weisen. Land, See und Himmel bleiben für längere Zeiten unverändert, was dem malenden Künstler sehr zustatten kommt.
Die Eskimos haben für Petersens Arbeiten reges Interesse gezeigt, und sie selber zeichnen und malen gern, auf Stein, auf alten Papiersäcken oder was sie gerade zur Verfügung haben. Ähre Dar- fteUungen haben große Ähnlichkeit mit aufgefundenen Zeichnungen aus der Steinzeit. Eines Tages erschien ein alter Eskimo bei Petersen, während er gerade malte, und bot ihm für das Bild drei Pennies; als dieser ablehnte, war der Eingeborene sehr enttäuscht, kam aber am nächsten Tag
zurück und verdoppelte fein Angebot. Als er endgültig sah, daß kein Geschäft zu machen war, entfernte er sich zwar nicht grollend, aber doch sehr verwundert, über die Ablehnung eines so großzügigen Anerbietens. Unter den Eskimomädchen war ein großer Wettbewerb, denn jede wollte dem weißen Maler sitzen, seitdem eines von ihnen durch ein Bild von Petersen berühmt geworden war und sich schnell verheiratet hatte. Eine ganze Schar der Mädchen folgte dem Maler häufig auf seinen Streifzügen durch die nächste Umgebung in dem Wunsch, ebenso berühmt zu werden.
Aus -er proviuzialhauptsta-t.
Oer Holunder blüht...
„Ringel ringel Reihe, Sind der Kinder dreie, Sitzen unterm Hollerbusch, Rufen alle: husch, husch, husch" lautet ein alter Kindervers, den wohl jeder kennt.
Was unter den Blumen der Löwenzahn ist, den Hermann Löns „die allerschönste Blume" nennt, ist unter den Sträuchern der Hollunder. Wo alles andere Gesträuch versagt, saßt er noch Fuß und wächst fröhlich weiter: in sonnenlosen Großstadthöfen, auf Schutthalden an Straßenrainen, in Mauerwinkeln, in Sonnenbrand oder feuchtkühler Dumpfheit, wo nur ein Fleckchen Erde, ein roenig Nahrung für chn ist, siedelt er sich an, wächst unb gedeiht.
Wenn er aber blüht, drückt er der. ganzen Umwelt sein Gepräge aus. Allerorten sieht man ihn. Man hat gar nicht gewußt, daß es so viele mit Buschwerk gefüllte Ecken und Winkel im Stadtbild aab. Nun schwimmen überall über dunkelgrünen Blättermassen die weißen Blüteninseln, duftend, die blauen Juninächte durchleuchtend.
Alle Kinder kennen und lieben ihn. Unter seinen reichen Blättermassen kann man sich im grellsten Mittagsglast in schattenkühle Winkel einnisten und ungeblendet in die sonnenftimmernde Umwelt schauen. Die Buben schnitzen sich Flöten aus seinem Holz, die kleinen Mädchen können das weiche, elastische Mark zu allen möglichen Dingen verwenden. Häufig sitzen sie auch in seinem Schatten und flechten Ketten aus den Stengeln des Löwenzahn, welcher in der Nachbarschaft der Holunderbüsche oft in überschwenglicher Menge blüht.
Untrennbar vom Früh so mm er mit seiner ersten köstlichen Hitze ist blühendes Holundergesträuch auf verwilderten Löwenzahnwiesen, zwischen deren kleinen goldenenSonnen schon die zarten Samenkugeln stehen, hauchfein wie Seifenblasen. Und untrennbar von blauen Sommernächten ist der starke Duft der Holunderblüten und ihr geisterbleiches Schimmern über tiefem Blattdunkel.
Kreisleitung Gießen der NSDAP.
Kundgebung am 3. 3unl in Gießen in der Volkshalle.
Die Kundgebung beginnt um 14 Uhr. Am Nachmittage fallen sämtliche anderen Veranstaltungen aus. Das betrifft auch Veranstaltungen der Gießener Vereine, die in der Umgebung Gießens abgehoben werden sollen.
Oeffnung der Volksholle um 13 Uhr. Karten zum Preise von 0,20 RM sind bei der Kreisleitung und den Gießener Ortsgruppen erhältlich.
Vereine, die Veranstaltungen am Morgen des 3. Juni durchführen, haben Dafür zu sorgen, daß diese um 12 Uhr beendet sind.
Die Sammlung für den Luftschutz wird noch Vereinbarung mit der Ortsgruppenleitung des Luftschutzes spätestens um 13 Uhr unterbrochen. Nach der Kundgebung kann diese weiter durchgeführt werden. *
Kreisleitung Gießen.
I. A.: Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Kreiöbetnebszellenabteilung Gießen.
Anordnung zur öffentlichen Kundgebung der NSDAP, am 3. Juni.
Die Betriebe haben sich geschlossen mit ihren Fahnen zu beteiligen. Wir machen es unseren Betriebszellenobleuten zur Pflicht, dafür zu sorgen, daß diese Anordnung restlos durchgeführt wird. Die
Einlaßkarten, pro Stück 20 Pf., sind auf der Kreisbetriebszellenabteilung, Schanzenstraße 18, abzuholen.
Heil Hitler!
Gez. Hermann Wagner, Kreisbetriebszellenobmann.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Amt für Volkswohlfahrt.
Am Mittwoch, 30. Mai 1934, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord eine weitere
Pfundsammlung
statt. Alle Volksgenossen werden auch jetzt wieder gebeten, nach besten Kräften zu geben und die Spenden bereitzuyalten, so daß sie beim Erscheinen eines Amtswalters ohne Zeitversäumnis in Empfang genommen werden können.
heil Hitler!
Gez. Jöckel, stellv. Ortsgruppenamtsleiter.
NS.-Gemeinschast»Krast durch Freude"
Große Rheinfahrt am 8. Juli!
Einem viel an uns herangetragenen Wunsch können wir nunmehr Rechnung tragen. Am 8. Juli steigt die longerwartete R h e i n f a h r t! Wir fahren in den frühen Morgenstunden ab Gießener Bahnhof über Friedberg—Höchst nach Mainz-Kastel. In Kostet besteigen wir einen Rheindampfer, der uns an Rüdesheim und Bingen vorbeiträgt nach Koblenz. Don Koblenz geht es dann abends wieder mit dem Zug zurück nach Gießen.
Der Gesamtpreis, einschließlich eines Mittagessens auf dem Dampfer, beträgt nur 6 RM. für die Person. Mindestteilnehmerzahl ist 1000.
Die Betriebszellenwarte lassen umgehend in ihren Betrieben eine Liste umgehen, damit sich jeder einzeichnen kann. Bis zum 15. Juni muß ich im Besitz der Meldungen sein, damit sich auch alles ordnungsgemäß abwickelt. Von einer Betriebszelle liegt zur Zeit schon die Meldung für 150 Mann vor, also tft sofortige Meldung praktisch.
Gez. E h r i ft, Kreiswart „Kraft durch Freude".
Beachtet die täglichen Ankündigungen der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in den Tageszeitungen! Jeder kann sich aus den Reifen und Veranstaltungen wählen, was ihm Freude macht. AusparteiamtlichenBekonntmachungen
Die NS. - Frauenschaft Gießen-Süd teilt mit, daß der nächste Ortsgruppenabend erst am Freitag, 1. Juni, 20.15 Uhr, im Hause der Deutschen Arbeitsfront stattfindet.
Die Fachschaft „Höhere Schule" (Natur- wissenschaftliche Fachgruppe) im NSLB., Kreis Gie- ßen, veranstaltet am Donnerstag, 31. Mai, 17 Uhr, im Physikalischen Institut des Realgymnasiums einen allgemeinverständlichen Experimentalvortrag. Dr. H e u ß e l spricht über die verschiedenen Formen elektrischer Leitung.
Alterskameraden helfen SA.-Kameraden.
Bei dem Sammeltag der SA.-Führer für die hilfsbedürftigen SA.-Kameraden begab sich der Führer des Gießener SA.-Referve-Sturmbanns Sturmbannführer S o l d a n am Samstagabend auf kurze Zeit zu seinen Alterskameraden des Jahrgangs 1873/1923 auf den Schiffenberg, die dort gerade ihre Jahreszusammenkunft abhielten, um für
die hilfsbedürftigen SA.-Kameraden eine Beihilfe zu sammeln. An dem kurzen Besuch nahmen auch der Standartenadjutant Münk er und einige Kameraden des Sturmbannstabs teil. Sturmbannführer S o l d a n schilderte seinen Alterskameraden des Jahrgangs 1873/1923 in kurzen Worten den Sinn und Zweck der Sammlung für die hilfsbedürftigen SA.-Kameraden und erlebte dann die Freude, daß ihm aus dem Kreise seiner 35 Alterskameraden die schöne Spende von 35 Mark für das SA.-Hilfswerk zuteil wurde.
Zenensonderzüge der Reichsbahn.
Die Serienreifen werden weiter verbilligt!
Von der Reichsbahn-Direktion Frankfurt a. M. wird uns mitgeteilt:
Auch in diesem Jahr wird die Reichsbahn in der Hauptreisezeit eine Reihe der beliebten Feriensonderzüge fahren. Die Fahrpreise für die Feriensonderzüge sind wie bei den „Urlaubskarten" ermäßigt. Die Mindestermähigung ist 20°/o, bei größeren Entfernungen steigt sie bis 60%. Wer die mit Schnellzugsgeschwindigkeit fahrenden Züge zur Hinreise nach seinem Ferrenziel benutzt, erspart weiter für die Hin- und Rückreise den Zuschlag für Eil- und Schnellzüge. Er muß lediglich auf der Hinreise den Sonderzug benutzen, hat aber dafür den Vorteil, daß er nicht um einen Sitzplatz zu sorgen hat. Jeder Feriensonderzugreisende erhält zu der Fahrkarte eine „Beikarte" auf der das Abteil bezeichnet ist, in dem er bestimmt einen Sitzplatz findet. Jedes Abteil wird nur mit höchstens 6 Personen besetzt. Für die Feriensonderzüge werden besondere Fahrkarten ausgegeben und zwar von jedem Reiseantrittsbahnhof nach allen Bahnhöfen die mindestens 200 Kilometer vom Reife-Antritts- bahnhof entfernt find. Wenn dieser nicht Einsteigebahnhof für den Sonderzug ist, so ist die für den Feriensonderzug gelöste verbilligte Fahrkarte auch zur Fahrt bis zu diesem Einsteigebahnhof für alle fahrplanmäßigen Personen-, Eil- und Schnellzüge gültig. Vom Endziel des Sonderzuges, oder von
einem an der Sonderzugstrecke liegenden und von der Reichsbahn als „Aussteigebahnhof" bezeichneten Bahnhof — der bei der Bestellung angegeben wer» den muß —, können ebenfalls mit der Sonderzug. karte zur Weiterfahrt nach dem Urlaubsziel alle fahrplanmäßigen Züge benutzt werden.
Im Feriensonderzug darf die Fahrt nicht unterbrochen werden, dagegen in fahrplanmäßigen Zügen auf der Hinreise einmal.
Die „Feriensonderzugkarten" sind 2 Monate gültig. Innerhalb dieser Zeit — vom 7. Tag ab — kann jeder Reisende mit einer solchen Fahrkarte b i e Rückreise, und zwar die ganze Rückreise, in jedem fahrplanmäßigen Per- sonen-, Eil- oder Schnellzug erledigen. Aus der Rückreise ist dreimalige Fahrtunterbrechung ge- stattet. Die Feriensonderzüge führen nur Die Dritte Wagenklasse. Will ein ReisenDer auf Der Fahrt zum Einsteigebahnhof Des FeriensonDerzuges, zur
Erfülle deine pflicht!
Kämpfe gegen die Arbeitslosigkeit!
Fortsetzung seiner Reise ober auf ber Rückreise in fahrplanmäßigen Zügen eine höhere Wagenklasse benutzen, so wirb auch bei Eil- unb Schnellzügen nur ber Unterschieb zwischen ben ermäßigten Prei- sen ber „Urlaubsfahrkarten" für Personenzüge unb kein Zuschlag erhoben. Ein Zuschlag ist von Feriensonberzugreisenben in allen Fällen nur — Hin- wie Rückreise — bei Benutzung von FD, FFD unb ber mit L bezeichneten Züge zu zahlen; Eil- unb gewöhnliche Schnellzüge finb also für sie zuschlagfrei.
In ben nächsten Tagen werben von ben Fahrkartenausgaben ber Reichsbahn kostenlos Heftchen abgegeben, bis alles Wissenswerte über Die Ferien- sonDerzüge enthalten.
Jahresbericht derFreiwilligenGanitätskolonneGießen
Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz e. v. Gießen brachte Dieser Tage ihren Jahresbericht für das Jahr 1933 (1. April 1933 bis 31. März 1934) heraus. Der Bericht gibt einen anschaulichen Einblick in die Tätigkeit der Sanitätskolonne im vergangenen Jahre und läßt erkennen, daß die Mitglieder Der Kolonne mit allen Kräften bestrebt finb, ihren freiwilligen Dienst der Nächstenliebe nach bestem Können zu erfüllen.
Der Mitgliederstand Der Kolonne ist» denkbar günstig. Er betrug zu Beginn des Jahres 114 Mitglieder, am Ende des Geschäftsjahres 163 Mitglieder.
130 Mitglieder finb aktiv tätig.
Verschiedene Kameraden konnten durch den Landesverein vom Roten Kreuz für ihre treuen Dienste ausgezeichnet werden. Die noch lebenden Gründer der Kolonne erhielten aus Anlaß Der Feier des 30jährigen Bestehens Der Kolonne Ehrenurkunden Der Stadtverwaltung Gießen übermittelt.
Der versuchsweise eingeftihrte verbilligte Tarif für Krankentransporte konnte beibehalten werden. Das hatte eine Vermehrung der Krankentransporte zur Folge. Die bereits im Vorjahre begonnene Ausbildung der Kolonnenmitglieder im Gas- und Luft- fchutzdienst wurde fortgeführt. Betriebshelferkurie und Ausbildungskurse für neueingetretene Mitglieder wurden mit gutem Erfolg ab gehalten. Große Hebungen, die aus Anlaß Des 30jährigen Bestehens der Kolonne zusammen mit anderen Hilfsorgani- sationen Der StaDt abgehalten wurden, sind noch in guter Erinnerung.
Jm Laufe des Jahres wurden insgesamt 21 Hebungen abgehalten. Die Kolonne bewies bei verschiedenen Alarmübungen ihre außerordentliche Schlagfertigkeit.
Bei verschiedenen größeren Veranstaltungen stellte die Freiwillige Sanitätskolonne den Hilfsdienst. Belehrende Vorträge, laufend abgehalten, sorgten für
Die Vervollständigung Der Ausbildung Der Mitglieder. Bei verschiedenen auswärtigen Tagungen und Kursen war die Kolonne ebenfalls vertreten. An Sonn- und Feiertagen wurden stets Bereitschaftswachen gestellt, die in nicyt weniger denn 164 Fällen, darunter 100 Krankentransporte, in An« 0 genommen wurden. Gasschutzlehrgänge, bzw. ldungslehrgänge wurden von Den Herren Re- aierungsmedizinalrat Dr. Kortüm und Dr. Gros ab gehalten.
Einen sprechenden Einblick in Die Tätigkeit Der Kolonne gibt Die zahlenmäßige Erfassung Der getätigten Hilfeleistungen.
Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten kreuz wurde in insgesamt 5807 Fällen zur Hilfeleistung in Anspruch genommen.
Die Krankentransporte beliefen sich auf insgesamt 1454, die zum überwiegenden Teil in den vier Kraft- pragen geschahen, z. T. aber auch mit der fahrbaren Trage, mit Dem Fahrstuhl, mit Privatwagen und mit der Bahn vollzogen wurden.
Bei vielen Transporten handelte es sich um Hilfe- leistungen, Die für die Mitglieder Der Freiwilligen Sanitätskolonne nicht ungefährlich waren. So wurden u. a. nicht weniger Denn 51 Nerven- und GeN steskranke befördert, ferner 71 Transporte von Kranken mit übertragbaren Krankheiten ausgeführt. Von Den HilssDesinfektoren Der Kolonne rourDen in 62 Fällen Desinfektionen ausgeführt. Beim Umbetten und Baden von Schwerkranken war Die Sanitätskolonne in 255 Fällen behilflick.
Krankenpflegegeräte wurden in 510 Fällen aus- geliehen. Diese erheblich stärkere Inanspruchnahme als im Vorjahre machte weitere Anschaffungen not- roenbig.
Der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz und Der rührigen pflichtbewußten Leitung gebührt der Dank Der Einwohnerschaft. Wohl nie« manD, der um das Wirken Der Sanitätskolonne weiß, roirD den opferbereiten Männern Dank und wohlverDiente Anerkennung versagen.
Begegnung.
Von Otto Linck.
An einem strahlenD Hellen Tag, in Dem Der Sommer sich voll erster jugenDlicher Frische gab, stieg eine fremDe Frau auf Den Turm Der Georgskirche in NörDlingen.
Einer Laune folgenb, Der man in Der Muße einer Sommerreise wohl nachgibt, ohne ihr auf Den GrunD zu gehen, hatte sie Den Gatten, Den auch in Den Ferien Die Verpflichtungen feines Hamburger Geschäfts nicht losliehen, oorausfahren lassen. Sie hatte, froh Des Alleinseins, Den Vormittag mit fast mäDchenhaster EntdeckerfreuDe Das alte Reichs- ftäDtleifc DurchwanDert, balD von Dem hohen Umgang Der StaDtmauer über Die Giebel blickenD, bald sich wieDer in Den schmalen Gassen oerlierenD, gefangen von Der einzigartigen Stimmung Dieser StaDt unD ihren vielen auf Schritt unD Tritt be- gegnenben Köstlichkeiten, auf Die sie mit Geschmack unD Urteil, ein klein wenig EmpfinDsamkeit, aber auch Der lächelnDen Ueberlegenfyeit einer geborenen GroßstäDterin sah. Schließlich war sie Der Enge unD auch Des rauhen Pflasters- rnüDe gemorDen, unD verlockte Der ragenDe Turm Der StaDtkirche, noch einen Blick in Die Weite zu tun.
Langsam stieg sie Die vielen Stufen zu Der Wächterstube hinaus unb freute sich an jebem Fenster- schlitz, wie bie Stabt tiefer zurücksank unb bas grüne Lanb weiter in bie Runbe wuchs. Der Turm- wart öffnete oben ben Zugang zur Galerie, ba ftanb sie nun aufatmenb an Der Brüstung, sah unter sich tm Ring ber turmbewehrten Mauer bas sinnvolle Gewirr ber mittelalterlichen Stabt unb barum im großen Kreise Den gesegneten. Dicht benebelten, von sanften Höhenzügen umrahmten Garten Des Rieses. Ein frischer Lufthauch ging; einzelne weiße Wolken ftanDen reglos am fernen RanDe, unter ber strahlenb blauen Wölbung bes Himmels lag ber buntgewürfelte Teppich des schönen Laubes in feibigem Glanz unb war in ber Höhe eine große feierliche Stille.
Doch wich ber Wächter nicht von ihr, so fühlle sich bie Besucherin schließlich verpflichtet, nach bem Namen einer Ortschaft zu fragen. Der Wächter gab Bescheib unb fuhr, einmal im Zug, gewohnheitsmäßig fort, die Gegend zu etikettieren; begann mit dem Jpf, nannte nacheinander bie Namen ber vie- fen sichtbaren Dörfer unb gab sogar gewissenhaft die Richtung von Punkten an, die man von Dem Turm nicht sehen konnte. So Daß sich Die FremDe
belustigt unD beängstigt zugleich fragte, wie weit man wohl Diese metaphysische Geographie aus= Dehnen könne ...
Da fiel Der Name: Ripplingen.
Ripplingen? JrDenwo war Der Besucherin Der Name vertraut; nach einigem Besinnen erinnerte sie sich unDeutlich, Daß ihre Familie eigentlich aus Dem Schwäbischen stammen sollte, ja. Daß ein verstorbener Onkel, Der ein SonDerling unD von Der Verwandtschaft nicht geraDe geschätzt gewesen war, herausgebracht haben wollte, ihre Ahnen seien im Dreißigjährigen Krieg von Den SchweDen aus einem Dorf namens Ripplingen nach Pommern verschleppt roorDen, von wo Das Geschlecht später nach Hamburg gekommen war.
Mochte es also Dieses Ripplingen sein. Aber währenD sich Die Hamburgerin mühsam wieDer Durch Die Dunkelheit Des Abstiegs zurücktastete, ließ sie Der Name nicht mehr los, lockte plötzlich Das Geheimnis unD wuchs Der Anteil, Den sie an Dem verschollenen Schicksal nahm, unD als sie in Der Helle Des Marktplatzes ftanD, formte sich immer bestimmter Der Entschluß, Den Ort zu schauen unD auf eigene Faust nachzuforschen, sei es auch nur eines mertroürDigen Abenteuers wegen.
So gedacht, so getan. Sie mietete einen Einspänner und fuhr nach Mittag vergnügt unD neugierig zum Baldringer Tor aus NörDlingen hinaus. Die Stille Des flachen LanDes nahm sie auf; ein un- enDliches Sirren Der Grillen schwang in Den Korn- felDern zu Seiten Der Straße, Die Ferne flimmerte in Der sommerlichen Wärme, neben Dem breiten Rücken Des Kutschers gingen Die Flanken Des Schimmels taktmäßig auf unD ab. Sie fühlte sich seltsam verträumt; Die Hitze, Der Glanz, Das Flimmern unD Singen Der Felder wiegte ein. Wie merkwürdig war Dies im Grunde; Da fuhr sie, eine geborene Ripperer aus Hamburg, in einer schlecht gefeDcrten Bauernkutsche einer alten Familienüberlieferung nach, ins Blaue hinein ...
In Wallerstein versäumte sie jeDoch nicht, auf Dem Archiv uachzusragen, unD bekam Die Antwort, daß Dieses Ripplingen tatsächlich in jenem Krieg oon Den SchweDen zerstört roorDen sei. Daß sich aber, Da Damals auch Die Kirchenbücher verloren gingen, nichts UrkunDliches mehr feststellen lasse. Sie ließ sich Durch Diesen BescheiD nicht entmutigen unD fuhr weiter an immer neuen FelDern unD Wiesen, einem kühlen WalD vorbei, bis sie voll heimlicher Spannung in Ripplingen ankam.
Fast war sie ein wenig enttäuscht. Daß es ein Dorf war wie alle anDeren im Ries, sauber, statt
lich, mit getünchten Giebelhäusern unD breiten Straßen; eine barocke Kirche ftanD auf einem Hügel, hinter ihr ragten Die Trümmer einer Burg. Doch, als sie Die erste beste Frau, Die ihr in Den Weg kam, nach Leuten Des Namens Ripperer fragte, erhielt sie zu ihrem geheimen Schreck eine bestä- tigenDe Antwort unb warD gleich an ein großes, weih verputztes Haus verwiesen, Das mit hohem Giebel am EnDe Der Straße aus Der Häuserzeile hervorsprang.
Eine saubere junge Bäuerin begegnete Dort bem seltsamen Anliegen ber Fremden mit höflichem Mißtrauen, führte sie in bie gute Stube unb ließ sie nach einem vergeblichen Unterhaltungsversuch allein, bis ber Mann vom Felb gerufen wäre. Bald tuschelten braußen in ber Küche bie Nachbarinnen über ben seltsamen Besuch; bie Hamburgerin aber saß ziemlich verlegen in ber Bauernstube, fragte sich, was sie benn, nachbem sie bas Vorkommen bes Namens Ripperer festgestellt hatte, hier eigentlich noch wollte, und warb sich ihrer merfroürbigen Lage beim Anblick ber frembartigen Umgebung hoppelt bewußt. Am liebsten wäre sie gleich roieber fortgegangen, jebenfalls beschloß sie, nur bie nötigsten aufflärenben Worte mit bem Namensvetter zu wechseln, unb überlegte eben, wie sie bies am besten angriffe, als sie feinen schweren Schritt im Hausgang vernahm. Doch bauerte es mit um« stänblichem Hin unb Her noch eine ganze Weile, bis sich ber Bauer für ben Besuch schön gemacht hatte unb behutsam bie Tür öffnete ...
Da geschah bas Unerwartete, Die Besucherin erschrak. Sie erschrak im tiefsten, Denn Der, Der Da in kurzen Kniehosen, in Der tleiDfamen Tracht Der Gegend vor ihr ftanD, Das war ihr leiblicher Bru- ber; bas heißt, sah ihm ähnlich wie ein Ei bem anbern. Es war kein Spiel unb Spaß mehr, son- bern spukhafte Wirklichkeit unb Gewißheit; unb aus ber tiefen Erschütterung biefes Erlebnisses heraus geschah weiter bas kaum glaubliche, baß bie Dame aus Hamburg bas starke Zusammengehörigkeitsgefühl ihres vornehmen Hamburger Geschlechts ohne Zögern auf ben unbekannten Namensvetter übertrug unb bamit ben richtigen Ton fand, der auch dem wortkargen, schwer zugänglichen Ries- bauem zu Herzen ging.
So gab es kein langes Erklären, es war ein Wiedersehen unter Verwandten. Der Bauer ließ es sich, nachdem das erste Fremdsein überwunden war, nicht nehmen, aufzutischen, und es wurde, zumal als sich noch andere Zipperer einstellten, eine schöne und fröhliche Feier daraus. Auch das Dorf war
nun nicht mehr nur eines von vielen. Begleitet von der Verwandtschaft und einem ganzen Troß neugieriger Kinder ging es auf den Burghügel hinauf; die Fremde ließ sich die Felder des' Hofs zeigen, besichtigte die Kirche, eine Fahne war in ihr, zer- schließen unb grau, aus bem Dreißigjälrigen Kriege.
Zuletzt gab es einen herzhaften Abschieb, als hätten sich bie nörblichen unb süblichen Zipperer längst gekannt. Tritt um Tritt trottete ber Schimmel roieber durch bas in Dämmerung versinkende Land nach Nördlingen zurück, dessen Kirchturm phantastisch groß vor dem rot verglühenden Horizont stand. Eine nachdenkliche Ergriffenheit war in der Frau; es schien ihr jetzt auch mehr als ein Zufall, daß sie gerade in dieser Gegend hatte länger verweilen wollen, als wäre eine uralte Heimaterinnerung in ihr wach geworden. Sie lächelte bei bem Gebauten, welch kluge Spässe ihr Mann an das Erlebnis knüpfen würbe, unb wußte boch, baß er, ber immer im lebenbigen Tag ftanb, bas Beste nie begreifen würbe, bie jähe Erschrockenheit, bie sie einen Augenblick empfunben hatte vor ber zeitlosen Verbunbenheit bes Bluts.
Sochschulnachnchten.
Professor Dr. Robert Schwarz, Ordinarius für Chemie und Vorsteher der anorganischen Abteilung am Chemischen Institut ber Universität Frankfurt a. M., ist an die Universität Königsberg berufen worden.
Dr. Otto Schmidt, Privatdozent an der Universität Breslau, erhielt einen Lehrauftrag für gerichtliche Medizin in Frankfurt und übernimmt die Leitung des Institutes für gerichtliche Medizin als Nachfolger von Prof. R a e ft r u p-
Der ordentliche Professor Philipp Broemser oon der Universität Heidelberg hat ben an ihsi ergangenen Ruf auf ben Lehrstuhl ber Physiologie an ber Universität München als Nachfolger von Geheimrat Otto Frank angenommen unb bereits feine Ernennung mit Wirkung vom 1. Mai erhalten.
Der außerorbentliche Professor Dr. Ina. Karl Euler von ber Technischen Hochschule in Br es* l a u würbe zum Orbinarius in ber Fakultät für Maschinenwesen baselbst ernannt.
Das Ordinariat für Rassenkunbe an Der Universität T ü b i n g e n würbe bem Tübinger Prioatdozen- ten Dr. Wilhelm (9 i e f e l e r übertragen.


