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Verlag der BucMiandlung der Pügjrmission Liehen.
Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel und die Prediger der Pilgermission. Druck von I. G. Oncken Nachfolger, G. m. b. H., Cassel.
Nr. 36. Sonntag, den 9. September 1917. 10. 3ahrg.
Kin HrinKer.
Es war eine blutige Schlägerei, in welcher Wilhelm Müller tüchtig mit drauflosgegangen war | Als Hauptbeteiligter wurde er von dem Gericht verurteilt, und während er die wohlverdiente Strafe hinter den Gefängnismauern verbüßte, hatte seine Familie mit Hunger und Kummer zu kämpfen. Das wußte er wohl! Sein mahnendes Gewissen klopfte jetzt, wo es nicht mit Bier und Branntwein betäubt werden konnte, recht mächtig; aber er wollte sich trotzdem nicht beugen. Er, der immer so stramm einhergegangen war, konnte doch nicht zugeben, daß er ein schlechter Mensch sei; man hatte ibn ia gereizt, und es war denienigen, die die Wunden bekommen hatten, ganz recht geschehen. Wilhelms Faust ballte sich jetzt noch, wenn er daran dachte, so daß es gut war, die Gefängnistür blieb verschlossen, und der Zorn, der in ihm gegen Kläger und Richter entbrannte, hatte Zeit, auf diese Weise erst ein wenig zu verrauchen. Sein Trost war, daß diese Zeit im Kerker ja auch endlich vorüberging.
Als der wieder Freigelassene eines Abends bei den Seinen eintrat, kamen die Kinder mit lauter Freude auf ihn zugesprungen, und auch ferne Frau begegnete ihm liebevoll. Sie machte ihm keine Vorwürfe. Das Töchterchen rückte ihm den zerbrochenen Stuhl iheran. damit er sich setze, und der kleine Joseph legte seine Arme zärtlich um des Vaters Hals, als ihn derselbe emporhob. Seine Wohnung war Müller lange nicht so armselig vorgekommen, als jetzt; er hatte früher gar nicht mehr darüber nachgedacht, wie kümmerlich es seiner Familie gehe, doch nun in nüchternem Zustand sah er es mit Schrecken ein, und er nahm sich vor, von jetzt an tüchtig für seine Familie zu arbeiten. Glücklicherweise fand sich in der Stadt auch Gelegenheit dazu, und der Tagelohn, welchen Müller erwarb, hätte Frau und Kinder Nivhl vor Hunger schützen können, wenn die alten Genossen dem arbeitenden Vater nicht eingeredet hätten, er, der solange jede Erholung habe entbehren
müssen, bedürfe von Rechts wegen einmal wieder einen Trunk, und wenn dieser erste Trunk nicht gar zu schnell wieder zum zweiten und dritten ge- worden wäre!
Wenn die Mitarbeiter zusammenlegten, um einige Liter aus dem nahen Wirtshaus holen zu lassen, so konnte er sich doch nicht davon aus- schließen, und mit Schrecken sah die Mutter den Ernährer ihrer Kinder wieder taumelnd nach Hause kommen, ebenso wie in der vorigen Zeit, wo das Trinken ihr fast alles gekostet hatte, was sie noch irgend an gutem Hausrat besaß Wenn Müller nüchtern war, so hatte er manche gute Eigenschaften; ec wollte nicht, daß die Kinder rn Ungehorsam aus- wüchsen, und während er ihre Unarten streng rügte, behandelte er sie sonst sehr gütig und liebreich. Namentlich hing der kleine Joseph dafür mit bc- sonderer Zärtlichkeit an seinem Vater, und er nahm sich alles zum Muster, was dieser tat. Wenn er sah, daß der Vater die Füße kreuzweise streckte, so mühte er sich ab. seine kleinen Berne ebenso zu ver- schränken, und wenn der Vater sich reckte, um bei geradem Gange die Betrunkenheit möglichst zu ver- bergen, so ging der kleine Bursche hinter ihm drein, um ihm womöglich jede Bewegung ebenso nachzuahmen „Vater, so rauchst du!" sprach er, nahm die lange Pfeife in den Mund und wußte sich so zu gebärden, daß Vater und Mutter laut lachen mußten.
Dies wäre alles noch gegangen, wenn der Kleine nicht angefangen hätte, dem Vater auch gar bald das Trinken nachzumachen. Mehrmals hatte er die Flasche gefunken, welche halb versteckt mit Brannt- wein in der Kammer stand, und ein Entsetzen wollte den Vater beschleichen, als er dies erfuhr. Aber es war ja unmöglich, das Trinken zu lassen, und in 'dieser Meinung spürte er auch keine Lust, einem Hausgenossen in die Bibelstunde zu folgen. Dort hatte' derselbe nämlich die Kraft gefunden, sein früheres Trinken aufzugeben, und er gab sich wieder- holt alle Mühe, seinen ehemaligen Sündengenossen


