Nr. 13.
Gießen, Ostersonntag, 4. April 1915. 4. Jahrgang. °
Ostern im ttriegrjahre.
1. Brief des flpoftels Paulus an die Korinther 15, 57 und 58. Gott aber fei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Üejum Lhristum. Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unbeweglich und nehmet immer zu in dem Werke des Herrn, sintemal ihr wisset, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.
In einem einsamen Zimmer liegt ein Mensch auf seinem Lager. Noch ist der Morgen fern, und die Finsternis schwebt durch das Zimmer. Der Mensch auf dunkler Lagerstatt kann schon seit Stunden keinen Schlaf finden. Ihn bewegt die Sorge um das deutsche Vaterland. In einen Kampf um Wei- terbestehen und Untergang ist es hineingestellt, ein bitter ernstes Bingen ist ihm auserlegt, noch ist des Kampfes Ende und der Friede so weit wie der Morgenstern. Der Einsame denkt an die großen Opfer, die seither schon dem deutschen Lande gebracht worden sind, an die Blüte der Intelligenz und Tatkraft, die in den Massengräbern in Ost und lvest begraben liegt, an das Leid, das auf hunderttausende deutscher Familien jetzt seinen Schatten wirst, da ist er ganz mutlos und verzagt. Was Eduard Märike einmal in so tief innerlicher Form als das Erlebnis seiner schlaflosen Nächte geschildert hat, das erfüllt seine Seele:
Kein Schlaf noch kühlt dar Nuge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür Kn meinem Kammerfenster.
Ts wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster.
Uber wie Stunde um Stunde verrinnt, schwindet auch die Dunkelheit, vogelstimmen werden draußen wach, im Osten erstrahlt der Schein des Frührotes, und Glockenton kommt von einem fernen Turme. Da atmet der sorgenvolle Mensch auf. Indem er dem Liede des schwäbischen Dichters weiter nachdenkt, spricht er vor sich hin:
Nengste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu' dich! Schon sind da und dorten Morgenglocken wach geworden. -
Ostern ist auch ein Morgenglockenklang und ein Tagesweckruf. Jesus lag im Grabe, tot und für alle Zeit unschädlich gemacht, so dachten seine Feinde, während
seine Getreuen verzagt waren und nicht mehr recht den Mut hatten, an seine göttliche Sendung zu glauben. Da kam die Kunde: Tr ist auferstanden, der Tod ist verschlungen in den Sieg. Da jubelten sie: Gott aber sei Dank, der un-s den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Fesum Thristum. Mutig zogen sie hinaus in alle Lande, um dem Gekreuzigten und Buferstandenen die Bahn zu brechen.
Ostern hat uns in diesem Jahre mehr zu sagen als sonst. Die Botschaft dieses Festes lautet: Gottes Sache behält den Sieg, Kecht muß doch Becht bleiben, den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis. Ostern macht sorgenvolle Herzen frei und hoffnungsvoll, Ostern gibt denen, die ein gutes Gewissen haben, kühnen Mut. Darum sehen wir mit Zuversicht den kommenden Ereignissen entgegen. Wir wissen: Deutschland wird siegen, der Herr ist mit unserer gerechten Sache. Darum finden des großen Bpostels Worte, einst gerichtet an die Thristenge- meinde zu Korinth, die mannigfachen Schwankungen ihres Glaubens unterworfen war und sich gegen Widersacher zu behaupten hatte, bei uns dankbare und tatbereite Zustimmung, die Worte: Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unbeweglich und nehmet immer zu in dem Werke des Herrn, sintemal ihr wisset, daß eure Brbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. 8. 8.
Siesten im Nriegrjahr $66. -H
(Schluß.)
Nun hatten wir wieder Nuhe in der Stadt, die zwar durch zeitweisen, jedoch ganz flüchtigen Besuch kleiner preußischer Nbteilungen unterbrochen wurde. Zunächst war es Landwehr aus der Siegener Gegend, die mit d?r Bahn hierherfuhr, Nequisitionen vornahm, Einquartierung ansagte, die aber nie eintraf, und dann sofort wieder abdampfte. Dann kamen noch einige größere Truppenteile, Hamburger und Oldenburger, die als Preußens Verbündete zur Mainarmee stießen, hier durch und wurden hier einquartiert.
Nachdem preußische Truppen in Frankfurt eingerückt waren und die Stadt besetzt hatten, wurde auch die Landgrafschaft Hessen-Homburg und die Provinz Oberhessen okkupiert und unter preußische Verwaltung gestellt. Unterm


