Nr. 12Z Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 30. Mai 1954
amt wenden müssen. Der so emsig tätigen Wetterwarte bleibt dafür kein Raum während der vierundzwanzig Stunden eines Tages.
Vier Jahre Zuchthaus für einen
Vesuch bei den deutschen Wetterpropheten
Misten Sie, wie der Ziegen gewesten wird?
$n ..b5r ^len Nachbarschaft all jener berühmten mstorlsthLn Bauten Unter den Linden in Berlin befindet sich am Schinkelplatz 6 die W e t t e r d i e n st - zentrale der R e i ch s h a u p t st a d t. Sie ist in einem der schönsten Bauwerke Schinkels unter- gebracht. Die Männer, die hier arbeiten, nennt man mit Recht Propheten.
Dom Dache dieses wissenschaftlichen Instituts aus hat man nicht nur eine wunderbare Aussicht, sondern wird mit mancherlei technischen Einrichtungen und ihren Bestimmungen zur Wetterforschung bekannt gemacht, die hier hoch oben T a g u n d N a ch t unaufhörlichen Dienst tun. Da ist zum Bei- spie! der Hygrometer, der auf die einfachste Art oer- mittels eines Haarbüschels die F e u ch t i g k e i t d e r Luft aufsaugt und mißt. Den Sonnenlauf fangen zwei Glaskugeln nach dem altbekannten System des Brennglases ein und leiten ihn als Brandspur über eine Papierskala. Ebenso überraschend einfach funktioniert der R e g e n m e s s e r hier oben. Der Regen wird auf einem wippenartigen Apparat gefangen. Ist der Behälter auf der einen Seite voll, kippt die Wippe herunter und schließt einen Kontakt, der unten im Hause sofort abgelesen wird. Auch die W i n d- stärke kann man auf die gleiche Art unten ab- lesen: ein Windrad, das seine Drehungen nach unten signalisiert.
Früh morgens von 8 bis 9.40 Uhr hüpfen die ge- heimnisoollen Morsezeichen von Europas Wetterdienststellen über die Aetherwellen, knatternd und knisternd sich aneinanderreihend, eine unendlich lange unsichtbare Perlenkette von harmlosen kleinen Schüssen. Der Laie, sollte er sie gar einmal erwischen und womöglich die Kunst des Morsens verstehen, könnte nichts mit ihnen anfangen, denn diese Wetternachrichten werden seit einigen Jahren chiffriert durch die Lüfte gesandt, von denen sie erzählen.
Diesen Erzählungen zu lauschen, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, sie in feinen Linien und rundlichen und pfeiloersehenen Zeichen auf ihre vielen Karten au übertragen, ist Angelegenheit der Meteorologen des Wetterdienstes am Schinkelplatz. Des Moraens um 8 eröffnen Oesterreichs Wetterwarten den Reigen der himmlischen Berichterstattung; Holland und die Schweiz schließen sich an. Dann folgt als Vierter Deutschland, mit seinen über 30 Beobachtungsstellen den Löwenanteil übernehmend. Nur wenige Dienststellen auf der Welt sind so an Pünktlichkeit gebunden, wie eine Wetterdienststelle; es sind ja noch an- vielen fachmännischen und schwierigen Eintragungen wird schnellstens eine volkstümlich begreifliche und eine genauere Wetterkarte angefertigt, die, in eigener Druckerei hergestellt, besonderen Zwecken zugeführt wird. Hiermit ist das Pensum zur Veröffentlichung der Wetterausgabe für den laufenden Tag geschafft.
„Täglich dreimal wiederholen sich alle diese Vordere Länder da, die in den Gesang der Lüfte ein- stimmen sollen und Verspätung ist ausgeschlossen, da um 9.40 Uhr die allgemeine Wet- tervorhersage für den laufenden Tag herausgehen muß.
Fast ebenso einfach wie das Alphabet ist dieSchlüs- selung der Aethernachrichten. Ungefähr 35 Zahlen dienen zur Wiedergabe der Vielfältigkeit der Luft- erscheinungen: Wärme- und Kältegrade, Luftdruck, Feuchtigkeit, allgemeine Wetterlage. Station und ihre Heimat und all die notwendigen Abwandlungen, wie zum Beispiel die Veränderungen, die sich innerhalb der letzten drei Stunden ergaben, lassen sich, unverständlich für den Laien, ausdrücken. Die gemorsten Chiffern werden von einem Manne abgehört, der sie in Zahlen übersetzt, niederschreibt. Ein anderer enträtselt die Zahlen, und noch ein anderer trägt die ihres Geheimnisses nun entkleideten als Endresultat in die vielen dazu
bestimmten Sonderkarten ein. Auf diese Störten stürzen sich, wenn der Meldungsvorgang aller Länder beendet ist, die Meteorologen, um Die im Augenblick herrschenden Wetterverhältnisse und ihre Herkunft zu prüfen.
Dann heißt es zu berechnen, in welche Himmels- richtungen der launische Wettergott seine ,^)ochs" und „Tiefs" zu senden beabsichtigen mag. Aus den gange. Dreimal täglich, um 14 und um 19 Uhr leiten wir die Ablesungen durch F u n k d i e n st wei- ter", erklärt einer Der Herren, der freundlicherweise die Führung übernommen hat.
Größere Betriebe, Deren Fortgang stark davon abhängig ist, ob Regen oder Sonnenschein während der nächsten Tage die Oberhand haben werden, können auf die Einzelberatung der Wetterdienststelle abonnieren. Das große Publikum aber, das feine Wochenendpläne nach dem Wetter zu richten wünscht, wird sich um Auskunft an das Telegraphen-
skrupellosen Darlehnsschwindler.
D a r m st a d t, 28. Mai. (LPD.) Dor der Großen Strafkammer ging heute die mehrtägige Verhandlung gegen den wiederholt vorbestraften Darlehns- schwindler Willibald Lehne aus Heppenheim an der Bergstraße zu Ende, der des Darlehnsbetrugs in 168 Fällen angeklagt war. Er hat die Notlage der von ihm angelockten Geldsuchenden rücksichtslos ausaenutzt und nur in einem einzigen Falle erhielt ein Glücksvogel eine kleine Summe. Durch fein Verhalten sind viele der Betrogenen um Haus und Hof gekommen, so daß das Gericht ihn als besonders gefährlichen Gewohnheitsverbrecher zu vier Jahre Zuchthaus, 1000 Mark Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilte. Außerdem wurde Die Sicherungsverwahrung angeordnet. Der Mitangeklagte Schätzer-Krichbaum aus Reichenbach im Odenwald wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
Aus der provinzialhaupistadi.
Beharrlichkeit.
Da lag schon jahrelang, Dicht an Der Landstraße,! ein großes Stück Wiese, das immer mehr verwilderte. Es gehörte der Gemeinde, niemand wollte es aber pachten, denn das Gras darauf war „sauer". Etwas weiter oben sickerte eine kleine Quelle aus dem Boden, und das Wasser floß nun nach der tiefer gelegenen Wiese und verwandelte sie nach und nach. Das gute Gras verschwand. Dafür er- schienen Unkräuter, Binsen, Schachtelhalme usw. Die Wiese ward zu einem sumpfigen Stück Oed- land.
Aber eines schönen Tages fand sich doch ein Pächter Es war ein älterer, ruhiger Arbeiter, der das Land gegen eine geringe „Anerkennungsgebühr" pachtete und sofort an die Arbeit ging. Alle Ratschläge, die ihm reichlich gegeben wurden, lehnte er freundlich dankend ab. Er hatte einen bestimmten Plan. Nachdem er das Land untersucht und dabei festgestellt hatte, daß unter dem Mutterboden eine Tonschicht sah, fing er an und Hub zwei sehr tiefe Gräben, die sich vor dem Wie- fenftürf in einem spitzen Winkel schnitten, aus. Es war eine mühevolle, langwierige Arbeit. Und immer schaffte er allein. Ich bin oft bei ihm stehen- geblieben und habe seine Arbeitslust bewundert. Er war unermüdlich. Bei jedem Wetter stand er draußen und zog Gräben. Er hat mir auch erzählt, wieviel Tage, sogar wieviel Stunden er gebraucht yat.
Endlich war es so weit, daß diese zwei Gräben weiter unten in das kleine Bächlein mündeten. Nach dem ersten Jahre seiner Arbeit konnte er feststellen, daß das Wasser abzog, daß die Erde trocken wurde. Nun fing er an und fuhr gute Erde auf. Wo er einen Wagen voll Lehm, Bauschutt oder gute Bauerde erlangen konnte, da griff er zu. Unendlich viele Wagen voll wurden aufgebracht. Die Nachbarn halfen schon. Im Herbst wurde das ganze Stück tief gepflügt. Das war wieder eine schwere Arbeit. Dann fing die Zerkleinerung des zähen schweren Bodens mit der Hacke an. Der Winter kam. Frost und Regen halfen.
In diesem Frühjahr konnte er Kartoffeln auf das trockene Land setzen. Sie stehen eben im schönsten Wachstum. Aber zur Vorsorge hatte der fleißige Mann am unteren Ende ein Stück Land liegen lassen, Damit er im Notfall noch einmal Gräben ziehen kann. (Und ich sah heute, daß er es tatsächlich schon getan hat.)
Gar mancher Dorfbewohner bleibt bei seinem
sonntäglichen Gang vor dem neuen Ackerland stehen und gibt eine entsprechende Bemerkung ab. Jeder ist gespannt, ob nun die Ernte gut aus- fällt oder ob die ganze Arbeit vergeblich war.
Das eine wird jedenfalls von allem anerkannt: Das ist die unermüdliche Ausdauer und die eiserne Beharrlichkeit, die dieser Arbeiter gezeigt hat. Gar mancher hätte es nicht fertiggebracht
Und wenn ich diese Landstraße wandere, mein Weg führt mich fast jede Woche dort vorbei, bann freue ich mich über das neue Stück Land, denke an die Zähigkeit des Arbeiters und wäre froh, wenn alle Menschen so wären. Gott sei Dank, ist ja die Beharrlichkeit eine von den deutschen Tu- aenben. Wer einmal im Auslanbe war unb bort sah, wie leichtsinnig unb oberflächlich viele Arbeiten ausgeführt werben, ber bekommt erst Hochachtung vor unseren beutschen Werken.
Unb was wäre aus unfern Erfinbern geworben, wenn fie nicht biefe Beharrlichkeit besessen hätten? Denn wir wissen alle, baß eine Erfinbung niemals zufällig auftaucht. Nein! Unermübliche unb glau- bensfrohe Arbeit steckt hinter fast allen großen Er- finbungen. Beharrlichkeit, oft sogar Hartnäckigkeit, beseelen biefe Menschen. Aber von ihrem Ziele lassen sie nicht ab. Es bürfen auch Mißerfolge, Fehlschläge kommen. Unb wenn alles zusammenbricht, so beginnen sie von vorne.
Wer benkt ba nicht unwillkürlich an ben alten Grafen Zeppelin? Was wäre aus bem Luftschiff geworben, wenn er nicht biefe Beharrlichkeit gehabt hätte? Unb so ist es mit gar vielen anbern Erfindungen gegangen. In ben Werkstätten, am Amboß, am Modelliertisch, in chemischen Laboratorien: ba stehen gar viele mit heißen Augen unb glühenber Hoffnung. Unb wenn sie ausharren können, bann wirb auch ihre Arbeit gekrönt werben. Nur burch ihre vorbilbliche Zähigkeit schaffen sie ber Menschheit neue Werte. Alle Arbeit, bie etwas gestalten soll, erforbert größte Beharrlichkeit. Da müssen alle Ablenkungen oermieben werben, ben Regungen bes Augenblicks barf man nicht folgen, fonbern mit festem Willen muß man bas für richtig erkannte Ziel im Auge behalten. Mühsal unb Anstrengung, mannhaftes Ertragen unb Durchhalten gehören freilich bazu. Am Enbe aber winkt bie Siegespalme.
Mit welcher Liebe biefer Arbeiter fein Stück Canb betrachtet, bas können wir ihm nachfühlen, noch mehr bie Freube, wenn er jetzt im Herbst ernten kann. Er hat nicht nur für sich gearbeitet, sondern
für alle, die da wußten, was früher war und was nun geworden ist. Ein gutes Beispiel stärkt und festigt viele und gibt neuen Mut zum Ausharren.
Gegen die Nörgler.
Arbeit! Das ist die dringende Forderung unseres Führers. „Die Lebenshaltung der Menschen wird nicht geschaffen durch Theorien, sondern durch Ar« beit und immer wieder nur durch Arbeit."
Wie dunkle Punkte tauchen während dieser grandiosen Aufbauarbeit des deutschen Volkes die ewig nörgelnden Meinungen der stets unzufriedenen Schwarzseher und Besserwisser auf. Sie verdunkeln den Blick ins Helle, fie hindern die unbeschwerte Schaffensfreude des neuen deutschen Menschen.
Die diesjährige große nationalsozialistische Arbeitsbeschaffungs-Lotterie will den ärgsten Nörgler zum Schweigen bringen. Ihre Devise lautet wie bei den zwei' vorjährigen:
Unter st ützung der Arbeitsbeschaffung — Beschaffung von Arbeitsgeldern.
Aber um ein noch stärkerer Träger der nationalsozialistischen Idee zu werden, ist sie abgewichen von dem ewig Gestrigen; sie hat einen Gewinnplan geschaffen, der die Gewinne dem Dolksempfin- den entsprechend verteilt. Sie hat damit der Inschrift auf ihren Losen „dem deutschen Volke" nach jeder Richtung Rechnung getragen. Darum ist sie Dolkslotterie des Dritten Reiches.
AuöparieiamIlichenBekanntmachungen
Der NSLB. Kreis Gießen fordert alle Mitglieder zur Teilnahme an der großen Kundgebung in der Volkshalle am kommenden Sonntag auf. Ferner wird mitgeteilt, daß in der nächsten Zeit eine gemeinsame Fahrt zum Zwecke einer Besichtigung ber Ausgrabungsarbeiten auf dem Glau- berg veranstaltet werden soll. Der Termin dieser Fahrt wird noch festgelegt. Der Fahrpreis wird voraussichtlich 3 bis 3,50 RM. betragen.
Am 2. Juni, 15 Uhr, findet im Hotel Köhler eine Tagung des NSLB., Bezirk Gießen-Land, für die beiden Arbeitsgemeinschaften „Volksschule" statt. Anschließend wird eine Bezirkskonferenz abgehalten.
Hitler-Jugend, Bann 116 Gießen.
Asterweg, Jugendherberge.
Sprechstunden der Abteilung III Sozial-Amt. Abteilungsleiter Heinz Becker. Montags, Mittwochs und Freitags von 20 bis 21 Uhr für Jugendpflege, Fürsorge, Gesundheitsführung, Berufsfragen; Rechtsreferent Gerichtsreferendar Ludwig Heid. Dienstags und Freitags von 17 bis 18 Uhr Auskunft in allen Jugendrechtsfragen.
Heil Hitler!
Der Führer des Bannes 116. gez. Häuser.
Zieichsbund Volkstum und Heimat.
Kreisringführung Gießen.
An alle Ortsringführer!
Ich erinnere an das Rundschreiben des Land- schaftsführers Herrn Ministerialrat R i n g s h a u - s e n vorn 6. Mai d. I., wonach alle Persönlichkeiten Ihres Ortsringes auf den Ihnen übersandten Listen nahrnhaft zu machen sind, die sich dazu bereit erklären, Vorträge aus allen Gebieten der Heimat- und Dolkstumsarbeit zu halten und die heimatkundliche Führungen durch Museen, geschichtliche oder naturkundliche Gebiete veranstalten und leiten können. Die Listen sind alsbald in zweifacher Ausfertigung an mich einzusenden. Auch Fehlanzeigen finb zu melden.
Es bestehen Unklarheiten bei einem Teil der Ortsringführer darüber, wohin Neuanmeldungen zu berichten finb, Anfragen über Veranstaltungen usw. Ich gebe dazu folgendes bekannt:
An- und Abmeldungen von Mitgliedern finb dem Geschäftsführer Herrn Lehrer Dem- Gießen, Frankfurter Straße 90, 2. Stock, mitzuteilen. An diesen sind auch die Monatsbeiträge zu entrichten.
Ich saß am offenen Fenster und träumte hin- 15 gegen den Fluß. Da schwebte ein über alle
Oer Löwenzahn.
Von Nikolaus «Schwarzkops.
aus gegen den Flug. L-a icywevie em uw« uue Maßen' zierliches Gebilde herein, ein Samenkorn des Löwenzahn. Es hing offenbar schwer an seinem Fallschirm, und als es, in mein Fenster hereui- oeweht Dem Winde entronnen war, senkte es sich sogleich unb ließ sich auf Den Buchstaben B meiner Schreibmaschine nieder. Es legte sich auf Die Seite unb stützte sich auf zwei Härchen seines wei strahli- gen Schirmes. Wollte es etwa hier, inmitten Des Alphabets, umkränzt von Zahlen, Satzzeichen und Prozentzeichen, Paragraphenzeichen unb Gedanken- strichen, hier auf einer Zellulo.bplatte Wurzel schla- gen? Husch, wea, dachte ich: aus Diesen kalten Zeichen eine gewisse Art von Leben zu saugen ist deine Art nicht, das ist das Vorrecht denenigen Ge- schöpfe, die selber sich weit von der Natur entfernt haben und mit Hilfe dieser Zeichen Gedanken sicht- bar machen, Die über Mangel an natürlichem Leben hinwegtäuschen sollen. Husch, fort sagteich,'N deinen Bereich hinaus: ein Krümchen Erdreich au gesucht, Wurzel geschlagen und deine Natur erfüllt!
Ich blies, und es erhob sich steil vor mir in die
heimsuchen, und Dann, wenn Der Jubel deiner Minne vorüber ist, werden hundert Fallschirme aufsteigen, der Sonn' entgegen, dem Wind entgegen, und ich werde versuchen, den Tag der Reife zu erkunden, und werde, Kindern gleich, ben Samen hinausblasen über Die Erde. Ich habe bann eine gute Tat vollbracht innerhalb der weisen Orbnung der Natur.
Denn wären auch die Gedanken, bie aus dem Buchstabenfeld meiner Schreibmaschine für meine Mitmenschen sichtbar werden, gut und beft, flögen sie gleich deinem Samen beschwingt über die Erde hin, schlügen sie Wurzel in kärgstem Boden, würden sie vor Weisheit überfliegen und von Schönheit, und mühten auch die Menschen sagen: Gott sei in ihnen so weiß ich boch, daß er in bir boch noch weit mehr lebendig ist als in mir, Denn Du bist wirk- lich noch ein Teil Der Schöpfung, aus Der wir Menschen immer mehr seitab treten, du bist wirklich noch unversehrt unb bewahrt! Welch eine Mühe gibt sich Die Natur, sich in uns Menschen noch zu behaupten!
Wahrhaftig, ganze Völker schlagen ihre Wurzeln in Buchstabenfelder unb in Asphalt! Hoch aber am fünfunbzwanzigsten Fenster der Südseite des neun- zehnten Stockwerks eines Hochhauses sah ich ein Häufchen Geranien stehen. Ich versuchte zu erkunden wer da oben hause. Ich setzte mich in das gegenüberliegende Kaffeehaus unb starrte mit einem Fernglas hinauf ans Fenster. Abends Sch^g sechs erschien ein zartes Fräulein, träumte ein Weilchen gegen ben Fluß hinaus ... fingerte an ben Blu- men unb begoß sie mit einem blauen Kannchem Soweit ich sehen konnte, war Das Kind jung unb schön, unb ich verliebte mich in meiner Jlrt. Das ist auch eine, sagte ich mir, eine, Die gleich Dir bewert unb beglückt ist, eine, bie mit Löwenzähnen sich Erbe heraufgeschleppt hat an ihr Inster, aus daß sie Dem ewigen Jubel ber Erbe wenigstens in etwas noch nah sei! Wenn zu ihr einer meiner kleinen Löwenzahnluftschiffer ^mporgetrieben wer- den sollte, so wirb er eitel Freude bringen, wie er mir eitel Freude brachte.
Aber ich möchte statt des Löwenzahns eiwen ge- funben Burschen von Der Straße binaufjagen, daß er das Mädchen aus dem Getippe seiner schreib- Ä oÄÄ -ch! mobnMn^r Schust-^gas!-^Ich bA di-Bu^n s «w mfir’ frhnh* wenn feine Seele ziellos umherschwei- fen müßte gleüf) dem kleinen Lustschiffer, um schließ- lich ^uf einer Zelluloidplatte Wurzel schlagen zu wollen. _____
$ ich schon, indes ich blies, eine verkappte ^rze- zu
seinem Follsch.rm auf b«n rooUte
Erde unter sich jpur^ - = -nßn Msderhäkchen des abbrach. Die überaus feinen ^laerg^ ^rei$ kin:":ine""-7r^L^ -in- erhobene An. "lüU «einer
HoÜrich"pfÄstprüh°^la,Ien d^r r^ttr Wmd frrt dich fortgtjaflt aus dem nur ein
XfÄ ä IS»-1 “•
Musikalische Anekdoten.
Von Peter Purzelbaum.
Ernst Gotthold Pfund — Mendelsohns berühmter Paukist — ist eines ber witzigsten musikalischen Originale gewesen.
Eines Tages kam zu ihm ein Englänber, ber die seltsame Passion für Trommeln unb Paukenschlagen hatte und sich daher von Pfund ausbilden lassen wollte. Der Unterricht wurde also verabredet und zur ersten Stunde erschien der Begeisterte pünktlich zur Minute, griff begierig nach den Paukenschlägeln und wollte sein erstes „Bumm" ertönen lassen, da fiel ihm Pfund in den Arm und erklärte:
„Einen Augenblick, Mister Wilson! Das Allerwichtigste bei der Pauke ist, daß der Paukier Takt halten und die Pausen zählen kann. Das müssen Sie zuerst lernen. Ich habe Ihnen hier die Pastoral-Symphonie oon^ Beethoven aufgelegt. Nun fangen Sie mal an."
Bekanntlich hat die Pauke in den beiden ersten Sätzen dieser Symphonie nichts zu melden und so mußte der arme Schüler sämtliche Pausen vom ersten Satz zählen und jedes Mal von vorn wieder anfangen, wenn er sich dabei vertan hatte. Beim langsamen, dem zweiten Satz, ging es ebenso. Im dritten Satz hat die Pauke zwar am Anfang auch nichts zu tun, jedoch leuchtete dem paukbegeister- ten Engländer beim Aufkommen des Gewitterstur- mes der erste Wirbel frohlockend entgegen — und als er glücklich bis hierher gezählt hatte, zog Pfund die Uhr und sagte:
„So, Mister Wilson — Die Stunde ist nun um. Das nächste Mal fahren wir fort."
Hans v. Bülow probierte eines Tages mit dem Orchester die Harold-Symphonie von Ber- l i o z, als der Herzog Georg von Meiningen in Begleitung feines Adjutanten, des Herrn v. Kotze, das Theater betrat. Sogleich klopfte Bülow ab und fragte nach des Herzogs Befehlen. Doch der Fürst wollte nur zuhören und erkundigte sich, was gespielt werde. Bülow gab die gewünschten Erklärungen, bedauerte aber zugleich, daß er, ba beim Beginn bes Stubiums, bas Werk nicht vorführen könne.
„Aber das macht boch nichts, ich höre zu", meinte ber Herzog.
,Lch bebauere lebhaft, Hoheit, die Aufführung ist zu miserabel, ich kann sie Eurer Hoheit nicht präsentieren.
„Aber mein lieber Bülow, seien Sie boch nicht komisch — ganz egal, wie es geht, ich höre gern zu."
„Hoheit, ich bebaure zum brüten Mal — so weit, wie wir jetzt mit ber Symphonie finb," entgegnete Bülow mit einer steifen Verbeugung vor bem Her- zog unb seinem Adjutanten, „reicht es höchstens für ben Herrn von Kotze."
Saint Säens unb Massenet befanben sich eines Sommers zusammen in einem französischen Babeort. Der Berichterstatter einer Zeitung stellte sich ein unb fragte zuerst Saint Säens aus, wobei sich bas Gespräch auf Massenet wenbete.
„Was halten Sie von ihm, Meister?"
„Massenet ... hm ja . . . ganz anftänbiger Mensch — aber ein schwaches Talent . . . keine Einfälle . . ."
Gleich barauf besuchte ber Berichterstatter Massenet, unb bas Gespräch kam auf Saint Säens.
„Was halten Sie von Saint Säens, Meister?"
„Saint Säens? ... oh ... ein bebeutenber Künstler ... ein klassischer Könner . . . geniale Einfälle . . ."
Darauf ber Ausfrager:
„Meister, es wunbert mich, baß Sie so anerken- nenb über Saint Säens sprechen, währenb er sich so abfällig über Sie geäußert hat."
„Oh, Das macht gar nichts", unterbrach Massenet. „Vielleicht haben wir uns beibe geirrt."
Die vielen Badezimmer.
Königin Victoria von England verabscheute den Tabakgeruch unb hatte sich nur mühsam bazu über- reben lassen, in jebem ihrer Schlösser wenigstens ein Rauchzimmer an abgelegener Stelle einzurichten. Der Prinz von Wales aber teilte biefe Ab- Neigung seiner Mutter gegen ben Zigarrenrauch durchaus nicht unb hatte in Sanbringham, wo er Herr war, eine ganze Reihe von Gemächern zum Rauchen bestimmt. Da empfing er eines Tages unerwartet bie Nachricht, baß seine Mutter zu einem Besuch eintreffen würbe. Er fürchtete das Schlimmste, wenn sie überall den ihr so verhaßten Rauch riechen würde. Da rettete ihn eine glückliche Idee vor jedem Tadel. Als die Königin, freudig empfangen, durch die Korridore schritt, fand sie viele Türen mit der Aufschrift: „Badezimmer". Die Türen roaYen verschlossen, und wenn sie eintreten wollte, wurde ihr bedeutet, daß ber Raum aerobe benutzt werbe. Kopfschüttelnd beruhigte sie sich schließlich über die außerordentlich zahlreichen Reinlichkeitsvorrichtungen ihres Sohnes und seines Gefolges, sie erfuhr auch nie, daß hinter diesen verschlossenen Türen dem von ihr verabscheuten Laster gefrönt wurde.


