Ausgabe 
16.1.1916
Seite
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Aerloren.

An einem kalten Sonntagabend des Monats Dezember eilte eine arme Frau durch die Straßen einer großen Stadt. Ihre Züge trugen einen solch verzweifelten Ausdruck, daß ich nicht umhin konnte, sie anzusprechen und nach dem Grund ihres Kummers zu fragen.

D," schluchzte sie,ich habe meinen kleinen Jungen verloren. Er ist heute mittag fortgegangen und seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Sein Vater und ich wissen keinen Rat. Ich bin jetzt auf dem Wege zur Polizei, um nachzufragen, ob er irgendwo gefunden worden ist."

Laßt mich mit Euch gehen," sagte ich zu der Frau, nachdem ich ihren Bericht vernommen hatte, und zusammen eilten wir zum Polizeiamt. Wir traten in ejnen großen, kahlen Saal, in welchem sich mehrere Polizeibeamte befanden. Wir gaben den Zweck unseres Kommens an, und ein Hoffnungsstrahl erhellte das Antlitz der gebeugten Mutter, als einer der Beamten in eine Ecke des Saales wies, wo auf einer Bank ein kleiner Junge lag. Er hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und schlief offenbar völlig ruhig und unbesorgt. Hastig eilte die Mutter auf die Bank zu, und ein Freudenschrei verkündete, daß sie den Gesuchten gefunden hatte. Glücklich ging sie mit ihrem wiedergefundenen Kinde nach Hause.

Ihr lieben Leser I Bleibt einen Augenblick mit mir bei diesem verlorenen Kinde stehen. Es lag in solch ruhigem Schlaf, es sah so gesund und blühend aus, und doch war es, wie es so dalag, verloren. Es hatte alles um sich her vergessen und schlief, als ob alles in Ordnung gewesen wäre; und doch bangten treue Herzen in großer Sorge um sein Wohl. Sagt mir, meine lieben Freunde, seht ihr nicht euer Bili^. in diesem Knaben? Lebt ihr nicht auch vielfach da- hin, unbekümmert um die Tatsache, daß ihr ver­loren seid, verloren inmitten in einer Welt, die euch nichts bieten kann, und fern von dem Gott, der euch liebt und rettende Hände euch entgegenstreckt? Das verlorene Knäbleiu fühlte nicht, daß es ver­loren war, sonst hätte es nicht so ruhig schlafen können; aber das änderte nichts an der Tatsache seines Verlorenseins. Geradeso steht es mit vielen, vielen Menschen; sie sind verloren und fühlen es gar nicht. Aber sind sie deshalb weniger fern von Gott als andere? Sind sie nicht Sünder, verlorene Sünder, wie alle übrigen? Es steht geschrieben: Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig sei; da ist keiner, der Gott suche. Alle sind abgewichcn, sie sind allesamt un­tauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tue, da ist auch nicht einer." Es ist also eine unbestreitbare Tatsache, daß der Mensch verloren ist und der Er- rettung bedarf, mag er es fühlen oder nicht.

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Werloren und gefunden.

Vor einigen Jahren bat mich eine Dame, einen Verwandten von ihr zu besuchen, einen alten Mann. Ich sagte:Es ist mir unmöglich, ich habe in den nächsten Tagen mehr zu tun, als ich ausführen kann." Sie bat noch dringender. Ich kannte den Mann nicht und sagte:Nein, es hilft Ihnen nicht?, ich kann nicht, ich kann unmöglich noch etwas über­nehmen, da ich schon über mein Vermögen zu tun habe." Sie war sehr enttäuscht und wollte jemand anders bitten. Am Tage darauf kam sie wieder: Herr Doktor, ich möchte Sie noch einmal dringend bitten, diesen Mann zu besuchen; nicht allein, weil er krank ist. Er geht in der Stube hin und her und ruft: »Ich bin verlorenI»" Als sie mir dies erzählte, sagte ich:Ich will zu ihm gehen." Der Mann erwartete mich. Ich hatte ihn früher nie gesehen. Er lud mich ein, mich zu setzen, und setzte sich einen Augenblick zu mir, aber schnell stand er wieder auf und fing an, auf und ab zu gehen, von einer Ecke des langen Zimmers zur anderen. Ich sah, daß schon ein Weg auf dem Teppich abgenutzt war. Er war so drei Monate lang Tag und Nacht auf und ab gegangen, fast ohne zu schlafen, beständig rufend:Ich bin verloren I" und zwar so laut, daß die Nachbarn es hörten. Sie wußten, daß er den Verstand verloren hatte, und baten dringend, daß er in eine Anstalt gebracht würde.Ich bin verloren!" sagte er auch jetzt wieder auf seinem Gang durch die Stube. Ich fragte:Warum gehen Sie immer auf und ab?" Er ging an mir vorbei und sagte mit lauter Stimme:Ich bin verloren!" Ich ant­wortete:Das freut mich!" Er wandte sich plötz­lich um, sah mir starr ins Gesicht und kreischte beinahe:Darüber freuen Sie sich?"Ja, mein Herr".Daß ich verloren bin?"Ja."Warum freuen Sie sich, daß ich verloren bin?"Weil," antwortete ich,Jesus kam, die zu erretten, die verloren sind, darum freue ich mich!" Auf meine Bitte setzte er sich jetzt neben mich. So wie es der Heilige Geist mir eingab, erzählte ich ihm von Jesu. Er hörte zu wie ein Kind. Wir beugten zusammen die Knie, und er lieferte sich Gott aus und hat nie wieder gerufen:Ich bin verloren!" Sein Verstand war zurückgekehrt, sein Herz war froh geworden. Er wußte nun, daß er ein ver- lorener, aber auch ein begnadigter Sünder war. Ja, Jesus ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist. Or. F.

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Die Sonntagsschule

war beendet, und ich wollte den Saal als Letzter verlassen, als ich noch einen Knaben bemerkte. Auf meine Frage erzählte er mir, daß er nicht mehr wisse, wo er wohne. Die Eltern hatten kurz vorher ihre