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29. Juli erschien eine Bekanntmachung des Landrats von Briefen, daß die Okkupation der Provinz Oberhessen erfolgt sei, daß er unter der Autorität des Oberbefehlshabers der Mainarmee, des Generalleutnants von Manteuffel als Zivil- Kommissär bestellt und die Verwaltung übernommen habe, sämtliche Behörden und Bewohner der okkupierten Landesteile hätten sich nunmehr seinen Anordnungen zu unterwerfen. Die Beamten mußten sich noch eidlich verpflichten, allen Verfügungen des Zivilkommissärs Folge zu leisten und nichts gegen Preußen zu unternehmen. Der Provinzialdirektor Gold- Nrann, der sich hierzu nicht verstehen wollte, wurde auf die Festung Wesel geschickt, und andere, wie der Bürgermeister Vogt, der mit dem Zivilkommissär in Konflikt geraten war, wurden ihrer Amtstätigkeit enthoben.
Der Zivilkommissär nahm seinen Wohnsitz in Hamburg v. d. höhe, und Gießen erhielt als Besatzung ein Bataillon Landwehr aus Barmen, das bei den Bürgern einquartiert wurde und einen ständigen Wachdienst auf dem Lathaus einrichtete.
Mit Ausnahme von wenigen, die in Preußens Vorgehen schon einleitende Schritte zu einer Einigung Deutschlands erblickten, war die Bevölkerung durchaus preußenfeindlich gesinnt, und doch verlief diese ernste Zeit ohne große Zwischenfälle. Dieses war besonders einer weitgehenden Nachsicht und Umsicht des hier kommandierenden Hauptmanns d. L. von Westernhagen zu danken, dann trug auch das gute Einvernehmen, das sich zwischen den Landwehrleuten und ihren Ouartiergebern angebahnt hatte, dazu bei. Bis am 3. September der große Brand in Heuchelheim ausbrach, wurde das ganze Bataillon zur Mithilfe bei den Löscharbeiten dorthin kommandiert, und durch seine tatkräftige Unterstützung gelang es den Feuerwehren, der noch weiteren Busbreitung des Brandes Einhalt zu tun.
Erst nach dem definitiven Friedensschluß ging die Verwaltung der Provinz Gberhessen wieder auf die hessische Legierung über, die Okkupation wurde aufgehoben, und die preußische Besatzung verließ wieder die Stadt.
Sn der mit Preußen abgeschlossenen Militärkonvention war Gießen als Garnisonsort vorgesehen. Das alte Zeughaus, das bis dahin als Zollager gedient hatte, wurde zu einer Kaserne eingerichtet, und wir erhielten im herbst 1867 nach Schluß der Manöver das erste hessische Jägerbataillon als Garnison, in welches sodann die ersten hessischen Einjährig- Freiwilligen eintraten.
Will man vergleiche anstellen zwischen unseren Erlebnissen während dieser Kriegszeit und der von 1870 und jetzt, so wird man Unterschiede finden, die mancherlei Gedanken in uns wachrufen.
Damals wütete der Krieg zum Teil auf deutschem Loden, gewaltige Truppenmassen durchzogen unsere Stadt, die zuweilen auch der Beunruhigung durch feindliche Bbteilungen ausgesetzt war und zuletzt eine Okkupation zu erdulden hatte. Sn den Pausen herrschte manchmal Totenstille durch die Bb- sperrung jeden Verkehrs, eine Stockung aller Geschäfte und Brbeitslosigkeit waren in jedem Gewerbe wahrzunehmen. Ein Glück war es noch, daß dieser Krieg nur Wochen gedauert hat, sonst wäre wohl ein Zusammenbruch des wirtschaftlichen Lebens, das damals ohnehin noch auf schwachen Füßen stand, hier die unvermeidliche Folge gewesen. Doch waren die Opfer an Gut und Blut bedeutend geringer als wie in 1870, und ganz besonders wie im jetzigen Kriege.
Da diese beiden letzten Kriege jedoch hauptsächlich in Feindesland geführt werden konnten, konnte der Verkehr
mit den Bahnen und die Postbeförderung mit ganz geringen Busnahmen aufrecht erhalten werden, und so nahm auch das wirtschaftliche Leben einen etwas stilleren, doch ruhigen Fortgang.
Nächst Gott haben wir es unserer trefflichen heereslei- tung und dem Mut und der Busdauer unserer tapferen Soldaten zu verdanken, daß wir bis jetzt in dem gegenwärtigen furchtbaren Kriege von dem größten Unglück, die Schrecken und Greuel eines Krieges in nächster Nähe zu erleben, verschont geblieben sind.
Gebe es Gott, daß recht bald ein für unser schwergeprüftes Vaterland siegreicher und ehrenvoller Friede geschlossen werden kann!
Bilder aus Alt-Giehen.
(Fortsetzung.)
7. Engel als Prediger.
Engel war ein Mann von nur kleiner Statur, aber er besaß eine sehr laute, durchdringende Stimme. Bis er einst auf dem Blten Friedhofe amtierte, will ein glaubwürdiger Zeuge, vom Walltor kommend und auf der Schoor (Bnlage) in den Ueuenweg einbiegend, seine Stimme vernommen haben. Vieser unser Gewährsmann bekundet allerdings auch, daß Engel, wenn er predigte, manchmal zu wenig vorbereitet gewesen sei und seine wohlklingende Stimme durch ein falsches Pathos überboten habe.
Die theologische Lichtung, die Engel vertrat, war die des Uationalismus oder der Vernunftreligion, die vielfach von den biblischen Wahrheiten abwich und mehr allgemeine Wahrheiten, oft in sehr platter Form und mit sehr wenig tiefem Inhalte, lehrte. Eigentümlich war dem Uationalismus eine gewisse Uührseligkeit. Man berauschte sich an der Vortrefflichkeit der menschlichen Natur, pries den „Edlen" und hatür wenig Verständnis für das Sündhafte im Menschen. Buch die Gesangbuchslieder hat man in dieser Zeit, etwa von 1770 bis 1840, der herrschenden Lichtung angepaßt. Die alten Kernlieder der lutherischen Kirche mußten sich vielscuch Umdichtungen gefallen lassen. Immerhin scheint Engel als Prediger bei der Gießener Gemeinde beliebt gewesen zu sein. Ueber seine Predigttätigkeit geben nachfolgende briefliche Mitteilungen Kunde. Bm 23. Ianuar 1820 schreibt er:
„Bm Sonntag nach dem neuen Iahr habe ich wieder einmal /eine gehörige predigt allhier gehalten. Ich dachte schon im voraus, daß das Publikum an diesem Tage etwas Besonderes erwarten würde, und nahm daher meine Maßregeln darnach. Ich hatte mich nicht geirrt. Denn als ich in die Kirche kam, fand ich nicht nur eine ganz ungewöhnliche Bnzahl von Menschen, sondern ich wurde auch zur Verherrlichung des Tages von einem schönen Thorgesansg von Knaben und Mächen überrascht, welcher sich gar lieblich ausnahm. Lach diesem sang die zahlreiche Gemeinde da>s Lied: Wo eilt ihr hin, ihr Lebensstunden, wodurch in der Tat meine schon begonnene Begeisterung den höchsten Grad erhielt. Ich hielt vor allen Dingen den Gedanken fest, daß das begonnene Jahr auch die Umwandlung unseres Erdentages in Grabesdunkel in seinem Schoß bergen könnte, und predigte über das Thema: Wie sollen wir der Zeit gedenken, wo wir nicht mehr unter den Unsrigen leben und wirke.rr werden. Die Lede hat sehr viele Sensation gemacht."
(Fortsetzung folgt.)


