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sogenannte Kaplanet, die heute noch steht und in welcher jetzt eine Wirtschaft betrieben wird.

Der zweite Stadtgeistliche, Pfarrer öonhard, trat we­niger hervor. Er verrichtete seine Amtshandlungen in ruhiger und gewissenhafter Weise und wohnte in dem alten psarr- hause hinter der Stadtkirche am Burggraben, das später bei der Durchführung der Kirchstraße nach dem Gswaldsgarten abgerissen und durch ein neues pfarrgebäude ersetzt wurde. Mit der Besorgung der pfarrgeschäste wurde wöchentlich abgewechselt.

An eigenartigen Gebräuchen, originellen Straßen­gestalten und anderem Merkwürdigen war in Gießen kein Mangel, es wäre schade, wenn das alles der Vergessenheit anheimfallen sollte.

Betrat man die Stadt durch eins der vier Stadttore, so hatte man dort stets den Kirchturm zur Linken, und jedesmal stand links von diesem die Kirche. Das galt als ein Wahr­zeichen von Gießen.

Alle Leichenzüge dursten nur über den Neuenweg zum Friedhof ihren Weg nehmen. Die sehr enge Schulstraße und die Neuenbäue blieb als Weg für die Verbrecher, die unter dem Geläute des Armensünderglöckchens zur Nichtstätte nach dem Trieb verbracht wurden, nachdem aus dem Marktplatz der Stab über sie gebrochen war.

Die Sterbefälle in der Stadt machte man nicht durch das Wochenblättchen bekannt, sondern die Leichenbitter sagten sie in feierlicher Weise in den Däusern an, baten zwar um Beteiligung bei der Beerdigung, fügten aber bei, daß der Auftraggeber sich alle weiteren Beileidsbezeugungen ver­bitte. Diese Formel mag insofern ihre Berechtigung gehabt haben, als in noch früheren Zeiten die Klageweiber in das Sterbehaus liefen und die Hinterbliebenen mit Weh­klagen belästigten.

Die nächtliche Straßenbeleuchtung ließ viel zu wünschen übrig. Mächtige Straßenlaternen mit dürftigen Gellichtchen hingen an quer über die Straße gespannten Seilen. Wenn Mondschein in dem Kalender stand, wurden die schwachen Lichtchen überhaupt nicht angezündet. Das trauliche Dunkel, das nun zuweilen herrschte, mag die Leute bewogen haben, ihre Plauderstündchen auf der Straße abzuhalten. An lauen Abenden brachten sie sogar Stühle und Bänkchen herbei, ließen sich vor den Häusern nieder undhielten den Nat".

Der Thurnmann Feldhaus, zugleich Turmwächter und Stadtmusikus, gehörte zu den stadtbekanntesten Persönlich­keiten. Beim Neujahranblasen zog er mit seiner Kapelle von Haus zu Haus und holte sich seinen Dbolus, eine Gerecht­same, die zu seinem Einkommen gehörte. Da er nun vor den Häusern derer, die ihn reichlicher bedachten, ein Stück spielen ließ, hatte er stets die ganze Straßenjugend als Ge­folgschaft. Die Schuljugend war ihm noch besonders zu­getan, weil er ihr das Schulglöckchen läutete, das ganz oben im Turm gehangen, den Beginn der Unterrichtsstunde anzeigte, aber auch schon eine Viertelstunde vorher zum Küsten ausforderte.Ihr Kinder, macht jetzt, daß ihr in die Schule kommt, es hat schon dreiviertel gekleppt", konnte man dann allenthalben hören. Bei seinem Nachfolger, dem Thurnmann Lauer, unterblieb das Neujahranblasen auf den Straßen, dasKleppen" wurde erst später eingestellt.

Tin ebenso bekannter und durch sein Amt gewichtiger Mann war der Ausscheller Moll. Alle öffentlichen Bekannt­machungen gelangten durch ihn zur Kenntnis der Einwohner, wenn er an seinem Standort erschien und seine Schelle er­tönen ließ, flogen alle Fenster in Hörweite auf, und jeder­

mann lauschte mit Aufmerksamkeit seinen Worten. Lei einer stets gewissenhaften Dienstführung war ihm das Amt von seinem Vater überkommen und ist auch später auf seinen Sohn übergegangen.

(Fortsetzung folgt.)

Lin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

von Hochstätten, das im Tale liegt, führt der weg aufwärts nach der pfälzisch-hessischen Grenze. Ls ist eine einsame, menschenleere Gegend, in der wenig Verkehr herrscht. Als ich das Dorf hinter mir hatte und die tief eingeschnittene Straße, die zwischen Weinbergen, Wald und Feld hindurch- führt, hinaufging, pfiff der herbstwind mir gehörig in das Gesicht, so daß ich meine Trompete unter den Arm nahm, den Nockkragen in die höhe klappte, und die Hände in die Hosentaschen vergrub. Die gut gefüllte Tasche hatte ich um­hängen. Die Unruhe, die mich schon auf der ganzen langen Lisenbahnsahrt erfüllt hatte, nahm zu, je mehr ich den Berg hinanschritt. Ich sah vereinzelte Leute auf den Aeckern damit beschäftigt, Nüben auszumachen und auf wagen zu laden. Knaben hatten Kartoffelkraut angezündet, daß der Nauch weit über das gebirgige Land dahinstrich. Die Weinlese war schon beendigt, die Nebstöcke trugen kein Laub mehr.

An der Grenze, wo der aus dem Tale aufsteigende Weg auf einmal zur kunstmäßig ausgebauten Landstraße wird, sah ich links, einsam von Feld und Wald umgeben, den Brück­locher und den Steiger Hof liegen und sah dann mit einem Male die ersten Häuser von Fürfeld auftauchen.

Schon hatte sich die Dämmerung herniedergesenkt, da fing ich an zu laufen, daß meine Tasche aus- und niederflog. Ich lief, bis ich in das Dorf gelangt war. Da es schon dunkel war, wurde ich von keinem Menschen angeredet, was mir sehr lieb war.

Das Tor zu meines Schwiegervaters hofreite stand offen, aber weder mein Schwiegervater noch meine Schwie­germutter waren zu Hause, offenbar waren sie auf dem Felde beschäftigt. Nasch war ich die Treppe hinaufgeeilt, da drang aus unserer Schlafstubentür mir ein Duft wie von Kamillentee entgegen. Ich klinkte, ohne anzuklopsen, auf, und hilf Himmel! da lag Lina blaß und matt im Bett, und vor dem Bett saß die alte Frau hartnagel, dasAmmenbäschen" von Fürfeld, hatte ein neugeborenes Kind auf den Knien und einen großen Schwamm, mit dem sie das Kind wusch, in der Hand. Als sie mich sah ich muß wohl sehir ver­wundert die Augen aufgerissen haben sagte sie, indem sie nach ihrer Gewohnheit vor sich hin kicherte:Gelt, da hat der Storch einen kräftigen Bub in das Haus gebracht."

Ts war doch von mir unüberlegt gewesen, so ganz un­angemeldet nach Hause zu kommen; denn ich merkte, daß Lina bei meinem plötzlichen Eintreten erschrocken war. Aber sie hatte sich rasch gefaßt und sagte, während ich ihre Hand noch festhielt, mit glücklichem Lächeln:Ls ist doch gut, daß du da bist, Peter, ich habe in den letzten Wochen so verlangen nach dir gehabt, vorgestern um y U v r ist unser kleiner Bub angekommen."

Da dachte ich nach und fand, daß das um dieselbe Zeit war. da ich in derGroote Kerk" zu Haarlem den Brief Linas gelesen hatte. Ich dankte Gott, daß alles so glücklich gegangen war und ich nach gewinnbringender Arbeit mich zu Hause bei meinem Weibe und nun auch bei meinem Kinde befand.