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Das Leben in Gietzen vor und während -er Volks­bewegung in -en vierziger Zähren -es vorigen Jahrhunderts.

von h. hr.

(Fortsetzung.)

Fast sprichwörtlich zeigte sich die Volkstümlichkeit dieser städtischen Beamten. hatte jemand ein Anliegen oder wollte man etwas gehört haben, ohne Namen zu nennen, so ant­wortete man auf neugierige Fragen:Ei, vom Thurnmann". Den Ausscheller Moll zog man heran, wenn man etwas recht unter die Leute gebracht haben, oder wenn man jemand ein zu starkes Ausplaudern vorwerfen wollte.

Auf den Straßenkehrer heßler werden sich wohl nur noch wenige besinnen können. Er hatte die Neinigung der öffentlichen Plätze zu besorgen, lag daher stets in Hader mit den Gbstweibern, die auf dem Marktplatz und dem Kreuz ihren Stand hatten, wenn er zuweilen mit dem Besen an die Körbe stieß oder sie umwarf, gab es sehr oft recht ergötz­liche Szenen. Und wenn er dann nach getaner Arbeitins Bramme" ein Zchnäpschen zu viel getrunken hatte, schwankte die baumlange, hagere Gestalt mit dem eisgrauen Haupt durch die Straßen, mit sich selbst zankend. Erscholl nun der Nuf Eisbär" aus allen Ecken und Enden, dann schimpfte er weidlich und schwang seinen gewaltigen Besen, tat aber nie­mand etwas zu leid, obwohl er vordem Steckenknecht im Arresthaus gewesen sein soll.

Dernarrige Peter" war ein schwachsinniger, aber gut­artiger Mann, ergötzte die liebe Straßenjugend durch seine drolligeu Gebärden, die ihn wieder mit allerhand Neckereien verfolgte, so oft sie ihn sah. Den Leuten fuhr er gegen ge­ringes Entgelt Wäsche auf die Bleiche oder leistete ähnliche Dienste, holte sich bei Bekannten regelmäßig einepries" oder eineZiehgarr" und machte für einen Kreuzer seinen hoppbas" (Luftsprung).

VasMauschelchen", ein harmloses, kleines Männchen mit mächtig großen Füßen, konnte man ebenfalls stets auf der Straße sehen. Dienstbereit zu Geschäften und Besorgnissen leichter Art, hatte es eine feste und treue Kundschaft, die es gewissenhaft bediente. Gegen Kinder war es liebreich, und diese begrüßten es dafür mit der BitteMauschelchen, bring mir V Matzen mit".

So gab es noch viele (Originale in der Stadt, die jedoch weniger hervortraten und nicht in gleichem Maße das öffent­liche Interesse in Anspruch nahmen.

Das seitherige ruhige und gemütvolle kleinstädtische Leben in unserem Gießen wurde plötzlich jählings unter­brochen. Im Februar 1848 war die Nevolution in Frank­reich ausgebrochen, die dann zunächst auf das badische Länd- chen übersprang. Der Großherzog von Baden mußte flüchten, nachdem sein Militär zu den Nevolutionären übergegangen war und eine provisorische Negierung mit Hecker und Struve an der Spitze sich eingesetzt hatte. Nun griff die Aufstands­bewegung mit unglaublicher Schnelligkeit auf die übrigen deutschen Staaten über und machte sich in Gießen zuerst da­durch bemerkbar, daß ganze Scharen von Menschen, mit Stöcken und Schießwaffen versehen, unter Anführung soge­nannter Freiheitsmänner und unter Vorantragen von Fah­nen, Freiheitslieder singend, durch die Straßen zogen.

Die erste allgemeine Volksversammlung, die in der offenen Neitbahn auf dem Brand abgehalten wurde, faßte den Beschluß, daß der sehr verhaßte polizeirat Zulehner, der sein Amt mit übermäßiger Strenge und vielleicht auch mrt etwas Willkür verwaltet hatte, nebst zweien seiner ebenso

verhaßten polizeidiener binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen habe. Vieser Beschluß wurde mit aller Pünktlichkeit ausgeführt, und keiner von den drei Herren hat sich je wieder in der Stadt sehen lassen.

hierbei muß bemerkt werden, daß man in einem Polizei­staat gelebt hatte und daß Uebergriffe von Polizeiorganen durchaus nichts seltenes waren.

Am 6. März erschien eine Proklamation von Großherzog Ludwig II. an sein Volk. In dieser wurde der Erbgroßherzog (später Ludwig III.) zum Mitregenten ernannt. Das Mini­sterium Faup wurde durch den als volksfreund bekannten und später zum Präsidenten der deutschen Nationalversamm­lung in Frankfurt erwählten Heinrich von Gagern ersetzt. Außerdem wurde darin volle Preßfreiheit zugesichert, das Schwurgerichtsverfahren sollte eingeführt werden, und der Errichtung einer Bürgerwehr wurde zugestimmt. Diese Pro­klamation ist dann gegen Abend durch den Bürgermeister vom Nathaussaale aus einer dichten Volksmenge, die sich auf dem Marktplatze versammelt hatte, vorgelesen worden. Sie schien auf das aufgeregte Volk eine große Beruhigung ausgeübt zu haben,' denn dem Großherzog wurde eine große Huldigung gebracht, und die Menge ging befriedigt auseinander. Allein einige unruhige Elemente verstanden die Leute wieder auf- zuhetzen und die Leidenschaften zu schüren. Es erschien ein Zeitungsblättchen, genanntDer jüngste Tag". Auf dem Titelblatt zeigten sich zwischen den Strahlen der ausgehen­den Freiheitssonne Engelsgestalten, die mit Posaunen das herannahen des jüngsten Tages verkündeten. Der Nedakteur und zugleich Herausgeber war ein Herr, der schon früher als Nevolutionär in der Schweiz gewirkt haben sollte und der nun im Verein mit einigen Studenten, sehr begabten, aber politisch ganz unreifen jungen Leuten, mit verwirrten Lebens­anschauungen, unter dem Schutze der eben gewährten Preß­freiheit für die Aufwiegelung der Volksleidenschaften sorgte.

Unter der Führung dieser Herren wurden öfter Volks­versammlungen abgehalten und mitunter das tollste Zeug vorgebracht. So verstieg sich einmal ein junger, wegen seiner politischen Umtriebe bekannter Student dazu, den Groß­herzog wegen Hochverrats anzuklagen.

Ts ist leicht begreiflich, daß durch solche aufreizenden Beden und Schriften es nicht schwer fiel, eine bis dahin ruhig lebende Bevölkerung, der noch jeder Begriff von Volksrechten fehlte, aufs höchste zu erregen und sie zu Ausschreitungen jeder Art zu bewegen. Bei jungen, leicht zu Exzessen ge­neigten Leuten blieben denn diese Ausschreitungen nicht aus.

Zusammenrottungen mit der Absicht vor den Wohnun­gen mißliebiger Beamten Mißfallsbezeugungen und bei be­liebten Personen Ehrungen auszudrücken, wurden veranstaltet und mit allem nur denkbaren Lärm ins werk gesetzt, wer eine Feuerwaffe auftreiben konnte, benutzte sie ausgiebig,' man konnte schießen, wo man Lust hatte. Man sang das Heckerlied und ließ Nevolution und Nepublik hochleben.

Für furchtsame und kranke Leute war diese Zeit eine wahre Höllenqual, um so mehr, als die Polizei, die in­zwischen in die Hände der Stadtverwaltung übergegangen war, ganz machtlos geworden war und sich bei solchen Tu­multen gar nicht sehen ließ.

Lin Glück war es, daß die Bürgerwehr sich inzwischen organisiert hatte und jetzt den Wach- und Sicherheitsdienst in der Stadt übernehmen konnte. Zum Eintritt in die Bürger­wehr war jeder gesunde, waffenfähige, hier ansässige Bürger bis zu einem gewissen Alter verpflichtet,' Bekleidung und Ausrüstung mußte er sich jedoch auf eigene Kosten an-