Ausgabe 
13.5.1917
Seite
2
 
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Wie wird jein Entschluß würden?

O. was tjat der Aikuko! in unserem Volke angerichtet? Viele, viele DpU'i hat er jedes ^ahr gefordert. Viel Familienaluck hat er grausam und gründlich zerstört. Viele, viele Menschen bringt er um ihr ewiges Glück.

Bedenke es, teurer Leser! O. D.

K

Wo ist West? Wo ist Leid?

Folge mir,-lieber Leser, in die Seitenstraße einer

Vorstadt. .

Betreten wir zunächst Haus l. Unten :m Erd­geschoß wohnt der Arbeiter Müller. Laß dir von der Frau erzählen, was sie in ihrem Leben erlebte. Mck welchen Hoffnungen trat sie einst ins Leben der Ehe mit ihrem Manne! Aber alle Hoffnungen wnr- der vernichtet durch die Trunksucht des Mannes. Nach jahrelanger Trennung sind sie wieder zusammen- gezogen. Es scheint, als ob der Mann sich jetzt halten wird. Aber die Blüte des Lebens ist diesem sonst kraftstrotzenden, schaffensfreudigen Ehepaar für immer dahin verg-flet.

Ir- dem ersten Stock tritt uns eine Frau ent- gegen wob' mindestens sechzig Jahre alt. Ein hartes, ve bittertes Gesicht das sicher keine Miene verziehen würde wenn man ihr das Herz aus der Brost reißen würde Was brachte ihr das Leben? Sie ist eine tüchtig.. Frau, die ihre Kinder mit viel Arbeit und Mühe großgezogen hat, daß man sicher einen guten Kern in ihr vermutet. Aber wieviel Elend hat diese Frau gesehen! Ihren Mann hat sie sehr früh durch den Tod infolge Trunksucht verloren. Er hat sie hart, sehr hart behandelt. Die Sorge um Haus und Kinder hat er der Frau überlassen, und zum Lohn hat sie noch Mißhandlungen dafür erdulden müssen. Wo anderen Frauen vor Jammer und Herzeleid das Herz brechen möchte, am Sarge des geliebten Gatten und Varers der Kinder, da stand sie mit eisiger Miene und schleuderte dem Manne einen schauerlichen Fluch nach in die Ewigkeit. Entsetzliches Bild! Was hat er ihr hinterlassen? Zwei Töchter und einen noch jüngeren Sohn, der den Vater nicht mehr kannte. Eine Tochter ist im Bordell, die andere lebt in wilder Ehe mit einem Menschen, der ebenfalls trunk­süchtig ist und sie behandelt, wie einst ihre Mutter behandelt wurde. Ihr Junge ist noch nicht vergiftet, er ist ein braver Junge und ihr ganzer Stolz. Wünschen wir dieser Frau, daß ihr Lebensabend sie in ihrem Sohne für das entschädigen möge was das Leben ihr versagte.

Gehen wir eine Treppe höher! Eine noch junge, aber durch das Wohnen in feuchten Kellern von Gicht und Rheumatismus geplagte Frau tritt uns entgegen. Im Gegensatz zu der, die wir eben sahen, sieht sie aus wie eine Blume, die durch einen Frost in der Frühlingsnacht geknickt wurde und nun langsam

dahinwelkt. Ihr Leben ist ein dauerndes Hoffen und Enttäuschen. Den Bemühungen einiger Männer ge- lingt es, den Mann so ans kürzere Zeit mal wieder herauszureißen aus dem Sumpfe. Aber dann zieht s ihn mit magischer Gewalt wieder hinab. Die Zeit, wo der Mann nicht trinkt, ist für die Familie eine Festzeit, wo die verzagten Herzen von Gattin und Kindern dem Manne und Vater in neuer, hoffnungs- froher Liebe entgegenschlagen. Und wenn er dann eines Abends betrunken als Wüterich zu Hause an- langt, ohne Geld, ohne Liebe zu den Seinen, dann beginnt wieder die traurige Zeit.

Gehen wir zu ihrem Nachbar auf dem>elbeu Flur. Ein alter Mann wohnt dort. Sein Ideal ist der Schnaps. Seine einzige Sorge ist: Wie bekomme ich auf die leichteste Art und Weise einige Groschen, um Fusel zu kaufen. Es ist schwer, in diesem Menschen noch das Göttliche zu finden. Und doch, auch er war einst der Stolz seiner Eltern und deren ganze Hofs- innig Eines Tages wird man in den Zeitinigen lesen:Im Hofe der . . . straße fand man gestern

den Arbeiter ..tot in seiner Wohnung auf. Der

Mann war ein Alkoholiker. Die Leiche wurde ins Hafenkraukenhaus geschafft." Die Menschen lcsen's . flüchtig und hasten weiter. Es passiert ja soviel.

Gehen wir ins nächste Haus. Diese beiden jungen Leute mit dem kleinen herzigen Jungen müssen doch sicher glücklich sein. Leider sind sie nicht zu Hause! Die Frau geht sicher mit dem kleinen Jiiugen spazieren. Weit gefehlt! Der kleine Junge sitzt verdrossen bei den Nachbarskindern, und die Mutter geht auf Arbeit. Der Vater verbraucht von seinem schönen Wocheulohn über die Hälfte für alkoholische Getränke, und da mag es denn manch- mal recht traurig bestellt sein. Darum hat sich auch die Mutter aufgcmacht und verdient mit. Der Vater denkt, er kann nun noch etwas mehr vertrinken, da er jetzt nur einen geringen Zuschuß zu liefern braucht. Sie leben in wilder Ehe miteinander und werden nur durch äußerliche Bande notdürftig zusammen- I gehalten. Wenn man's mal schreien und poltern I hört in der Wohnung, so weih man, es ist Sonn­tag. Der Tag, der den Menschen zum Segen gesetzt ist, ihnen ist er ein Fluch. Welch eine Nachkommen­schaft müssen solche Eltern erzeugen! Hier wächst in aller Stille eine Brut auf, die eine furchtbare Geißel für die Menschheit werden wird. Aber die Menschen hasten weiter, es passiert ja soviel.

Ach, welch ein Anblick bietet sich beim Heraus- treten aus dieser Wohnung unseren Augen. Dort liegt mitten in der Terrasse eine betrunkene Frau. Um sie herum steht die Jugend und treibt ihren Spott. Es ist eine Mutter, der man die Kinder nahm und die ihrer Trunksucht wegen von ihrem Manne verlassen wurde. Arme Kinder! Und die Welt hastet weiter, es passiert ja soviel I

Wer kann hier helfen? Nur Der, der gekommen i ist, zu suchen und seligzumachen, was verloren tu-