Nr. 7. Gießen, Sonntag Invocavit, 21. Februar 1915. 4. Jahrgang.
An unsere Zeldsoldaten.
2. Buch der Thronik 15, 6 und 7 Ein Volk wird das andere zerschlagen und eine Stadt die andere; denn Gott wird sie erschrecken mit allere! 5>ngjt. Ihr aber seid getrost und tut eure Hände nicht ab: denn euer Iverk hat seinen Lohn.
Diese Nummer unseres Gemeindeblattes geht in vielen Exemplaren an euch, ihr Glieder unserer Gemeinde, die ihr im Seide steht. So soll das Blatt euch ein Gruß aus der Heimat sein, zugleich aber auch will es euren Glauben stärken. Das Schriftwort, das hier vorangestellt ist, ist hierzu so recht geeignet, man meint, es sei eigens für diese schweren Tage des Krieges geschrieben. ,,Lin Volk wird das andere zerschlagen und eine Stadt die andere; denn Gott wird sie erschrecken mit allerlei Bngst." Me hat sich dieses Wort in den letzten sieben Monaten erfüllt! Ein Dölkerringen spielt sich vor unseren Bugen ab, wie es größer die Welt noch nicht gesehen hat, Bngst und Entsetzen sind über die Menschen gekommen, und herzerschütterndes Leid geht durch hunderttausende von Samilien. „Ihr aber seid getrost," ihr tapferen Streiter, ihr seid deshalb getrost, weil ihr ein gutes Gewissen habt. Ihr seid dem Buse unseres Kaisers gefolgt, als er nach langjährigen Bemühungen, uns den Srieden zu erhalten, zum Schwerte griff, damit das deutsche Volk nicht zertreten werde. Ihr habt seither wacker und erfolgreich gekämpft für Haus und Heimat, für deutschen Glauben und deutsche Sitte, für deutsche Kultur und Eigenart, ihr habt euch dem Seinde entgegengeworfen, damit des Deutsche Beich nicht zertrümmert und ein Spott unserer Seinde werde. Ihr habt schwere Mühsal, harte, bittere Bot ertragen, ihr habt liebe, treue Kameraden neben euch fallen sehen, aber ihr seid vorwärts gestürmt, bereit, das eigene Leben für das deutsche Land, das Land der Treue, herzugeben. Bber noch ist eure Brbeit nicht völlig getan, darum „tut ihr eure Hände nicht ab", bis die Blacht der Seinde ganz gebrochen ist, bis das rachsüchtige, unwissende Volk im Westen, bis die kulturlose, grausame Bation im Osten, bis die verlogenen, zu jeder Schändlichkeit fähigen Gewalthaber jenseits des Kanals vor den deutschen Waffen sich beugen müssen. Bber „euer Werk hat seinen Lohn". Das habt ihr seither erreicht, daß es dem Seinde nicht gelungen ist, sich auf deutschem Boden festzusetzen und unser schönes Land mit Brand und Verwüstung zu zerstören.
Ihr steht draußen im Seid, am pserkanal, in den Br- gonnen, am Süße der Vogesen, in Ostpreußen, in Polen und in den Karpathen. Wir sind zu Hause geblieben,' weite Ebenen, hohe Gebirge, reißende Ströme trennen uns voneinander, innerlich aber sind wir unlösbar miteinander verbunden. Es gibt zwei Wege, auf denen die Verbindung zwischen euch und uns hergestellt wird. Der eine Weg ist der, den die Post benützt, wenn sie Briefe aus der Heimat nach dem Kriegsschauplätze und von dem Kriegsschauplätze nach der Heimat befördert, dieser weg ist weit, es dauert oft eine Woche und länger, bis er durchmessen ist. Der andere weg ist der, den das Gebet zurücklegt. Ls schwingt sich auf von der Erde zum Trone Gottes, dort treffen die Gebete aus der Heimat und aus dem Seide zusammen. Dieser Weg wird in einem Bugenblick zurückgelegt. Wir haben seither die Mahnung des Bpostels erfüllt: Betet für einander! Wir halten keinen Gottesdienst, in dem die Predigt nicht euer gedenkt, eurer deutschen Tapferkeit, eurer heldenmütigen Widerstandskraft, eurer standhaften Treue, wir halten keinen Gottesdienst, in dem wir nicht für euch beten. Buch wenn wir mit unserem irdischen Tagewerke beschäftigt sind, gehen unsere Gedanken hinaus zu euch in die Serne.
Bls ihr in das Seid gezogen seid, habt ihr vielfach das Lied gesungen, in dem es am Schlüsse heißt: „In der Heimat, in der Heimat, da ist es wunderschön". Ja, in der Heimat, da ist es wunderschön. Gott gebe euch allen nach völlig erlangtem Siege die frohe Heimkehr und uns die Sreude, euch als solchen, die uns von neuem geschenkt sind, durch Liebe und Dankbarkeit zu vergelten, was ihr für uns getan habt. Dann wollen wir gemeinsam die Güte Gottes preisen und dem Herrn danken, daß er unseres Bngesichtes Hilfe und unser Trost ist. h. B.
Gießen in der ttriegrzeit.
Da es unsere im Seide Stehenden gewiß interessiert, zu wissen, wie es in der Kriegszeit in unserer Stadt aussieht, so sollen im Solgenden die Vorgänge und Zustände in der Stadt während dieses großen Weltkrieges kurz geschildert werden. Bedeutungsvolles hat sich in dieser Zeit gerade nicht zugetragen, selbstverständlich aber hat man gemerkt, daß der Krieg alles beherrscht.


