oder vielleicht gar die Rückkehr in das Land ihrer Väter bringen wird?
Aus der schrecklichen Leidenszeit der Polnischen Juden, solange sie noch in russischer Gewalt waren, wird ein ergreifendes Erlebnis berichtet, das wie ein strahlender Stern aus all dem grauenhaften Dunkel dieser Schreckensherrschaft hervorleuchtet. In Kruschuk (Gouvernement Lublin) hatte ein Kosakenoffizier 200 Inden wegen angeblicher deutschfreundlicher Gesinnung verhaften lassen, um sie erschießen zu lassen. Der hochbetagte Rabbiner des Städtchens aber beschloß die Rettung seiner Volksgenossen und bat den Offizier kniefällig: „Hängen Sie mich, und möge mein Leben das Leben von so vielen meines Volkes auslösen!" Der Kosakenhauptmann nahm sein Anerbieten an und ließ ihn hänge,: vor den Augen der 200 zum Tode verurteilten Juden, die da ür in Freiheit gesetzt wurden.
Fürwahr, eine edle Tat dieses Rabbiners, der sich aufopferte für die ihm anvertrauten Seelen seiner Gemeinde! Er war kein Christ — die Decke, die vor den Augen Israels hängt, daß sie den Messias nicht erkennen, hing auch noch vor seinen Augen —, aber auf seine Tat läßt sich Dennoch das Wort anwenden : „Der gute Hirt läßt sein Leben für die Schafe." Vielleicht stand er auch wie manch anderer seiner Volksgenossen dem Gekreuzigten schon nahe und hat dessen Vorbild ihn zu ähnlicher Tat der- anlaßt. Wie dem aber auch sei, diese 200 Männer werden die Tat ihres Retters gesegnet haben und ihm lebenslang ein dankbares Andenken bewahren, und ihre Kinder und Kindeskinder werden sein Tun verkünden bis in die fernsten Zeiten.
Tausendfach geschieht jetzt freilich auch im Kriege Ähnliches. Die fünf oder zehn oder hundert oder mehr, die unter den aus deinem Orte in den Kampf gezogenen Kriegern nicht zurückkehren — für wen opferten sie sich? Sie starben nicht für sich allein, sie starben für mich und für dich, für die an ihrer Seite kämpfenden Kameraden, die unversehrt heimkehren dürfen, und für die ungezählten Scharen dcr^ daheimgebliebenen Männer und Frauen und Kinder^' Daß wir das doch nie vergessen wollten und der Dank dafür nie in unseren Herzen erkalten möchte! Vor allen Dingen müssen und wollen wir ihren Hinterbliebenen, die durch ihren Tod am schwersten getroffen sind, solchen Dank auf allerlei Weise zu erkennen geben, und würdig ihres Opfers wollen wir »ns allezeit erweisen in Worten und Taten, an denen Gott und Menschen ihr Wohlgefallen haben.
Aber alle diese Beispiele heldenmütiger Aufopferung eines Menschen für seine Mitmenschen reichen nicht heran und find nicht zu vergleichen mit jener herrlichen Tat der Aufopferung Dessen, der einst am Kreuze Sein sündloses Leben freiwillig im den Tod gab, um nicht nur etlichen Menschen oder einer Stadt oder einem Volke, sondern der ganzen sündigen Welt Heil und Rettung vor dem ewigen Ver- derben zu bringen. Er starb freilich nicht wie Sein
eingangs erwähnter Volksgenosse unter der teilnehmenden Liebe Seiner Brüder, für die Er Sich opferte, sondern unter ihren Flüchen und Verwünschungen als ein Ausgestoßener, als der Alleroerachtetste und Un- werteste, als ein von Gott Verlassener, dazu beladen mit einer ungeheueren, unausdenkbaren Sündenlast; denn „der HErr warf unser aller Sünde auf Ihn". Ja, „fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf Sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten Ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gewartet wäre. Aber Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt."
Wenn aber die Opfertat jenes Rabbiners beim Lesen dein Herz bewegte, obwohl du von seiner edeln Tat.gar keinen Vorteil und Gewinn hast, dann laß dich fragen, wie du dich bisher verhalten hast gegenüber der Licbestat deines Heilandes, durch dessen freiwilligen Opfertod eine ewige Rettung aus Verderben und Verdammnis auch für deine Seele stattgefunden hat? Weißt du das nur von Jugend auf durchs Hörensagen, ohne daß dein Herz von solcher Tat ergriffen wurde, oder ist diese Errettung schon durch eine beseligende Glaubenserfahrung dein unentreißbarer Besitz geworden? Hast du diese un- verdiente Gottesliebe hineinleuchten lassen in dein sündiges Herz? Hat sie es von allem alten, adami- tischen Wesen reinigen und es heiligen und weihen können zu einem Tempel des Heiligen Geistes, darin die Opferflammc heißer Dankbarkeit für deinen Gott und Heiland glüht? Wäre solches bisher noch nicht geschehen, dann laß dich erinnern und mahnen, deine vornehmste Dankespflicht ungesäumt zu er- füllen zu deinem ewigen Heile und Segen. Denn arm und glücklos sind doch alle die zu nennen, die sich durch Unglauben und Undankbarkeit und Welt- nnd Sündenliebe um diese kostbarste, beglückendste Erfahrung eines Menschenherzens bringen: sich von Gott geliebt und von Jesu erlöst und auserwählt zu wissen als Miterbe der Herrlichkeit des ewigen Lebens, der seine Lebensstraße zieht mit dem tief- empfundenen Bekenntnis:
„Mit dankbar liebeheißem Herzen Muß ich Ihm folgen Tag und Nacht,
Bis einst zum Lohne Seiner Schmerzen Er meine Seele heimgebracht In Seine Herrlichkeit dort oben,
Wo der Erlösten Lied und Loben
Erschallen wird in Ewigkeit
Ihm, der Sein Leben uns geweiht." G. H.
K
Wist du arm oder reich?
Wenn ich die obige Frage an dich richtete, mein Leser, hinsichtlich des Besitzes von zeitlichen Gütern, so würdest du mir vielleicht erwidern müssen: „Darauf ist schwer zu antworten; denn ich kann nicht sagen, daß ich reich, aber auch nicht, daß ich arm bin."


