Das war eine entsetzliche Nachricht. Sie erfüllte denn auch die Herzen der Dorfbewohner mit Schrecken und Angst. Die Gesichter der abgehärteten Gebirgssöhne wurden blaß, die Frauen rangen verzweifelt ihre Hände, als sie hörten, daß nach der Meinung des Fremden das furchtbare Ereignis wohl schon bald eintreten könne; und als die Dunkelheit hereinbrach, drang aus vielen Hütten Seufzen und Jammern in die stille Nacht hinaus. Aber als der nächste Morgen dämmerte und die Sonne mit ihrem strahlenden Licht alles überflutete, als die Spitzen der Berge im Morgenlicht rot erglühten, da schaute der Roßberg, an den man die ganze Nacht hindurch mit Grausen gedacht hatte, wieder so friedlich und still auf Goldau herab, daß es fast lächerlich erschien, den Worten des Fremden Glauben beizumessen. Genau so wie alle die Jahre zuvor ragte sein Haupt stolz und unerschütterlich in den blauen Himmel empor. Der Fremde hatte bereits das Dorf verlassen, seine warnende Stimme war verhallt. Das gab schon vielen einen Teil ihrer Zuversicht wieder. Man begann, die Sache ruhig zu besprechen.
„Bah!" meinten einige, „Geschwätz und nichts anderes! Unser Berg, der seit Anbeginn der Welt steht, wird auch noch bis zu ihrem Ende aushalten. Narren müßten wir sein, wenn wir uns durck die Worte des gelehrten Herrn Generals aufregen ließen!" Andere unternahmen einen Aufstieg auf den Gipfel des Berges, um sich durch den Augenschein davon zu überzeugen, ob ein wirklicher Grund zur Beunruhigung vorliege. Sie kehrten zurück, zuckten die Achseln, wiegten fragend das Haupt, suchten dann, aber wieder ihre Heimstätten auf. Die Warnung des Fremden war ihnen allerdings nicht ganz grund- los erschienen, aber keiner traf Anstalten, sich vor der drohenden Gefahr in Sicherheit zu bringen. Dennoch machte sich eine gewisse Aufregung noch längere Zeit im Dorfe bemerkbar. Aber als die Tage vergingen und der Roßberg unverändert blieb, da wurden die Stimmen der wenigen, welche zur Flucht vor dem kommenden Verderben mahnten, immer schwächer. Es wurde Herbst, Winter, Frühling, wieder Sommer, aber noch immer hatte sich nicht das Geringste ereignet. Da wurden endlich auch die vorsichtigsten Warner, von den Ungläubigen und Gleichgültigen überstimmt, still. Die Worte des Fremdlings gerieten in Vergessenheit.
Die Jahre vergingen. Unbeweglich und mächtig stand der Roßberg da. Einige von den älteren Dorfbewohnern, welche die Warnung gehört und vielleicht auch am meisten zu Herzen genommen hatten, war n gestorben. Sie hatten friedlich ihre Tage in dem heimatlichen Dorfe beschlossen und waren ins Grab gesunken. Knaben, die sich seinerzeit ängstlich an die Seite ihrer Mütter geflüchtet hatten, waren zu starken Männern herangewachsen. Hier und da erzählten sie noch mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen von dem Schreckgespenst ihrer
Kindheit. Zwanzig Jahre waren gekommen und gegangen, seitdem die warnende Stimme des Fremden einen solchen Aufruhr in den Herzen der Bewohner von Goldau hervorgerüfen hatte. Alles war genau so geblieben, wie es gewesen war.
Ja, zwanzig lauge Jahre waren verflossen, und die Bewohner von Goldau sagten: „Friede und Sicherheit." Man schrieb das Jahr 1806. Es war ein nasses Jahr. Besonders der Monat August brachte ungewöhnlich heftige Regenfälle. Aber wer achtete darauf? Niemand dachte daran, daß der gelehrte Mann einst gerade von der Gefährlichkeit solcher Regengüsse gesprochen hatte. Da ertönte eines Tages ein furchtbares Krachen und Dröhnen, wie wenn ein lang unterdrückter Donner plötzlich losbricht, ein Dröhnen, das die umliegenden Berge in ihren Grundfesten erschütterte und die Erde erbeben machte. Mit unbeschreiblichem Getöse stürzte der mächtige Gipfel des Roßberges zusammen, in seinem furchtbaren Falle das unglückliche Goldau und zwei Nachbarörtchen unter sich begrabend. Der wundervolle kleine See, dessen klare Wellen so viele Jahre kosend seinen Fuß bespült hatte, wurde zuM großen Teil durch die gewaltigen Erd- und Gesteinsmassen ausgefüllt. Zahlreiche Häuser, Scheunen und Ställe mit vielem Vieh wurden verschüttet. Ja auch viele Hunderte von Menschen fanden in einem Augenblick einen plötzlichen, schrecklichen Tod; viele Hunderte unsterblicher Seelen wurden in einem Nu aus der Zeit in die Ewigkeit abgerufen, unerwartet und zum großen Teil sicherlich unvorbereitet. Furchtbares Ende!
Mein lieber Leser, machst du es nicht ähnlich wie einst die Bewohner von Goldau? Bist du nicht gleich ihnen gewarnt worden und zwar vor einem viel schrecklicheren Gericht, als sie getroffen hat, vor einem Gericht, dem Leib und Seele für alle Ewigkeit anheimfallen werden? Ist dir nicht gesagt worden, daß auch über deinem Haupte ein drohendes Verderben schwebt, ähnlich wie bei den armen Bewohnern jener drei Schweizerdörflein? Sicher, es ist so gewesen, und doch hast du dich bis heute nickst darum gekümmert!
Der Goldauer Bergsturz war ein furchtbares Ereignis. Man redet noch heute, nach hundertund- zehn Jahren, mit ernsten Gefühlen davon. Aber was ist er im Vergleich mit den furchtbaren Ereig- nissen des Tages des „Zornes des Lammes", welcher über alle kommt, die Seine Gnade verachtet haben? An jenem Tage werden alle diejenigen, welche heute Seiner freundlich einladenden Stimme ein taubes, gleichgültiges Ohr zukehren, in Furcht und Entsetzen die Berge anflehen, sie zu bedecken; sie werden das schreckliche Schicksal Goldaus suchen, nur um noch weit Schlimmerem zu entgehen. Aber vergeblich werden sie sich vor dem Angesicht Dessen zu verbergen trachten, der da kommt, um „die Kelter des Weines des Grimmes des Zornes Gottes, des All-


