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Nr. 31. Gießen, 10. Sonntag nach Trinitatis, 8. August 1915. 4. Jahrgang.
Lin Zahr Weltkrieg.
I. Buch Samuelis 7, 12. Bis hierher hat uns der Herr geholfen.
Sn diesen ersten Tagen des August wird eine Fülle von Erinnerungen an das vorige Jahr in uns lebendig. Jeder Tag stellt uns neue Bilder vor die Seele. Km 3. und 4. August 1914 füllten sich in den Abendstunden unsere Kirchen mit Gemeindegliedern, die vor ihrem Ausmarsche mit den Ihrigen das heilige Abendmahl feiern wollten. Eltern und Geschwister kamen mit dem Sohn und Bruder, die Frau mit ihrem Lebensgefährten. Ernste, wehmütige Stimmung lag über der Versammlung, aber aus manchem verweinten, totblassen Frauenantlitze sprach doch die fromme Ergebung, die das Gotteswort ausspricht: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft, und den Männern war es anzumerken, daß sie gewillt seien, bis zum letzten hauche Heimat, Volkstum und Familie zu schützen. Km 5. August, dem vierten Mobilmachungstage, strömten aus der ganzen Provinz Dberhessen die einberufenen Beservisten nach unserer Stadt. Es war ein Bild, das zu Tränen, rührte, zu sehen, wie die Züge vor der Einfahrt auf den Geleisen standen. Alle Fenster, Türen und Trittbretter waren dicht besetzt von jungen Männern, die die hüte schwenkten und aus den mit Grün umkleideten Wagen den Vorübergehenden zuwinkten. Brausend mischte sich dann, als der Zug wieder in Bewegung kam, in das Bollen der Bäder der Gesang: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. In den Abendstunden des 6. August feierten die ausrückenden Krieger das heilige Abendmahl. Im feldgrauen Waffenkleide kamen sie in das Gotteshaus, um im Vpfertode des Heilandes die Kraft zu suchen, die die Angst und Not des eigenen Todes überwinden hilft. Am 7. August verließ das Begiment, das seit beinahe einem halben Jahrhundert in Gießen seine Garnison gehabt hat, die Stadt. Manche Frau und manche Mutter sah den Ehegatten und Sohn in der Abenddämmerung dahinziehen, um ihn nicht wieder zu Gesicht zu bekommen. Sonntag, der 9. August, war der allgemeine Kriegsbettag. Boch nie waren unsere Kirchen so gefüllt wie an diesem Tage, Hunderte mußten wieder umkehren, weil sie nicht einmal mehr einen Stehplatz fanden. Alle kamen aus eigenem Antriebe, um in schwerer Zeit das Angesicht ihres Gottes zu suchen und zu beten: Ach, bleib
mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, daß uns der Feind nicht trutze, noch fäll die böse Welt.
Schwer und ernst waren diese Tage, aber auch heilig und erhebend. Wir haben im Leben mancherlei gesehen, großes und kleines, gutes und böses, niemals aber eine solche einmütige Erhebung unseres Volkes und eine solche Bereitschaft, für das bedrohte Vaterland einzustehen und für es Gpfer zu bringen. Ueber Konfessionen und Parteien hinweg reichten sich die Deutschen die Hände und gelobten: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Bot uns trennen und Gefahr.
Diese Stimmung ist auch jetzt noch da. Sie spricht aus den unvergleichlich tiefen und eindrucksvollen Worten, die unser Kaiser am Jahrestage der Mobilmachung an sein Volk gerichtet hat. Noch in Jahrtausenden wird diese Kundgebung ein hochwichtiges Dokument deutscher Geschichte sein, und die Worte: „vor Gott und der Geschichte ist mein Gewissen rein, ich habe den Krieg nicht gewollt" werden in London, Paris und Petersburg den verblendeten und gewissenlosen Politikern, auf deren Schuldkonto der Krieg steht, manche unruhige Stunde machen.
Biemals im ganzen verlaufe dieses Weltkrieges war unsere Lage günstiger als jetzt. Fünf Millionen deutscher Männer zertrümmern in diesen Tagen die russische Macht, und bange Ahnungen beschleichen unsere Gegner im Westen. Bach Warschau, so sagen sie, kommen Paris und Talais. Wir fügen hinzu: Und nach Talais kommt London. Noch lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Wir können das Ende des Krieges noch nicht absehen, so viel aber ist gewiß: die längste Zeit hat er gewährt. Bis hierher hat uns der Herr geholfen, er wird weiter helfen. h. 6.
Zur Geschichte der Siehener Gerberzunft.
In der Stadt Gießen hat von jeher ein reges Arbeitsleben geherrscht. In dem Baum, den der Schoorgraben umschloß, haben sich die Gelehrten eifrig ihrer Wissenschaft gewidmet, haben die Kaufleute kalkuliert und korrespondiert und die Handwerker gehämmert und geklopft. Dabei hat unsere Stadt immer eine nicht unbeträchtliche ackerbautreibende Bevölkerung gehabt. Aber das Bild menschlicher Tätigkeit verschiebt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Gießen


