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erwarten habe, «und daß er uns nie in unserer Erwartung täuschen würde.
Man wird mich vielleicht fragen: Was hat das aber mit der Ueberschrift dieses Artikels zu tun, was hat dies alles für eine Beziehung zu dem Worte: „gefangen"? Nun, je mehr ich über das tragische Geschick dieses vaterländischen Melden nachdachte, um so mehr kam es mir zum Bewußtsein, ja, ward mir zur Gewißheit, daß die brave, todesmutige, kleine Schar nur einer Hinterlist, einem verrat zum Opfer gefallen sein konnte, gefangen durch einen Feind, der nur durch verrat sich seine Siege holt. So ist dieses schwerwiegende Wort „gefangen", wenn auch nicht im gewöhnlichen Sinne, doch auch für unsere todesmutigen jungen Helden und seine Begleiter anwendbar,' denn anders ist es nicht möglich, daß er untergehen konnte. Sein Name wird zu denen in erster Linie gezählt werden, deren unser Vaterland in unvergeßlicher Dankbarkeit und Treue gedenken muß,' und wenn wir es uns recht vor Bugen halten, so ist er dennoch glücklich zu« preisen, daß er in vollster Fugendkraft mitten aus seiner sieghaften Tätigkeit zur Herrlichkeit abgerufen wurde. Ts gilt von ihm das Psalmwort: Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche fps. 16, 6).
Wieviel ließe sich noch über das Wort „gefangen" schreiben, ein Wort, das man in der jetzigen Zeit so vielfach hört. Ts ist die Gefangenschaft ja eine so überaus schwer zu ertragende Prüfung,' habe^wir alle selbst doch täglich Gelegenheit in unserer Stadt Betrachtungen darüber änzustellen, wie schwer es sein muß, stets unter Bewachung zu sein. Und doch kommt uns wohl oftmals der Wunsch auf die Lippen: ach! hätten wir doch über unsere Gefangenen im Busland die Beruhigung, daß sie so sicher und geschützt vor rohen Begegnungen wären, wie diese unsere Feinde hier!
Bber darüber will ich nichts weiter sagen, es spricht dies zu einem jeden von uns seine eigene Sprache,' auch bin ich von meinem ursprünglichen Gedankenkreis weit abgekommen,' ich denke aber, das Schicksal Gtto weddigens, dieses einen unserer kühnsten Helden, bewegt unser aller Herzen so tief, erfüllt sie so sehr mit Trauer, Bewunderung und Dankbarkeit für ihn, daß mir für heute nichts mehr zu sagen übrig bleibt, als das eine, daß, obwohl er von hinterlistigem Feind gefangen wurde, doch seine Seele in Freiheit in das ewige Vaterland eingehen konnte. Baronin U.
Giehener Geschichten aus vergangener Zeit.
(Schluß.)
2. Das verlorene § chlüsselchen.
Der Vater unseres jetzigen Großherzogs hatte sich, als er noch Erbgroßherzog war, mit der englischen Prinzessin Blice vermählt, und unser Stadtvorstand beschloß, den hohen Beuvermählten namens der Stadt ein Hochzeitsgeschenk zu machen.
Wan erwarb zu diesem Zweck ein kostbares, reich ausgestattetes Reisebesteck, das in ein seines Lederkofferchen eingebaut war. Eine Deputation, bestehend aus dem Bürgermeister, dem Beigeordneten und einer Vertretung des Gemeinderats, sollte in Darmstadt die Glückwünsche der Stadt überbringen und das Geschenk überreichen.
Etwas ermüdet ünd durstig kam die Deputation an einem heißen Sommertag in Darmstadt an, und da es bis zur Budienzstunde noch reichlich Zeit war, fand der Vorschlag de^ Bürgermeisters, vorher noch eine Erfrischung einzunehmen, allseitigen Beifall. Rachdem die Herren in einem be
kannten Wirtschastsgarten die nötige Stärkung gefunden und rechtzeitig im Palais angelangt waren, wollte der Bürgermeister im Vorzimmer das Kofferchen öffnen, um den Herrschaften das schöne Geschenk auch zeigen zu können, konnte aber das Schlüsselchen, das er beigesteckt hatte, nicht finden. Blle Taschen wurden durchsucht und wieder durchsucht, allein vergebens. „Den Schlüssel muß ich unterwegs verloren haben," meinte der Bürgermeister, „ich weiß ganz bestimmt, daß ich ihn zu mir gesteckt hatte."
Sn demselben Bugenblick sollten die Herren vor dem Prinzenpaar erscheinen. Der Bürgermeister war durch das Vorkommnis etwas aufgeregt und hatte anscheinend seinen sonst bei ihm gewohnten Gleichmut verloren; denn beim Eintreten in den Budienzsaal flüsterte er dem Beigeordneten zu: „heinerich, schwätz du, ich kanns ewe net, ich bin so verdattert." Der Beigeordnete mußte daher die Bnsprache halten, und als gewandter Redner schilderte er das Mißgeschick mit dem Schlüsselchen in so humorvoller Weise, daß die Herrschaften herzlich darüber lachten. Der Erbgroßherzog erklärte sodann, das Geschenk der Stadt auch verschlossen annehmen zu wollen, und das Kofferchen solle nicht eher geöffnet werden, als bis das Schlüsselchen sich wieder gefunden habe.
Ziemlich beruhigt verließen die Herren das Palais und nahmen unter Bbsuchen des Bodens denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, bis sie wieder zu dem Wirtschaftsgarten gelangten, in dem sie gefrühstückt hatten. Und richtig, an dem Platze, wo der Bürgermeister gesessen hatte, lag etwas im Sande verscharrt das Schlüsselchen, das ihm beim herausziehen der Börse jedenfalls entfallen war.
Niemand war froher über den glücklichen Fund als der Bürgermeister, der seine Bmtswürde jetzt nicht wehr gefährdet sah, und das Schlüsselchen sofort ins Palais schickte, wo es vom hofmarschall in Empfang genommen wurde.
Der Bürgermeister verstand es aber auch meisterhaft, der Geschichte nachher eine heitere Seite abzugewinnen' er selbst erzählte sie bei jeder passenden Gelegenheit in so harmloser und treuherziger Weise, daß er damit allen Spöttereien von vornherein die Spitze abbrach.
Kriegsbilöer aus der Mainzer Geschichte alter und neuer Zeit.
(Fortsetzung.)
2. 1688/1689. Die Franzosen zum zweitenmal in Mainz. Die pfalzverwüstung.
Bis zum Tode erschöpft, verarmt, entvölkert, verwildert war Mainz, seine Nachbarländer Pfalz und Hessen, fast ganz Deutschland am Ende des 30jährigen Krieges, und Jahrzehnte waren nötig, um sich einigermaßen zu erholen, Jahrhunderte, um wieder die frühere höhe des Wohlstandes und der Bildung zu erreichen. Das war die traurige Folge der völkischen Zerrissenheit. Bber edle Fürsten, wie die Landgrafen von Hessen, der Kurfürst der Pfalz, die Kurfürsten von Mainz waren väterlich bemüht, die Wunden zu heilen und ihre Länder wieder in die höhe zu bringen. Buch im Mainzer Land kam der Bckerbau wieder in die höhe. Die Ruinen verschwanden, Handel und Gewerbe kamen wieder zu bescheidener Blüte. Der Kurfürst von Mainz konnte wieder daran denken, seine Hauptstadt mit neuen Festungswerken zu umgeben, die der veränderten Kriegskunst besser widerstanden als die alten hohen Mauern und Türme.
Bber kaum waren die neuen wälle fertig, da kam ein neuer schwerer Schlag.


