Dg 6 02 öeuWen Weins
Vom grauen Altertum bis in die jüngste Gegenwart hinein hat die Geschichte des Weines und des Weinbaues die Geschichte der Menschen und Völker heiter und anmutig, tiefsinnig und ernsthaft begleitet. Wir wissen nicht, ob die große Kulturgeschichte der Traube und der Kelter, der Bacchusverehrung und der Trinkfreudigkeit durch die Jahrhunderte hindurch schon geschrieben ist —: es wäre eine lohnende Aufgabe und des Schweißes der Edlen wert. Aber wer es da genau nehmen und gründlich eindringen, ins Breite und Weite schweifend beschreiben und darstellen wollte, dessen Kraft, Phantasie und Forfcherfleiß müßten wohl erlahmen und mutlos werden vor der Fülle der Gesichte. Selbst wenn einer, was uns freilich am nächsten läge, sich auf den Kulturkreis der Deutschen beschränken würde, bliebe noch immer die Menge des Stoffes fast übermächtig für Blickweite und Gestaltungskraft Birtes einzelnen Mannes.
Der Wein in Geschichte und Kulturgeschichte, in der bildenden Kunst und der Literatur, in Sage und Märchen und Volksglauben, in der Geschichte des Handels, der Wirtschaft und der Stände — da ist kein Anfang und kein Ende, und tausendfältig laufen die Beziehungen und Wechselwirkungen hin und wieder im weiten Umkreis menschlichen Denkens, Empfindens und Trachtens. Was für ein stattliches, würziges und zum Trinken anregendes Buch allein könnte der schreiben, der sich in die Geschichte der Poesie des Weines versenkte und zu diesem Ende allabendlich eine grüngolden funkelnde Flasche neben sein Tintenfaß rückte, auf daß die holden und lustigen Rebengeister ihn freundlich umschwebten und ihm Herz und Sinne stärkten zu löblichem Tun.
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Seit uralten Zeiten haben die Dichter, die großen und die kleinen, mit Andacht und Liebe den Wein besungen, die edle Kunst und den schwärmerischen Genuß des Trinkens verherrlicht. Es wäre ein aus- fichtloses Beginnen llrtb würde bald ins Uferlose führen, wollte man genau und gerecht die Poesie des deugchen Weines durch die Jahrhunderte ver- folgen. Wir brauchen nicht einmal ins Mittelalter Surückzuschweifen (von Anakreon und Horaz zu chweigen) — welch eine stattliche Reihe bekannter, a erlauchter Namen umspannt allein die Entwicklung von Lessing und Goethe, Novalis und Elan- dius über Hoffmann und Hauff, über Keller und Storm bis zu Binding und Schäfer. Oder — auf einer anderen Linie — von Scheffel bis Baumbach, Roquette und Johannes Trojan. Vom überschäumen- den „Ergo bibamus“ über eine riesige Kommersbuchliteratur bis zum „Roland»b-gen" und zum „rheinischen Mädchen beim rheinischen Wein".
Schon aus dieser mehr als fluchtigen und zufälligen Aufzählung, die nicht den mindesten Anspruch auch nur auf annähernde Vollständigkeit erheben kann, mag einer ermessen, wieviel gute und herzerfreuende Dichtung ungefühlt, ungesckrieben und ungesungen geblieben wäre, wenn nicht eine gütige Gottheit das Land der Dichter auch mit dem Gnadengeschenk der Traube gesegnet hätte. Und wer sich in diesem Lande auch nur ein wenig den
Wind um die Nase hat wehen lassen, der weiß, wie viele ehrwürdige Schenken und Trinkstätten ihren Ruf und Ruhm nicht nur dem gepflegten Aroma und Alter ihres Kellers, sondern auch dem Namen des Dichters verdanken, der da gesessen, getrunken und die Räume bis auf den heutigen Tag mit einem Hauch seines Wesens begabt und geadelt hat.
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Wer dächte da nicht an den Bremer Ratskeller mit den zwölf Aposteln, der Frau Rose und dem steinernen Roland, wo der früh verstorbene Wilhelm Hauff sein „Herbstgeschenk für Freunde des Weines" phantasierte? Zu beklagen jeglicher Mann, der nie im Leben in die alten, dämmerigen Gewölbe des Kellers von Lutter und Wegner am Berliner Gendarmenmarkt hinabtauchte und dort, vom Figurenreigen Callotscher Gestalten rings an den Wänden umschwebt, mit Liebe und Ehrfurcht des Dichters Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gedachte, der zugleich ein preußischer Kammergerichtsrat, auch Musiker und Zeichner war und mit seinen Freunden, dem Schauspieler Ludwig Devrient vor allen, hier viele Nächte seines unruhigen und genialischen Daseins verbracht hat.
Ein Jammer, wenn einer, der in Würzburg war, tagsüber andächtig zu Gast bei Riemenschnoider und Balthasar Neumann, durch viele Kirchen, an vielen Madonnen, Heiligen und Bischöfen vorüber wandelnd — am Abend wieder heimgefahren ist, anstatt sich in den „Stachel" zu fetzen, wo lange vor ihm schon Götz von Berlichingen und Florian Geyer selig den Humpen geschwungen haben sollen: da wird er vollends gewahr werden, falls es ihm
Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher Und trinkt ihn fröhlich leer.
In ganz Europia, ihr Herren Zecher!
Ist solch ein Wein nicht mehr.
Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen, Noch wo man Franzmänn'sch spricht;
Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, Wir holen ihn da nicht.
tzhn bringt das Vaterland aus seiner Fülle;
Wir wär' er sonst so gut!
Wie mär’ er sonst so edel, wäre stille
Und doch voll Kraft und Mut!
Er wächst nicht überall im Deutschen Reiche;
Und viele Berge, hört,
Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche, Und nicht der Stelle wert.
vorher noch nicht aufgegangen sein sollte, was das Frankenland für eine gesegnete Provinz ist, ... wenn er so mit Bedacht einen mild-feurigen Randersackerer aus dem runden Bocksbeutel in fein Glas und aus dem Glas langsam über die Zunge laufen läßt... Da hört einer, wenn er die Augen schließt, alle Würzburger Glocken auf einmal läuten, und wenn er Glück hat, vom Residenzgarten her ganz zart eine kleine Nachtmusik von Mozart, und wenn er über die alte Brücke heimwandelt, lächelt „der Winzer Schutzherr Kilian", her da oben so steinern unter den silbernen Junisternen auf seinem Sockel steht, mit Wohlgefallen hinter ihm her ...
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Das mag wohl im Vorsommer gewesen fein, die Luft war weich, und der laue Nachtwind wehte dir ein Wölkchen Jasmin entgegen ... ein paar Monate später aber, wenn die Aepfel, die Nüsse und die Trauben reif sind, dann mußt du dich aufmachen und mit dem Schiff von Mainz den Rhein hinunter fahren, mitten hinein in die vom Wein berühmte und gesegnete Provinz des Vaterlandes, Hinter Bingen erst baut- sich die großartige und unver- wechfelbare Szenerie auf aus breitem Strom, schmalem Ufer und steilem Fels, aus kleinen Städten, alten Bur- gen und unabsehbaren Weinbergen. Gegen Abend mußt du irgendwo anlegen und aussteigen, wo sie ein Winzerfest feiern auf der dämmernden Rheinterrasse mit bunten Lichtern oder eine richtige Kerb in der „Landskrone". Schon von weitem hörst du aus den Hellen Fenstern das Gelächter der Fröhlichen und den stampfenden Dreivierteltakt der Tanzenden und zugleich Singenden: O du wunderschöner deut-
Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein, Jst's aber nicht. Man kann dabei nicht singen, Dabei nicht fröhlich sein.
Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen, Wenn Wein ihr finden wollt;
Das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen, Und etwas Laufegold.
Am Rhein, da wachsen unsre Reben;
Gesegnet sei der Rhein!
Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labewein.
So trinkt ihn denn, und laßt uns alle Wege Uns freun und fröhlich sein!
Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein.
Rheinweinlied
Von Matthias Claudius.
scher Rhein... Da mach dich hinein, misch dich dazwischen, geh vor Anker, kauf dir eine Flasche und ein Tanzbändchen, dann bist du geborgen, und den letzten Zug in Mainz bekommst du sowieso nicht mehr.
Und wie du von Mainz hinunter gefahren bist, so mußt du von Koblenz her die Mojel hinauf fahren, mit oder ohne Liebeskummer, wie es der Dichter Rudolf G. Binding beschrieben hat, mit oder ohne Moselaal blau, darauf kommt es nicht so sehr an; aber aussteigen kannst du und .einkehren, um zu trinken, wo du willst, denn du machst, mit der Bahn, mit dem Auto ober zu Schiff, eine Fahrt nach der Weinkarte, und der „Bernkasteler Doktor" soll dir nicht minder gesegnet fein als die „Zeller schwarze Katz". Auf der Rückreise mag es dir bann wohl ergehen wie jenem, mit besten Beschreibung Binbing seine heiter - traurige „Moselfahrt" beschließt: „... Unb manchmal kommt eine kleine merkliche Erregung über ihn. Unb bann geschieht es, baß er, ohne Den Blick zu verwenben, in bie Westentasche greift unb fanft unb zärtlich einen Wempsropfen aus her Tasche nimmt, um ihn verzückt an bie Nase zu führen und ein Weilchen fromm daran zu riechen."
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Das mag nun alles gut und schon sein und soll auch so bleiben, aber wenn in diesen Tagen Deutschland im Zeichen des deutschen Weines steht, bann ziemt es sich unb ist her eigentliche unb ernste Sinn einer solchen Veranstaltung, nicht nur in heitere unb schwerelose Betrachtungen unb Erinnerungen sich zu verlieren, fonbern auch unb zu allererst an bie Schattenseite gleichsam her „golbenen Berge" xu denken: an bie harte Arbeit jahraus jahrein, an die Sorgen und die bittere Not her deutschen Winzer unb Weinbauern.
Rheinreise unb Moselfahrt werben ihres romantischen Zaubers entkleibet, sobalb man hinter bem festlichen Glanz unb her gelösten Stimmung einer Ferienwoche ober eines Kirchweihabenbs im Weingau ben nüchternen Alltag gewahr wirb; wenn man in Gebauten etwa ben Weg unb Werbegang bes Weines zurückverfolgt von bem Glas, das einem her Wirt auf ben Tisch stellt, zur Flasche, von her Flasche zum Faß, vom Faß zur Kelter, von her Kelter zum Rebstock; — wer benkt babei an bie saure Arbeit am steilen Berg im glühenben Mittagsbranb, an bie enblosen Regengüsse, an Nachtfrost unb Hagelfchlag, an bie Peronospora und ben schweren Kupfervitriolkübel, ben her Winzer mehr als einmal auf bem Rücken in feinen Wingert hinaufgeschleppt hat, auf baß er vor Krankheit und Mißernte bewahrt bleibe, und die Mühe unb Sorge nicht ganz vergeblich gewesen sei.
Daran soll jeher henken, her heute in Deutschlanb ein Glas Wein trinkt, unb jebes Glas soll man trinken mit bem Bewußtsein unb Willen, einem feines Volkes bamit zu helfen, her es bitter nötig hat: einem unbekannten beutfchen Weinbauern irgenbmo am Rhein ober an her Mosel.
Hans Thyriot
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