Nr. 205 Drittes Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
grettag, 3s. August 1934
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Das VoN wacht auf
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Grundstück erworben haben, denen aber zum Bauen
nerlich ist blüht, der künftige Siedler wird Eigentümer eines gestimmt, viel zu hoch bezahlten Grundstücks. Gerade deshalb
er nicht mehr in der Lage, den Bau zu finan-
wemgstens eine kleingärtnerische Nutzung möglich,
möglichen, sind die Heimstättenämter der NSDAP, geschaffen worden; sie beraten den Siedler und
ganz abgesehen davon, daß er meist nicht die Sachkenntnis hat, um die Bodeneignung für die Gartenkultur zu beurteilen. Alles in allem: Das Eigenkapital ist verbraucht, das Grundstück liegt brach, und nach wie vor muß irgendwo in der Stadt Miete bezahlt werden.
Es ist klar, daß dieser Weg nicht der richtige ist. Das nunmehr für das nackte Grundstück veraus-
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ist ein Besuch des Schiffenberg vorgesehen, von 16 Uhr an wird sich ein gemütliches Beisammensein im Caf6 Leib anschließen.
Das Amt für Kriegsopfer, NSKOB., Bezirk Gießen, gibt bekannt, daß am kommenden Sonntag etwa 300 Schwerkriegsbeschädigte aus Stadt und Kreis Marburg mit ihren Ange-
Nicht lärmend und polternd geht er von uns, sondern still und weich. Die Ferne verschwindet. Die Wälder auf den Bergen rücken ganz nahe zu uns. In matten Gold- und Silbertönen schimmert das Gefilde. Die roten Beeren der Eschen am Wald- . rande leuchten noch einmal auf. Die letzten Strahlen der Sonne scheinen durchs Gezweig. Es ist beinahe so wie im Monat Mai. Wenn das Licht aber
1000 Trachtenträger aus allen Gauen Deutschlands wirken bei diesem Festspiel mit.
Die Ausstellung von Iagdpässen in Hessen.
Natürlich ist auch unsere hessische Landschaft vertreten durch die weithin bekannten Trachtengruppen unter Führung unseres oberhessischen Mundartdichters Georg Heß aus Leihgestern. Mit 32 Trachtenträgern aus dem Hüttenberg, von Watzenborn-Steinberg, aus der Marburger und Schlitzer Gegend, von der Schwalm, der Rhön und von Katzenberg (Kreis Alsfeld) wird Georg Heß unseren Heimatgau vertreten und sich am Festspiel beteiligen.
Nach dem Festspiel sind Einzeldarbietungen der deutschen Trachtengruppen vorgesehen auf der Zeppelinwiese, wo zu diesem Zweck große Podien aufgerichtet worden sind. Bei dieser Gelegenheit wird unsere hessische Trachtengruppe mit unseren schönen alten Heimat- und Volksliedern aufwarten.
So nutzt der Reichsbund Volkstum und Heimat den Nürnberger Parteitag, um die Idee b o d e n - ständigen Volks- und Brauchtums auf die Hunderttausende wirken zu lassen, die sich dort um den Führer scharen.
Daten für Freitag, 31. August.
1821: der Naturforscher Hermann von Helmholtz in Potsdam geboren (gestorben 1894); — 1921: der Generalfeldmarschall Karl von Bülow in Berlin gestorben (geboren 1846); — 1933: Göring erhält den Charakter eines Generals der Infanterie; — Reichswehrminister von Blomberg zum Generaloberst ernannt.
das Geld fehlt; das Heimstättenamt soll helfen.
Es ist verständlich, wenn derjenige, der zur Scholle zurück will, erst einmal ein Grundstück kauft. Aber dieser Weg ist in den seltensten Fällen der günstigste. Dadaurch, daß Tausende und aber Tausende Volksgenossen versuchen, ein möglichst gut Öenes Grundstück zu erwerben, entsteht große
, frage. Die Preise steigen, der Bodenwucher
auf das dunkle Laub fällt, dann siehst du schon die Uebergangstöne. Ist es nicht so, als ob schon unter der Asche rotes Feuer glüht? Noch sind die bunten Farben nicht erkennbar, nur einzelne Blätter beginnen sich zu röten.
Venn du so dahinwanderst und diese zarten Wunder in dich aufnimmst, dann umfächeln dich noch einmal die Freuden des Sommers. Du bleibst ergriffen stehen und horchst in die stille Natur hinaus ...
Bis der Abend kommt und sich wie ein blauer Schatten über die Landschaft legt...
Seufzend in geheimer Klage streift der Wind das letzte Grün: und die süßen Sommertage, ach, sie sind dahin, dahin! (Storm)
Siedlungsanwärier, Vorsicht beim Grundstückskauf!
Die Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda teilt mit:
Die Not der Großstadt hat in Tausenden die Sehnsucht nach eigener Scholle geweckt. Nach einem, wenn auch noch so kleinen Stückchen Land geht die Sehnsucht des arbeitenden Menschen. Damit dieses gesunde Drängen zum Boden nicht von der Spekulation ausgebeutet wird, sondern zu Ergebnissen führt, die den Siedlern wirtschaftlichen Aufstieg er»
Die Fachschaft Volksschule des NSLB., Kreis Gießen, veranstaltet am morgigen Samstag ab 15.30 Uhr im Hotel Köhler zu Gießen eine Besprechung der Bezirksarbeitsleiter. Aus Gießen nehmen die Arbeitsleiter sämtlicher Schulgruppen an der Besprechung teil.
3n drei Sonderzügen nach Frankfurt.
Oberhefsische Hitlerjugend und Jungvolk fahren zum „Tag der hunderttausend".
Heute, Freitagabend, verlassen drei Sonderzüge den Gießener Bahnhof, um die oberhessische Hitlerjugend nach Frankfurt zu bringen. Um 22.14 Uhr fährt der erste Zug, der von Alsfeld kommt, weiter. Der Zug, mit dem der Bann 116 Frankfurt erreicht, fährt in Gießen um 22.56 Uhr ab. In diesem Zug fahren von Gießen Unterbann I, Unterbann II (Großen-Buseck); von Lich: Unterbann III Watzenborn-Steinberg und von Großen-Linden der dortige Unterbann IV. Dieser Zug, der über Hanau geleitet wird, kommt furx vor 24 Uhr in Frankfurt (Ostbahnhof) an, worauf der Bann geschlossen zu dem Lager am Ostpark marschiert, um dort für die Nacht Quartier zu beziehen.
Der Sonderzug des Jungvolks fährt in Gießen um 20.25 Uhr ab. Der Jungbann 1/116, der mit diesem Zug nach Frankfurt kommt, marschiert sogleich in das Jungoolk-Lager am Huthpark.
Vorsicht bei der Entrümpelung der Böden!
Angesichts der zur Zeit in großen Teilen des Reiches von örtlichen Stellen durchgeführten Maßnahmen zur Entrümpelung der Böden wird darauf hingewiesen, daß diese Entrümpelung keinesfalls zu einer Vernichtung wertvollen alten Schriftgutes, von Bildern, Büchern, Briefen, Karten und Zeichnungen führen darf, wie sie vielfach, oft ohne Wissen des Besitzers, als unersetzliche Quellen für die Geschichtsforschung im allgemeinen, wie die Heimat- und Sippenforschung im besonderen auf Böden lagern. Zwischen dem Reichsluftschutzbund, dem Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und dem Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsministerium des Innern ist vereinbart worden, daß die Räumung der Böden im Hinblick auf diese Gegenstände mit größter Vorsicht erfolgen soll. Gegen ordnungsmäßig aufgestellte Bodenregistraturen kann von feiten des Reichsluftschutzbundes nichts eingewendet werden. Für die Auf-
Auf Grund des § 66 des Reichsjagdgesetzes hat der Hessische Staatsminister mit Zustimmung des Reichsjägermeisters angeordnet, daß für die Ausstellung von Jahresjagdpässen in Zukunft nur noch das Kreisamt zuständig ist, in dessen Bezirk der Antragsteller seinen Wohnsitz, oder falls er in
gabte Geld wäre bei Eignung des Siedlers und unter Zuhilfenahme von Hypothekengeldern evtl, eine ausreichende Grundlage für den Aufbau einer Siedlerstelle mit Haus und Wirtschaftsräumen gewesen. Das Eigengeld hätte zudem, richtig eingesetzt, zusammen mit den ersparten Mieten die Bauwirtschaft statt die Bodenspekulation befruchtet. Vor allem aber wäre der Siedler zu seinem Ziel gekommen.
Wer daher nicht über genügend Eigenkapital verfügt, der lasse seine Finger vom Ankauf eines Baugrundstückes und begnüge sich mit einem Schrebergarten! Wer aber genügend Eigengeld hat, der verausgabe dieses nicht für das nackte Baugrundstück, sondern hole zuvor Rat und Hilfe beim Heirn- ftättenamt ein.
Das Heimstättenamt Hessen - Nassau, Frankfurt am Main, Bürgerstraße 69/77, versendet auf Anfordern das aufklärende Merkblatt Nr. 6.
Hessische Heimattrachten auf dem Nürnberger Parteitag.
Antragsteller seinen Wohnsitz, Deutschland einen festen Wohnsitz nicht hat, seinen Aufenthaltsort hat. Für die Ausstellung von Wochen-, Tages- und Jnhaber-Jagdpäsien gelten weiter die Bestimmungen des Jagdpachtgesetzes vom 25. März 1929. Die Verordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft. Jahresjagdpässe, die nach dem Inkrafttreten der Verordnung von einer örtlich nicht zuständigen Stelle ausgestellt sind, sind ungültig und werden eingezogen.
dacht ist plötzlich in unferm Herzen, fast feierlich ist, blüht, der künftige Siedler wird Eigentümer eines uns zumute. So wehmütig sind wir gestimmt, viel zu hoch bezahlten Grundstücks. Gerade deshalb wenn ein guter Freund für lange Zeit scheidet. | ist er nicht mehr in der Lage, den Bau zu finan- Wir lachen noch und scherzen und wollen damit1 zieren. Kredit ist für ihn schwer zu erhalten, weil nur die letzten bangen Stunden verkürzen. Ganz sich die großen Geldgeber mit derartigen kleinen so will uns die Sonne in diesen Tagen täuschen. > Projekten nur ungern befassen. Das Grundstück Sie will es nicht wahr haben, daß ein heißer,' bleibt liegen, und nur im günstigsten Falle ist trockener Sommer zu Ende ist. wenigstens eine kleingärtnerische Nutzung möglich,
auf den Drähten ihre ersten Versammlungen. In einigen Tagen werden sie uns verlassen. Die andern Zugvögel werden folgen.
Und wenn du jetzt zur Abendzeit hinauswanderst in die stillen Fluren, dann fühlst du, wie sich alles zum Abschied rüstet. Deine Gedanken wandern rückwärts. Sonnige Tage, heitere Stunden ziehen noch einmal an deinem Auge vorüber. Eine An-
Aus der Proviuzialhaupiffadt.
Scheidender Sommer.
Uns Deutschen ist die Natur nicht nur äußere, sondern auch innere Heimat. Wir waren der Natur noch nie fremd, viele freilich sind ihr entfremdet worden. Das Leben ist oft hart und läßt uns vergessen, daß wir Freude und Glück nur draußen in Wald und Flur finden.
Jede Jahreszeit hat ihre besonderen Reize. Und wenn im Frühling die Bäume blühen und die Vögel sich vor Freude nicht zu lassen wissen, schauen wohl gar viele auf und nehmen für einige Augenblicke Anteil an der erwachenden Natur. Dann aber gehen sie wieder unter im Alltagsgetriebe. Die Sonne scheint, die Früchte reifen. Wenn die Blätter sich golden färben, merken erst viele, daß das Jahr zu Ende geht.
Aber schauen und beobachten, wie sich draußen langsam Glied an Glied fügt, wie sich nach ewigen Gesetzen Wachsen und Reisen im Jahreslaufe vollzieht, das haben viele verlernt. Und doch ist Naturverbundenheit ein Erbe unserer Vorfahren. Wir müssen es besser wahren. Denn hier sind die Wurzeln unserer Kraft, hier in der Verbindung mit der lebendigen Natur finden wir neuen Glauben, neuen Mut.
Die deutsche Kunst lebt in der Natur, sonst wäre sie nicht deutsch. Erinnern uns die gotischen weiten Hallen mit ihren aufstrebenden Pfeilern nicht an den grünen Dom des Waldes? Unsere alten Sagen und Märchen gründen sich auf Naturvorgänge, in den deutschen Volksliedern fingen die Vögel, blühen die Blumen, und die Bäume breiten ihre Zweige über der Menschen Leid und Lust aus.
Und so wollen wir auch jetzt in diesen Tagen hineinhorchen in die Natur, denn — von vielen unbemerkt — der Sommer will scheiden. Golden und sanft geht er zur Neige. Die Aecker sind leer. Der Erntesegen ist geborgen. Kalt schauen die kahlen Stoppelfelder uns an. Wo einst wogende Kornflächen sich leise im Winde bewegten, da wuchert nur noch kurzes Unkraut. Der Pflug geht wieder durch das Feld.
Die Sonne entfaltet noch einmal ihre ganze Kraft und läßt uns bei Tage vergessen, daß der Sommer scheidet. Es ist wie ein letztes Aufglühen. Aber in der Morgenfrühe liegen die ersten Nebel über dem Land, die Wiesengräser neigen sich von der Schwere des Taues. In den Gärten leuchten die Rosen, Astern und Dahlien. Die Sonne ver
goldet die ausgetrocknete Erde, und zu keiner Zeit! fördern das Siedlungswerk.
ist das Abendrot schöner als in diesen Tagen. Bald Täglich kommen nun Volksgenossen zu den Heimwerden die Sommerfäden fliegen und uns den Ab-; ftdttenämtern, die bereits für teures Geld ein schied des Sommers künden. Die Schwalben halten K
Das Programm des Nürnberger Parteitags wird eine wesentliche Bereicherung erfahren durch die -- ----— .....-
Mitwirkung des Reichsbundes V o l k s t u m j porigen in Gießen eintreffen werden, um hier und Heimat, der ein Festspiel „Deutsche! einige gesellige Stunden zu verleben. Für 13 Uhr Stämme unbStänbe" auffüfyren mirb. lieber """
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Vornan von Anny von panhnys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Siebentes Kapitel.
Etwas vor fünfzehn Uhr stellte sich die neue Klavierschülerin ein. Sie hängte ihren grauen Mantel an den Garderobehalter auf dem Flur und die weiße Mütze darüber, stand dann in einem blauen Tuchkleid von sehr einfachem Schnitt vor Frau Olden, die ihr die Tür geöffnet hatte. Trotz ihrer Einfachheit war Betty Zolsmann eine etwas auffallende Erscheinung, fand Steffi Olden. Vielleicht trug aber nur das sehr helle, naturblonde Haar die Schuld daran.
Sie ließ sie in das Musikzimmer eintreten, in dem ihr Mann eben bei der Verabschiedung einem Geigenschüler noch den guten Rat erteilte, in Zukunft etwas mehr zu üben.
^Der hoch aufgeschossene Junge griente ein bißchen, als wäre die Ermahnung zum Fleiß nur ein netter Witz, und flitzte davon.
Werner Olden wandte sich nun der Neuen zu.
„So — setzen Sie sich hierher, vor das Klavier, Fräulein Zolfmann!" forderte er sie auf. „Wir müssen uns vor allem erst mit den Tasten und mit Ihren zehn Fingern beschäftigen. Auch ein paar Noten sollen Sie kennenlernen."
Suse Beßler, die sich hier Betty Zolfmann nannte, gab sich große Mühe, recht aufmerksam zu fein, und so ging denn die Stunde langsam dahin. Die Tänzerin langweilte sich sehr; aber sie durste davon nichts merken lassen.
Endlich erhob sich ihr Lehrer und öffnete einen Kasten seines nahestehenden Schreibtisches, entnahm ihm einen neuen Notizblock, um auf eins der Blättchen den Titel der Klavierschule zu schreiben, die sich die neue Schülerin anschaffen sollte.
Auch Suse Beßler hatte sich erhoben, und lächelnd fragte sie:
„Ich bin ja wohl für heute fertig?"
Er nickte und schrieb, hatte den Schreibtischkasten nachlässig halb offen gelassen.
Suse Beßlers scharfe Augen entdeckten plötzlich etwas darin, was für sie ungemein wichtig war. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, daß sie jo ein fabelhaftes Glück haben könnte — schon jetzt, am ersten Tage ihres Spionagedienstes, zu entdecken, wo die Taler aufgehoben wurden, um derentwillen sie sich in das Haus hier hineingeschwindelt hatte. Dazu war sie ja nur hier, um für ihren Freund Merten auszukundschaften, wo der Musiker die von Merten so heiß begehrten Taler verwahrte. Und jetzt wußte sie es bereits. Einfach fabelhaft war das.
Doch nun hieß es, die Gelegenheit nützen; denn schließlich mußte sie immerhin mit der Möglichkeit rechnen, daß es sich hier um andere Taler handelte. Sie mußte die Münzen erst von ganz nahe sehen.
Sie rief scheinbar erstaunt:
„Oh, Herr Olden, Sie sind eigentlich recht leichtsinnig!" Sie zeigte auf den halb geöffneten Kasten. „Sie verwahren Ihr Geld sehr schlecht!"
Ihr kecker Mund, der gar nicht recht zu ihrer Art paßte, lachte ihn an — ihre kleinen, spitzen Zähne blinkten.
Eine hübsche Person!, stellte Werner Olden fest. So etwas ließ sich ja nicht übersehen, auch wenn man graues Haar hat und der beste Ehemann der Welt 'ist. Man lächelt eben auch, wenn ein frischer Frauenmund lächelt, und man ist auch unwillkürlich sonst freundlich.
So antwortete Werner Olden denn:
„Nein, Fräulein Zolfmann, mein bissel Geld hebe ich natürlich nicht so, für jeden Fremden leicht erreichbar, auf! Das Geld, das Sie hier sehen", er wies in die Schublade, „das Geld ist so gut wie wertlos, ist nichts weiter als eine Erinnerung. Kaufen könnte ich mir dafür nichts!"
Suse Beßler legte leicht die Hände zusammen. Es war eine bittende Bewegung, und ihr Augen- aufschlag war beinah kindlich.
„Ach, Herr Olden — bitte! Darf ich die Münzen nicht einmal ansehen? Ein Onkel von mir war Münzenhändler, und ich war glücklich, wenn ich manchmal in seinen Schätzen kramen durfte. Ich habe auch einiges von dem, was mir Onkel erklärte, behalten — und für Münzen habe ich seitdem ganz besonderes Interesse."
Er langte sofort nach den Münzen. Drei Stück legte er auf den Schreibtisch, faßte dann noch einmal in den Kasten.
„Hier sind noch zwei Taler, die ich meiner Frau und meiner Tochter als Broschen fassen ließ, und die sie meistens hier aufheben, wenn sie sie nicht tragen."
Da lagen nun fünf Taler, zwei davon mit Nadeln versehen, auf dem Schreibtisch vor Suse Beßler, die sie der Reihe nach nahm, betrachtete, und sich ganz dumm stellend, meinte:
„Das sind aber komische Taler — ich glaube, die sind sehr wertvoll, weil sie auf der Rückseite so sonderbare Buchstaben und Zeichen haben."
Werner Olden schüttelte den Kopf.
„Die sonderbaren Buchstaben und Zeichen entwerten die Taler eher. Nein, liebes Fräulein, die Münzen haben keinen anderen als Andenkenwert! Sie gehörten meinem Großvater, und der schliff sie wahrscheinlich selbst ab. Der Himmel mag wissen, warum er die Rückseite der Münzen so merkwürdig veränderte. Mein Vater hat in der Sache schon Nachforschungen gehalten — ich auch, aber ohne Ergebnis." Er zuckte die Achseln. „Ich wünschte, es wären gute, neuzeitliche Dreimarkstücke."
Sie nickte und lächelte:
„Gerade fünf Stück sind's."
„Es waren früher sechs", erklärte er. „Einen Taler trug ich immer an der Uhrkette, aber der wurde mir eines Tages im Gedränge am Main abgeknipst."
Sie legte die Taler wieder auf die Schreibtischplatte und sagte lächelnd:
„Na ja, solche wertlosen Taler können Sie natürlich unbesorgt aufheben."
Er reichte ihr den inzwischen geschriebenen Zettel.
„Also die Klavierschule besorgen Sie sich, Fräulein Zolfmann, bis zum Freitag, und wiederholen Sie sich inzwischen, was ich Ihnen heute erklärte!"
Sie nickte sehr eifrig.
,Hch darf bei einer Freundin am Klavier üben."
Es klopfte. Ein kleines Mädchen kam zur nächsten Stunde.
Suse Beßlers Luchsaugen nahmen noch die Bewegung wahr, mit der Werner Olden die Münzen lässig an ihren alten Platz zurückwarf, und freute sich, ihrem Freunde Merten so überrasch schon einen wichtigen Erfolg ihrer Mission melden zu können.
Sie fuhr schnellstens nach dem Bahnhofsviertel, wo sich die Leihbücherei von Erich Merten befand.
Welch ein Unterschied zwischen dem Erich Merten hier und dem, der in der Altstadt daheim war, sobald sein Tagewerk hinter ihm lag! Hier trug er sein braunes, schon etwas dünnes Haar, lässig zurückgekämmt; es schien ihm gleichgültig zu sein, ob ihm die eine Strähne immer in die Stirn fiel.
Sein schwarzes Lüsterjackett war abgetragen. Es würde niemand geglaubt haben, wenn jemand die Behauptung aufgestellt hätte, Erich Merten sei eitel. Wie so ganz anders sah dagegen der andere Erich Merten aus, der zum Leben erwachte, sobald der Leihbibliothekar die zerdrückte Lüsterjacke ausgezogen hatte. Dann lag sein Haar, sorgfältig gescheitelt, über der Stirn, dann blitzte ein hübscher Solitär an seiner Linken, dann teilte eine messerscharfe Bügelfalte das Beinkleid seines eleganten Anzuges.
Jetzt war er noch der Bibliothekar.
Suse Beßler wartete, bis die Frau, die sich eben einen Roman geholt hatte, gegangen war, und griff dann in ein Regal, holte ein Buch hervor. , „Falls jemand kommt, Erich, damit es so aus- sieht, als wollte ich mir auch ein Buch aussuchen!" lächelte sie und ließ sich auf dem einzigen Stuhl für Kunden nieder. Sie flüsterte: „Die Geschichte macht sich — ich weiß schon, wo der Musiker die Taler aufhebt."
In seinen dunklen, großen Augen flackerte es auf.
„Ist das wahr, Suse? Teufel, das wäre ja rasch gegangen. Dafür verdienst du ein Extralvb!"
Sie erzählte ausführlich von den fünf Talern, und er hörte aufmerksam zu.
„Und siehst du, der Mensch ahnt gar nicht, daß die Taler wahrscheinlich — nein, sogar sicher, die
Schlüssel zu einem großen Vermögen sind. Wollen ihm seine Ahnungslosigkeit und uns das Vermögen von Herzen gönnen."
Er kniff fest die Augen zu. Eine Angewohnheit von ihm, wenn er stark nachdachte.
„Da wirst du also wohl kaum noch allzuviel Stunden bei dem Bornheimer Meister zu nehmen brauchen", lächelte er. „Wenn du auch nicht gleich wegbleiben darfst, sobald ich die Dinger geholt habe. Wir müssen streng vermeiden, daß man unliebsam auf dich aufmerksam wird." Er schüttelte sich. „Ich werde am besten den Schützenfritz mit dem nächtlichen Besuch bei dem Musiker betrauen, ich selbst habe keinen Mut mehr zu sowas, seit ich mit damals irrte und im Nachbarhause landete. Der Schrei von dem Mädel gellt mir manchmal noch nachts im Ohr nach, daß sie, die mein Anblick so erschreckte, daß sie umplumpste und am Herzschlag hinüberging, wie ich am nächsten Tage in der Zeitung las. Wenn auch nur Herzschlag in der Todesanzeige stand und anscheinend keiner daran dachte, irgendwelche Nachforschungen nach dem nächtlichen Besucher anzustellen, habe ich doch alle Manschetten vor einem zweiten nächtlichen Unternehmen ähnlicher Art. Das liegt mir nicht besonders." Er seufzte: „Aber ich ziehe nur ungern einen Dritten ins Vertrauen. Wir beide müßten das eigentlich allein ordnen. Jeder Mitwisser kostet Geld und erhöht die Gefahr."
Die Ladentür öffnete sich. Zwei junge Damen wechselten ihre Leihbücher, und Suse Beßler blätterte inzwischen eifrig in dem vor ihr liegenden Band, als könne sie sich erst nach gründlicher Durchsicht dafür entscheiden.
Nachdem die Mädchen gegangen waren, lachte Suse:
„Hätte gar nicht geglaubt, daß du so ein Angsthase bist! Ich mache dir den Vorschlag, die Sache ganz allein zu deichseln. Aber wann, kann ich nicht bestimmen, das kommt auf den Zufall an — den brauche- ich. Vom Zufall halte ich sehr viel. Der kam mir heute zu Hilfe, der kommt mir gelegentlich auch wohl wieder zu Hilfe. Wenn es gerade paßt und ich mich allein im Zimmer befinden werde, nehme ich mir die Taler. Ich war ja heute zum zweiten Male in dem Hause und kann erst nach und nach herausfinden, ob es möglich ist, was ich dir vorschlage. Vielleicht verschwindet Olden einmal, um Kaffee zu trinken, oder er wird ein paar Minuten abgerufen — kurz und gut: ich muß mich erst gründlich orientieren."
„Selbstverständlich!" pflichtete er bei und nickte. „Bist ein forscher Kerl, Suse! Also tu, was du kannst!"
Sie verabredeten ein Wiedersehen für Ende nächster Woche in einem Lokal der Altstadt.
(Fortsetzung folgt.)


