Ausgabe 
25.11.1917
Seite
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Der Leidtragende ließ nachher auf das Grab ' einen Stein setzen mit der einfachen, aber ergreifen­den Inschrift:

Er starb für mich."

Es werden sicher wenige sein, die nicht durch diese kleine, rührende Geschichte bewegt werden. Aber, mein teurer Leser, wie wenige gibt es, die bewegt worden sind durch eine Tatsache, die noch viel wunderbarer und weit rührender ist! Die Heilige Schrift sagt:Größere Liebe hat niemand, als diese, daß jemand sein Leben läßt für seine Freunde." (Joh. 1b, 13.) Aber der HErr Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat Sein Leben für Seine Feinde hingegeben:denn wir sind, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt worden durch den Tod Seines Sohnes". (Röm. b, 10.) Ja, Er starb für Seine Feinde, Er starb für Sünder, für solche, die Ihn haßten und ver­folgten.

©ü; de und Feindschaft gegen Gott, siehe, das ist der Zustand, in welchem sich jeder Mensch von Natur vor Gott befindet. Und er ist auf dem Wege zu einem Richterstuhl, wo nicht menschliche, sondern göttliche Gerechtigkeit das Urteil fällen wird, wo der richtet, welcher Augen hat wie eine Feuerflamme, vor dem kein Sterblicher gerecht ist. So unmöglich es für den Menschen ist, seinen schrecklichen Zustand vor Gott zu verbessern, so unmöglich ist es auch für ihn, jenem gerechten Gericht zu entfliehen. Doch ein Erretter ist gekommen: Jesus, der Sohn Gottes. Er hat Sich selbst für den Sünder ge­opfert: Er nahm im Gericht vor Gott seine Stelle ein. Und nur Liebe hat Ihn dahin geleitet, nur Erbarmen gegen den Sünder Sein Herz bewegt.

Seit Jahrhunderten läßt Er diese frohe Bot- schüft dem Verlorenen verkündigen und ihn bitten, sich durch den Glauben an Sein Blut mit Gott versöhnen zu lassen, auf Seine Liebe und Sein vollbrachtes Werk völlig zu vertrauen. Kannst du, mein Leser, sagen, daß du ein solcher bist, den Er für Sich gewonnen hat? Kannst du sagen: Er starb für mich; und nicht nur starb Er für mich, sondern Er lebt auch für mich zur Rechten Gottes?" Und kannst du sagen:Auch ich bin in Ihm mitgestorben, und ich lebe jetzt in Ihm, dem Auferstandenen, und bin eins mit Ihm, dem Verherrlichten?" Glückselig ein jeder, der das m Wahrheit sagen kann!

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Aufgeschaut!

Du hast, geneigter Leser, sicherlich schon oft enier Beerdigung beigewohnt. Dann sahst du die Tränen der trauernden Angehörigen des Gestorbenen. Vielleicht hast du auch schon häufig wahrgenommen »der an dir selbst erfahren, wie der Schmerz immer größer wird, je mehr man sich in den Anblick des

Todes vertieft, indem man dann nicht allein mit den Augen in die dunkle Gruft schaut, sondern auch sein Herz an dieser dunkeln Todesstätte zurückläßt. Wie unsagbar traurig ist's einem solchen zumute, weiß er doch den Geliebten oder die Geliebte im finsteren Grabe, nicht eingedenk der herrlichen Hoff- nung des Lebens und des Wiedersehens. Ein solch Trauernder ist in Wahrheit zu bedauern.

Wir durchleben heute eine Zeit, in welcher der Tod reiche Ernte hält. Es sind nicht vornehmlich die Alten und Kranken, die er mitgehen heißt, son­dern meistens in der Blüte des Lebens stehende Männer. Hoffnungsvolle Söhne, treue, fürsorgende Gatten und Väter werden zu Tausenden in einem Nu dahingerissen.

Vielleicht ist der Tod auch in deine Familie eingekehrt. Ohne zu fragen, ohne sich vorher durch Krankheit anzumelden, riß er den Geliebten von deiner Seite. Aber ich möchte nicht deine Wunden neu aufreißen und deine Tränen neu fließen machen. Ich möchte dich nur zart fragen:Hast du den Blick der Trauer immer noch auf den jählings Ent- rissenen gerichtet, ohne Erleichterung und Trost ge- fanden zu haben?" Ach, ich fühle mit dir, und ich möchte meine Tränen mit den deinen vermischen. Es fällt uns ja auch oft so schwer, uns trösten zu lassen. Aber Trost müssen wir haben, besonders in einer Zeit der allgemeinen Trauer und der grauen, niederdrückenden Sorge, wie wir sie heute durch­zumachen haben.

Da denke ich denn an einen Abschnitt aus dem Worte Gottes, an Joh. 20, 1118. Es handelt sich darin um Maria Magdalena, die den HErrn Jesus innig als ihren Heiland und Erretter lieble, ja, deren Herz ganz Ihm gehörte. Er war ihr alles. Ohne Ihn erschien ihr das Leben öde und leer. Mit welch tieftraurigem Herzen stand sie an Seiner Gruft! Schon frühmorgens, als es noch finster war, hatte der Zug ihres liebenden Herzens sie dort- hin getrieben. Sie wußte dort den Gegenstand ihrer Liebe, der ihr Sein ausmachte, der allein ihr Herz ausfüllte. Dort war ihr Platz, wo Er war. Aber was nun? Sie fand die Gruft leer. Das Grab war nicht mehr der Platz ihres HErrn. Er war als der Fürst des Lebens auferstanden. Tod und Grab hatte Er überwunden. Maria wußst es nicht, konnte es auch wohl noch nicht wissen. Was tut sie? Geht sie traurigen Herzens wieder heim oder kehrt sie später mit den herzugerufenen Jüngern Petrus und Johannes wieder zurück? O nein! Sie kann sich nicht von Ihm trennen. Sie muß wissen, wo Er ist. Tiefbetrübt, weinend harrt sie dort aus. Ihre Liebe erlaubt ihr nicht, diesen Platz zu verlassen.

Wir lesen:Maria aber stand bei der Gruft draußen und weinte." Welche Liebe! müssen wir sagen. Sie erscheint uns größer als die Liebe der Jünger.