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Itacb der Aufregung der ersten Mobilmachungstage und, nachdem unsere Truppen die Stadt verlassen hatten, trat zunächst eine Zeit verhältnismäßiger Nuhe ein. Aus der ungeheueren Spannung, in der wir uns alle befanden, wurden wir erlöst, als die ersten Siegesnachrichten kamen und uns das Lindringen unserer Heere in Belgien und Nordfrankreich meldeten. Zwischen Kirchenoorstand und Stadtverwaltung wurde die Vereinbarung getroffen, daß der Oberbürgermeister in jedem einzelnen Falle bestimmen solle, wann die Siegesglocken geläutet werden sollten. Sowohl nach dem Liege bei Longwv als auch nach der Einnahme von Antwerpen schwang sich ihr Schall über die Stadt und das angrenzende Gebiet.
3um Jubel haben wir freilich nicht immer Anlaß gehabt,- denn mit den ersten Siegesnachrichten kamen auch die schmerzlichen Nachrichten von den Verlusten auf den Schlachtfeldern, viele Todesanzeigen sind durch den „Gießener Anzeiger" veröffentlicht worden, wir können selbstverständlich hier alle die Tapferen nicht aufzählen, die aus unserer Stadt für das Vaterland in den Tod gegangen sind. Der erste, dessen Tod gemeldet wurde, ist der Unteroffizier der Neserve, stud. theol. Ernst Grosch, gebürtig aus Wörrstadt in Nheinhessen, gewesen, er fiel in den ersten Augusttagen in Belgien, viele sind ihm nachgefolgt, wenn auch im Jahre 1915 die schmerzlichen Meldungen viel weniger geworden sind. Am Totensonntage haben wir in überfüllten Kirchen unserer Gefallenen in Liebe und Treue gedacht, wenn dieser Krieg mit Gottes Hilfe zu Ende ist, wird der Antrag im Kirchenvorstande gestellt werden, daß in unseren Kirchen Gedächtnistafeln mit den Namen der Gefallenen angebracht werden.
Das kirchliche Leben hat in der Kriegszeit einen gewaltigen Aufschwung erfahren. Fast immer sind die Gotteshäuser überfüllt. Am Kriegsbetlage, dem 9. August, mußten viele stehen oder wieder nach Hause gehen, weil sie keinen Platz fanden. Für die Ausmarschierenden und ihre Familienglieder wurden in den ersten Augusttagen besondere Abendmahlsfeiern gehalten. Jeden Mittwoch abend um 8 Uhr ist Kriegsbetstunde, die eine starke Anziehungskraft entfaltet. Gebe Gott, daß die religiöse Bewegung, die in dem starken Kirchenbesuch zum Ausdruck kommt, auch dann noch anhalte, wenn uns Gott den Frieden wieder geschenkt hat.
Das bürgerliche und geschäftliche Leben ging in der Kriegszeit seinen gewohnten Gang. Keine Fabrik ist geschlossen worden, kein Geschäft steht still, auch in Gießen tritt uns die Gewißheit entgegen, daß Deutschland es auch in wirtschaftlicher Beziehung während dieses Weltkrieges aushalten kann. Selbstverständlich hat jeder Mann, gleichviel, in welchem Berufe er steht, jetzt sehr viel zu tun, da durch die Einberufungen viele Lücken entstanden sind.
Unsere Straßen zeigen ein anderes Bild als früher. Früher gaben ihnen die Studenten mit ihren bunten Mützen das Gepräge. Jetzt ist keine bunte Mütze zu feljen; denn unsere Studenten stehen zum weitaus größten Teile im Felde, wohl 900 mögen es sein, die von der akademischen Jugend ausgezogen sind und nun die Waffen tragen. Unter den Straßenpassanten überwiegen bei weitem die Soldaten: Landsturmleute, verwundete und Nekruten, die noch ausgebildet werden. Sehr ruhig ist es in unserer Stadt im Kriege geworden, abends sind die Straßen schon frühzeitig still geworden und bleiben still die ganze Nacht hindurch. Eine Erscheinung, die uns im vorigen Winter oft entgegentrat, ist ganz verschwunden. Vas sind die Jünglinge, die deshalb stolz und selbstbewußt durch die Straßen schritten, weil sie den Hut entweder zusammengedrückt in der Hand trugen oder weil sie
die Kopfbedeckung ganz zu Hause gelassen hatten. Ob der Krieg diese erfreuliche Aenderung bewirkt hat, wissen wir nicht; möglich auch ist, daß das Witzwort geholfen hat, daß auf einen leeren Topf auch kein Deckel gehöre. Im Anfang des Krieges waren unsere Straßen sehr von dem Lärm der Schuljungen erfüllt. Die Knaben sangen, schrien und pfiffen, daß es hinauf bis in das fünfte Stockwerk und hinunter bis in das tiefste Kellergelaß schallte, bis die Schule dieser Art, sich im „öffentlichen" Leben zu betätigen, energisch entgegentrat. Jetzt sind die, die in 10 Jahren das Vaterland verteidigen sollen, ruhiger geworden.
Ein fortwährendes Gehen und Kommen herrscht in un= serer Stadt. Ausgebildete und trefflich ausgerüstete Mannschaften ziehen in das Feld, und Nekruten ziehen mit ihren paketchen und Pappschachteln ein. Obwohl unsere Negimen- ter schon lange weg sind, so sieht man hier doch noch eine große Menge von Soldaten, es sind weit mehr jetzt hier als in Friedenszeiten. Deutschland ist das lernt man auch hier kennen unerschöpflich an kriegstüchtigen Männern. Die Kasernenhöfe und Exerzierplätze sind beständig überfällt, in Schulhöfen und auf freien Plätzen sieht man gleichfalls Soldaten exerzieren. Unsere Landsturmleute sind, was den früher schon militärisch ausgebildeten Teil unter ihnen betrifft, in Bürgerquartieren untergebracht, vom 16. -21. September beherbergten wir preußische Gardisten, die ihren Truppenteilen in das Feld nachrückten.
Aber auch noch andere Einquartierung haben wir hier, das sind annähernd 10 000 Kriegsgefangene, die in einem großen Lager auf dem Trieb untergebracht sind. Ts sind zumeist Franzosen, aber auch einige Engländer und Nüssen, die von älteren Landsturmleuten bewacht werden. Gefters sieht man kleine Abteilungen Franzosen zu irgend einer Arbeit durck die Straßen der Stadt marschieren. Die Leute sehen alle zufrieden aus, man merkt ihnen an, daß sie hier menschlich behandelt werden, was nicht überall in den Lagern geschieht, in denen unsere Gegner deutsche Kriegsgefangene vereinigt haben, wenn ein Gefangener stirbt, so wird er hier auf dem Friedhofe in durchaus würdiger weise zu Grabe getragen. Der Geistliche geht selbstverständlich mit, und ungefähr 30 seiner Kameraden erweisen dem Toten die letzte Ehre.
Daß die in der peimat Zurückgebliebenen alles tun, um die im Felde Stehenden und ihre Angehörigen zu versorgen, versteht sich von selbst. Gleich zu Beginn des Krieges wurde ein Ausschuß gebildet, der die Fürsorge für die Familienglieder der Kämpfenden zu seiner Aufgabe machte. Die Frauenvereine der vier Kirchengemeinden sind seit Ausbruch des Krieges in reger weise damit beschäftigt, für die Lazarette zu nähen. Auch für die Ausstattung des vor wenigen Tagen fertig gestellten zweiten hessischen Lazarettzuges haben sie gearbeitet, über 4500 Mark wurden für diesen Zweck in der evangelischen Kirchengemeinde Gießen gesammelt. Im Januar war die „Neichswollwoche". Die hiesigen Einwohner haben alles, was sie an entbehrlichen Wollsachen besaßen, zusammengesucht, und die Angehörigen der Jugendwehr haben die Sachen eingesammelt und auf wagen geladen. Daß das nicht ohne palloh geschah, ist klar, namentlich war es den Einsammelnden, denen für ihre Arbeit drei schulfreie Tage zugestanden worden waren, eine eigenartige Genugtuung und Freude, an ihren Schulhäusern vorbeizufahren und den an den Fenstern sich zeigenden Kameraden, die beim Unterrichte ihrer goldenen Freiheit beraubt waren, zuzuwinken. Die eingesammelten Wollsachen sollen unseren Truppen als Win-


