Ausgabe 
16.7.1916
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Nerlag der Buchhandlung der Pilgermission Bietzen.

Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeit«:

Pfarrer Sperber-Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig u. d. Prediger d. Pilgermisston. Druck v. I. G. Oncken Nächst, G. m. b. H., Cassel.

Nr. 29. Sonntag, den

16. Juli 1916. 9. Iahrg.

Die Katastrophen neben dem Weltkriege.

Wie furchtbar diese Katastrophen waren, ist uns, deren ganzes Denken und Sinnen der Weltkrieg be­herrscht, wohl kaum recht zum Bewußtsein gekommen.

Nicht immer haben die Menschen so tief im Banne des Krieges gestanden wie wir heute.

Furchtbarer als alle Schrecken des Krieges war dem Altertum die Erinnerung an jenes entsetzliche Naturereignis unter der Regierung des römischen Kaisers Titus, das den hohen Ruhm des Eroberers von Jerusalem zu verdunkeln geeignet war, die Ver- schüttung von Pompeji und Herkulanum durch den Ausbruch des Vesuv im Jahre 79, der die beiden blühenden Städte samt ihren Bewohnern unter den Fluten der Lava begrub.

Überhaupt wurden im Altertum und auch noch im Mittelalter Kriegsereignisse längst nicht mit solcher Schwere empfunden, als wir für jene kriegerischen Zeiten anzunehmen geneigt sind, weil die persönliche Sicherheit des einzelnen auch im tiefsten Frieden immer noch recht zweifelhafter Natur war.

Was im Mittelalter noch viel mehr gefürchtet wurde als die Kriege selber, waren die Begleiterschei­nungen, die verheerenden Seuchen, die der Krieg ins Land trug, vor allem die Pest.

Von ihren Wirkungen sind die Chroniken des Mittelalters voll. Und die Verminderung der Be­völkerung Deutschlands während des Dreißigjährigen Krieges von achtzehn auf sieben Millionen ist zu einem größeren Prozentsatz auf diese Seuchen als auf den Krieg selbst zurückzuführen.

Erschütternd ist es, der Furchtbarkeit dieses Krieges eine Naturkatastrophe gegenüberzustellen, die gewiß nicht geringfügig genannt werden kann und doch angesichts der Heimsuchungen des Dreißigjährigen Krieges wie ein Nichts erscheint, den Ausbruch des Vesuv im Jahre 1631, der dreitausend Menschen das Leben kostete.

Die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die »sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt blutiger gestalteten,

wetteiferten förmlich mit großen Katastrophen, die die Menschen dahinrafften.

Lima, Lissabon, Kalabrien, Ekuador, Peru wur­den von Erdbeben heimgesucht, deren furchtbarstes, das von Lissabon im Jahre 1755, sechzigtausend Menschen hinwegraffte. Schneestürze in Tirol, Sturm­verheerungen in Oberitalien gesellten sich dazu.

Alle diese Opfer übertreffen jedoch die der Napolconischen Kriege. Kostete doch der russische Feldzug allein an fünfhunderttausend Menschen.

Aber das zwanzigste Jahrhundert scheint dem Kriege diesen Vorrang gegenüber den Weltkatastrophen sichern zu sollen.

Wohl schwerlich hätte in den ersten Kriegs­monaten des Jahres 1914 irgendein Ereignis ver­mocht, unsere Aufmerksamkeit vom Kriege abzulenken. Mit Beginn des Jahres 1915 setzte jedoch eine Reihe von Katastrophen ein, die die im Kriege be­fangene Welt, wenn auch auf Augenblicke nur, den Atem anhalten und sich besinnen ließ, daß es noch andere Schrecken als die Kriege auf Erden gibt.

Am 13. Januar 1915 wurden weite Teile Mittelitaliens, besonders das Bergland der Abruzzen, von einem schweren Erdbeben betroffen, dem zwanzig- bis dreißigtansend Menschen zum Opfer fielen.

Seine entsetzliche Wirkung erstreckte sich in ihren Ausläufern bis auf die Hauptstadt Italiens, Rom.

Genau ein Jahr später durcheilte eine neue Schreckenskunde die Welt. Die alte norwegische Hansestadt Bergen, eine Stadt von achtzigtausend Einwohnern, ward am 15. Januar 1916 ein Raub der Flammen. Sie brannte fast zu drei Vierteln nieder.

Ein Nationalunglück", so bezeichneten die nor­wegischen Blätter den Brand, der beinah hundert Millionen an Werten vernichtete und dreißigtausend Menschen obdachlos machte, ungerechnet derer, die ihren Tod in den Flammen fanden. Nur wenige Tage später erlitt die kleine norwegische Hafenstadt Molde ein gleiches Schicksal. Auch sie brannte zu einem großen Teil nieder.