Nr. 16. Gießen, Sonntag Jubilate, 25. April 1915. 4. Jahrgang.
Var tägliche Brot.
Lvongelium des Matthäus 6, II. Unser täglich Brot gib uns heute.
Auf die Bänder zahlloser Teller war es gemalt, geschnitzt und eingebrannt, in tausende Tischdecken war es kunstvoll gewebt und eingestickt, in den Küchen grüßte es in großen bunten Lettern von manchem Kaminsims — nun endlich ist es auch wieder in die Kerzen geschrieben, das heilige Mittelstück des „Vaterunser": „Unser täglich Brot gib uns heute!" Der Weltkrieg ist auch hier zum eindringlichen Lehrmeister geworden. Tr hat uns mit scharfer Betonung nahegebracht, was es Großes ist um das „täglich Brot", das die überwiegende Mehrzahl von Kindheit an durch die Jahrzehnte des Lebens oft so gedankenlos hingenommen hatte, als verstünde sich das ganz von selbst, ohne viel zu fragen, woher es komme. Aber der Weltkrieg würde sein ernstes Lehramt nicht voll beenden, wenn er es für die Menschen bloß bei der äußerlichen Lösung dieser Frage bewenden ließe. Tausend findige und fleißige Köpfe sind ja tagein, tagaus damit beschäftigt, Vorsorge zu treffen, daß unser täglich Brot, des Lebens gesamte Nahrung und Notdurft, seine rechte Verteilung und Ausnutzung finde. Und eindringlich wird es in allen Zeitungen und Versammlungen gepredigt und gesagt: wir haben nicht bloß den schwersten wasfengang der Weltgeschichte zu bestehen, wir müssen auch wirtschaftlich alle Kräfte aufs äußerste anspannen, mit eiserner Energie am rechten Grte sparen und den wert des täglichen Brotes in ganz neuer weise einschätzen lernen, wenn wir siegreich aus diesem Kiesen- kampfe hervorgehen sollen. Ts ist ganz gewiß: menschlicher Wille vermag viel, und es ist etwas Großes und Bewundernswertes um die volkswirtschaftliche Tatkraft, die gerade in unserem Volke sich jetzt angesichts des schmachvollen englischen planes geltend macht, uns Deutsche vom hilflosen Säugling bis zum wehrlosen Greise aushungern zu wollen. Vas tägliche Brot ist letzten Endes keine Volkswirtschaftssache, sondern Gottessache. Und dasjenige Volk wird trotz allen Ernstes der Zeit doch immerdar Speise und Trank die Fülle haben, welche diese groß und eigentlich selbstverständliche Wahrheit auch aus innerstem Herzensgrund heraus und mit ehrlicher Dankbarkeit anerkennt, wir werden bei der Ernährungsfrage, sobald wir nur ein einzigmal ernst
bis auf ihre Grundvorbedingungen zurückgehen, doch so energisch und nachdrücklich mitten in die großen Zusammenhänge des Weltgeschehens hineingestellt, über die uns jedes eigene verfügungsrecht fehlt, daß es wahrlich nicht schwer sein sollte, den himmlischen Vater als den eigentlichen Brotherrn durch unser ganzes Leben hindurch anzusprechen, von den wunderkräften angefangen, die schon jedes einzelne kleinste weizenkorn in sich birgt, bis hinauf zu dem Lauf und Umlauf der Weltgestirne, aus denen sich die menschlich wohl nie zu ergründenden Kegeln ergeben, nach denen Sommer und Winter, Frost und Hitze, Saat und Ernte verläuft: alles, alles stellt uns vor die große Tatsache, daß wir bei der Frage ums tägliche Brot letztlich vor heiligen Gottesgeheimnissen stehen. Die vierte Bitte des Vaterunser aber weist allein den weg, wie wir sie uns gleichwohl wahrhaft zu eigen machen, sie dennoch gleichsam in unfern Dienst stellen können, wir müssen demütig und doch zuversichtlich beten um unser täglich Brot und damit bezeugen, daß wir wissen, aus wessen Händen es einzig kommt. Und dann wird der Vater, der die Liebe ist, uns gleichfalls nie vergessen und wird auch in dieser schweren Entscheidungszeit dem deutschen Volk täglich und reichlich den Tisch decken. Des dürfen wir gewiß sein.
ttriegzbilder aus der Mainzer Geschichte alter und neuer Zeit.
(Fortsetzung.)
3. 1792/9 3. Die Franzosen zum drittenmal in Mainz.
Glänzende Feste waren im Juli 1792 in Mainz gefeiert worden. Franz II. war in Frankfurt unter Entfaltung großer Pracht zum deutschen Kaiser gekrönt worden der letzte in der Keihe der Wahlkaiser und als Uach- feier hatte der Kurfürst von Mainz, des Keiches Lrzkanz- ler, den Kaiser, den König von Preußen, die Fürsten und ihre Minister nach Mainz zu Gaste geladen. Solchen Glanz hatte das goldene Mainz noch selten gesehen. Auch der Dichter Goethe hat als Minister des Herzogs von Weimar die festlichen Tage mitdurchlebt. Durch die Kevolution, die in Frankreich schon seit einigen Jahren im Gange war und


