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Nr. 197 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)

Zreltag, 24. August 1934

Aus Oer Provmzialhauptstavt.

Spätsommerliche Freuden.

Noch ist nicht Herbst. Die Jahreszeit ist wie eine Frau, von der Bewunderer sagen:Wie schön ist sie noch .. wie herrlich muß sie gewesen sein!"

lieber den Laubwäldern liegt ein ganz kleiner gelber Schimmer, die Stoppelfelder sind noch gold­farben, sanfte Fäden ziehen sich durch die Luft und legen sich wie Spinnweben um unser Gesicht, unsere Hände. Die Scheuern sind voll, die Pflaumen hängen blau an den Bäumen, im Wald riecht es nach Pil­zen und Preißelbeeren

In den Weinbergen bereitet sich alles zur Reife vor, bald wird das große Fest der Lese anfangen.

Es ist eine wunderbare Jahreszeit, so still, so besinnlich, so mild. Es ist, als hielte die Natur den Atem an, um ihn nicht zu schnell verströmen zu lassen und mit ihm den Sommer. Die Erde liegt so bereit da, sie hat alles fast gegeben, was sie in diesem Jahr zu geben hatte, und nun feiert sie noch ein bißchen in der sanfter gewordenen Sonne, ehe sie sich wieder in sich verschließt.

Jede Jahreszeit hat ihre ganz bestimmten Freu­den, und die entdecken am besten die Kinder. Spät­sommer und der beginnende Herbst bedeuten: Dra- chensteigenlassen, Kartoffelfeuerchen, über die Stop­pelfelder jagen und die vergessenen Aehren sammeln, Pilze finden und in den vollen Scheuern Versteck spielen.

Aber bas schönste dieser Spiele ist doch der Dra­chen. Welche Wissenschaft allein sein Bau! Hundert Theorien laufen um, es wird über die Länge des Schweifes, über seine Form und Größe gestritten, es werden ernsthafte Gespräche geführt über die Art, wie er hochzubringen und in der Luft zu halten sei

Und dann, der erste Tag mit kahlen Feldern, mit gutem Wetter und frischem Wind! Die Drachen, diese Wunderwerke, sind startbereit. Und sie steigen!! Was für ein Stolz, wenn sie höher und höher schweben, welche Wonne, wenn man selbst die Schnur immer mehr und mehr auslaufen lassen kann, während der stolze Riesendrachen des Nach­barn jämmerlich zehn Meder über dem Erdboden dahinkriecht.

Man rennt, um sie hochzubringen, man bleibt stehen unb hält sie, man sieht ihnen nach mit der ganzen uralten Sehnsucht des Menschen: fliegen zu können.

Warum spielen eigentlich nur Kinder dies herr­liche Spiel? Warum machen wir leider so schrecklich Erwachsenen es ihnen nicht nach? Gewiß wird der Vater nichts von seiner Autorität einbüßen, wenn er um die Wette mit seinen Jungen über die Fel­der tobt, den selbstgebauten Drachen an der Schnur haltend, ... glücklich über die erreichte Höhe..

Amtsgenchisrat Steinberger 70 Jahre alt.

Am morgigen Samstag, 25. August, kann der Amtsgerichtsrat i. R. Karl August Steinberger in Gießen in bester Frische seinen 70. Geburtstag begehen.

Der Jubilar stammt aus Friedberg, wo er am 25. August 1864 geboren wurde. In seiner Vater­stadt besuchte er zunächst die Volksschule, dann in Darmstadt das Maurersche Institut, hierauf das Gymnasium in Darmstadt und anschließend das Gymnasium in Gießen. Von Ostern 1885 bis Ostern 1888 studierte er an der Universität Gießen Jura, das Fakultätsexamen bestand er Ostern 1888. Seine Accessistenzeit verbrachte er in Gießen und in Friedberg. Im Herbst 1891 bestand er das Staats­examen, hierauf war er als Gerichtsassessor in Hungen, Groß-Umstadt und in Gießen tätig. Eine zeitlang hatte er auch die Stelle eines Handels­kammersekretärs in Gießen inne. Im Juli 1895 wurde er zum Amtsrichter in Ulrichstein ernannt, im Jahre 1899 zum Oberamtsrichter in Hungen. In gleicher Amtseigenschaft wurde er im Jahre 1915 nach Langen versetzt, wo er von Ende 1918

Gießen treu zu Führer und Saar.

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Die Urkunde der Stadt Gießen, das Treuegelöbnts zum Führer, das durch den Hauptlauf II der Saarland-Treuestaffel nach Ehrenbreitstein gebracht wird. Die Urkunde trägt auf der Titelseite das Wappen der Stadt Gießen.

ab die schwere Zeit der Besetzung durch die Fran­zosen durchzumachen hatte. Im Jahre 1923 kam er wieder nach Gießen, wo er als Amtsgerichtsrat beim hiesigen Amtsgericht Dienst tat. Nach Errei­chung der Altersgrenze trat er Ende 1929 in den Ruhestand.

Amtsgerichtsrat Steinberger hat sich alle­zeit als vorbildlicher, aufrechter und gerechter Richter, als Mann von bester nationaler Gesinnung und als warmherzig mitfühlender Mensch erwiesen, der sich nicht nur in seinen Berufskreisen, sondern auch darüber hinaus in der Bevölkerung beste Wertschätzung erwarb. Seinen Ruhestand verlebt er als unser geschätzter Mitbürger in Gießen.

Sonderzug zur Saarkundgebung am 26. August auf dem Ehrenbreitstein

Abfahrt des Sonderzuges (26. August) um 6.17 Uhr ab Gießen.

Für diesen Zug gelten nur die Fahrkarten, die zum Preise von 2,40 Mark von der Kreisleitung Gießen und dem Verkehrsverein ausgegeben wur­den.

Da die für diesen Sonderzug uns zur Verfügung gestellte Zahl der Karten weit unter der Zahl der Meldungen zurückbleibt, wird Gelegenheit gegeben,

mit den fahrplanmäßigen Zügen mit verbilligten Sonntagskarten nach Koblenz zu fahren. Der Preis ist in diesem Falle ermäßigt und beträgt 3,85 Mk. Die Zahl der zu diesem Preis zur Verfügung stehen­den Karten steht noch nicht endgültig fest, da die Verhandlungen mit der Reichsbahn noch nicht ab­geschlossen sind. Den politischen oder den Beauf­tragten der Ortsgruppen wird Gelegenheit gegeben, die Karten für ihren Bereich abzuholen Die ge­naue Anweisung steht am Samstag in der Presse.

Die fahrplanmäßigen Züge, die in Frage kom­men, gehen in Gießen ab: 5.39 Uhr für die Gie­ßener Teilnehmer, 8.06 Uhr für die Teilnehmer aus dem Kreis.

Die verbilligten Sonntagsfahrkor­ten für die Züge Gießen ab 5.39 Uhr und 8.06 Uhr können am Samstag, 25. August, im Reise­büro, Seltersweg, abgeholt werden. Zur Abholung berechtigt sind nur solche Personen, die im Besitz eines Ausweises ihrer Ortsgruppe sind, der sie berechtigt, für ihre Ortsgruppe die bei dieser be­stellten Karten abzuholen.

Den Teilnehmern aus dem Kreise wird empfoh­len, zur Rückreise den Zug zu benutzen, der um 17.57 Uhr in Koblenz abgeht, da sie bann in Gie­ßen noch ihre Anschlußzüge erreichen. Die anberen Teilnehmer fahren um 20.33 Uhr bzw. 22.12 Uhr.

Gegen unberechtigte Mietpreis« steigerungen.

Die Bürgermeisterei Gießen roenbet sich in einer Bekanntmachung in unserem heutigen Anzeigenteil gegen unberechtigte Mietpreissteigerungen, biß in letzter Zeit bei ber Neuvermietung von Wohnun­gen unter Hinweis auf bie Wohnungsknappheit vorgenommen würben. In ber Bekanntmachung wirb betont, baß berartige Mietpreissteigerungen mit bem Geiste bes nationalsozialistischen Deutsch­land unvereinbar seien und daß die Bürger­meisterei alle Fälle von unberechtigter Mietpreis­steigerung bei der Regierung zur Anzeige bringen wird.

Heichsbund Volkstum und Heimat.

Ottering Gießen.

Samstag, 25. d. M., 20 Uhr pünktlich, treffen sich die Singkreismitglieder an der Uni­versitätsbibliothek zu einem Gang nach dem Forst- garten. Klampfen und Geigen mitbringen!

Sonntag, 26. d. M., 7 bis 9 Uhr, botani­scher Rundgang durch bie stäbtischeli- Anlagen. Führung: Universitäts-Professor 2)r.' Funk. Treffpunkt: Ecke Wernerwall-Dammstraße. Unsere Mitglieber werben zu reger Beteiligung auf» geforbert. Gäste willkommen!

HS.-GemeinschaftKrastdurchFreude"

Kreis Gießen.

Wo fahren wir hin?

1. Vom 8. bis 16. September: Ham­burg mit anschließenber Seefahrt. Dampfer Monte Olivia", nach Norwegen. Anmelbe- termin bis 26. August. Kosten 53 Mark

2. Vom 15. bis 23. September: Schwarzwalb (Donautal, Quartierorte zwischen Beuron, Sigmaringen unb Ehingen). Abfahrt ab Frankfurt a. M. 15. September mittags; Rückfahrt am Sonntag, 23. September; Anfahrt Frankfurt am Main, Schwetzingen, Karlsruhe, Offenburg, Triberg (850 Meter hoch), Donaueschingen; Rück­fahrt Ulm, Stuttgart, Bruchsal, Frankfurt a. M. Anmeldetermin bis 2. September. Kosten 28.50 Mark.

3. Vom 22. September bis 1. Okt 0 ber: O st preußen. Letzte Bäderfahrt an die Sam- ländische Bernsteinküste. Abfahrt am 22 September früh mit einer Uebemachtung nach Hohenstein, Tannenberg, Königsberg. Von dort erfolgt die Unterbringung an den Küstenorten nordwestlich Königsbergs Die Rückfahrt erfolgt am 30. Septem­ber früh. Besichtigung von Marienburg, Uebernach- tung in Berlin, Ankunft am Montag, 1. Oktober, abends Anmeldetermin bis 11. September. Kosten 51 Mark.

4. Vom 29. September bis 7. Oktober: Bayerischer Wald. Fährt in den herbstlichen Hochwald der bayerischen Ostberge. Unterkunftsorte Zwiesel usw. am Fuße des Arbers, mit den Hoch­wäldern und Wildbächen, mit den herzlichen Men­schen; die gute Kost, die bekannten Glasbläsereien locken zur zweiten Fahrt. Anfahrt über Passau, die Rückfahrt über Regensburg mit Gelegenheit zur Besichtigung und Verpflegung dort Abfahrt am 29 September abends. Rückkehr am 7. Oktober nachmittags Anmeldetermin bis 18. September. Kosten 31 Mark.

Rheinfahrt am 9. September.

Die dritte Rheinfahrt der NSG.Kraft durch Freude" findet wegen des großen Winzerfestes nicht am 2., sondern am 9. September statt. Anmeldungen werden noch bis zum 25. August entgegengenommen. Fahrt zur Samländifchen Küste am 22. September.

Die ür 1 bis 11 September vorgesehene Fahrt an die amländische Küste (Ostpreußen) ist mit Rück­sicht auf den Aufmarsch der HI. in Frankfurt a. M. und auf den Reichsparteitag auf den 22. September verschoben worden. Die abgegebenen Anmeldungen bleiben für den neuen Termin bestehen.

MachiundZauberderGprache

von Werner Klaus.

Es gibt nichts vom Menschen Geschaffenes, was dem Wunder des Wortes gleichkommt. Es ist die immateriellste, zugleich sanfteste und stärkste Kraft auf der Welt, feelenformend und erschütternd, unfaß­lich in ihrer Wirkung, tötend und lebenserweckend in der Hand dessen, der es in allen seinen Möglich­keiten beherrscht. Nur weil uns das Sprechen so selbstverständlich geworden ist wie das Atmen, das Essen, das Schlafen, und was sonst zu den primi­tivsten Gegebenheiten unseres Daseins gehört, über­kommt uns so selten eine Ahnung von den Kräften, mit denen wir spielen, wenn wir uns der Sprache bedienen Im Anhören eines Gedichtes, das uns durch seine Wortwahl und Wortfügung zwingt, im Rhythmus der gleichen Gefühle zu schwingen, die den Dichter beseelten, oder in bedeutsamen Situa­tionen unseres Lebens, in denen Entscheidungen davon abhängen, ob wir den richtigen und überzeu­genden Ausdruck für unser Wollen und unsere Ge­fühle finden, begreifen wir noch am ehesten den Zauber des Wortes. Wer im Ausland den Kampf unterdrückter Minderheiten um das Recht auf die eigene Sprache miterlebt hat, wird auch darum wissen, was Sprache als Ganzes für eine Gemein­schaft bedeutet und wie sehr sie Trägerin seelischer und kultureller Werte ist. Gemeinhin aber bleibt uns die Macht der Sprache und unsere Abhängig­keit von ihr unbewußt um so stärker sind wir durch sie bedingt und leben in ihrem Bann

Ein bisweilen allzu geistreicher Kritiker der Sprache hat einmal gesagt, alles Sprechen sei im Grunde ein Akt der Suggestion, bei dem wir im Gesprächspartner mit Hilfe von Worten eine Reihe von Vorstellungen hervorzurufen suchen. Diese Fest­stellung trifft den Kern des nüchternen Tatbestandes, wie er sich uns für gewöhnlich darbietet, wenn wir von tieferen Sinndeutungen absehen; Sprechen ist eine gegenseitige und allgemein geübte Suggestion, und zwar auf Grund eines bis ins Feinste entwickel­ten Systems von Zeichen, das jeweils bei einer Volksgemeinschaft m Geltung ist. Nun aber beginnt bei näherem Zusehen das Wunder: wir entdecken, daß sich in diesen riesigen, kaum übersehbaren Zei­chensystemen bestimmte Wesenszüge der Völker, be­stimmte Möglichkeiten und Neigungen ihres Denkens und Fühlens und zugleich die verschiedenen Phasen ihrer geschichtlichen Entwicklung niedergeschlagen und verdichtet haben. Wir entdecken, daß die Verschieden­heit der Sprache kein bloßer geschichtlicher Zufall ist, sondern der Verschiedenheit der schöpferischen Substanzen entspricht, die hier am Werke waren:

jede Sprache hat ihre unübersetzbarenUrworte", ihre unnachahmlichen Wendungen und unwägbaren Bedeutungsnuancen, in denen ein ganzes Volk sei­nen Charakter offenbart. Und von hier aus begrei­fen wir die große innere Bedeutung, die die Mutter­sprache für den einzelnen besitzt: denn sie bildet ihn in jenem umfassenden Sinne, daß sie ihm den gan- Schatz von Vorstellungen, Gefühlen, Wertungen und Denkmöglichkeiten, die seinem Volk eigentümlich sind, gleichsam unbewußt vermittelt und ihn so in eine große seelische Gemeinschaft einreiht, an der die Lebenden und die Toten in gleicher Weife be­teiligt sind. Bevor einer selbst beginnen kann, mit Hilfe der Sprache Suggestion zu üben, ist er be­reits ihrem Einfluß unterworfen und durch ihn geformt, und er kann gar nicht anders, als sich innerhalb ihrer Grenzen und Möglichkeiten zu be­wegen. Nur darf man sich dieses Abhängigkeitsver­hältnis nicht allzu einseitig vorstellen; alle Sprachen­entwicklung beweist ja, welche schöpferische Rolle dem Menschen in diesem Verhältnis zugewiesen ist. Es ist auch nicht richtig, die Sprache eines Volkes seiner Seele gleichzusetzen: oft genug gibt es Perio­den, in denen die Sprache hinter der seelischen Ent­wicklung eines Volkes zurückbleibt und nicht im­stande ist, feinen inneren Zustand wider­zuspiegeln: da werden bann alle bereits vor­handenen und geprägten Ausdrucksformen als unzulänglich und sinnverfälschend empfunden, bis eine Reihe von sprachschöpferischen Men­schen dem neuen Fühlen neue Sprachverkörperun­gen gibt. Sprache ist eben nichts Abgeschlossenes und nichts, was für sich besteht, alsobjektiver Geist", wie es manche Theoretiker wahrhaben wol­len, sondern sie gleicht in der Art ihres Seins der Pflanze, die nicht leben kann ohne Erdreich und Licht und Luft, aus denen sie ihre Wachstumskräfte zieht und ohne die sie verdorrt. Immer bedarf sie der fühlenden, erlebenden und denkenden Menschen, um nicht starr und unlebendig zu werden; wie der Baum kennt sie dürre Zweige und welkes Laub, kennt sie Zeiten des Ueberwinterns, wo ihre Kräfte sich tief ins Innere zurückgezogen haben, und Zei­ten der Blüte und der Frucht, wo das Innerste offenbar wird.

Die Frage nach dem geschichtlichen Ursprung und der Entstehung der Sprache hat Generationen von Denkern und Forschern beschäftigt. Heute find uns die spekulativen Erörterungen und die Forschungs- versuche um diese Probleme gleichgültiger geworden, weil wir ihre Vergeblichkeit erkannt haben; um so wichtiger scheint die Frage nach dem Wesen und den WachstumsbedinLungen der Sprache und nach ihrer Bedeutung im Leben der Völker und des einzelnen. Da ist vor allem dies als Erstes und Sicherstes zu sagen: alle Sprache ist Ausdruck und Ergebnis der

inneren Begegnung des Menschen mit der Welt, sie ist die Beschwörung und Ordnung der dunkel gefühl­ten und erkannten Wirklichkeit durch Lautsymbole. Dieser Akt der Beschwörung und inneren Ordnung der Wirklichkeit ist die wesentlichste und erste Vor­aussetzung aller menschlichen Kultur, ja, wenn man will, des Mensch-Seins überhaupt; durch ihn erst gewinnt der Mensch die Möglichkeit einer souverä­nen Haltung gegenüber der Welt. Sprachschöpfung geht ja niemals auf ein bloßes geistiges Abbilden der Welt, sondern enthält einen sehr charakteristi­schen Zusatz menschlichen Fühlens, menschlicher Wer­tung und Sinndeutung, im einzelnen Wort nicht we­niger als in der Verknüpfung der Worte zu Sätzen. Sie bedeutet eine innere Anverwandlung, Anähn- lichung der Welt an das Wesen und die Auffas­sungsmöglichkeiten des Menschen: das handgreif­lichste Beispiel ist die Zuerteilung eines Geschlechts an die Wörter, wie man es in den indogermani­schen Sprachen findet. Sie bedeutet zugleich aber, in ihren tiefsten Augenblicken, eine Sichtbarmachung geheimster Wesenszüge der Wirklichkeit und eine Zusammenschau des innerlich Verwandten und aus­einander Bezogenen. Aus den Frühstufen der Kul­tur zeigt, sich das unmittelbar in der Entstehung mythenyaltigerUrworte": Sprachschöpfung ist hier oft wesentlich religiös bestimmt. In den Hoch- und Spätzeiten, in denen die Wirkung derUrworte" verblaßt ist, äußert sich dieselbe Tendenz viel mehr in der Durchgeistigung. Sublimierung und Sinnbe­reicherung schon vorhandener Worte. Immer aber bringt Sprache über die Funktion bes bloßen Benen­nens unb Mitteilens hinaus in bie Sphäre ber Weltbeutung.

Das Merkwürbigste an ber Sprache ist ihr un­wirklich-wirklicher Charakter, ihreBinbung an bieRea- lität unb ihre gleichzeitige Freiheit unb Selbstherrlich­keit. Schon bie Tatsache, bah ein Satz, ber eine Lüge enthält, sich in nichts von einer wahrheitsge­treuen Aussage zu unterscheiben braucht, unb baß wir bie gleichen gesteigerten Ausbrücke in ehrlicher Erregung aussprechen können ober ohne innere Be­teiligung aus kühler, berechnenber Absicht, zeigt biefe Zweiheit ber Möglichkeiten. Sprache ist eben jebem Mißbrauch ausgesetzt, sie bietet ihr Arsenal von Worten unb Ausbrucksformen auch bem an, ber sie entgegen bem Sinn ber Wirklichkeit für feine Zwecke Derroenbet.llnb neben jener Suggestion, bie sie als Trä­gerin geglaubter Gehalte besitzt, ist ihr auch ein un­wägbarer Zauber eigen, ber nur mit ber Musik ihrer Laute unb bem Reiz ihrer Silber zusammen- hängt unb sie zur gefährlichen Verführerin macht. Aber so elastisch unb souverän bas Verhältnis ber Sprache zur Wirklichkeit ist, so verträgt sie boch auf bie Dauer nicht ben Mißbrauch unb bie Entfrem- bung von der Realität: sie entwertet sich dadurch

selbst und verliert zuletzt jedes Gewicht und jede Geltung. Ein Beispiel aus der Nachkriegszeit ist das Schicksal gewisser politischer Schlagworte, die durch bie Tatsachen roiberlegt unb schließlich wirkungslos gemacht würben.

David Copperfields" Serienreife.

Als bie Kunbe kam, baß eine amerikanische Ge­sellschaft bie Absicht habe, benDavib Coppersielb", Charles Dickens' berühmtesten Roman, zu ver­filmen, erhob sich sofort ein Rätselraten, wer bie Rolle bes kleinen Davib, biefer rührenben Knaben­gestalt, übernehmen solle. In Hollywood unb in Englanb machte man sich auf bie Suche nach einem Jungen, ber jener Romanfigurähnlich" ist, das heißt der in seiner Erscheinung und in seinem Spiel alle bie Vorstellungen der treuen Dickensleser er­füllen könne, die sich in der ganzen Welt bei jung unb alt mit ber Erinnerung an bies Buch unb seinen Titelhelben verbinben. Unter siebenhunbert kleinen Knaben ist nunmehr Fredbi Barthelonew, ein zehnjähriger braunlockiger ßonboner Junge, für bie Rolle ausersehen worben; in Begleitung feiner Tante hat er bie Reise über ben' großen Teich angetreten, um im Filmlanb Hollywood den kleinen David Copperfield zu einem leibhaften Leben auf der Leinwand zu erwecken. Seine Ab­reise aus England war sehr dramatisch, denn Freddie durfte nur zu einer Serienreife England verlassen, undoffiziell" darf man es gar nicht wissen, daß er einDavid Copperfield" werden will. Das Gesetz verbietet nämlich, daß ein briti­scher Untertan unter vierzehn Jahren schon als Schauspieler außer Landes gehen darf, und wenn der kleine Freddie sich auch bereits in englischen Filmen bewährte, so muß er doch mit Schwierig­keiten rechnen, wenn er seinen eigentlichen Aus­reisegrund bekannt gibt. Seine Tante hat ihn des­halb kurzweg zu einer Serienreife in die Staaten mitgenommen, und fein eigener Vater versichert, daß er den heimlichen Zweck der Reise erst erfahren habe, als es nicht mehr in feiner Macht stand, feinen Jungen wieder zurückzuhvlen. Wie werden nun die englischen Gesetzeshüter den kleinen Süm- fchauspieler bei seiner Rückkehr empfangen, wer­den sie ihn wegen seines Ausreißens bestrafen ober ihm Glauben schenken, baß es nur eine kleine Se­rienreife ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewesen ist? Vielleicht gelingt es dem Knaben Da­vid Copperfield auf der Leinwand den kleinen Sreddie herauszupauken und Dickens' schönste Kin­dergestalt rührt den gestrengen Sinn seiner Lands­leute so sehr, daß sie ihrem Verkörperer im Jahr­hundert bes Kinbes gern Verzeihung gewähren.