Einzelbild herunterladen

Nr. 200 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 28. August (934

W. Gerhardt, Gießen, Gaumeister im Florettfechten.

Schöne Erfolge konnten die Fechter und Fechte­rinnen des Turnvereins 1846 bei den erstmals am Sonntag in Kassel zum Austrag gekommenen Gau­meisterschaften des Turngaues Nordhessen erringen. W. Gerhardt holte sich im Florett der Männer den Titel des Gaumeisters. Den Eintritt in die Gausonderklasse (früher Kreissonderklasse) des neuen Turngaues Nordhessen erkämpften sich mit ihm: im Florett L. Gerhardt; im Säbel W. Ger­hardt; im Florett der Frauen Frl. Wirth und Frl. Mohr.

Handball als selbständige Gportgruppe.

Bei der Neuordnung der deutschen Leibesübungen, bedingt durch die Gründung des Reichsbundes für Leibesübungen, ist endlich dem deutschen Handball­sport die Stellung zugewiesen worden, die er ver­dient und die er bisher nicht einnehmen konnte, weil mehrere Verbände Beschlag auf diese Sportart leg­ten und beanspruchten, dieses Spiel in Erbpacht nehmen zu können. Der Reichssportführer hat er­freulicherweise diesem Streit ein Ende gemacht. Die Einrichtung des Fachamtes Handball und die Uebertragung der Leitung dieses Amtes an einen erstklassigen Fachmann und wirklichen Handball­sportler, der von der Pike auf gedient hat, wird im ganzen deutschen Handballsport mit Befriedigung ausgenommen worden sein. Der neue Leiter des deutschen Handballspiels, Brigadeführer Herr­mann (München), früher Oderleutnant bei der Hessischen Schutzpolizei und vor einigen Fahren einer der bewährtesten Schiedsrichter, hat als erste Amtshandlung nachstehende Verfügung erlassen:

Der Herr Reichssportführer hat das Amt 4, Handball, im Reichsbund für Leibesübungen errich­tet. Damit ist die dringend notwendige Zusammen­fassung aller Handballtreibenden erfolgt.

Der Herr Reichssportführer hat mich zum Leiter des Amtes für Handball ernannt mit Schreiben vom 10. August:

A l s aufgehoben gelten hiermit:

1. Alle bis zum heutigen Tage ergangenen Aus­schreibungen für die Spielzeit 1934/35;

2. Alle Festlegungen für die Lehrtätigkeit in den Gauen (Spieler- und Schiedsrichter-Kurse).

3. Alle Ernennungen von Vertrauensleuten für die Spielerausbildung, Schiedsrichterausbildung, Olympiavorbereitung ufw.

Die Ausschreibung für die Spielzeit 1934/35 lautet:

Altersklassen für 1934/35: Männer 1916 und früher, männl. Jugend A 1917 und 1918, männl. Jugend B 1919 und 1920, Knaben A 1921 und 1922, Knaben B 1923 und später; Frauen: 1918 und früher, weibl. Jugend A 1919 und 1920, weibl. Jugend B 1921 und später.

Die M e l d e g e l d e r für jede Mannschaft be­tragen: Juaendmannschaft: 1 Mark, untere Mann­schaften 3 Mark, 1. Mannschaften Kreisklasse 10 Mk., 1. Mannschaften Bezirksklasse 15 Mark, 1. Mann­schaften Gau klasse 30 Mark. Die Sätze gelten für Männer- und Frauenmannschaften.

Ernennung von Gau-Handball-Leiiern.

Der neue Führer der deutschen Handballer hat in einigen Gauen bereits vorläufige Ernennungen der sogenannten Gau-Amtsleiter für Handball ausge­sprochen.

Sie Schlußleuie der Saarland Treuestaffeln in Koblenz.

Nach der Uebergabe der Köcher. Der Reichssport­führer von Tschammer-Osten (im Vorder­grund rechts) im Gespräch mit den Schlußleuten der Saarland-Treuestaffeln. Unter den Staffelläufern sehen wir auch unseren Gießener Turner und Turn­

festsieger von Köln, Karl Reuter (in der ersten Reihe der Turner, der Zweite von links). Seine Brustschleife trägt die AufschriftSaarland-Treue­staffel, Lauf IV, ObersalzbergKoblenz, Gau Nord­hessen." (Aufnahme Photo -Pfaff).

M dem Mn-Adler von Laucha nach Gießen.

Landung eines Magdeburger Segelfliegers.

Für das Klinikviertel gab es am Sonntagabend ein Ereignis, das vorübergehend eine freundliche Unruhe verbreitete. Ein Segelflieger war über Gie­ßen erschienen, zog zunächst einige Kreise, suchte einen Landeplatz und fand ihn dann auch in der Nähe der Heilstätte Seltersberg auf einer leichtge­neigten Wiese. Das Flugzeug landete glatt und ohne jeden Schaden. Es handelte sich um eine Hoch­leistungsmaschine, um einen Rhönadler.

Die Kunde, daß der Segelflieger auf der Wiese hinter dem Lupusheim und an Der Heilstätte Sel­tersberg niedergegangen war, sprach sich, soweit es nicht beobachtet war, schnell herum, und bald war der Segelflieger von vielen Menschen umringt, die ihm auch eifrig halfen, das Flugzeug sachgemäß ab­zubauen und zu bergen. Es wurde in den Hof des Lupusheimes gebracht. Der Segelflieger, ein statt­licher junger Mann, Robert Blancke, von der Fliegerortsgruppe Magdeburg (Leiter der Segel- fliegerabteilung der Ortsgruppe) hatte schnell ben Kontakt mit den Gießenern und mit den Insassen der nächsten Heilanstalt gewonnen und erzählte gern von seinem Flug.

Er war am Sonntagmittag mit feinem Flug­zeug mit mit einem Kameraden auf dem Segel* fluggelände bei Laucha (Unstruth) zu einem Paarflug gestartet, der im Rahmen eines hoch- teistungswetlbewerbes ausgeschrieben war.

Blancke und sein Kamerad ließen sich durch ein Motorflugzeug auf 300 Meter Höhe bringen und schraubten sich dann, termische Aufwinde aus- nützend, bis auf etwa 1200 Meter Höhe. Nun ge­wannen sie Wolkenanschluß, Schiebewind kam ihnen zu Hilfe, die Thermik nützten sie außerdem nach besten Kräften aus, so daß es ihnen möglich

wurde, auf Strecke zu gehen. Geraume Zeit flogen beide Segelflieger nebeneinander. Blancke, der hier in Gießen landete, weil der hereinbrechende Abend und das damit verbundene Aufhören der warmen Aufwinde dem Flug Halt gebot, hatte in der Zeit von etwa fünf Stunden insgesamt 2 3 5 Kilo­meter zurückgelegt. Sein Kamerad soll etwa 240 Kilometer geflogen sein. Allerdings war bis zur Stunde nicht zu erfahren, wo er landete.

Der Flieger benachrichtigte, nachdem das Flug­zeug geborgen war, sofort seine Kameraden in Laucha, die sich auch gleich mit dem Kraftwagen und dem angehängten Transportwagen auf den Weg machten. Am Montagmittag trafen sie hier ein. Das Flugzeug wurde aufgeladen und nachdem die letzten Formalitäten erledigt waren, konnte gestern nachmittag gegen 18.30 Uhr die Rückfahrt nach Laucha beginnen. Der Segelflieger will nach seiner Rückkehr weitere Streckenflüge unternehmen, ba der Hochleistungswettbewerb noch bis zum kom­menden Sonntag dauert.

Robert Blancke war, er berichtet begeistert und freudig darüber, in einer der Kliniken am Seltersberg mit überaus großer Freundlichkeit ausgenommen worden.

Es fehlte ihm an nichts. Die Verpflegung war sehr ausgiebig und das Nachtlager so schön, wie er es sich nur wünschen konnte. Auch die Helfer, die aus Laucha hierhergekommen waren, wurden sehr gast­freundlich ausgenommen und für die Stunden ihres Aufenthaltes in unserer Stadt bestens ver­pflegt. Ungern sahen die Patienten und das Pflege­personal die Flieger scheiden, die für einige Stun­den Abwechslung in die Stille ihres Tages gebracht hatten.

Spielvereinigung 1900 Gießen.

DfC. Biedenkopf Spog. 1900 3:1 (1:0).

Wider Erwarten mußte die Liga aus Bieden­kopf mit einer Niederlage heimkehren, doch war die Niederlage nicht verdient, vielmehr konnte die Spielvereinigung bei mehr Glück einen glatten Sieg erringen. Leider war kein neutraler Schiedsrichter da. Biedenkopf spielte sehr hart. 1900 trat mit der zur Zeit stärksten Vertretung an. Während des Spiels wurden einige Umstellungen erforderlich, bs sich die Mannschaft zu einer Einheit zusammen- fanb. Schlarb war nicht in gewohnter Form, Lip­pert brauchte erst einige Zeit, bis er ins Spiel kam. In der Läuferreihe war Heilmann überragend, Langsdorf und Hainbach waren im Zuspiel schwach. Im Sturm war die linke Seite produktiver als die rechte. Günther ist nicht ligareif. Bei Biedenkopf überragten der rechte Verteidiger, Mittelläufer und Halbrechte.

1900 konnte sich zuerst nicht mit Ball und Bo­den abfinden, und so hieß es schon nach zwei Mi­nuten 1:0. Bei einem Angriff der Biedenkopfer ver­sucht Langsdorf zurückzuspielen, schoß aber an Schlarb, der herauslief, vorbei an den Torpfosten. Ehe die verdutzten Gießener eingreifen konnten, hatte der Linksaußen eingeschossen. Nach zehn Mi­nuten ging Heilmann als Mittelläufer, und schon war es mit der Ueberlegenheit Biedenkopfs vorbei. Das Spiel wird ausgeglichen, Erfolge bleiben aus, da sich die schwachen Stürmerreihen nicht durch­setzen konnten. Mit 1:0 für Biedenkopf ging es in bie Halbzeit. Nach Halbzeit war Biedenkopf be­müht, das Ergebnis zu verbessern, was ihnen auch gelang. Bei einem Eckball drückte sich der Mittel­

läufer an Lippert hoch und köpfte zum Tor, Schlarb sprang etwas zu früh, und durch die Sonne ge­blendet griff er daneben. 2:0. Durch diesen ver­meidbaren Erfolg ließen sich bie Blau-Weißen nicht deprimieren, im Gegenteil, sie führten jetzt ein Spiel vor, wie man es lange nicht mehr von ihnen gesehen hatte. Der Ball wanderte nun von Mann zu Mann, Biedenkopf brachte fast kein Bein mehr auf den Boden. Bei einem schönen Angriff paßte Schmelz zu Hammer, der umspielte einen Verteidiger und schoß flach ein, eine Prachtleistung. Einen Kopfball von Schmelz holte der Verteidiger gerade noch aus dem leeren Tor. Weiter auch wurde eine Chance nach der anderen herausgespielt. Daß aber nicht mehr Erfolge fielen, lag teils an der Unentschlossenheit der Stürmer, teils an dem robusten und rücksichtslosen Spiel der Biedenkopfer Abwehr. Kurz vor Schluß gelang dem B. Links­außen ein Durchbruch, der durch schönen scharfen Schuß zum dritten Tore führte. Einige weitere An­griffe der Blau-Weißen brachten nichts ein.

Eines gelang der Spielvereinigung: sie fand in Biedenkopf eine gute Mannschaftsaufstellung. Wenn die Mannschaft so prächtig flach und genau zusarn- menspielt wie dort in der zweiten Halbzeit, wenn noch die Stürmer einen herzhaften Schuß mögen, kann 1900 ruhiger als voriges Jahr in die Ver« bandsfpiele eintreten.

Kurze Sportnotizen.

Reit- und Fahrturnier Li ch. In der Ergebnisliste des gestrigen Berichtes über das Reit- und Fahrturnier mußte der 1. Preisträger in der Vielseitigkeitsprüfung nicht Egon Weil, sondern Ekkehard W e y l heißen.

WotrttiOiiBW

Roman von Anny von panhnys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

2. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Frau Westkamp erschrak vor der Leidenschaftlich­keit, mit der ihr Sohn ein Erlebnis behandelte, das doch kaum höher eingefchätzt werden durfte als eine flüchtige, wenn auch traurige Episode.

Sie erkannte aber: Vernunftgründe hatten jetzt keinen Sinn, und so tröstete sie ruhig-mütterlich:

Ich hoffe, die Zeit hilft dir über deinen Schmerz hinweg die Zeit hilft immer am besten. Bub, lieber, lieber Bub!"

Er sah sie dankbar an, aber ihm war es, als wären lange Jahre machtlos, als würde er den grausamen Schmerz sein Leben lang nicht ver­winden, der ihm jetzt das Herz zerriß.

Drittes Kapitel.

Detlef Westkamp hatte durch Nachsuchen in den Frankfurter Zeitungen die Todesanzeige Marielena Harnischfegers gefunden. Sie stammte vom Tage, der jener spätabendlichen Begegnung gefolgt, und lautete: e

In der vergangenen Nacht ging unsere herzliebe, einzige Tochter

Marielena

infolge Herzschlag in die Ewigkeit ein.

Um stilles Beileid bitten

Josef Harnischfeger und Frau.

Bornheim, Spillingsgasse.

Wie aus Stein gehauen saß Detlef Westkamp vor der Zeitung mit 8er Tobesanzeige.

Also war das wunderhübsche, frische Mädel in jener Nacht, kaum daheim, gestorben.

Um Mitternacht!

Der Schrei fiel ihm ein, der Schrei aus Frauen­mund.

Er erhob sich von seinem Schreibtisch und verlieh, von einem Gedanken getrieben, das Haus, radelte über diealte neue" Brücke hinüber nach Frank­furt. Der Abend sank schon herab, und wie dunkle Nebel schwebte es vom Wasser herauf. Er fror; ihm fiel jetzt erst ein: er hatte vergessen, eine wärmere Jacke anzuziehen. Aber was lag ihm daran!

Er raste durch die große Stadt, raste hinaus nach der Vorstadt, fanb bie Gasse roieber, in ber er um Mitternacht ben Schrei gehört. Er las ben Namen ber schmalen Straße. Sie hieß Spillings­gasse!

Er wußte nun, das schöne Mäbchen war es wirk­lich, dessen Schrei fith in den letzten Schlag der Mitternachtsstunde gedrängt. Er führte fetzt fein

Rad, dachte nur immer: Herzschlag! Welch ein furchtbares und trauriges Wort war das! Wie fühlte man das Wort, wie schmerzlich tief!

Langsam schob er das Rad ein wenig bergan, und sein Herz, in dem eine Liebe jäh erwacht war, die ihm ebenso jäh wieder entrissen worden, weinte in unsäglichem Jammer.

Leute kamen an ihm vorbei er achtete nicht darauf. Er entschloß sich, das Handtäschchen zu be­halten. Er unterschlug den Eltern damit nicht viel, sie besaßen sicher viele Andenken an die Tochter, und er war so froh, wenigstens etwas zu besitzen, was sie in ihren Händen gehalten.

Plötzlich schrak er zusammen: die Kirchenuhr jener Nacht schlug wieder, aber nur achtmal. Der Uhrenschlag tat ihm weh, und er ging schneller.

Hoppla!" klang eine helle Mädchenstimme auf. Renne Se doch die Cent net um, un gucke Se als ä bißche vor sich!"

Dann sahen ihn von ganz nahe zwei große, braune Augen an, weiße.Zähne blinkten, und die Schlanke, Herbe stand vor ihm, reichte ihm die Hand.

Wir kennen uns ja! Vater kürzte letzthin unsere Unterhaltung etwas ab. Aber was tun Sie denn hier in der Spillingsgasse?" Sie zeigte auf ein nahes Haus.Da drüben wohnen wir."

Das Herz schlug ihm bis zum Halse, und in seinen Ohren sauste und brauste es: Sie lebt, himmlischer Vater! Das Glück ist kaum zu er­tragen sie lebt! v o m

Sie fragte:Aber was ist Ihnen denn? Warum sind Sie denn so sonderbar? Kennen Sie mich nicht wieder, Herr Westkamp?" Sie lächelte, er sah es deutlich, als sie erklärte:Sie stellten sich mir doch vor, und ich habe Ihren Namen behalten. Gut be­halten nicht wahr? Ich heiße Donata Olden.'

Jetzt vermochte er endlich wieder zu sprechen. Er stammelte:

Ich glaubte, Sie hießen Marielena Harnisch- feger."

Sie antwortete nicht sofort, sagte dann traurig: Marielena Harnischfeger ist tot, f,e starb m der Nacht, als wir uns begegneten. Wie kommen Sie auf bie? Sie wohnte da drüben in dem ganz kleinen Hause neben uns."

Er erzählte von dem gefundenen Täschchen und der Visitenkarte darin. In seiner Stimme verriet sich Erregung.

Sie nickte. _ , ,, ,.

Jetzt verstehe ich! Sie glaubten nun, ich wäre Marielena Harnischfeger und wäre gestorben."

Er gab zu:Ja, das glaubte ich!

Sie fragte leise:Und was führte Sie heute in die Spittingsgafse?"

Da bat er:Haben Sie nicht noch ein wenig Zeit für mich, Fräulein Donata? Ich möchte Ihnen nämlich vieles auf Ihre Frage erwidern."

Der Name Donata kam seltsam weich aus seinem Munde, es war, als läge er in einem Kranz von

geheimer Zärtlichkeit, wie in einem Kranz sanft­farbener Blumen gebettet.

In ihrer Haltung drückte sich ein wenig das Verwundern aus, das ihr Mund nicht aussprach, und sie erwiderte:

Gut! Gehen wir nach dem Nußberg ich habe noch etwas freie Zeit."

Der Nußberg war nahe. Neue, moderne Straßen lagen hort, und wo sich der Berg senkte, waren Anlagen geschaffen, die dicht mit Blumen bepflanzt waren, und in denen Bänke standen, die zur Rast einluden. Der Schleier des Abends verhüllte den weiten Blick, den man von hier aus hatte. Verdeckt war der nahe Röderwald, ebenso wie die fernen Speffartderge, die durch klare Tage bis hierher grüßten, aber der milde Herbstabend trug den Geruch von Blumen durch die Anlagen, in denen so mancher vom Tagewerk müder Mensch ausruhte.

Hier ift's so schön am Tage", erzählte Donata Olden,wunderschön! Ich war heute vormittag schon mit der Mutter hier. Der hohe Sonnenhut blüht so üppig und die Astern auch, der Rittersporn ist herrlich blau, und alles steht noch so sommerlich."

Sie ließen sich auf einer Bank nieder, die ein wenig abseits stand, und Detlef Westkamp begann leise:

Lachen Sie über mich, Donata Olden! Aber glauben Sie mir, seit ich Sie für tot hielt, wußte ich, daß ich Sie liebe mit einer Liebe, die gleich groß und stark geboren wurde, und die heilig tief empfunden wurde auf den ersten Blick. So etwas gibt es. Ich glaubte bisher nicht daran, aber ich erfuhr es an mir selbst. Ich darf nicht hoffen, daß es Ihnen ebenso ergangen ist, aber ich möchte Sie fragen, ob Sie mir erlauben wollen. Sie wieder­zusehen."

Donata neigte den schmalen Kopf leicht zur Seite, es war, als lausche sie in sich hinein, und dann sagte sie fröhlich:

Natürlich können wir uns wiedersehen, Detlef Westkamp."

Sie scheute vor dem WörtchenHerr" zurück, es schien ihr hier komisch in der Anrede eines Mannes, der ihr eben so eigen seine Liebe gestanden.

Sie erzählte von daheim, von Vater und Mutter, und auch er erzählte von zu Hause, und dann gingen sie zurück. Donata hatte ihm versprochen, am näch­sten Abend gegen sieben Uhr am Eingang zum Ostpark zu sein.

Wie edn Trunkener fuhr Detlef Westkamp durch Frankfurt und über die Brücke nach Sachsenhausen, die man nach ihrem Umbau dieneue alte Brücke" nennt.

In ihm war Jubel, der am liebsten laut geworden wäre. Doch zu Hause vermochte er sein Glück nicht mehr länger in sich zu verschließen. Frau Westkamp begriff nicht, was den Sohn jo rasch völlig hatte verwandeln können. Sie staunte sein strahlendes Ge­sicht an wie edn Wunder, und er jauchzte ihr ent­gegen:

Muttel, sie lebt, sie ist auferstanden von den Toten!"

Jetzt erfuhr Charlotte Westkamp, daß sie, die ihr Sohn liebte, nicht Marielena Harnischfeger hieß, daß ihr Name anders, daß er wie ein dunkler, weicher Harmoniumakkord war.

Sie lächelte mutterzärtlich und wiederholte den Namen langsamtnb bewegt. Die Fenster standen weit offen, die binde Abendluft nahm den Namen auf und trug ihn über die Gärten und Felder. Wie eine Liebkosung trug sie ihn fort bis empor zum Himmel, wo Mutterwünsche um das Glück ihrer Kinder bitten.

Frau Charlotte wünschte Inbrünstig, daß sie ihres Sohnes Liebe eines Tages erwidern möchte, sie, die er liebte, um die er so schwer gelitten, sie, deren Namen wie tiefe Glocken aufklangen: Donata Olden!

Viertes Kapitel.

Schon etwas vor sieben Uhr marschierte Detlef Westkamp am nächsten Abend vor dem Eingang zum Ostpark auf uno ab, und plötzlich war Donata da, ohne daß er sie hatte kommen sehen.

Sie lachte vergnügt:

Bis um halb neun Uhr darf ich wegbleiben."

Sie saßen dann in dem kleinen Restaurant im Park, un8 er gab ihr das hellgraue Täschchen zurück.

Sie sahen sich an, plauderten erst etwas befangen miteinander; genossen aber ein Glück, das nur junge Menschen kennen.

Donata trug ein braunes Samtkleid mit kleinem, herzförmigem Halsausschnitt. Es stand ihr gut, und Detlef Westkamp fand sie berückend.

Ihn störte an ihrem Kleid nur eine Brosche. Ein alter Taler, der etwas großmütterlich wichtig auf dem Goldbraun des ^amts saß. Er warf ein paar­mal einen Blick auf die Brosche. Es fiel ihr auf.

Sie erklärte:

Ich trage den Taler gern. Vater ließ einen für mich und einen für Mutter als Brosche umarbeiten." Sie fuhr ein bißchen wichtigtuen8 fort:Das ist kein gewöhnlicher Taler, sondern ein Rätseltaler."

Sie öffnete die Verschlußnadel und reichte ihm das kleine Schmuckstück.

Er betrachtete es und fanb nichts Pesonberes baran. Es war ein Taler aus ber Zeit bes Alten Fritz. Nichts Alltägliches also, aber auch nichts Rätselhaftes.

Bitte, brehen Sie die Münze um!" forberte ihn Donata Olben auf.

Er tat cs unb stutzte. Die Rückseite bes Talers war glattgefeilt, unb auf ber glatten Fläche war eine Inschrift eingraviert, in griechischen Buchstaben. Fünf kurze Buchstabenreihen ftanben untereinanber, schienen sinnlos.

Er fragte:

Was sollen die Buchstaben bebeuten?"

Sie lächelte:

Ich weiß cs nicht. Deshalb gebrauchte ich doch gerabe ben Ausbruck Rätseltaler."

(Fortsetzung folgt) ' '