30
Gottvertrauen durch die Seele der Deutschen, nach den Befreiungskriegen war eine entschiedene Einwendung zu dem frommen Glauben der Väter wahrzunehmen. Man wollte nicht mehr viel von dem vernunftglauben wissen, der perz und Geist gleich wenig befriedigt hatte, Jesus wurde wieder eine Macht in Deutschland, die. alten Erbauungsbücher wurden aus dem Staub der Büchereien hervorgeholt, man sang wieder die alten Gotteslieder. In interessanter Form ist in der 5elbstbiographie des Malers Ludwig Richter geschildert, wie um das Jahr 1825 die jungen deutschen Künstler in vom von lauterer Frömmigkeit erfüllt waren und an den glaubten, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Dem Weltbürgertum gab man damals den Abschied und empfand deutsch-national, sehnliche Wirkungen hat der Krieg von 1870/71 nicht hervorgebracht, er verlief verhältnismäßig schnell und überaus glücklich,' das mag die Ursache gewesen sein, daß unser Volksleben durch ihn nicht vertieft wurde.
Wir hoffen, daß dieser Krieg andere Wirkungen hat. Zeit dem ersten Tage der Mobilmachung ging durch unser Volk ein wirkliches Luchen nach Gott. Wie strömten schon am 2. August die Menschen in die Kirchen, ohne daß man, wie das bei öffentlichen Vorträgen und künstlerischen Veranstaltungen geschieht, dafür Ueklame gemacht hatte. Zeit Beginn des Krieges ist, abgesehen von den Frühgottesdiensten, die im August und September um 8 Uhr gehalten wurden und einen durchschnittlichen Besuch von 400 Erwachsenen aufwiesen, die Fohanneskirche in Gießen Sonntag für Sonntag vor- und Nachmittags in jedem einzelnen Gottesdienste von durchschnittlich 1000 Personen besucht gewesen. Die Kirchen weisen also eine weit stärkere Lesuchs- ziffer auf als alle andere Veranstaltungen, welcher Art sie auch sein mögen, und das sieben Monate lang, ohne daß seither die Zugkraft nachgelassen hat. Darin prägt sich doch aus, daß die Religiosität eine starke Macht in unserem Volksleben geworden ist. Wir hoffen, daß das in der Zukunft bleiben wird. In den letzten Fahren ist man gegen den Gottesglauben förmlich Sturm gelaufen. Die Freidenker wollten die Menschen von ihren Kirchen wegziehen, die „Monisten" predigten ihre trostlose, atheistische Weltanschauung, Nietzsche mit seinem wilden Paß gegen das Thristentum war der Philosoph weiter Kreise. Dem gottesdienstlichen Leben wurde dadurch Abbruch getan, daß die Menschen an den Sonntagen aus den Städten in nachlässiger KleidrMz, in überfüllten Zügen in die Berge reisten und daß man Vergnügungen und Vorträge gerade auf dieselbe Stunde legte, da die Glocken zur Kirche riefen. Der Wintersport erschien viel wichtiger als die Teilnahme am Gottesdienste. Das wird, so Gott will, jetzt nicht mehr Vorkommen.
Wir hoffen vor allem auch, daß unser Volk jetzt wieder demütiger wird. Seither wurden die „starken", die „stolzen", die „modernen" Menschen gepriesen. Was ist alles starke, selbstbewußte Menschentum, wenn es von einem kleinen Stück Blei in einem Augenblick gefällt werden kann? Man wird so klein und bescheiden, wenn man bedenkt, daß so viel edles, lebensfrohes und lebenswürdiges Leben jetzt vorzeitig und gewaltsam abgebrochen wird. Man denkt da an das Wort des psalmisten: Wie gar nichts sind die Menschen, die doch so sicher wohnen!
Im Fahre 1891 hat der vor drei Fahren entschlafene Professor Paul Drews eine kleine Schrift erscheinen lassen, die den Titel trägt: „Mehr perz fürs Volk". Was der wackere Mann damals gesagt hat, gilt heute noch, ja heute noch viel mehr als damals. Die Reichen und pochstehenden
in unserem Volke müssen es lernen, den Leuten einfachen Standes mehr Achtung und mehr perz entgegenzubringen. Ts gibt jetzt keinen Unterschied der Stände, alle kämpfen für das bedrohte Vaterland. Darum müssen wir auch einig sein und uns nicht mehr von unedler parteisucht beherrschen lassen.
Wir wollen in der Zukunft auch wahrhaftiger sein. Seither gab es viele, die lieber etwas scheinen als etwas sein wollten, viele wollten um jeden Preis eine Rolle spielen, auch wenn sie vorher nicht in harter Arbeit etwas Tüchtiges geleistet hatten. Rie war die Eitelkeit so verbreitet als in unserem Zeitalter. Die vielen, die jetzt namenlos für ihr Volkstum sterben, mahnen zur Bescheidenheit. Die Unwahrhaftigkeit unserer Zeit zeigte sich in der Lildungsheuchelei. Man hörte scheinbar mit gespanntem Interesse Vorträge über alle möglichen Gegenstände, ohne im geringsten hierfür die erforderliche Vorbildung auszuweisen, ohne nur ein einziges Mal im Fahre ein ernsthaftes Luch zur pand zu nehmen. Ls gibt nichts schlimmeres als den Lildungsdllnkel dessen, der sich keine wahre Bildung angeeignet hat. palb- bildung ist ein Fluch,' denn sie macht immer dreist und anmaßend.
Auch weniger ruhmredig wollen wir werden. Man muß nicht immer gleich von sich reden machen. Daß man bedeutende Männer wie pindenburg fortwährend antelegraphiert, ihnen Gedichte und Adressen sendet, ist wahrlich nicht notig. Ebenso wenig ist nötig, daß man ihnen von privater Seite Ehrenprädikate verleiht,' ein pindenburg zu sein und das deutsche Land von der russischen Gefahr befreit zu haben, ist Ruhm genug.
Wenn wir wahrhaftiger und demütiger werden, so werden wir auch die Schlagworte, die die Torheit prägt, nicht mehr nachsprechen. Man hat unser Fahrhundert das „Fahrhundert des Kindes" genannt. Damit wollte man sagen, daß heute die Fungen, die Unreifen zu bestimmen hätten. Was hat man für Wesen mit der „freideutschen Studentenschaft" gemacht! Lin scharfer Beobachter unserer Zeit, der frühere Universitätsprofessor Theobald Ziegler, hat vor kurzem gesagt: „Du sollst dich freuen, daß es aus ist mit dem Fahrhundert des Kindes,' denn das war ein ganz törichtes Schlagwort. Unsere Peerführer sind Männer zwischen 50 und 70 Fahren, und auch die rührenden Knaben, die als die Füngsten so todesmutig hinausziehen ins Feld, werden als ernste Männer heimkehren von ihrer schweren Männerarbeit und auch der Zeit nachher ihren Stempel aufdrücken."
von demselben Gelehrten stammt das Wort: „Du sollst dir überlegen, ob nicht wirklich ein Unterschied ist zwischen Mann und Frau und zwischen dem peldentum des Mannes und dem peldentum der Frau, deshalb darfst du dir die Frage der Koedukation wieder zum Problem werden lassen. Denn wir brauchen männliche Männer und wir brauchen frauliche Frauen, und jeder Teil hat seine besonderen Aufgaben zu erfüllen." Dieser Krieg wird die sogenannte „Frauenfrage" ein gutes Teil der Losung näher bringen. Wir haben in den letzten sieben Monaten viel weibliches peldentum mitangesehen. Das ist das peldentum der Mütter, die um den Sohn trauern, das peldentum der Gattinnen, die den' Vater ihrer Kinder mit stiller Ergebung haben in das Feld ziehen lassen und die nun entschlossen und mutig das pauswesen leiten und die Kinder erziehen. Aber das zum perr- schen in Staat und Gemeinde nur der Mann berufen ist, der dafür auch die Pflicht hat, mit seinem Leben für Staat und Gemeinde einzutreten, ist jetzt wieder deutlich geworden. Mit einem Stande wollte man den Anfang machen, Männer


