbildungen, ähnlich denen der sächsischen Schweiz, die den Namen Lpkostoma, d. h. wolfsmaul, trägt, und eine zweite, die gerade an dem Wasserbassin auf die Straße stieß, eine Schlucht, die im Sommer nur wenig Wasser führte, aber mit ihrer übcraschend üppigen Vegetation unter dem Geröll verborgene Bodenfeuchtigkeit verriet und durch lauter hohe Felsenstufen in Bbschnitte geteilt war. „Unsere Straße" war eine der schönsten Teile des ganzen Gutsgebiets. Von ihr aus schaute man über die niedrigeren südlichen Vorberge auf die charakteristischen Linien des pentelikon und des hpmettos und durch eine Lücke zwischen den Bergen in die Weite nach dem saronischen Meerbusen zu. vom Wasserbassin führte ein Landweg nach unserem Waldhaus und der in dessen Bähe gelegenen Buine einer Mühle, vom Wasserbassin aus überschaute man den größten Teil des königlichen Besitztums, nichts als Wald und Wald, grüne bewegte Baumkronen und dazwischen


