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fln dem Linexerzieren der Lürgerwehr zeigte unsere männliche Schuljugend das größte Interesse. Oie einzelnen Schulen und Klassen bildeten Züge und erkoren ihre Häupt­linge. Anstatt der Gewehre trugen sie hölzerne Lanzen und exerzierten damit so gut und so richtig, daß sie manchem ihrer Väter als Muster hätten dienen können.

Die Bürgerwehr war in das Leben gerufen worden zuin Schutze der Stadt und ihrer Bewohner in der so aufgeregten Zeit, und es war zuweilen gar keine leichte und angenehme Aufgabe für sie, die (Ordnung wieder herzustellen und die Buhe zu erhalten.

Gleich zu Anfang mußte ein ständiger Wachdienst ein­gerichtet werden, da die Tumultuanten ihr Unwesen zu treiben nicht ausgeben wollten. Tine Kompagnie stand stets in Alarm­bereitschaft und gab denn auch die nötige Mannschaft für den nächtlichen Wachdienst unter dem Uachaufe und für die Uachtpatrouillen ab, die sich häufig der Neckereien angetrun­kener Studenten zu erwehren hatte, hierbei kam es einmal vor, daß ein Student, namens pfannmüller von hier, von einer Patrouille erschaffen wurde. Tr wurde dann als Korps­student mit Fackelzug und allem studentischen Pomp beerdigt, die Neckereien hörten aber nachher auf.

Für die Bildung politischer Parteien mit festen ausge­sprochenen Zielen war die Zeit noch zu kurz und die Anschau­ungen noch zu unklar. Außer den schon erwähnten Anhängern einer Nevolution um jeden Preis, gab es Abstufungen in den Ansichten über Deutschlands zukünftige Gestaltung, viele schwärmten für eine Nepublik, andere wieder für einen Bun­desstaat mit Preußen, andere mit (Oesterreich an der Spitze, aber immerhin die Einigung aller deutschen Stämme mit einer freien Verfassung wollte die Mehrzahl. Tin Bäuerlein aus der Umgegend, das in Volksversammlungen gerne das wort nahm, verlangte sogar eine Nepublik mit unserem Großherzog an der 5pitze. Tin jeder suchte seiner politischen Ansicht Ausdruck zu geben, und man benutzte sogar die in Mode gekommenen bemalten Pfeisenköpfe, um Gesinnungen zur Schau zu tragen und Ideale zu verherrlichen.

Schon zu Anfang der Bewegung war ein politischer Ver­ein alsMärzverein" mit ausgesprochener demokratischen Tendenz gegründet worden. Diesem traten sehr viele frei- gesinnte Bürger und Staatsbeamten bei. Seinen Sitz hatte er im neueröffneten Tafö Leib, und seine Bestrebungen waren dar­auf gerichtet, die Mitglieder durch Vorträge und durch Aus­lage von Zeitungen über politische und aktuelle staatsrecht­liche Fragen auszuklären.

Tin zweiter Verein mit konservativer oder reaktionärer Tendenz tagte in Tbels Kaffeehaus. Dieser nannte sich Vaterländischer Verein", und es gehörten ihm zumeist ältere Staatsdiener an, die mit der ganzen Volksbewegung nicht einverstanden waren und den alten Zustand wieder herbei­wünschten. Man ließ diese Leute, die sich sonst ruhig ver­hielten, unbehelligt, nannte sie nur etwas verächtlichDun­kelmänner".

Bald nach dem Zusammentritt des Frankfurter Parla­ments waren dort die Grundrechte des deutschen Volkes be­raten und beschlossen und von den deutschen Fürsten und ihren Negierungen genehmigt worden. (Obwohl ohne eine große praktische Bedeutung war damit wenigstens ein äußeres Zeichen der Einheit und Zusammengehörigkeit aller deutschen Stämme gegeben, und das wurde schon allgemein mit Freu­den begrüßt. Deshalb fand wie überall in deutschen Lan­den, so auch in Gießen, eine größere weihefeier statt. An dem festlichen Umzuge nahmen außer der Bürgerwehr sämt­

liche hiesige Vereine und notablen Personen teil. Die Grund­rechte, aus Pergament und in Kunstschrift ausgeführt, mit Blumengirlanden geschmückt, wurden von drei Schülern, je einem aus dem Gymnasium, der Nealschule und der Stadt­schule, getragen, flankiert von zwei Zügen der Lürgerwehr mit geschultertem Gewehr. Den Schluß des Festaktes bildete eine weiherede mit einer Huldigung auf dem Brand.

Schon zwei Jahre bestand der Turnverein, der seither eine große Zurückhaltung bewahren mußte, und seine Uebun- gen zuerst in einem Stallgebäude des Gasthauseszun. Schwanen" und dann in einem Gartenhaus am Asterweg ab­gehalten hatte. Diese trat jetzt mehr an die (vefsentlichkeit, er beteiligte sich an allen patriotischen Kundgebungen und verlieh die'en durch das jugendfrische Auftreten der Turner in ih en schmucken hellgrauen Drellanzügen ein glanzvolleres Gepräge. Im darauffolgenden Jahre konnte ein schöner großer Turnplatz vor dem Neuenwegertor auf dem jetzigen Grundstück der Bürgermeisterei festlich eingeweiht werden.

(Schluß folgt.)

Lin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich öechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Dennoch freut man sich auch in schwerer Stunde, wenn man treue Nlenschen, die man in den frohen Tagen der Kindheit und ersten Jugend kennen gelernt hat, wiedersieht. Traurig stand ich am offenen Grabe meiner dahingeschiedenen lNutter. Ts war ein schöner wintertag, der Donnersberg und das ringsum liegende Land waren mit dünnem Schnee bedeckt, hell leuchtete die Sonne, klar lag die Landschaft vor aller Augen. Pfarrer Weber sprach über den Text aus der (Offen­barung Johannis: Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust. Vas paßte so recht auf die Heimgegangene, die ihr Leben lang reich war an Liebe, Glauben und Geduld.

Als dann die schweren Schollen auf den Sarg nieder­gerollt waren, trat ich mit meinen Geschwistern zu dem Grabe des Vaters, dort standen wir kurze Zeit, dann gingen wir nach Hause. Ich sah meine beiden früheren Lehrer, die nun alt und grau waren. Die Altpeter-Lene ging in ihrem schwarzen Kleid ganz gebückt und war lange nicht mehr so redselig wie früher, das Alter hatte sie stiller gemacht. Auch lNarie Keiper kam auf mich zu und gab mir, als ob nie zwischen uns etwas vorgefallen wäre, die Hand. Tinen Men­schen aus meinem Heimatdorfe vermißte ich sehr an diesem Tage, das war der Nachbar Gerhäuser, er war vor geraumer Zeit sanft und selig entschlafen. Auch Bürgermeister Nodcn- becher schlief auf dem Friedhofe, auf dem meine Titern ruhten. Ts ist doch ein eigentümliches Gefühl, das einen beschleicht, wenn man nach längerer Zeit wieder in die Heimat zurück­kehrt und auf den Grabsteinen die Namen von Menschen liest, die man im Leben gut gekannt hat.

Ich freute mich darüber, daß auch der Nathan Silber­schmidt aus Nockenhausen, nun ein weißhaariger Mann, gekommen war, um meiner Mutter das letzte Geleite zu geben. Tr gehörte zu den jüdischen Handelsleuten, die auf dem Dorfe in enger Fühlung mit der christlichen Bevölkerung leben, an deren Leid und Freud Anteil nehmen und sich schlecht und recht durch das Leben schlagen.

Leider halte ich wenig Freude an meinem Bruder Jakob. Tr war nun schon viele Jahre in der Maschinenfabrik zu Mainz beschäftigt. Ich merkte an ihm, daß er anders war