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Der erste dieser beiden Briefe stammt von einem Sani- lätsgefreiten und beschreibt in folgender Form den heiligen Abend:
„Nachdem wir schon am Vorabend in unserer Korporal- schaft Weihnachten gefeiert hatten, wobei die von der Kriegs- fürsorge Frankfurt gestifteten Gaben verlost wurden <ich bekam ein Hemd und eine Pfeife), brach der 24. Dezember mit rechtem Weihnachtswetter an,' es war festgefroren und es lag etwas Schnee. Ueberall sah man Soldaten mit den weihnachtsbäumen aus dem Wald kommen. Die letzten Hauptvorbereitungen wurden überall getroffen, so auch in meinem Ouartier. Ich liege nicht bei meiner Korporalschaft, sonder» bei der 6., weil diese am nächsten bei den Pferden liegt; denn als Führer eines Krankenwagens mutz ich immer in der Nähe meines Fahrers und der Pferde fein. Unser Ouar- tier wurde zuerst einer gründlichen Ueinigung unterzogen. Die wände wurden mit Tannengrün geschmückt, und der Lhristbaum mit dem letzten Schmuck behängt. Nachdem alles in schönster Ordnung war, begann um halb fünf der erste evangelische Gottesdienst. Der Eindruck, den das herrlich mit Tannengrün und Girlanden, mit vielen Sichtern besonders am Altar geschmückte Kirchlein machte, war überwältigend, besonders als die beiden mächtigen Thristbäume rechts und links vom Altäre aufflammten. Die Kirche war überfüllt vom höchsten General bis zum jüngsten Freiwilligen. Auf aller klugen lag Weihnachtsfreude, trotzdem gerade in dieser Stunde die Kanonen am heftigsten donnerten,' denn es wurde, wie es auch im Jahre 1870 geschah, ein Angriff der Franzosen für die Feiertage erwartet. Deshalb war auch bei uns alles in höchster Alarmbereitschaft. Die Feier wurde durch ein Doppelguartett verschönert. Ein Stabsarzt spielte das Harmonium, später brachte eine Artilleriekapelle ihren Offizieren ein schönes Weihnachtsständchen/'
„Die Feier in unserem Ouartier war auf 9 Uhr fest- gesetzt, wir hatten unsere Offiziere dazu eingeladen, die sich auch pünktlich einfanden. Nachdem wir uns um den brennenden Daum gruppiert hatten, leitete ein Kamerad die Feier mit einem Gebete ein, hierauf sangen wir gemeinsam unter Diolinbegleitung das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht", worauf derselbe Kamerad das Weihnachtsevangelium verlas. Daran knüpfte er eine kurze Ansprache, und unser Ouartett sang: „O, du fröhliche, o, du selige, gnadenbringende weih- nachtszeit." Dann sprach ein anderer Kamerad einige Worte, und mit dem Liede „fjarre, ineine Seele" wurde die Feier beschlossen. Nachdem unsere Herren Offiziere unsere inzwischen mit der Feldpost eingetroffenen Herrlichkeiten besichtigt hatten, schieden sie von uns mit kräftigem Händedrucke. Noch lange satzen wir nachher bei einem gute» Glase Grog zusammen, in Gedanken bei unseren Lieben in der Heimat. Nachdem in dieser Nacht der erwartete Angriff der Franzosen nicht eingetroffen war, brachte der erste Feiertag noch fröhlichere Gesichter, weil die großen Weihnachtspakete eingetroffen waren. Auch an diesem Morgen war ich wieder in der Kirche, alles lauschte in andächtiger Stimmung den Worten unseres tüchtigen Divisionspfarrers. Für den Nachmittag hatte die Kompagnie für die einzelnen Korporalschafte n vier besorgt, dazu bekam jeder noch Zigarren und Zigaretten. Auch dieser Nachmittag verlief in der schönsten Ordnung und Harmonie. Am zweiten Feiertag trat wieder der Dienst an uns heran."
weniger angenehm hat ein anderer junger Gietzener, der bei der Feldartillerie steht, den heiligen Abend verbracht. Er schreibt an seinen Pfarrer: „Als ich gestern abend aus der
Feuerstellung kam, war für mich Post da, und ich sah, datz Sie an mich gedacht hatten. Nun hat sich die heilige Zeit genaht, und immer noch müssen wir im Feindesland sein, anstatt in der Mitte unserer Lieben. Aber das alles wollen wir gern erdulden. Dieser schwere Krieg ist uns vollständig aufgezwungen worden, und nun wollen wir unseren Feinden zeigen, mit wem sie es zu tun haben, wir leben in der festen Hoffnung, wenn es uns auch diesmal nicht gegönnt ist, das Fest in der Heimat zu feiern, wir es das nächstemal doch zu Hause feiern können, mit dem stolzen Bewußtsein, den Sieg errungen zu haben, wir werden den heiligen Abend so gut feiern, als es in unseren Kräften steht, wir Kanoniere werden ihn in der Feuerstellung feiern, in unseren Feldwohnungen, weil der Franzmann einen Angriff gegen uns geplant hat. Das soll ihm aber übel bekommen, wir geben ihm sein Ehristkind, wenn er kommt, in Gestalt von Munition, an der es uns nicht fehlt. Ich sage Ihnen und Ihrer Familie meinen besten Dank für die Sachen, die Sie mir gesandt haben. Ich mutz schlietzen, denn die Tränen rinnen mir über das Gesicht, und das Heimweh kommt. Ich sende Ihnen und Ihrer Familie tausend Grütze, und hoffe, so es Gottes Wille ist, auf ein gesundes Wiedersehen im nächsten Jahre."
Datz man im Felde auch Weihnachtsgottesdienste gefeiert hat, die liturgisch reich ausgestattet waren, beweist uns ein Programm, das die Ueberschrift trägt „Kriegsweihnacht 1914 in Nesle". Gemeindegesang, Bibelworte und musikalische Vorträge wechselten hier miteinander ab. An musikalischen Vorträgen wurden geboten: Largo von Händel (Orgel, Violine, Gesang) und Meditation von Bach-Gounod (Orgel, üiolinc). Diese Feier ist ein Beweis dafür, datz der Deutsche überall, wohin er in der Welt kommt, sein weihnachtsfest nach deutscher Art zu gestalten versteht und datz jedem deutschen Truppenteile Männer von künstlerischer und musikalischer Bildung angehören.
Dos Leben in Stehen vor und währen- -er Volksbewegung in -en vierziger Zähren -es vorigen )ahrhnn-erts.
von h. h — r.
(Fortsetzung.)
Das kirchliche Leben bewegte sich in ruhigen und gemessenen Dahnen. INan hielt auf reine Sitten und strenge Kinderzucht und auf einen fleitzigen besuch des Gottesdienstes. Die Seelsorge übten Kirchenrat D. Engel und Pfarrer Lon- hard aus. Kirchenrat Engel war in Gietzen geboren und hat auch hier studiert, war also ein rechtes Gietzener Kind, bei seinen pfarrkindern war er sehr beliebt' denn er verstand es, diese richtig zu behandeln. Auf der einen Seite übte er strenge Zucht, und wenn sich jemand vergangen hatte, wußte er ihm sehr zu Herzen zu reden und ihn auf den richtigen weg zurückzuführen. Dagegen war er auch wieder recht nachsichtig,' er war ein Freund von gutem Humor und liebte das gesellige Leben. Seine Sprechweise hatte einen starken Anklang an die Gietzener Mundart, nur bei seinen Amtshandlungen sprach er hochdeutsch, jedoch mit einer ihm eigentümlichen vetonung und Aussprache. Mitunter verfiel er auch aus der einen in die andere Sprechrveise, besonders wenn er etwas erregt war.
Seine große veliebtheit als Seelsorger zeigte sich bei seinem 50jährigen Amtsjubiläum, an dem alle Schichten der Bevölkerung in herzlicher weise und mit großer Verehrung für ihn teilnahmen. Als erster Stadtpfarrer bewohnte er die


