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Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirchengemeinüe Gieszeer

Nr. 8.

Gießen, Sonntag Neminiscere, 28. Februar 1915.

4. Jahrgang.

Die Frömmigkeit unserer Helösoldaten.

2. Buch der Chronik 15, 2. Oer Herr ist mit euch, weil ihr mit ihm seid; und wenn ihr ihn sucht, wird er sich von euch finden lassen.

Was wir unseren Volksgenossen im feldgrauen Wafsen- kleide in erster Linie danken, das ist, daß sie seit Monaten treue Wacht in Vst und West halten und unter schweren Um­ständen von Erfolg zu Erfolg geeilt sind. Uber es ist doch noch ein anderes, wofür wir ihnen nicht weniger danken, das ist die Ueubelebung der deutschen Frömmigkeit, die von ihnen ausgegangen ist und noch ausgeht. Früher mußte man sehr vorsichtig sein, wenn man zu einem jungen, rüstigen Manne von Gott sprach,' denn man konnte sich aus schroffen Wider­spruch gefaßt machen. In kirchlichen Kreisen hielt man es für nötig, den jungen Männern apologetische Vorträge zu halten, das sind Vorträge, die die Wahrheit des Thristentums gegen seine Widersacher erweisen. Unsere jungen Männer waren vielfach mit dem Glauben ihrer Kindheit zerfallen und hatten den Modepropheten Gefolgschaft geleistet. Jetzt haben sie umgelernt. Sie haben in der schweren Stunde des Abschieds von der Heimat, im Getümmel der Feldschlacht, im Schützen­graben und in den Lazaretten Gott gesucht, und er hat sich von ihnen finden lassen, sie sind mit Gott, darum ist der Herr auch mit ihnen. So viele Briefe wie in diesem Kriege sind nie­mals in früheren Kriegen aus dem Felde in die Heimat ge­schrieben worden, das macht die gute Volksschulbildung un­serer Soldaten. Vas aber ist es, wofür wir Gott nicht genug danken können, daß alle diese Briefe mit sehr geringen Aus­nahmen immer wieder den Kamen Gottes nennen. Aus dem Felde flutet in die Heimat ein starker Strom frommen, gött­lichen Lebens. Unsere Krieger berichten von dem Schuhe Gottes, den sie erfahren haben, von erhebenden Feldgottes­diensten und von der Kraft des Gebetes. So schreibt ein Kriegsfreiwilliger, wie er auf dem östlichen Kriegsschau­plätze die Silvesternacht verlebt habe. Er habe auf seinem ein­samen Posten an die Seinen gedacht, habe sich um 12 Uhr vergegenwärtigt, wie in dieser Stunde die Gießener Kirchen­glocken klingen, und da habe ihn die Zuversicht erfüllt, daß der Gott, der im alten Jahre mit ihm gewesen sei, ihn auch im neuen Jahre nicht verlassen werde. Ein anderer schreibt, seine Kompagnie habe bei la Lassoe das heilige Abendmahl

feiern wollen, aber der Schuppen, in dem die Feier statt­finden sollte, sei von dem Feinde beschossen worden. Und ein dritter Jüngling aus unserer Gemeinde teilt mit, er sehe im Geiste stets das große Bild Luthers, das in der Johanneskirche hängt. In einer Zeitschrift war zu lesen, wie ein Felddivisions- pfarrer am Abend an einer französischen vorfkirche vorüber­ging. Da hörte er aus der Kirche den Gesang deutscher Kir­chenlieder. Als er näher kam, gewahrte er, daß deutsche Land­wehrleute zwischen den dort aufgestapelten Hafer- und Zwie­backsäcken standen und, während ein Unteroffizier das har- monium spielte, das alte Gotteslied sangen: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Am nächsten Abend wurde in dieser Kirche ein Gottesdienst gehalten. Als er zu Ende war, stand ein höherer Offizier auf der Kirchentreppe und sprach zu seiner Umgebung, indem er zum gestirnten Himmel emporwies: Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unserer Uot.

So geht jetzt Gott durch die Ueihen unserer kämpfenden Brüder und erfüllt ihre Seelen mit Mut, Buhe, Trost und Zuversicht. Unser Volk hat in diesem Kriege seinen Gott wiedergefunden. Das ist ein Gewinn, der allen Erdengewinn überragt und uns auch in der Zeit des Friedens, die wir so heiß ersehnen, nicht verloren gehen kann. Wohl ist unser Volk in den letzten sieben Monaten durch Blut und Tränen hin­durchgegangen, aber mit dem Erzvater Jakob kann es spre­chen: Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. V}. B.

war erhoffen wir von diesem Kriege?

Wir wollen hier nicht darlegen, was das deutsche Volk in politischer Hinsicht von dem Kriege erhofft, den es gegen­wärtig zu führen genötigt ist. Vas zu erörtern, wollen wir den Heerführern und Diplomaten überlassen, sie werden, mit unserem Kaiser an der Spitze, schon finden, was für Deutsch­lands Größe und Sicherheit in der Zukunft nötig ist. Ls soll hier nur die Frage beantwortet werden: Das erhoffen wir von diesem Krieg für unser Volk in religiöser und sittlicher Beziehung?

Kriegszeiten, so verderblich sie sind, haben oft den Segen im Gefolge gehabt, daß das Volk, das für seinen Be­stand zu kämpfen hatte, innerlich neu aus dem Kampfe hervorging. Nach dem 30jährigen Kriege ging lebendiges