Ausgabe 
9.7.1916
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und Paläste, wie die ärmsten Hütten können zahl­reiche verschiedene Beispiele davon erzählen, traurige und auch rührende.

Von letzteren aber war keins so einfach, wie das, das ein Mann vor einigen Jahren erzählte.

Liebe Freunde," sagte er,ich habe heute abend etwas über mein vergangenes Leben nachgedacht. Ich erinnere mich, daß ich, als ich noch ganz jung war, angefangen hatte, mein Elternhaus zu hassen, und ich bildete mir ein, ich wäre groß genug, um mich mit meiner Arbeit selbst zu erhalten. Ich ent­schloß mich, zu fliehen, und tat es auch. Ich wan- derte von Stadt zu Stadt unter tausend Ent­behrungen schrecklich leidend, aber ich blieb aus Stolz auf dem schlechten Wege und kam immer weiter vom Vaterhaus fort. Eines Abends, als ich in der Stadt P. war, hatte ich kein Geld mehr, ein Obdach zu bezahlen, und so legte ich mich auf die Schwelle eines Hauses, um etwas Schutz gegen den kalten Wind zu haben. Entkräftet schlief ich auch bald ein, aber nur, um plötzlich von einem Polizisten aufgeschreckt zu werden, der mich mit seinem Stocke anstieß und seine Laterne auf mich richtete und fragte, was ich dort mache.

»Ich habe mich hierhrrgelegt, um zu schlafen,« sagte ich. Meine Antwort genügte ihm nicht, denn er führte mich auf die Wache, wo ich angeklngt wurde, fremdes Eigentum verletzt zu haben. Da ich unfähig war, mich zu rechtfertigen oder etivas zu meinen Gunsten vorzubringen, wurde ich ins Ge- fängnis gebracht. In dieser Nacht, in meiner Zelle liegend, dachte ich an mein Elternhaus. . ., der Ge- danke an meine Mutter ließ mir keine Ruhe, so daß ich beschloß, sobald ich entlassen würde, mein Vaga- bundeuleben aufzugeben und in mein Elternhaus zurückzukehren. Bald schrieb ich meinen alten Eltern, um es ihnen mitzuteilen.

Ich blieb nicht lange gefangen, sondern bald wurde ich in Freiheit gesetzt. Sobald ich frei war, ging ich nach Hause. O, >vie oft hielt ich an und zögerte und fragte mich, ob meine Freunde mich

wohl willkommen heißen würden_ Endlich aber,

Zu bewegt, um weiter zu gehen, lehnte ich mich an eine Mauer, noch unentschlossen. . . . Plötzlich kam eine Frau vorüber, die mich gekannt hatte, sie sah mich scharf an, und sagte:

»Nicht wahr, du bist Wilhelm Peters?«

»Ja, das, was noch von ihm übrig ist.«

»Nun,« sagte sie, »du kommst nach Hause zurück?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte ich etwas beschämt.

»Ja, geh, deine Mutter ivird glücklich sein, dich wiederzusehen; übrig ns, du hast nicht mehr lange Zeit; sie ist sterbend; also mach schnell!«

Diese Worte _ trafen mich so, daß ich wie ein Verrückter auf unser Haus zulief. Meine Schwester war an der Tür. Groß war ihre Überraschung, noch größer ihre Freude. Plötzlich sagte sie zu mir: »Wil­helm, sei leise, Mutter ist so krank « Da zog ich

meine Schuhe aus und ging leise in das Zimmer, wo meine Mutter lag. Sie sah mich an: »Willy! Willy!« rief sie, nahm mich in ihre Arme und drückte mich an ihr Herz. Sie weinte Tränen des Glücks, über ihren zurückgekommenen Sohn.

O, dieser Empfang, dessen ich so unwürdig war, sprach zu meinem Herzen! Nur eine Mutter konnte mich so empfangen. . . . Und doch, bei einer anderen Gelegenheit, bei der ich viel tiefer gesunken war, empfing mich jemand, der nicht meine Mutter war, noch zärtlicher, mich, den zweimal verlorenen Sohn, am Tage, als ich als ein armer Sünder zu Christo kam. Er nahm mich an, vergab mir, rettete mich mich, der ich Ihn beleidigt und beschimpft hatte durch ein ohne Ihn gelebtes Leben, weit von Ihm entfernt in Sünde und Empörung."

Sieh, lieber Leser, Wilhelm Peters verbrachte einen großen Teil seines Lebens, ohne seine wahren Freunde zu kennen, er kehrte ihnen den Rücken und ging am Glück vorbei, das doch so nah war.

So geht es jedem, der weit entfernt von Gott ist. Gott liebt dich, lieber L ser, trotzdem du weit fort bist. Er möchte dich zu Sich ziehen durch das Blut Christi. (Eph. 2, 13.) Das Kreuz von Golgatha gibt ewig Zeugnis vom Haß Gottes gegen die Sünde, denn Er verbarg Sein Angesicht Seinem geliebten Sohne in dieser Stunde des unaussprech­lichen Leidens.

Doch liebte Er den verlorenen Sünder so,daß Er Seines eigenen Sohnes nicht schonte, sondern Ihn für uns alle dahingab." (Röm. 8, 32.) Kannst du dir den Retter am Kreuz vorstellen und mit Paulus rufen:Der Sohn Gottes, der mich geliebt hat, und Sich Selbst für mich hingegeben hat! ?" (Gal. 2, 20.)

Wilhelm Peters wurde so ausgenommen, wie er war, in seinen Lumpen, ohne Geld, ohne guten Ruf, denn es war Liebe, die ihn empfing.

Du, der du weit von Gott und auf dem Wege zum Verderben bist, Gott liebt dich in deinem Elend, und Jesus öffnet dir Seine Arme.Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen." (Joh. 6, 37.) Kannst du dieser Stimme gegenüber noch länger taub bleiben?

Komm zu dem Heiland, komme noch heut'I Folg Seinem Wort, jetzt ist es noch Zeit!

Er ist uns nah, zum Segnen bereit,

Und ruft so freundlich: komm!" L. U. F.

L

Angst.

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, * Ich habe die Welt überwunden." Joh. 16, 33.

Ja, das ist wahr: man kann in der Welt manchmal Angst bekommen. Es gibt Lagen im Leben, wo man nicht aus und ein weiß, wo man sich bange fragt: Wie soll ich hier durchkommen? Nicht nur