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eine gewaltige Umwälzung in ganz Europa einleitete, ließ man sich wenig stören. Während über dem Haupt des unglücklichen Königs von Frankreich und seiner Gemahlin, der Tante des ungekrönten Kaisers, schon das Henkerschwert schwebte, gab man sich in Mainz rückhaltlos der Freude hin. Zum Schlüsse wurde in dem Lustschlosse Favorite, das da stand, wo jetzt der Stadtpark ist, jene berüchtigte Kundgebung an das französische Volk entworfen, die in dem leidenschaftlichen und eitlen Frankreich so böses Blut gesetzt hat.
Ach wie bald hat sich das Blatt gewendet: „Ich will eure Feiertage in Trauern verwandeln." (Amos, 8, 10.) Bereits Ende September desselben Jahres stand, von der französischen Uepublik gesandt, General Tustine mit ungefähr 20 000 Mann französischen Soldaten, die man wegen ihrer mangelhaften Ausrüstung „Ghnehosen" nannte, vor Speyer. Tine von Mainz zum Schutz der dortigen Vorräte gesandte Truppe von 2000 Mann wurde gefangen.
Auf die erste Nachricht von dieser Niederlage flüchtete der Kurfürst, der im Juli noch so sicher sich fühlte, nach Aschaffenburg; ihm folgte der in Mainz so zahlreiche hohe Adel: Buch ein Teil der kleinen Besatzung, Nassauer, zog ab mit der Bemerkung, es lüge ihnen auf, sich für die Mainzer totschießen zu lassen. Am ly. Oktober erschien Tustine vor Mainz. Tr hatte anfangs zwar nicht daran gedacht, eine solche Festung zu erobern, weil seine Kräfte dazu zu geringfügig waren. Aber in Mainz war eine kleine, sehr rührige Partei, meistens Gelehrte und Beamte, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden waren, Klubisten genannt. Durch sie hatte er von den verlotterten Zuständen in der Festung, die nur 1350 Mann bunt zusammengewürfeltes Volk Besatzung hatte, Kenntnis erhalten. Und so wurde ihm nach einigen Kanonenschüssen gegen Abzug der seitherigen Besatzung am 21. Oktober die Stadt übergeben, und Tustine zog ein ins kurfürstliche Schloß.
In düsterem Schweigen sah die Mainzer Bevölkerung die neuen Volksbeglücker, 11 000 Mann, einziehen. Ihre schlotterige Haltung und ihr zerlumpter Aufzug konnte ihr wenig imponieren. Buch die Reinlichkeit ließ viel zu wünschen übrig. Auf Klagen über Verunreinigung der Straßen erließ der Befehlshaber einen Armeebefehl, wonach die Schuldigen mit einem Schild auf der Brust, worauf die Worte standen: „Malproprer Soldat", von einer Patrouille durch die Straße geführt und dann auf dem Marktplatz einige Stunden so zum öffentlichen Schauspiel gestellt werden sollten. Alles wurde auf französischen Fuß gesetzt. Freiheitsbäume wurden gepflanzt, Volksbeglückungsreden gehalten. Die Klubisten führten das große Wort, das aber in der Bürgerschaft keinen Widerhall fand.
Doch entwickelte die Militärbehörde eine bewundernswerte Tätigkeit. Die Festung wurde verstärkt, Kastel, das bis dahin unbefestigt war, in wenigen Wochen mit Gräben und Schanzen umzogen. Man erwartete einen Gegenangriff der Deutschen, und dieser ließ auch nicht lange aus sich warten. Im April 1793 erschienen preußische, österreichische, hessische, bayerische und sächsische Truppen unter dem Oberbefehl des Generals Kalkreuth, um die Stadt wiederzugewinnen. Der König von Preußen nahm selbst teil und lag in Bodenheim, der Herzog von Sachsen-Weimar mit Goethe, der die Belagerung beschrieben hat, auf dem Thausseehaus bei Marienborn. Die französische Besatzung war auf 20 000 Mann verstärkt und wurde vorzüglich geleitet. Um einzelne Orte
wurde heiß gerungen, besonders um Kostheim, das vollständig zerschossen und verbrannt wurde,' auch Weisenau, Bretzenheim, Zahlbach und Mombach litten sehr. Uber bei aller Hitze des Kampfes wurde derselbe doch ritterlicher geführt als heutzutage. Als bei einem Sturm auf die Schanzen von Kastel der dortige Kommandant, General Meusnier, eine lebensgefährliche Schußwunde erhielt, schickte der König von Preußen demselben Stärkungsmittel, und als er, auf seinen Wunsch, in den Festungswerken von Kastel beerdigt wurde, trat Waffenruhe ein, und auch die Deutschen ehrten das Undenken des gefallenen Feindes durch 14 Kanonenschüsse.
Inzwischen war die Not in der belagerten Stadt, trotzdem daß 12 000 Bürgersleute geflohen waren, aufs höchste gestiegen, so daß Pferde, Hunde und Katzen verzehrt wurden. Uber auch hier konnte der Franzose das Schauspielern nicht lassen. Uls General Dubayet den anderen Generalen ein Essen gab, bildete eine gebratene Katze von zwölf gebratenen Mäusen umgeben auf einer Platte mit Haferbrei das Hauptgericht. Um unnütze Tsser los zu werden, trieb man über 1000 Ulte und Kinder auf der rechten Uheinseite aus dem Tore: da gerieten sie zwischen zwei Feuer, mußten so eine furchtbare Gewitternacht unter freiem Himmel durchleben und kehrten am folgenden Tag mit Zurücklassung einiger, die gestorben waren, zurück.
Inzwischen war aber auch der Uufenthalt in den Straßen der Stadt mit steter Lebensgefahr verbunden. Die Belagerer mußten zuletzt zur Beschießung schreiten. Unausgesetzt ergoß sich aus vielen Feuerschlünden ein Hagel von Geschossen aus die Festungswerke, natürlich wurden auch die Häuser getroffen. Das Dach und die Türme des Doms gingen in Flammen auf, die herrliche Liebsrauenkirche, die Iesuitenkirche, die Domdechanei, viele Klöster und privatgebäude sanken in Trümmer. Die zunehmende Entkräftung des belagerten Heeres zwang es endlich zu kapitulieren. Gegen das versprechen, ein Jahr lang nicht gegen die Deutschen zu kämpfen, wurde der noch 18 675 Mann starken Besatzung freier Abzug bewilligt.
Uach einer Belagerungszeit von 104 Tagen zogen die Deutschen am 23. Juli ein. vorher hatte die Mainzer Bevölkerung an den Klubisten noch ihre Wut ausgelassen, indem sie ihre Häuser plünderte. Ergreifend ist die Schilderung, die der Dichter Goethe von dem Zustand der Stadt entwirft, die er ein Jahr zuvor im Sonnenglanz froher Feste gesehen und die er nun in grauenhafter Zerstörung und Verwüstung erblickte. Vas feenhafte Lustschloß Favorite mit seinen herrlichen Anlagen war verschwunden, das kurfürstliche Schloß von Schmutz umgeben,' überall rauchende Trümmer, lieber die Gesinnung der Bevölkerung belehrte ihn ein altes Weiblein, mit dem er ein Gespräch anknüpfte: „Auch zu mir," sagte sie, „sind die hanswürste gekommen mit ihren bunten Schärpen, haben mir befohlen und gedroht: ich habe ihnen aber tüchtig die Wahrheit gesagt: Gott wird mich arme Frau in dieser meiner Hütte lebendig und in Ehren erhalten, wenn ich euch schon längst in Schimpf und Schande sehen werde."
Noch schrecklicher waren die Greuel der Verwüstung in der Umgebung. Mainz war dem Deutschen Reiche wieder zurückgewonnen, aber um einen hohen Preis, und leider noch nicht für die Dauer.
(Fortsetzung folgt.)


