lieber alle die einzelnen Fachämter betreffenden Angelegenheiten setzen sich die Ortsringführer mit den einzelnen Fachamtsleitern direkt in Verbindung. Die Namen der einzelnen Fachamtsleiter wurden vor einiger Zeit an dieser Stelle bekanntgegeben.
Alle übrigen den Reichsbund betreffenden Anfragen, Mitteilungen über die Tätigkeiten der Ortsringe, ihre Veranstaltungen usw. sind an mich zu richten.
Heil Hitler!
Georg Heß, Leihgestern, Schillerstraße 36 Kreisringführer.
Katholische Beamte
am Fronleichnamstag dienstfrei.
Das Staatspresseamt teilt mit:
Zur Beseitigung von Zweifeln ist angeordnet worden, daß die katholischen Beamten usw., die nicht in den Orten wohnhaft sind, in denen der Fronleichnamstag als gesetzlicher Feiertag gilt, zur Teilnahme an den kirchlichen Feierlichkeiten vom Dienst befreit sind.
Tagung des Kreises Gießen der Deutschen Stenographenschast. Am 2. und 3.Juni findet in Bad-Nauheim die diesjährige Kreistagung des Kreises Gießen der Deutschen Stenographenschaft statt. Die Ortsgruppe Gießen wird durch etwa 80 Wettschreiber und Unterrichtsleiter vertreten sein, die ihre Vaterstadt in dem geistigen Wettkampf würdig vertreten werden.
Der Plan der Tagung ist folgender:
Samstag, 2. Juni: 16 Uhr Unterrichtsleiterbesprechung. Es referieren die Herren D e h m e r und Graf aus Gießen; 20 Uhr Vertreteroersammlung im Teichhaus-Restaurant; 21 Uhr Begrüßungsabend im Teichhaus-Restaurant.
Sonntag, 3. Juni: 8 Uhr Leistungsschreiben in verschiedenen Schulen; 11 Uhr Besichtigung der Badeanlagen unter sachkundiger Führung, Treffpunkt Sprudelhof; 16 bis 18 Uhr Gelegenheit zum Besuch des Nachmittagskonzerts auf der Kurhaus- Terrasse; 17 Uhr gemütliches Beisammensein in der Turnhalle; 18.30 Uhr Bekanntgabe des Wettschreibergebnisses und Preisverteilung.
Schon immer waren diese Tagungen von großer Wichtigkeit. Einmal geben sie den stenographischen Unterrichtsleitern Gelegenheit, die im Laufe des Jahres auf dem unerschöpflichen Gebiet der Stenographie an sich und der Unterrichtsmethoden gesammelten Erfahrungen auszutauschen und andererseits neben die mit diesen Tagungen verbundenen Wett- schreiben den Schülern die Möglichkeit einer Prüfung der in den Winterkursen sich angeeigneten Fertigkeit. Schließlich haben sie die Aufgabe, die an einer gleichen Sache Interessierten einander menschlich näherzubringen. Daß dies gelungen ist, haben die Kreis- und Verbandstagungen der vergangenen Jahre bewiesen, ganz besonders aber die des Vorjahres, in dem durch den politischen und gesinnungsmäßigen Umschwung in unserem Volk die Voraussetzungen günstigere geworden waren.
Waren diese Arbeitstagungen in den vergangenen Jahren wichtig und notwendig, als das Einheitssystem im Kampfe gegen die Angriffe der vielen Schriftungen stand, wieviel notwendiger sind sie jetzt, wo dieEinheitsturzfchrift zur deut chen Kurzschrift geworden ift und Lehrer und Schreiber der anderen Systeme sich auf die deut che Kurzschrift umstellen, umlernen müssen und wollen. Diese Aufgabe muß noch bewältigt werden, dann ift die Bahn geebnet, damit endlich die Stenographie das werden kann, was sie bei mehr Einigkeit unter den deutschen Stenographen schon längst hätte sein können. Doch jetzt ist der richtige Weg eingeschlagen, die deutsche Kurzschrift marschiert.
Nachdem schon seit Jahrzehnten kein Bürobetrieb mehr ohne Stenographie denkbar ist, lernen seht hunderttaufende Schülerinnen und Schüler in den deutschen Volks-, Mittel- und
Llnd nun, Ellen?
Vornan von Käthe Mehner
Urheberrechtsschutz: Füns-Türme-Derlag, Halle (S.)
18 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Ellen, die das Gesicht dem Innern des Raumes zuwandte, konnte die beiden Menschen drüben leicht sehen, wenn sie sich an Caßlers schmalem Rücken vorbeischob.
„Du hast es also besorgt?" kam es drüben ganz gedämpft.
„Es ging erst heute. Aber — ich muß es morgen sofort wieder haben."
„Selbstverständlich, Kind! Ohne Zweifel."
„Und — wann werden wir fahren?"
„Fahren?"
„Ja, ich denke, so lautete unsere Verabredung, Olaf!"
Bittere Enttäuschung klang aus den Worten der Frau.
Eine Weile war nichts mehr zu verstehen. Worte waren vernehmbar, aber ohne Zusammenhang.
Ellen und Caßler hatten ihre Unterhaltung beinah vergessen. Endlich hörten sie, daß die beiden anderen das Gespräch wieder aufnahmen.
„Ich bestehe darauf. Werde es mir holen, wenn du nicht ehrlich genug warst, mir das mitzubringen!" sagte jetzt wieder drüben der Fremde.
Ellen sah, wie in seinem Gesicht während dieser Worte ein ganz brutaler Ausdruck stand, und sie sah, wie die schöne Frau bis in die Lippen erbleichte.
„Holen kommen wirst du es? Ja, und wann fahren wir? Oder... du hast anders gerechnet! Du...!"
Der Fremde aber legte seine Hand auf die Finger der Frau wie zur Beruhigung und sagte:
„Gut! An dem betreffenden Abend komme ich, dann wollen wir die Sache regeln."
Ellen lief es heiß und kalt über den Rücken.
Was bedeutete dieses seltsame Gespräch zwischen den beiden? Was hatte Frau von Rakenius so Wichtiges zu verhandeln, und warum suchte sie zu diesem Zweck ein so kleines, verschwiegenes Caf6 auf?
Ganz ähnlich waren auch Bernd Caßlers Gedanken. Doch als er sah, wie Ellens Gesicht vor heimlicher Erregung zuckte und alles Blut aus ihren Wangen gewichen war, galt seine'Sorge zunächst ihr.
Zudem war jetzt sowieso kein Wort der Unter- Haltung mehr zu erhaschen, da der Lautsprecher ziemlich stark durch das Lokal orgelte.
So rief Caßler den Ober und zahlte.
Dann gingen sie, von dem seltsamen Paar kaum bemerkt, hinaus. Draußen atmete Ellen erleichtert auf
Hochschulen, Berufs- und Handelsschulen des ganzen Reiches stenographieren^ führen staatliche und kommunale Behörden, Reichspost und Reichsbahnverwaltung die stenographische Schrift ein.
Das, was unser großer Meister Gabelsberger als letztes Ziel im Auge hatte, die Kurzschrift zur Volks- schrift zu machen, diesen Gedanken, den weit- schauende Männer trotz aller Widerstände und Hindernisse ausgriffen und weitertrugen, er wird jetzt feiner Verwirklichung entgegengeführt.
Neue große Aufgabengebiete erwachsen daraus für die stenographischen Organisationen durch die ungeheure Verbreiterung des Wirkungsgebietes, aber diese Organisationen werden in ihrem neuen, klaren Aufbau allen an sie gestellten Anforderungen gerecht werden. Den Beweis, daß erfolgreich gearbeitet wurde und daß ein guter Geist in der deutschen Stenographenschaft herrscht, wird die Kreistagung des Kreises Gießen aufs neue erbringen.
Daten für Mittwoch, 30, Mai.
1265: Der italienische Dichter Dante Alighieri in Florenz geb. (gest. 1321). — 1431: Die „Jungfrau von Orleans", Jeanne d'Arc wird in Rouen verbrannt (geb. 1412). — 1640: Der Maler Peter Paul Rubens in Antwerpen gest. (geb. 1577). — 1853: Der Maler Vincent van Gogh in Groot Zundert in Brabant geb. (gest. 1890). — 1919: Die deutsche Regierung erklärt in einem Aufruf „An die Deutschen der Ostmark", daß sie mit allem Nachdruck und Ernst für das Verbleiben der deutschen Landesteile im Osten beim Reich eintreten wird.
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch: Stadttheater, 19.30 bis nach 22 Uhr: „Langemarck". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „So ein Flegel". — Reichsgemeinfchaft Deutscher Hausfrauen, Ortsgruppe Gießen (Hausfrauen-Beratung), 20 Uhr, Cafs Leib, Vortrag über „Die hauswirtschaftliche
Kurzschulung im BdM.
Am vergangenen Samstag und Sonntag fand die erste Kurzschulung im Untergau Gießen in der Gruppe Hungen statt. Diese neu eingerichteten Kurzschulungen haben den Zweck, alle Führerinnen zu erfassen, denn nicht jeder Mädel- schast- und -scharsührerin wird es vergönnt sein, an einem Schulungskursus in dem neuen Schulungslager in Grebenhain teilzunehmen. Es ist aber unbedingte Notwendigkeit, daß zunächst einmal die Führerinnen über die Ziele und die Arbeit des BdM. aufgeklärt werden. Deshalb finden von jetzt an vierteljährige Kurzschulungen in den einzelnen Gruppen statt.
Am Samstag um 15.30 Uhr hieß es „antreten". Etwa 25 Aursteilnehmerinnen fanden sich ein. Nach den Begrüßungsworten der Ringführerin Hilde Böhm wurde gemeinsam, gewissermaßen als Auftakt der Schulung, das Lied: „Es rauscht durch deutsche Wälder" gesungen. Untergauführevin Elise Daab hielt nun ein Referat ab.
„Kulturarbeit lm BdM."
Sie stellte zunächst die Begriffe „Kultur" und „Zivilisation" gegenüber und grenzte sie scharf ab, sprach dann an Hand von Hitlers „Mein Kampf" von Kultur und Rasse, betonte in der Hauptsache, daß die unabwendbare Konsequenz der Rassenmischung ein Sinken des Rassenniveaus und damit ein Kulturzerfall sei. Wir,' die deutsche nationalsozialistische Jugend, seien dazu berufen, dem Kulturzerfall in Kunst, Wissenschaft, Technik und Presse Einhalt zu gebieten und mit der Aufbauarbeit zu beginnen. In erster Linie wird an uns Frauen und Mädchen die Forderung gestellt, kulturtragend, d. h. die Wahrerinnen und Hüterinnen unserer Kultur zu fein. Wir sollten wieder zurückfinden zum deutschen Menschen, einen Wachstumsimpuls geben und kompromißlos auf unserer Forderung bestehen. Die große Aufgabe der Führerin bestehe darin, ein beispielloses Vorbild abzugeben. Sie fei verantwortlich für all ihre Mädels und habe für sie geradezustehen. — Vor allem sei eine Erneuerung in der Kultur der Seele, der Sitte notwendig. Um wieder eine gewisse Kulturhöhe zu erreichen, müsse es jedes deutsche Mädchen als seine höchste Pflicht ansehen, die Reinheit seiner Seele zu bewahren.
Es schloß sich nach einer lebhaften Aussprache ein zweites Referat von Elise Daab an,
„Jungens und Mädels in der HI."
In ihren Ausführungen stellte sie vor allem den Unterschied der Hitlerjugend zu den früheren Jugendverbänden heraus und ging dann näher auf Einzelheiten ein. Erst wenn die Mädel wieder Wegweiser des Jungen seien, erst wenn eine gegenseitige Achtung bestehe, könne eine ideale Kameradschaft erwachsen.
Es folgte daraus ein Referat der Ringpressereferentin Erna Jung. Sie suchte den Gegensatz, die Spannung zwischen der jungen und der alteren Generation zu veranschaulichen.
Am Abend versammelten sich alle Teilnehmer zu einem Heimabend — gestaltet von der Kursteilnehmerin Marga Sarnes — der dem Gedächtnis A. L. Schlageters gewidmet war. Anschließend wurde ein Blumenstrauß an der Gedenktafel Schlageters niedergelegt.
Am Sonntagmorgen wurde zum Frühsport an- ae treten, der von der Ringsportwartin Emmi Müller geleitet wurde. Man weiß, wie gerade auch für die Frau die körperliche Ertüchtigung und Gesundheit notwendig ist und daß nur in einem gesunden Körper eine gesunde Seele leben kann.
In der Freizeit von 8.30 bis 11 Uhr war den Mädels Gelegenheit gegeben, den Gottesdienst zu besuchen. Von 11 bis 12 Uhr wurde gesungen.
Nach der Mittagspause folgte ein Referat der Untergausozialreferentin Milly Pabst, die über:
Soziale Arbeit im BdM.
sprach. Sie brachte vor allem unsere heutige fokale Pflege in scharfen Gegensatz zu der Wohlfahrtspflege der vergangenen Jahre, betonte die körperliche und seelische Gesunderhaltung, gab Anregungen zur richtigen Ausgestaltung der Freizeit und klärte uns auch über neue Einrichtungen, z. B. über die Hauslehrstellen auf, die dazu dienen sollen, eine richtige Berufsausbildung der Mädchen zu gewährleisten.
Anschließend hörte man noch ein Referat von Elise Daab
„Kameradschaft, Dienst am Volk".
Kameradschaft sei noch ein sehr junger Begriff. Während 1870 noch die Soldaten nur für ihren Landesherrn in den Krieg zogen, so sei im Weltkrieg erst die wahre Frontkameradschaft entstanden. Wie die Frontkämpfer die Vorkämpfer des Nationalsozialismus feien, so seien auch jene Schwestern, die in den Lazaretten in echter Kameradschaft und aufopfernder Liebe ihrem Volk und Vaterland dienten, würdige Vorkämpferinnen für deutsche Mädels.
Nach der Kafteepause versammelten sich die Mädels zum letzten Male zu Singen und Volkstanz unter Leitung der Musikreferentin HiDe Eise. Die Frau soll auch die Hüterin deutschen Volkstums fein. Alte deutsche Volkslieder und Volkstänze sollen wieder zu neuem Leben erweckt werden.
Gegen 19 Uhr fand die Schulung ihren A 6 - schlu ß. Die Aufgabe jeder Führerin ist es nun, sich ihrer Verantwortung bewußt zu wenden und recht viel von dem Gehörten und Erlebten ihren Mädels zu übermitteln. Die Teilnehmerinnen an der ersten Kurzschulung des BdM. waren in Hungen sehr gastfreundlich auf genommen worden.
„Entsetzlich!" sagte sie knb griff haltsuchend nach Caßlers Arm.
„Gar nicht entsetzlich, Ellen! Ich nehme es als ein Zeichen des Himmels!" antwortete Caßler.
Ellen verstand diese Worte zwar nicht, aber sie war so schwach, und ihr Denken war so sehr gelähmt von der Wucht des soeben Erlebten, daß sie nichts weiter fragte.
Beinah willenlos ließ sie es geschehen, daß Bernd Caßler stützend seinen Arm unter den ihren schob.
In ihrem Kopfe kreisten die Gedanken. Und in ihr Bewußtsein drang nur der eine Gedanke, daß von dieser Stunde an immer eine dumpfe Angst in ihr sein würde, Angst um Rainer von Rakenius. Aber sie war ohnmächtig, ihm zu helfen — einfach ohnmächtig.
Fünfzehntes Kapitel.
Wieder saß Bernd Caßler im Anmeldezimmer der Chemie-Aktiengesellschaft. Doch wie andere Gefühle beherrschten ihn jetzt — als damals!
Er hielt den Brief, in dem ihn Rakenius zu einem vorbesprechenden Besuch aufforderte, in der Hand und verfolgte mU unsicheren Blicken die Uhr, mechanisch die Minuten zählend.
Das Leder des tiefen Klubsessels knirschte unter seinen nervösen Bewegungen.
Die letzten Tage gingen Caßler durch den Kopf. Jetzt gleich also würde er dem Manne gegenüber- stehen, den Ellen Ehlers mit allen Fasern ihres Herzens liebte. Das Blut schoß ihm in die Stirn, wenn er daran dachte, daß das arme Mädchen sich daheim wieder zergrübelte und zermürbte, immer von Hast und Unruhe getrieben, immer vom Leben hart angepackt.
„Zu schwach, um nicht einmal zu Boden gedrückt zu werden. Zu schwach bist du, kleine Ellen, wenn du dir auch Riesenkräfte zutraust. Das Leben ist heute so erbarmungslos, daß Männer scheitern. Du kannst es nicht zwingen, auch mit all deiner so bewundernswerten Tapferkeit nicht."
Bernd Caßler gab diese Gewißheit die Pflicht, für Ellen Ehlers etwas zu tun. Er wollte doch Doktor von Rakenius bitten, sie irgendwo unterzubringen. Einem solchen Manne mußte es ein Leichtes fein — bei feinen Beziehungen.
.Er brauchte sie ja nicht in feinem eigenen Betriebe zu beschäftigen. Wie nun aber — wenn er das doch tun würde?
Standen sich die beiden Menschen nicht täglich gegenüber? Muhte er selber dann nicht Ellen verlieren? Würde Ellen sich nicht verraten? Und Rakenius liebte sie ja auch. Wie nun, wenn er von dem Leben seiner Frau wußte und sich dieselben Rechte anmaßte?
Bei näherem Ueberlegen verwarf Bernd Caßler diesen Gedanken. Er rief sich die Züge des Doktors zurück. Nein, ein solcher Mensch ist rein und edel. Er handelt, wie er denkt...
„Unsinnig, sich mit fremder Leute Schicksal abzugeben", fagte er leise zu sich. „Was geht es mich an, wenn Frau von Rakenius sich mit einem anderen Manne trifft? Diese Frauen müssen doch irgendwie einen Nervenkitzel haben."
Endlich öffnete sich die Tür. Ein Bote, in der blauen Uniform der Chemie-Aktiengesellschaft, trat ein.
„Herr Doktor von Rakenius läßt bitten.. .*
Dann stand Bernd Caßler Rakenius gegenüber.
„Grüß Gott, Herr Caßler! Nun, was macht unsere Arbeit? Freut Sie die große Reklame? Der Kopf ist doch herrlich!"
„Ja!" sagte der junge Künstler leise und dachte an die Ehe des Sprechers.
„Wir wollen heute einige kleinere Entwürfe besprechen. Sie sollen dieselbe Dame vor dem Frisiertisch zeichnen. Zwei verschiedene Stellungen allerdings. Eine davon bitte im Profil. Und oann...", ein fragender Blick streifte Caßlers Gesicht plötzlich. „Doch Sie lind merkwürdig verstört heute, Herr Caßler? Seyen auch recht leidend aus. Oder — ist Ihnen der Auftrag unangenehm? Steht Ihnen diese Dame nicht mehr — zur Verfügung?"
Sehnsucht schwang in Rainers Stimme. Bernd Caßler hörte es wohl.
„Doch, Herr Doktor! Aber diesmal muß ich bei der Aufnahme wohl retuschieren!" Caßler atmete tief.
„Wieso?"
„Der Dame geht es bitter schlecht. Sie ist leidend geworden. Die ewige Sorge um die Existenz. Sie ist ja seit langem stellungslos — und ohne jede Mittel!"
„Stellungslos? Die Dame ist doch verlobt und steht gewiß vor der baldigen Heirat!" entfuhr es Rakenius verwirrt.
Caßlers Augen weiteten sich.
„Verlobt? Nein! Das ist sie nie gewesen. Ich kenne es nicht anders. Das muß wohl ein Irrtum fein, Herr Doktor. Vielleicht verwechseln sie die Dame — mit einer anderen."
Rakenius war bestürzt.
„Möglich!" sagte er endlich bitter und ungläubig. Nein, seinerzeit war ein Irrtum vollkommen ausgeschlossen.
„Sie sprachen aber doch von Fräulein Ehlers", entrang es sich ihm endlich.
„Ja!" gab Caßler überrascht zu. „Fräulein Ehlers erzählte mir übrigens in den letzten Tagen zum ersten Male von — Ihrem — Autounfall, Herr Doktor. Ja — sie ist es."
„Und nicht verlobt? Nicht verlobt — mit diesem - Holm?"
Zorn sprühte aus Caßlers Augen. Der Name genügte schon, um sein Blut zum Kochen zu bringen.
„Das — das ist ein Unwürdiger, Ellen Ehlers aber — eine Heilige, Herr Doktor!" stieß er stotternd hervor.
Rakenius schwieg. Doch ein tiefes Gefühl des
Lehre" und „Das Anlernjahr für junge Mädchen". — Bergfchenke, 20.15 Uhr, ?. Abonnements-Konzert der Reichswehrkapelle. — Zirkus Busch, 15.30 und 20.15 Uhr, Volkshallenplatz, Vorstellungen. — Kaufmännischer Verein, 21 Uhr, Vereinshaus, Hauptversammlung. — Universitäts-Sportplatz, 15 Uhr, Handball-Wettkampf Universität Gießen gegen Universität Erlangen.
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend als 32. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement das Schauspiel in sechs Bildern: „Langemarck, der Opfergang der deutschen Jugend" von Kahn und Monato; Spielleitung: Karl Löser.
— Die Verbrauchergenossenschaft Gießen veranstaltet am Samstag, 2. Juni, im Katholischen Vereinshaus und am Dienstag, 5. Juni, im Cafe Leib ein Konzert, mit dem gleich- zeitig auch ein Vortrag verbunden fein wind. Die Rednerin, Frl. H e u t g e n s - Düsseldorf wird über das Thema „Die Stärkung der Kaufkraft durch die Verbrauchergenossenschaft" sprechen. (Siehe gestrige Anzeige.)
**JndenRuhestandversetzt. Auf Grund des § 6 des Reichsgesetzes vom 7. April 1933 in der Fassung des Gesetzes vom 23. Juni 1933 wurde am 16. Mai 1934 nach einer Bekanntmachung des Personalamtes der ordentliche Professor der Geo- logie und Paläonthologie an der Landesuniversität Gießen Dr. Hermann Harrassowitz unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. August 1934 an in den Ruhestand versetzt.
♦♦ D i e Sprechstunden des Beigeordneten Bartholomäus fallen in dieser Woche aus. Die nächste Sprechstunde findet am Mittwoch, 6. Juni von 10 bis 12 Uhr statt.
** Maienblafen. Bei dem am 30. Mai, 19 Uhr, vorn Turme der Johanneskirche aus stattfindende Maienblafen werden folgende Stücke zu Gehör gebracht: 1. Choral: Wer nur den lieben Gott läßt walten; 2. Preis und Anbetung (Motette); 3. Deutschlandlied; 4. Horst-Wessel-Lied.
** Sonntagsrückfahrkarten. Die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. teilt mit, daß für den am 2. und 3. Juni in Kirchhain (Bezirk Kastel) stattfindenden Bundestag der 81er, ferner zu der in der Zeit vom 9. bis 17. Juni in Marburg (Lahn) veranstalteten Braunen Messe und außerdem zu dem während der Tage vom 16. bis 18. Juni in Fulda stattfindenden Regimentsappell ehemaliger 47 Feldartilleristen Sonntagsrückfahrkarten ausgegeben werden. Näheres ist auf den Bahnhöfen zu erfahren.
Amtsgericht Gießen.
Wegen unerlaubter Wegnahme von Reisstangen aus dem Hardtwäldchen wurde ein Mann aus Gießen zu 3 M a r k Geldstrafe verurteilt.
Ein Motorradfahrer aus Alten-Buseck fuhr in angetrunkenem Zustand mit seiner Maschine, ohne dieselbe mit einer hellbrennenden Laterne versehen zu haben. Das Gericht verurteilte ihn deshalb zu 25 Mark Geldstrafe.
Ein Mann aus Bieber wurde wegen Verstoß gegen das Kraftfahrzeuggesetz zu 15 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte fuhr mit einem schwer beladenen Lastwagen von der Rodheimer Straße durch die Bahnüberführung und fuhr auf einen aus Richtung Wernerwall kommenden Schnellastwagen auf. Der Angeklagte hatte eine Geschwindigkeit, die es ihm bei dem an diesem Tage noch herrschenden schlüpfrigen Wetter nicht erlaubte, seinen Wagen zum Stehen zu bringen. Der Führer des Schnellastwagens wurde bestraft, da er kein Signal gegeben hatte.
Große Strafkammer Gießen.
Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelte die Kammer u. a. gegen den Konrad Ritter aus Maar, der wegen Verbrechens gegen den §176 Zisf. 3 StGB, zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten verurteilt wurde.
Glückes strömte in ihm auf, bas ihn für den Augenblick fast die Kehle zupreßte.
„Sie setzen sich tapfer für die junge Dame ein, lieber Herr Caßler. Doch auch ich stehe noch in ihrer Dankesschuld. Sagen Sie mir, wie kann ich helfen? Vertrauen Sie qang fest auf mich. Genügt es, wenn — die Chemie-Aktiengesellschaft Sie, Herr Caßler, als Reklamechef einstellt?"
Verlegenheit trieb eine jähe Röte in Caßlers Gesicht. Dann aber richtete er seine ehrlichen offenen Augen in die des anderen:
„Ich bin mit Ellen Ehlers nicht irgendwie verbunden, Herr Doktor! Nur fo, wie man als Kamerad nebeneinandersteht im Leben. Als Kamerad des Leidens, der Arbeit und Sorge. Doch, von mir würde sie sich ebensowenig helfen lassen wie von einem anderen T nschen. Sie kann und wird nur gesunden, wenn re selbst verdient, selbst arbeitet."
Rakenius hatte Mühe, sein Ergriffenheit zu verbergen.
„Ein tapferer Mensch und ein reiner Mensch", sagte er vor sich hin.
„Wenn ich meinen Vater bitte, sie in seinem Werk in Wahren einzustellen — würde sie bas annehmen? Sie schlug es zwar bamals schon einmal aus."
Bernb Caßler suchte den Blick seines Gegenübers, und als er ihn voller Ehrlichkeit und Güte traf, dachte er an die elegante Frau, die sich mit einem anderen eine Verabredung gab. Da sagte er weich:
„Fräulein Ehlers mußte damals ablehnen. Wer sie kennt, versteht es, Herr Doktor! Auch Sie werden verstehen. Sie würde — ich bin ganz ehrlich — es wohl auch jetzt ablehnen, unter Ihrer Leitung, in Ihrer Nähe zu arbeiten."
Die Augen des Chemikers glühten. Sein bleiches Gesicht war wie von Rot übergossen. •
Das sagte ein Mensch zu ihm, der das schöne Mädchen selber liebte? Dieser einfache Mensch dort verriet ihm, daß bas Mädchen ihn noch immer liebte. Noch immer? Oh, was mußte es für eine Qual für bie Aermste fein! Er hatte feine Arbeit, konnte Vergessen finben, ober boch Trost. Unb bann. Was sollten nur die Gedanken? Evelyns Bild tauchte plötzlich vor ihm auf. Er war ja gebunden. Für immer gebunden.
„Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Die Befürchtungen sind begründet. Und... ich bin ebenso ehrlich wie Sie, Herr Caßler!, auch meinerseits begründet. Wir sind Männer. Ihre Selbstlosigkeit rührt mich. Kein Mensch wird je von diesen Dingen ein Wort erfahren."
Doktor von Rakenius hatte sich erhoben. Er reichte dem Zeichner in dem schlichten Anzug und dem abgeschabten Mantel die Hand.
„Wollen Sie mir einen Gefallen tun?"
„Jeden, Herr Doktor! Jeden, wenn es sich uM Ellens Heil handelt. Doch dieser Name soll fortan ausgelöscht sein in unseren Verhandlungen, Herr Doktor!" (Fortsetzung folgt)


