Ausgabe 
13.8.1916
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In bet Strömung.

Es hatten, wie erzählt wird, einst mehrere hun­dert Menschen auf einem schönen Dampfschiffe eine Lustreise zum Niagarafall gemacht, denselben zu be­sehen. Abends bestiegen sie fröhlich wieder das Schiff, um stromaufivärts heimzukehren. Doch bald verstummte das muntere Gespräch, die Wangen er­blaßten, sprachloses Entsetzen malte sich auf allen Angesichtern. Der Maschinist hatte versäumt, für die nötige Dampfkraft zu sorgen. Alles Hinzuschütten von Kohlen genügte nicht. Das Schiff kämpfte, so­bald es in die starke Strömung des Flusses geraten war, vergeblich mit den brausenden Fluten, die, je näher dem gewaltigen Absturz des Falles, eine immer größere Kraft bekamen. Langsam, langsam treibt das Schiff rückwärts dem Wasserfall zu, dessen Getöse man mit furchtbarer Deutlichkeit hört. Da erinnert sich plötzlich der Maschinist, daß er noch einen Bor- rat von Öl habe. Er gießt denselben ins Feuer. Die Flammen lodern hell auf, der Dampf strömt kräfli- ger, das Räderwerk der Maschine bewegt sich mit verdoppelter Energie, die Schaufelräder schlagen mit neuer Kraft in das Wasser ein. Ein kurzer Still­stand des Schiffes infolge des Ringens der mitein­ander im Kampfe liegenden Kräfte ist das Erste, was auf Rettung hoffen läßt, dann eine langsame, kaum bemerkbare Bewegung vorwärts. Es ist ge­wonnen! Der Strömung entgegen arbeitet das Schiff sich durch, und lang und tief atmen die Ge­retteten auf.

Es gibt Abgründe, noch tiefer, noch gefährlicher als der Niagarafall, wenn man durch die Strömung hineingerissen wird. Und es gibt Strömungen, die mit sanfter, unmerklicher, aber immer unwidersteh­licherer Gewalt diesen Abgründen zuführen. Wie mancher vertraut sich ihnen an, nichts Arges ahnend, spielt mit ihnen zu seinem Vergnügen, bis er mit Schrecken zu spät erkennt, daß das Verderben ihn erfaßt hat und er verloren ist.

Jede Strömung, die von Gott abführt, reißt ins Verderben. Aller Warnung entgegen, hat schon mancher gesprochen:Man muß nur nicht zu weit gehen; man muß wissen, wann es genug ist und mau umkehren muß."Es gibt einen Punkt, da heißt's bei mir: Bis hierher und nicht weiter." Das ist eine Täuschung. Wie viele haben schon so gesprochen und nach kurzer Zeit dann gesehen, daß sie vom Strome weiter mit fortgerissen worden sind, als sie gedacht, und immer näher dem Abgrund ent- gegentreibeu, in welchem gar nichts mehr von dem übrigbleibt, was der Welt in Christo zum Heil ge­geben ist.

Hüte dich vor der gefährlichen Strömung, die dem Verderben entgegenführt I Sich ihr zu nahen, ist schon mit Gefahr verbunden. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um

Der Lästerer auf dem Meere.

Wir befanden uns," erzählt ein Matrose,in der Nähe der Insel Bornholm, und hatten am Tage gute Brise gehabt, die jedoch am Abend schließlich in einen der-stärksten Stürme ausartete. Der Kapi­tän hatte schon frühzeitig den Befehl zum Segel­bergen gegeben, und bei Anbruch der Finsternis trieben wir vor gerefften Segeln einher. Die See rollte über Deck und spülte einen Teil der Decklast, die aus Planken bestand, hinweg. In dem Logis waren die unteren Kojen unter Wasser, und wir mußten unsere Zuflucht auf das Deck nehmen. Naß bis auf die Haut und vor Kälte zitternd, standen wir in banger Erwartung, denn jeder Seemann, der die Ostsee befuhr, weiß, was es heißt, in dunkler Novembernacht bei starkem Sturme in der Nähe Bornholms zu treiben. Da kam der Befehl zum Wenden; doch das Wenden versagte, auch das Halsen, trotzdem wir noch das Vorstängestagsegel aufgehißt hatten. Das Schiff trieb unaufhaltsam dem Lande zu. Da trat der Kapitän zu uns und sagte, wir sollten uns auf alles gefaßt machen. Still nahm ein jeder von uns seine Mütze ab und befahl sich im Gebet Gott. Nur einer von uns, ein Dalmatiner, anstatt zu beten zu Dem, der allein jetzt helfen konnte, schimpfte und fluchte, verwünschte das Schiff und den Kapitän, nannte uns Betschwestern und alte Weiber und benahm sich in höchstem Grade ungebärdig in dieser so schweren Stunde, wo wir nur einen Schritt vom Tode entfernt waren. Da gab der Kapitän noch einmal den Befehl zum Wen­den, und mit Gottes Hilfe, die wir so inbrünstig angerufen hatten, gelang es uns, und wir brachten das Schiff immer mehr und mehr von der Küste ab. Gegen Morgen, als es hell wurde, bemerkten wir, daß der Dalmatiner nicht mehr unter uns war, und als wir uns nach ihm umsahen, fanden wir ihn ; schließlich zwischen Brustwehr und Planken voll­ständig zerquetscht eine Leiche. Soll ich be­schreiben, was dieser Anblick für einen Eindruck auf uns machte? Ich könnte es nicht. Nur einen Ge­danken und ein Wort hatten wir: »Das ist Gottes Gericht!«"

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Aer Mozeß.

Es war im Eisenbahnabteil dritter Klasse auf der Fahrt zwischen Posen und Kreuz im Jahre 1897, daß ein wohlgekleideter Mann einem eben ein­gestiegenen älteren Reisenden alsbald zu erzählen begann, er sei sehr unglücklich, denn er habe ein herrliches Landgut mit einem prächtigen Hause er­erbt, aber der Besitz werde ihm von neidischen Ver­wandten in einem Prozesse bestritten. Das Gericht habe ihn verhindert, von seinem Erbteil Besitz zu nehmen, so sei er nun arm statt reich. Er habe keine