Nr. 18. Gießen, Sonntag Nogate, 9. Mai 1915. 4. Jahrgang.
Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
Evangelium des Matthäus 5, 6. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Ls gibt warte und Gedanken, deren Sinn in bestimmten Zeiten eine weit über das gewohnte Maß hinausgehende Bedeutung für uns erlangt. Ls ist dann, als verstünden wir sie jetzt erst ganz, oder als wären sie gerade für diese Zeit recht eigentlich gemünzt. Dazu gehört auch die vierte Seligpreisung der Bergpredigt im jetzigen Weltkriege: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit,' denn sie sollen satt werden." Recht und Gerechtigkeit, diese Worte haben jetzt, genau wie ihr Gegenteil, einen besonders eindringlichen Klang. Die Einheit und Einmütigkeit aller deutschen 5tämme, Stände und Schichten ist geboren aus der innersten Ueberzeugung, daß selten in der Weltgeschichte ein Bund von größerer Ungerechtigkeit sich gegen ein Volk erhoben hat als der Dreiverband, voran England, gegen uns. Es kocht in den Tiefen der Volksseele, wenn sie erfahren muß, wie mit alledem, was einst als recht und gerecht galt, bitterer hohn getrieben wird. So auch, wenn sie jetzt erlebt, daß ein mächtiges Staatengebilde unter dem Deckmantel „strikter Ueutralität" sich gegen die elementarsten Grundregeln aller wahren Gerechtigkeit versündigt, indem es um schnöden Geldgewinnes willen unseren Erzfeinden Waffen und Munition im werte von Milliarden in die Hände spielt. Ulle heiligsten Bande von Recht und Gerechtigkeit sehen wir gelockert in dem schmählichsten Lügenfeldzug gegen uns, den je die Weltgeschichte erlebt hat. Und nun spüren wir etwas von dem ungeheuren Hunger und Durst, der entstehen kann nach Gerechtigkeit, und von dem wir es spüren, daß er sich nicht eher wird stillen lassen bei uns, als bis ihr Genüge geschehen ist. So, wie Hunger und Durst unsre heldenhaften Scharen draußen in dem Schrecken der Karpathen oder in der furchtbaren Ubgeschlossenheit vorgeschobener, von der Etappenlinie losgelöster Schützengräben im westen jetzt des öfteren quälend befallen mag, ohne daß sie auch nur eine Minute den willen zum Sieg aufgeben, lernen wir Daheimgebliebenen angesichts so vieler schnödester Verletzungen von Recht und Gerechtigkeit jetzt jenen inneren Hunger und Durst, aus dem die gewaltige Kraft des Rushaltens bis zum letzten Utemzug herausgeboren wird, die nicht ruht, bis ihr in entscheidender
Vergeltung ihr Recht wird. „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit" —- jetzt erleben wir etwas von der Macht dieses Hochgefühls, das in einem Volke alle höchsten Güter der Tatkraft, Begeisterung und opfermütiger Gesinnung auslöst. Und da mag wie Musik in unseren Ghren die Verheißung klingen: Ja, selig, „denn sie sollen satt werden!" Uber nun, da wir diese Verheißung aus dem Munde des Heilandes von Nazareth selbst vernehmen, empfinden wir es doch zugleich, daß noch eine höhere Gerechtigkeit bestehen und gemeint sein muß, als die in rein politischem und nationalem Sinne. Nicht, als ob wir diese gering einschätzen wollten,- sie bleibt eine der höchsten Forderungen aller wahren Völkerkultur. Über ihren vollendeten Inhalt erfassen wir doch erst, wenn sie sich so auswirkt, wie sie von Jesus in der Bergpredigt gemeint ist: im Sinne der Gottwohlgefälligkeit, derjenigen Gerechtigkeit, die auch vor Gott gilt. Und so werden wir, mitten im Weltkriege, gerade in dieser Seligpreisung aufgerufen zur inwendigsten Selbstbesinnung, daß uns der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit im völkischen Sinne nicht hinreiße zu Handlungen höchster Ungerechtigkeit in übertriebenem politischen Rachedurst und Thauvinismus. Daß wir über allen hohen irdischen Unfor- derungen auch mitten in den Greueln des Krieges nicht die höchste vergessen, Kinder Gottes zu sein, sondern vielmehr uns durchringen zu jenen großen Forderungen echt christlicher Sittlichkeit, die die ganze Bergpredigt wie ein lebendiger Strom durchfluten, und die durch die Tat das schön Beginnende und doch so ernst ausklingende Wort des Ulten Bundes überwinden: „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben."
Kriegsbilöer öus der Mainzer Geschichte alter und neuer Zeit.
(Fortsetzung.)
Uber die Kriegswolken hatten sich noch nicht verzogen, von den Deutschen wurde die Stadt in den besten Verteidigungszustand gesetzt. Und das war auch not. Um Sommer 1796 kam wieder ein Lelagerungsheer, das die Stadt von allen Seiten einschloß. Zwar mußte dieses Heer nach einem Sieg des Erzherzogs Karl bei würzburg die Belagerung aufgeben. Uber inzwischen hatte die Zeitgeschichte eine neue


