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Nr. 30. Gießen, 9. Sonntag nach Trinitatis, 1. August 1915. 4. Jahrgang.

Zum Jahrestage -er Mobilmachung.

Psalm 77, 6, 13 und 14. Ich gedenke der alten Zeit, der vorigen Jahre und rede von allen deinen Werken und sage von deinem Tun. Gott, dein weg ist heilig.

Der nächste Sonntag, der I. Rugust, ist für das deutsche Volk ein ernster Gedenktag, er ist der Jahrestag der Mobil­machung. Nls ob es gestern gewesen wäre, so steht dieser Tag in unserer Erinnerung. Ruf das neue erleben wir die un­geheure Spannung jenes Samstags vom vorigen Jahre, da man stündlich von Rußland eine Rusklärung über seine Mobilmachung erwartete. Schon zeigte sich damals kriege­risches Leben in den deutschen Städten. Bewaffnete Männer zogen aus zum Schutz der Bahnen, vereinzelte Einberufene gingen mit ihren Habseligkeiten durch die Straßen, tiefernst und entschlossen war der Gesichtsausdruck unserer Offiziere. Sn Gruppen standen die Menschen beisammen, um die sich rasch drängenden Tagesereignisse zu besprechen. Zur ruhigen Rrbeit war niemand aufgelegt, alle bewegte die eine Frage: Rommt der Krieg oder gelingt es unserer Regierung, ihn noch in letzter Stunde abzuwenden? So fragte man, bis nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr der Telegraph hinaus in das ganze Deutsche Reich, bis in das weltabgeschiedene Gebirgsdors die geschichtlich denkwürdige, schicksalsschwere Meldung trug:Seine Majestät der Raiser haben die Mobil­machung der Rrmee befohlen,- erster Mobilmachungstag ist der zweite Rugust."

Roch durchzittert, wenn wir diesen Tag an unserem geistigen Rüge vorübergleiten lassen, die Erregung unsere Herzen. Rber wir zwingen uns zur Gelassenheit und fragen heute: Was hat das Jahr, das zwischen dem t. Rugust 1914 und dem 1. Rugust 1915 liegt, uns gebracht? Reine rasche Ueberwindung der Feinde, wie man zuerst gehofft hatte, dazu war die Zahl unserer Gegner zu groß, abeü doch große, bedeutungsvolle Erfolge. Fast scheint es, als ob man in Deutschland die großen Erfolge der beiden ersten Rriegsmonate nicht recht würdige. Sn dieser Zeit haben die deutschen Heere Belgien und Rordfrankreich in einem Rnsturm überrannt und sich im Lande des Feindes fest­gesetzt. Dadurch war die große Gefahr beseitigt, die gerade

UNS im westlichen Deutschland bedrohte, die Gefahr eines Einfalles der Franzosen und Engländer in das rheinisch­westfälische Sndustriegebiet. Dann hat der geniale Feldherr hindenburg die Russen aus dem deutschen Osten hinaus­gefegt. Es kam der Stellungskrieg im Westen, es kam die Befreiung Galiziens. Unvergeßlich für alle Zeit muß es in Hessen sein, daß es dort unseren jungen Rriegsfreiwilligen beschieden war, in Schnee und Eis und schweren Rümpfen die Russen aus den Rarpathen zu vertreiben. Run kam in den letzten Tagen der Riesenangriff auf die Weichselfestun- gen. vielleicht, wenn diese Zeilen im Druck erscheinen, ist dort die Entscheidungsschlacht, vielleicht die Entscheidungs­schlacht für den ganzen Weltkrieg, schon geschlagen. Gott gebe, daß sie uns den völligen Sieg beschere!

Wir gedenken der vorigen Tage, wir gedenken auch der schweren Opfer, die dieser Rrieg gefordert hat. Wie­viel hoffnungsvolle Jugend kehrt nicht wieder zurück in die Heimat, wieviel Männer mit weithin klingendem Namen sind an der Spitze ihrer Rompagnien gefallen! Wieviele vordem kräftige Männer gehen bleich und hilflos unter uns einher! Ernste Wege ist Gott mit uns gegangen, aber doch auch heilige Wege, viele unserer Volksgenossen sind in sich gegangen, sind ernster, bescheidener und besonnener geworden. Freilich allenthalben in der Heimat regt sich noch die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit' die Freude an seich­ten, geistlosen Vergnügungen ist noch nicht ausgestorben. Der Wille zur Heiligung muß unser Volk noch mehr durch­dringen, und das Schriftwort: heiliget aber Gott den Herrn in euren Herzen, ist jetzt sehr zeitgemäß.

Run treten wir in das zweite Rriegsjahr ein. Daß uns das auserlegt werden sollte, hätten wir vor einem Jahre nicht gedacht. Run aber, da es uns auserlegt ist, zweifeln wir nicht daran, daß Gottes Wille das zugelassen hat. Darum sehen wir ruhig dem Rommenden entgegen. Gott war seither mit uns, er wird auch in der Zukunft mit uns sein. Möge er alles so lenken, daß bald die Friedens- und Siegesglocken im deutschen Lande läuten und wir seine hei­ligen Wege preisen können! h. L.