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lautet und die Fahnen hißt, dabei aber die Gpfer der Erfolge gänzlich vergißt und einige Stunden später wieder im Theater sitzt, ist's nach meinem Empfinden unerträglich. Gedenkt man unserer Landsleute im Auslande, welche in Gefangenschaft geraten sind, und Deutschlands 5ähne, die draußen in den feindlichen Gefilden nicht nur sehr vieles entbehren, sondern unverzagt und mit blitzenden Augen dem Tode ins Angesicht schauen, dann wahrhaftig dürfte man erwarten, daß das deutsche Volk, das sich im reinsten Paradies befindet, doch wenigstens den Lustbarkeiten entsage. Vieser Unbill müßte vonoben" her entgegengewirkt werden, will man denn nicht auch noch denKarneval" feiern!Front machen gegen jede Lustbarkeit!" so müßte die Parole des gesamten deut­schen Volkes lauten, wo bleiben die Vertreter im Landtag?"

§o schreibt ein Wehrmann, der über das Treiben in der Heimat entrüstet ist. Vas Schlimmste ist nicht einmal, daß man in dieser Zeit, wo der Tod unter den edelsten unserer Volksgenossen eine so furchtbare Ernte hält, Vergnügungen veranstaltet und sogar den Produkten geringwertigster Komik stürmische Heiterkeit" entgegenbringt, sondern daß man in der Geffentlichkeit so tut, als ob unserem Volke, namentlich unseren Verwundeten, jetzt kein Bedürfnis fühlbarer sei, als sich in ausgiebiger weise zu zerstreuen. Man wird Verständ­nis dafür haben, daß die Theater ihre Pforten nicht einfach schließen konnten, weil sonst viele Menschen brotlos geworden wären,' unsere Schaubühne ist auch dazu berufen, menschliche Not und menschliche Sünde sowie alles Große und Edle, das im Menschen ruht, zu veranschaulichen. Daß jedoch Vereine und private Kreise fortwährendetwas" veranstalten müssen, zeugt von einem Mangel an Ernst, auch von einem Mangel an Einsicht. Die Leute, die ohne Vergnügen nicht auskommen können, beherrschen leider die Geffentlichkeit, und die sehr vielen, die anders denken, wagen nicht gegen sie aufzutreten von unseren tapferen Kriegern werden die Leicht­lebigen und vergnügungssüchtigen noch manches wort zu hören bekommen, das ihnen wenig angenehm in die Ohren klingt.

Dar Leben in Gießen vor und währen- der Volks­bewegung in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

von h. hr.

(Schluß.)

Der provisorische Bahnhof, ein einstöckiges Bretterhäus­chen, in welchem Bureau, Fahrkartenschalter, Güterexpedition und warteraum untergebracht waren, stand am Gswalds- garten, dem Neustädter Viadukt schräg gegenüber. Zum Bahn­steig auf den Damm führte eine hölzerne Treppe, während Gepäck und Güter durch eine winde hinausgezogen wurden.

Die Strecke Friedberg Gießen konnte wegen Lau­schwierigkeiten in der Lindener Mark und an der Lücken­bach erst einige Fahre später befahren werden. Die Ver­legung des Lahnhofs an seine jetzige Stelle erfolgte im Fahre 1855.

Bei der herrschenden Aufregung war in der ersten Zeit der Bewegung an einen regelmäßigen und geordneten Ge­schäftsgang nicht zu denken. Vas öffentliche Leben bot so viel Unterhaltung, und die vermeintlichen Bürgerpflichten erforderten so viel Zeit, daß auch sonst ruhige und fleißige Geschäftsleute van ihrem Beruf öfter abgehalten waren und sich den Besuch von Wirtshäusern angewöhnt hatten. Die un­ausbleiblichen Folgen zeigten sich bald in zunehmender Geld­knappheit und mangelndem Verdienst. Manchen mögen auch

nach der Niederwerfung des badischen Aufstandes und nach den unglücklichen Barrikadenkämpfen die Augen geöffnet und falsche Einbildungen zerstört worden sein. Die revo­lutionären Bestrebungen flauten mit der Zeit immer mehr ab, und eine allmähliche Ernüchterung machte sich bemerkbar.

Man hörte jetzt schon viel weniger das Heckerlied auf den Straßen singen, an dessen Stelle war das sogenannte Par­lamentslied (eine Leihe von Spottreimen auf die rechtsstehen­den Parlamentsmitglieder) zum beliebtesten Gassenhauer ge­worden. Dieses Lied begann:wenn die wiener fragen, was macht Schmerling jetzt, sollt ihr ihnen sagen, er ist abgesetzt, hängt noch nicht am Baume, hängt noch nicht am Strick, doch ihn quält im Traume die deutsche Lepublik." Als die Auf­lösung des Parlaments bevorstand, erhielt das Lied den schönen Schlußreim:So entschlummert leise und sanft das Parlament, und auf diese weise hat das Lied ein End'." Lin weiteres sehr beliebtes Lied entstand während des un­glücklichen schleswig-holsteinischen Befreiungskampfes, das bekannteSchleswig-Holstein meerumschlungen". Dieses und was ist des Deutschen Vaterland?" hatten bei allen patrio­tischen Kundgebungen den Vorzug.

Inmitten der Ausstandsbewegung wurde Heinrich Ferber durch die Bürgerschaft zum Bürgermeister von Gießen er­wählt. Obwohl von demokratischer Seite aufgestellt, war er in einer so bewegten Zeit doch der rechte Mann für dieses Amt. Er verstand es stets, die scharfen Gegensätze zwischen den weitgehenden Forderungen einer erregten Bevölkerung und den Zugeständnissen einer Legierung zu mildern, die eine Um­kehr zur vormärzlichen Legierungsweise erstrebte. Ebenso verstand er durch sein maßvolles und entschlossenes handeln die Stadt vor schlimmen Schäden zu bewahren, die durch un­bedachtsame Handlungen zu ernsten Folgen hätten führen können.

Mit dem Eintritt der Leaktion, eine natürliche Folge der verunglückten Freiheitsbestrebungen, wurden die verwilligten volksrechte und Freiheiten allmählich wieder zurückgezogen,' zur gründlichen Durchführung derselben mochten dem Mini­sterium Dalwigk die freisinnigen Bürgermeister im Wege ge­standen haben. Er erließ eine neue Gemeindeordnung, wonach die Bürgermeister nicht mehr durch die Bürgerschaft erwählt, sondern von der Legierung aus den Mitgliedern des Ge­meinderats bestimmt werden sollten.

Dieser Bestimmung siel auch Ferber zum Gpfer. Lei seinem Abgang im Fahre 1852 ehrte ihn die Bürgerschaft durch Fackelzug, Bankett und Ueberreichung eines silbernen Ehrenpokals, nachdem sie ihn vorher fast einstimmig zum Ge­meinderat gewählt hatte.

Schärfere Maßregeln zur Wiederherstellung des alten Legimes folgten jetzt unausgesetzt. Nach der Auslösung des deutschen Parlaments und der Bürgerwehren trat die Gen­darmerie und die Polizei wieder in ihre frühere Funktionen und hatte alle Hände voll zu tun, die versprengten Freischärler und Barrikadenkämpfer oder die wegen der Ermordung von Auerswald und Lichnowskp steckbrieflich verfolgten Personen einzufangen und gefesselt ihren zuständigen Gerichten vorzu- führen.

Die allgemeine Entmutigung, die nun Platz gegriffen hatte, wirkte lähmend auf den Verkehr und die gesamte Ge­schäftslage. Die Stockung von Handel und Wandel und der Geldmangel hielten noch jahrelang an, und jede Unterneh­mungslust war gewichen.

Erst zu Anfang des sechziger Fahre, als die zwei ersten neuen Häuser an der Südanlage gebaut wurden, spürte man