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Nr. 5.

Bietzen, Sonntag Sexagesimä, 7. Februar 1915. 4. Jahrgang.

Der Hunger -er 5eele.

fl in os 8, II. Siehe, es kommt die Zeit, spricht der k)err, Herr, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen junger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn.

Was leiblicher Hunger bedeutet, wissen jetzt viele un­serer deutschen Volksgenossen. Wir brauchen nur an unsere braven feldgrauen im Schützengraben zu denken. Die eiserne Ration ist aufgezehrt, die Ablösung kann nicht heran, weil der feind die Zufuhrstraße unter heftiges feuer genommen. Wan wartet und hungert, man hungert und wartet. Die Kühnsten wagen sich hervor, um unter Todesgefahr Rahrunh für sich und die Kameraden zu suchen. Welch ein Jubel im Schützengraben, wenn sie mit ein paar Rüben oder Kartoffeln wieder zurückkehren! Gder wir denken an die ostpreußischen Flüchtlinge, die in jenen unvergeßlichen Nugusttagen in wil­der flucht vor den Kosaken tagelang, ja wochenlang, ohne Dbdach, ohne genügende Nahrung geblieben sind. Sie wissen auch, was hungern heißt, von solchem Hunger haben wir hier in der Heimat noch nichts verspürt.

Rber es gibt neben dem leiblichen noch einen anderen Hunger: einen Hunger des Geistes, der Seele. Und viele, die noch vor Nusbruch des Krieges verständnislos mit den Nchseln gezuckt hätten, hätte man zu ihnen von diesem Seelenhunger geredet, verstehen jetzt besser, was damit gemeint ist. Nie­mandem, der mit offenen Rügen diese große Zeit miterlebt hat, ist die gewaltige innere Veränderung entgangen, die seit dem Kriegsausbruch in unserem Volksleben eingetreten ist. Noch niemals hat ein 70-Millionen-volk innerhalb von 24 Stunden so gründlich umgelernt wie unser deutsches Volk in den erste« Nugusttagen. Was alle weisen Reden und Re- sormbestrebungen nicht zustande gebracht haben in langer friedenszeit, das hat Gott erreicht, da er uns die Heim­suchung des Krieges sandte.

Diese innere Veränderung in unserem Volksleben ist un­verkennbar, und mag auch der eine oder andere, der von der Kriegsnot nicht unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen ist, auch gleichgültig allen göttlichen fragen gegenüberstehen, die meisten in unserem Volk wissen jetzt ganz gewiß, daß unser heil nur bei Gott steht. Darum haben sie angefangen, wieder nach Gott und göttlichen Dingen zu suchen und zu fragen.

Nicht so ist es gemeint, als ob vorher dies Suchen und fragen nach Gott völlig im deutschen Volk erstorben war,' nein, trotz aller religiösen Zerfahrenheit und Zersetzung, die uns in der Zeit des Friedens oft wie eine böse Krankheits­erscheinung mit Sorge in die Zukunft blicken ließ, lebte doch gleichsam wie ein funken unter der Nsche deutscher Glaube und deutsche Treue in unserem lieben deutschen Volk. Dieser göttliche funke ward zur lohenden flamme, als der Sturm­wind des Weltkrieges dreinblies.

Und eine heilige Flamme war es, die gen Himmel lohte und vieles, was unchristlich und widergöttlich war, verzehrte. Wo sind sie, die noch vor Jahresfrist laut ihre Stimme er­hoben, um unserem lieben deutschen Volke weiszumachen, daß es ohne Gott glücklicher und zufriedener leben würde? Die laut ihren Ruf erschallen ließen:Los von Christus?", heraus aus der Kirche" ? Wo sind sie, die wenige fahre vor dem Kriegsausbruch mit dreister Stirn sich anmaßten, das neue monistische Jahrhundert zu eröffnen, in dem in der so­genanntenKultur" das allein seligmachende Heilmittel die Menschen beglücken sollte? Der Kriegssturm hat sie zum allergrößten Teil hinweggefegt.

So versteht jetzt unser Volk in seiner überwiegenden Mehrheit, daß es neben dem leiblichen Hunger auch einen geistigen Hunger gibt, den die Kriegsnot geweckt hat.

? Vergnügungen in -er Nriegzzeit.

Wie unsere im Feld stehenden Soldaten über die Ver­gnügungen denken, die leider jetzt besonders in den deutschen Städten in großer Zahl veranstaltet werden, beweist der Brief eines hessischen Landwehrmannes an den Herausgeber des hessischen evangelischen Sonntagsblattes". In diesem Briefe ist folgendes zu lesen:

Wenn man die heimischen Zeitungen in die Hände be­kommt, und die verschiedenartigen Theateranzeigen usw. liest, dann gruselt? einem. Man könnte fast glauben, das deutsche Volk befände sich in dem großen Weltkrieg in größter Sicher­heit und habe den Trnst der Zeit, von dem es in den ersten Nugusttagen des vergangenen Jahres stark mitgerissen wurde, vollständig vergessen. Wenn man zu Hause Triumphe feiert über die Erfolge unserer Waffen und demgemäß die Glocken