Ausgabe 
15.4.1917
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der Todesangst. Ich führte in unzähligen Stürmen meine Leute tollkühn in prasselndes Gewehrfeuer; aber in meinem Herzen fraß das Grauen fort. Da war's am Abend eines heißen Kampftages. Todesmatt lag ich mit einigen Kameraden in einer Scheune auf dem Stroh. Es war ganz abendstill. Selbst der Geschützdonner hatte ein Weilchen ausgesetzt. Wir schwiegen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Da hörten wir plötzlich alle eine klare Stimme. Lauschend richtete ich mich halb auf. Es war draußen, auf der anderen Seite der Scheunenwand, die aus dünnen Brettern bestand. Dort betete jemand. Regungslos lauschten wir den Worten des Beters. Da lief mir's eiskalh den Rücken hinunter: Dort, jenseits der Wand, sprach ein Sterbender mit feinem Gott. Mit doppelt wachen Sinnen hörte ich hin. Ein grenzenloses Staunen packte mich: Aus den Worten des Sterbenden klang eine hohe Fröhlichkeit, von der Erde scheiden zu dürfen. Ich sah meine Kameraden an. In ihren Augen standen Tränen. Leise schlich ich mich hinaus. Ich suchte den Beter. Ich fand ihn. Da lag er lang ausgestreckt. Sein rinnendes Blut hatte einen dunkeln Ring um sein bleiches Haupt gelegt. Die Hände hatte er andächtig gefaltet. Jetzt sali er mich aus selig-heiteren Augen an. »Kann ich dir helfen, Bruder?« fragte ich ihn. »Ich danke dir, mir ist geholfen,« antwortete er mit ruhiger, sicherer Stimme. Ich kauerte neben ihm nieder, ich flüsterte ihm ins Ohr ach, ich schämte mich vor meinen drinnen lauschenden Kameraden: »Kannst du mir helfen?" Ein staunend fragender Blick prüfte mich. »Verzeih, Bruder, daß ich dein letztes Stündlein störe. Aber.« Und nun, Schwester, sprach ich in haltlosem Schluchzen aus, was ich solange in meiner Brust gekettet hatte, und erzählte dem sterbenden Kameraden von meiner Todesangst. Dann sagte der Sterbende mit so lieber Stimme, wie wohl kaum meine Mutter je zu mir sprach: »Kamerad, dir ist geholfen I In meiner Rocktasche, rechts, findest du ein Buch. Ich schenke es dir. Da ist deine Hilfe: Jesus!«_ Dann sagte er noch: Jesus, dir leb' ich, Jesus, dir sterb' ich, Jesus, dein bin ich tot und . . .« Beim letzten Worte brach die Stimme. Ein Seufzer noch. Ein deutscher Held war heimgegangen. Schwester, dort auf dem Tische liegt das Buch, das er mir schenkte, das Neue Testament. Mit Heißhunger las ich das herrliche Buch. Ich habe Jesum in Seiner herr­lichen Gnade kennen gelernt und Vergebung meiner Sünden erhalten. Mir ist wohl. Ich fürchte den Tod nicht."

Aus:Der Weltkrieg und die Liebe Gottes."

(Verlag I. Schergens, Bonn.)

K

Kott redet.

Kurzsichtiger Menschenwitz meinte letzthin in Deutschland, der gegenwärtige Krieg habe mit dem

Christentum gar nichts zu tun; er sei durchaus nicht religiöser, sondern rein politischer Natur. . So kann man nur reden, wenn man Gottes Rede im Kriegs­wetter nicht hört. Solange Gott der Lenker und Erfüller des Völkergeschicks ist, solange ist und bleibt sowohl das Friedens- als Kriegsgeschick eines jeden Volkes mit dem Walten des Allmächtigen verknüpft und nichts als eine Reihe steter Verantwortlichkeiten vor Ihm. Natürlich ist der gegenwärtige Krieg kein Religionskrieg im Sinne des blutigen Kämpfens um äußere Glaubensbekenntnisse. Gottlob, daß er das nicht ist l Denn solche Kriege sind dem Christentum am fernsten und für die Völker am nutzlosesten. Aber eben deshalb ist dieser jetzige Völkerkrieg viel mehr. In ihm erscheint Gott, um den Weg der Völker zu korrigieren. Ja, in ihm erscheint Christus, um die Größe des Abweichens von Seinen Geiste unter den sogenannten christlichen Völkern festzu­stellen. Ja, in ihm erscheint der verworfene Erlöser, der für uns gekreuzigte, gestorbene und auferstandene Gottessohn, der die Völker zur Buße ruft, che Er zum Gericht erscheint.

Christusverwerfung ist die tiefste Ur­sache all des blutigen Gemetzels! Hätten sie nicht den gottgesandten Friedefürsten, hätten sic nicht Jesum, den Bringer wah- ren göttlichen Lebens, verworfen, so hätten sie jetzt nicht diesen mörderischen Völkerkrieg, dieses Gottesgericht über reifgewordene Völker!linden. So ist und bleibt Christus das Schicksal der Völker, und je nachdem sie sich zu Ihm stellen, erfüllt Gott ihr Geschick zum Segen oder zum Fluch, zum Aufgang oder zum Niedergang. Denn in Christo allein er­reicht ein Volk seine Bestimmung und in der Übereinstimmung mit dieser Bestim­mung allein sein Heil. So wird Christus jedem Volke entweder Retter oder Richter, jetzt schon und einst endgültig.

Aber das Weltgericht steht noch ans. Nock hat nirgend ein zusammenfassendes End- gericht des heiligen und gerechten Gottes über die Sünden der Völker und der Ein­zelnen stattgefunden. Noch lualtet Gottes Langmut, die nicht verderben, sondern helfen will. Noch wirkt Seine Gnade in Christo Jesu, der der Weg für alle zum Vater ist. Und noch läßt Gott Seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Ja:

Noch sind die Gnadenpforteu Den Sündern aufgetan,

So daß man allerorten Zum Frieden kommen kann.

Noch kannst du Jesum finden,

Der die Gerechtigkeit

Und Heilung von den Sünden

Ans freier Gnave beut."

Aber wehe den Völkern und Einzelnen, die