Winzerfest in Gießen.
Von der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in Gießen wird uns geschrieben:
„Alles spricht vom Winzerfest am 1. und 2. September in der Volkshalle zu Gießen. Es ist erstaunlich, wie beliebt die Veranstaltungen der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in der kurzen Zeit des Bestehens der Organisation bei allen Volksgenossen geworden sind. Es ist das gute bei diesen Veranstaltungen, daß bei einem so billigen Preis so vielAußerordentliches geboten wird. Auch der Volksgenosse mit dem niedrigsten Einkommen kann an diesem Winzerfest teilnehmen, denn der Eintritt kostet nur 20 Pf. Dafür erhält man außerdem ein Programm mit den Texten von vielen Rheinliedern und der Wein- und Speisekarte. Ferner kostet das Glas Ausschankwein nur 25 Pf. Der Wein ist ausgesucht gut, wie wir uns bei einer Kostprobe überzeugen konnten.
Da in diesem Herbst keine Großveranstaltung, wie etwa in dem vergangenen Jahr die Braune Messe, sein wird, ist das Winzerfest am 1. und 2. September das Ereignis des Tages. Es ist ja auch kein Wunder, denn die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" hat in diesem Sommer bewiesen, daß sie es versteht, die Großveranstaltungen so aufzuziehen.
daß sie für alle ein Erlebnis werden. Wir denken noch gern zurück an die große Saarkundgebung am Pfingstsamstag, an das Gleibergfeft und an das Sommerfest in Kloster Arnsburg."
— Tageskalender für Freitag. Ortsgruppe Gießen-Ost, 20.30 Uhr, „Liebigshöhe", Mit- glieder-Versammlung. — NS.-Frauenschaft Gießen- Mitte, 20 Uhr, Haus der Arbeit, Ortsgruppenabend. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schön ist es, verliebt zu sein".
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** Lieferungsvergebungen. Das Städtische Hoch- und Tiefbauamt schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil die Lieferung von Brennstoffen für die städtischen Dienststellen zur Vergebung aus. Die Direktion der Landes-Heil- und Pflegeanstalt fordert ebenfalls im heutigen Anzeigenteil zur Abgabe von Angeboten auf die Lieferung von Lebensmitteln der verschiedensten Art auf. Die interessierten Geschäftsinhaber seien auf die beiden Bekanntmachungen hingewiesen.
** D i e Feuersirenen werden am morgigen Samstag um 15 Uhr probeweise in Betrieb gesetzt. Zur Beunruhigung ist also beim Klange der Sirenen kein Anlaß gegeben.
HauswirtschastlichesZahr für Wochen.
Die Ministerialabteilung für Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum hat an die Direktionen der höheren Schulen und an bie Kreis- und Stadtschulämter folgende Verfügung gerichtet:
Der Herr Reichsminister des Innern hat uns die ihm durch den Herrn Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung übermittelten Richtlinien für das „Hauswirtfchaft- liche Jahr für Mädchen" übersandt, zu dem die Frauenschaft der NSDAP, und das Deutsche Frauenwerk, die Reichsjugendführung und die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung kürzlich aufgerufen haben. Danach soll die Durchführung des „Hauswirtschaftlichen Jahres für Mädchen" nach Kräften gefördert werden. Im Schreiben des Herrn Reichsministers des Innern heißt es:
„Insbesondere bitte ich die Unterrichts- und Wohlfahrtsverwaltungen, auf die jungen Mädchen und deren Eltern in geeigneter Weife dahin einzuwirken, daß sie von dem Hauswirtfchaftlichen Jahr Gebrauch machen. Der Präsident der Reichsanftalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat sich hierzu wie folgt geäußert:
,Zu der Werbung von Haushaltungen muß sich auch im besonderen Maße die Aufklärung der jungen Mädchen und Eltern gesellen. Bis jetzt muß leider festgestellt werden, daß der Wert des Hauswirtschaftlichen Jahres noch nicht überall richtig eingeschätzt wird, und daß vor allssm die Eltern an dem Fehlen einer geldlichen Vergütung Anstoß nehmen. Die Berufsschullehrerinnen dürf
ten durch ihre Verbindung mit den Jugendlichen und ihren Eltern sehr geeignet sein, dieser falschen Einschätzung entgegenzutreten. Es liegt m. E. durchaus auch im Sinne der Berufsschulerziehung, wenn recht viele Mädchen, die Ostern in keine Lehr- oder Arbeitsstellen vermittelt werden konnten, von dieser beruflichen Bildungsmöglichkeit Gebrauch machen/
In naher Verbindung zu den Elternkreisen, deren Kinder durch das Hauswirtschaftliche Jahr erfaßt werden sollen, stehen auch die Wohlfahrtsämter. Sie können gleichfalls darauf hinwirken, daß sich kein junges Mädchen ohne Tätigkeit in der Familie aufhält, für das vielleicht noch Unterstützung gezahlt wird. Gerade die rechtzeitige Bindung an geregelte Arbeit ist auch geeignet, junge Mädchen von einer Gefährdung fern zu halten, die in späteren Jahren zu einer Belastung der öffentlichen Mittel führt."
Wir beauftragen Sie hiernach, zu veranlassen, daß in allen Schulen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, insbesondere auch gegen den Schluß des Schuljahres, die Schülerinnen des letzten Jahrganges bzw. die zur Entlassung kommenden Schülerinnen, sowie deren Eltern ober Erziehungspslich- tigen auf bas „Hauswirtschaftliche Jahr für Mäb- d)en" aufmerksam gemacht werben. Die Schulämter unb bie Schulleitungen sinb gehalten, bie Verbin- bung mit allen in bieser Frage zustänbigen Stellen, insbesonbere mit ben Wohlfahrtsverwaltungen, aufzunehmen unb zu pflegen, bamit bie Lehrkräfte jeberzeit sachbienlich beraten werben können.
Gießener Vuchdmüer im deuMenÄanzig
Die Reichsbetriebsgemeinschaft 8 „D r u ck" hatte vor einigen Tagen zu einem Reichstreffen b e r graphischen Arbei - ter im b e u »Wen D a nzig eingelaben. Tausend von Volksgenossen unb Volksgenossinnen aus bem ganzen Reiche folgten biefem Rufe. Eine Anzahl Arbeitskameraben unb Betriebsführer aus Gießen unb Umgegenb ließen es sich nicht nehmen, unseren beutschen Brübern unb Schwestern in Danzig bei dieser Gelegenheit einen Besuch abzustatten. Mit großer Freube konnte auch ich ber mittelalterlichen Stabt Danzig einen Besuch ab= statten, ber mir burch Herrn Betriebsführer R. Lange, Verleger bes Gießener Anzeigers, ermöglicht würbe.
Danzig bleibt beutfch, war bie Parole! Bekanntlich würbe bie alte beutfche Stabt Danzig durch Artikel 100 ff. des Vertrages von Versailles am 10. Januar 1920 vom Deutschen Reiche abgetrennt und mit einem Teil des umschließenden
Laubgebietes am 15. November 1920 zu einem selbständigen Staatswesen erklärt.
18 Sonderzüge rollten nun durch die deutschen Gaue, um die Teilnehmer in das abgetrennte Gebiet Danzig zu befördern. Verschiedene Sonderzüge benutzten dazu den Seeweg Swinemünde-Zoppot, die restlichen jedoch mußten durch 'den polnischen Korridor fahren. Auch ich hatte das „Vergnügen", den polnischen Korridor zu durchfahren.
Am 10. August, 9.28 Uhr, war unser Zug im Bahnhof Chojnice (Könitz) eingefahren. Wir befanden uns nun auf polnischem Gebiet, der Korridor war erreicht. Alles lehnte sich aus den Fenstern. Was nun? Polnische Polizei, polnische Zollbeamte und polnische Eisenbahner belebten den Bahnhof. Ein polnischer Zollbeamte bediente sich in deutscher Sprache des Rufes „Gepäck öffnen", kurz darauf passierte ein anderer die Wagenabteile und durchstöberte das Reisegepäck ..ach verzollb ien Gegenständen. Es konnten nur mitgefühct werden:
Ausstellung
„Kampf und Sieg der Hitlerjugend^.
Der Gauobmann des NSLB., Gau Hessen-Nassau, Ministerialrat Ringshausen, veröffentlicht folgende Mitteilung an bie Erzieher unb Erzieherinnen bes Gaues Hessen-Nassau:
„Die anläßlich bes Gebietsaufmarsches am 1. unb 2. September 1934 veranstaltete Ausstellung „Kampf unb Sieg ber Hitlerjugenb" würbe am Sonntag. 19. August, in ber Festhalle zu Frankfurt a. M. eröffnet. Sie spiegelt an Hanb von Dokumenten aller Art ben Entwicklungsgang ber Hitlerjugenb burch Kampf unb Sieg, bie Arbeit von Tausenben, bie im Geiste bes Führers täglich in ber Front ber Hitlerjugenb zähe Arbeit leisteten.
Die Ausstellung, bie bis zum 5. September läuft, muß jeber Erzieher, auch mit feiner Klasse (wenigstens ber Ober- unb Mittelstufe) auf sich wirken lassen. Der Eintrittspreis beträgt pro Schüler 10 Pfennig. Ein Bescheinigungsbericht über ben erfolgten Besuch ber Ausstellung ist über bie Kreisobleute an ben Unterzeichneten umgehenb ein- zusenben.
Damit ber Besuch reibungslos vor sich gehen kann, melben bie Schulgruppen — möglichst kreisweise — mit genauer Abressenangabe (Fernruf) bie Anzahl ber Teilnehmer unb ben gewünschten Besuchstag an bie Ausstellungsleitung von „Kampf und Sieg der Hitlerjugend", Willy Ruder, Frankfurt a. M., Festhalle (Haus der Moden, Fernruf 73 430) und warten auf Abruf. Von dort ergeht noch Weisung über Fahrpreisermäßigung bei der Bahn an die Kreisobleute des NSLB." ZumTag ÖerlOOOOO inFrankfurta.M.
Der Präsident ber Hessischen Hanbwerkskammer, Fritz Müller, erläßt ben nachstehenben Ausruf:
Am 1. September veranstaltet bie Hitlerjugenb des Gaues Hessen-Nassau ein großes Treffen in Frankfurt am Main. Jeber, ben es angeht, muß sich an seinem Teil nach besten Kräften bemühen, dieser Jugendtagung zu einem weithin sichtbaren Erfolg zu verhelfen.
Insbesondere richte ich an die Lehrmeister teilnehmender Lehrlinge den nachdrücklichen Appell, ohne irgendwelche Einschränkungen und ohne Anrechnung auf Urlaub den 1. September freizugeben!
Unsere Gegenwart bedeutet nichts; die Zukunft, unsere Jugend: Alles. Stets müssen wir uns bewußt sein, das Aeußerste für sie zu tun, um ihrer einstigen Kritik standhalten zu können.
Oie Zugehörigkeit zu Gesangvereinen.
Das Staatspresseamt teilt mit: In Ergänzung ber Anorbnung bes Hessischen Staatsministeriums, wonach „Turnen unb Sport Pflicht jebes hessischen Beamten" ist, hat ber Herr Staatsminister in Anerkennung ber kulturellen Bebeutung bes beutschen Gesangvereins verfügt, „baß bei ben aktiven Sängern, soweit sie Beamte unb Mitglieber von Gesangvereinen sinb, nur eine Pflichtübung im Monat verlangt wirb, baß sie auch nicht verpflichtet sinb, Mitglieber von Turn- unb Sportgemeinben zu werben unb ben entsprechenben Mitgliebsbeitrag zu zahlen".
Bezüglich der monatlichen Pflichtübung ergeht seitens des HSB. an bie einzelnen Gesangvereine besonbere Weisung.
Chorleiter und Gesangvereine.
Das Staatspresseamt gibt bekannt: Wir machen unsere Vereine wieberholt barauf aufmerksam, baß gemäß ber zwischen ber Reichsmusikkammer unb bem Deutschen Sängerbunb getroffenen Vereinbarung die Auswechselung eines nebenberuflich tätigen Chorleiters gegen einen Berufschorleiter nur nach sorgfältiger Prüfung durch den zuständigen Leiter ber Laubes- ober Ortsmusikerschaft unb ben zustänbigen Kreiswalter bes Deutschen Säuger- bunbes (Hess. Sängerbunb) zu erfolgen hat. Jeber Eingriff in bie Belange eines Vereins, insbesonbere Prüfung von Kassenbüchern, Akten usw. burch Unberufene, ist. verboten. Laut Anorbnung bes Buu- bes- unb Gauführers muß ber Singstunbenbetrieb unter allen Umftänben aufrechterhalten werben.
Anberslautende unb irreführenbe Veröffentlichungen in ber Presse, Uebergriffe unb Zuschriften von irgendwelcher Seite sind sofort an die Geschäftsstelle ds HSB. (Darmstadt Stadthaus) zu melden.
Gez.: Born, stellv. Bundesführer.
MOMMMisl.
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
23 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Farnhorst hatte ihr die Hand gestreichelt.
„Liebe Tante Greta, ich liebe Helge, und ich bekomme ganz bestimmt die Einwilligung Noras. Ich kenne sie doch!"
„Ja, Helge sagte mir schon so etwas. Aber trotzdem: Sie haben doch Helge hier kennengelernt, weil das ungehorsame Kind den Garten verlassen hatte", sagte Tante Greta. Aber ein wenig erleichtert fühlte sie sich doch, als Farnhorst so bestimmt versicherte, er werde die Einwilligung Noras schon bekommen zu seiner Heirat mit Helge. Und schließlich hatte ihn Tante Greta sogar noch eingeladen, zum Kaffee unb zum Abenbbrot bazubleibeu. Unb barüber war er nun hoch sehr glücklich.
Aber sie bat ihn ängstlich, seine Besuche einstweilen einzustellen. Erst müsse Nora hier sein. Doch sie könnten sich ab unb zu einmal sehen und sprechen, Helge und er. Sie würde einfach öfters ihre alte Freundin, die Frau Pastor Holm, besuchen. Dort könnte man an neutralem Ort sich unterhalten. Darüber waren nun Helge unb Farnhorst sehr froh, unb Helge fiel ber Tante Greta stürmisch um ben Hals.
Woche um Woche verging. Aber Nora kam noch immer nicht. Es waren nun nicht sechs Wochen bes Wartens geworben, sonbern elf. Unb es war nun Herbst! Ein wunbervoller Spätherbst!
Die Rosen blühten noch in voller Pracht. Vielleicht, baß zwischen ihnen schon welke Sommerblumen ftanben, baß an bem roten Taubenkraut bie Blätter bürr unb hellgelb waren. Aber sonst hatte ber Garten kaum etwas von feiner Pracht eingebüßt.
Da kam an einem Abenb Nora Norbström!
Sie hatte ben Wagen schon eher verlassen, um ein Stück zu Fuß zu gehen. Unb aufatmenb blieb sie ab unb zu stehen. Wie schön boch ihre Heimat war! Wie unenblich schön unb voll Frieben! Unb nun wollte sie acht lange Wochen hierbleiben! Unb sie wc>llte biefen Frieben genießen in vollsten Zügen.
Wie sie sich auf Helge freute!
Unb auf Tante Greta! Unb auf ben Garten!
Nora Norbström roanbte sich um. Dort unten uhr langsam ber Wagen, ber ihre Koffer nach Haus Omslö hinaufschaffte.
Dämmerung!
Drüben auf bem Felsen, ber bicht am Meer hoch- tieg, schimmerte ein Helles blaues Licht. Es strahlte ternenförmig, würbe langsam rötlich unb war plötzlich verschwunden.
Das Berglicht grüßte mich!, dachte Nora Norb- tröm und faltete die Hände. Man soll sich etwas wünschen, wenn man das Berglicht sieht. Ich wünsche mir, daß ich noch ein einziges Mal im Leben Fritz Farnhorst wiedersehe. Auch wenn er an der Seite einer anderen Frau ist. —
Große schwere Tränen tropften auf Nora Nord- ftröms gefaltete Hände. Und doch wußte sie jetzt so gut wie damals, daß die Trennung von Farnhorst sein mußte.
Oder — würde sie sich ein zweites Mal nicht von ihm trennen? Würde sie ein zweites Mal nicht kühl und vernünftig ihr Alter neben feine blühende junge Männlichkeit stellen und einfach vom Schicksal das unerhörte Geschenk seiner Liebe annehmen?
„Käme er ein zweites Mal auf meinen Weg, dann würde ich ihn nicht fortschicken. Dann würde ich denken: Das Schicksal selbst will es so."
Die schlanke, schöne Frau ging weiter. Immer weiter. Kam gerade vor dem Hause an, als der Wagen hielt und Tante Greta höchst verwundert zum Verandafenster herausspähte.
„Nora! Du bist gekommen. Kind, warum schriebst du nicht noch mal? Nun hat dich niemand erwartet. Keine Blumen sind in deinem Zimmer. Nein, aber auch so etwas!"
Tante Greta rief ins Haus hinein:
H^ge — schnell, Nora ist gekommen!"
Und da kam es im nächsten Augenblick den schmalen Gartenweg entlang gestürmt. Helge warf sich der Schwester an die Brust. Schluchzte vor Freude. Küßte und liebkoste.
„Nora, daß du endlich gekommen bist! Diesmal hab ich doch so sehnsüchtig auf dich gewartet!"
Glühende Röte lag auf dem reizenden Gesicht. Und der Schwester Hände legten sich um den feinen Kopf Helges.
„Verbirgst du etwas, Helge?"
„Nein! Tante Greta weiß alles."
„Dann ist es gut, Kindskopf!"
Nora Norbström war beruhigt.
Irgendein Wunsch. Vielleicht ein Reitpferd? Die Kleine sprach mir schon einmal davon. Aber diesen Wunsch erfülle ich ihr nicht, bestimmt nicht! Denn ich hätte keine Ruhe mehr, weil ich sie immer verunglückt liegen sehen würde!, dachte sie.
Helge lief vor ihr her ins Haus hinein. Und Nora folgte lächelnd.
Kindskopf!, dachte sie noch einmal lächelnd. Lieber, goldiger Kindskopf! —
Drinnen wurde es sehr gemütlich. Vorläufig mußte Nora erzählen. Und Tante Gretas alte Getreue packte inzwischen droben in Noras Stube die Koffer aus. Liebkosend strich ihre Hand über die seidene Wäsche, über bie wunbervollen Kleiber.
Drunten im traulichen Wohnzimmer fragte Nora, nachbem man gegessen unb sie von sich selber alles Wesentliche erzählt hatte:
„Nun, Helgekinb, beine Neuigkeit! Was willst bu mir sagen?"
Da würbe bas junge Gesicht ernst. Seltsam gereift sah es aus. Helge sagte:
„Nora, hier ist jemanb, ber bich gut kennt. Er hat so sehnsüchtig auf bich mit mir zusammen gewartet. Morgen wirb er kommen. Denn ich soll ihn boch gleich benachrichtigen, wenn bu kommst."
Nora erschrak:
„Doch nicht — Haimar Bergen? Es hätte keinen Zweck. Ich will keine Versöhnung. Unb — Haimar würbe sich nie änbern. Was sollte es also? Ganz abgesehen davon, daß ich ihn nicht mehr liebe."
„Nein, Nora — Fritz Farnhorst will dich sprechen."
Nora Norbström war aufgesprungen. Das Zimmer brehte sich um sie. Die schönen, blaugrünen Augen waren unnatürlich weit geöffnet. Sie zitterte am ganzen Körper.
„Helge, Fritz Farnhorst ist hier? Er wartet auf mich?"
Helges junges Gesicht - war traurig. In ben großen Kinberaugen lag ein unenbliches Weh. Helge aber war in biefem Augenblick fein Kind mehr. Sie verstand auf einmal alles! Alles! Heiß strömte ihr das Blut zu Herzen. Laut und anklagend sagte sie:
„Du — hast Fritz Farnhorst sehr gut gekannt?"
„Ja! Sehr gut. Ich schickte ihn fort, weil ich glaubte--Helge, ich kann das mit dir nicht
besprechen. Du bist ein harmloses, fröhliches Kind. Was verstehst denn du von den Stürmen des Lebens! Aber ich freue mich, Fritz Farnhorst wieber- zufehen. Und nun möchte ich zur Ruhe gehen. Die Reife war anstrengend genug. Morgen früh ganz zeitig machen wir zwei einen weiten Spaziergang. Ja, Kleine?"
„Ja, Nora, ich werde zeitig fertig fein. Unb ber Morgen ist am schönsten. Gute Nacht, Nora. Tante Greta bringt bich sicherlich hinauf. Ich werbe es ihr gleich sagen."
„Gute Nacht, Helgekinb. Schlaf süß!"
Nora küßte bie junge Schwester herzlich unb jpurte nicht bie kalte Abwehr, bie von Helge zu
Gebrauchte (Begenftänbe für ben persönlichen Bedarf für bie Reise, Lebens- unb Genußmittel für bie Dauer ber Reise, bis zu 25 Zigaretten ober 10 Zigarren usw. Paßkontrolle fanb nicht statt, ba sie burch Sammelvisum bes zustänbigen Transportführers ersetzt würbe.
Der Zug fuhr weiter. Etwas Walb, bebautes unb viel öbes Laub, einzelne Bäume unb Baumgruppen, hier unb ba ein Bahnwärterhäuschen, auch einige Häuser, Eisenbahner unb Bauern gaben das Gepräge eines anderen Volkes. Nach zweistündiger Fahrt waren wir in Tczew (Dirschau) und hatten damit den Korridor durchfahren. Freiweg fuhr der Zug jetzt nach Danzig, wo wir in einer Stunde glücklich ankamen. Die 19ftünbige Hinfahrt war geschafft.
Eine SS.-Kapelle, sowie bie Danziger Bevölkerung bereiteten uns einen herzlichen Empfang. Gegenüber bem Bahnhof war eine Wechselstelle eingerichtet worben, bort bekam ich für 10 Mk. 11,70 Danziger (Bulben. Ein Fackelzug, eine Kunbgebung der graphischen Jugenb, Gesang ber vereinigten graphischen Sänger Danzigs unb Königsbergs, ein Sprechchor bes graphischen Stoßtrupps unb Begrüßung ber Teilnehmer auf bem Langen Markt, beschlossen ben ersten Tag.
Noch 21/2 Tage ftanben mir zur Verfügung bis zur Abfahrt mittels Sonberzuges in bie Heimat. Darum hieß es, sich etwas beeilen. Schon in aller Frühe ging’s nach bem Stranbdad Heubude, den Strand entlang nach Weichfelmünde, mit einer Fähre über die Tote Weichsel nach Neufahrwasser und wieder zurück nach Danzig. Während die Amtswalter tagten unb ernste Arbeit verrichteten, fuhr ich noch einmal nach Heubude, um einmal in der Ostsee ein Bad zu nehmen. Ein fast unbeschreibliches Erlebnis. Nachmittag und Abend waren dem Seebad Z o p p o t gewidmet. Mit dem Dampfer „Ru- gard" wurde eine zweistündige Fahrt in die Ostsee angetreten. Seekranke kannte man nicht. Aus dem Dampfer herrschte reges Treiben, auch wurde eifrig getanzt. Ein großzügig angelegtes Schlachtenfeuerwerk auf der Ostsee, welches ich mir vom Zoppoter Strand aus ansah, war fabelhaft und beschloß wieder einen Tag.
Am Sonntagvormittag fanb ein Aufmarsch im Forster-Stabion zu einer gewaltigen Kunbgebung statt. Reichsbetriebsgemeinschaftsleiter C o l e r wib- mete hierbei bem bahingefchiebenen beutschen Reichspräsibenten Generalfelbmarschall von Hin- benburg warme Worte für feine Ruhmestaten gerabe im beutschen Osten. Der Nachmittag brachte für mich noch eine Hafenrunbfahrt an ber Westerplatte vorbei in bie Danziger Bucht. Die Westerplatte hat leiber ihre Schönheit verloren, ba bie Polen in bas Grün ber Natur eine hohe Backsteinmauer haben aufrichten lassen. Hinter ihr sinb als Wache für bas polnische Munitionslager auf ber Westerplatte 88 polnische Solbaten unb 1 Major stationiert. Nun ging’s roieber in bie Stabt, um die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, die so reichlich in Danzig vorhanden sind. Ich führe hier einige davon an: ber Artushof, geschaffen von ben Patriziergeschlechtern für ihre gesellschaftlichen Veranstaltungen (erbaut 1477—1481), bas Rathaus (erbaut um 1378), bie Marienkirche, an ber 160 Jahre gebaut mürbe, bie fünftgrößte Kirche ber Welt, wirb zur Zeit einer gründlichen Renovierung unterzogen, bas Uphageuhaus in ber Langgasse 12, bas Krantor (erbaut 1443), ben Stockturm, ben Milchkannenturm, bas Zeughaus usw. Deutsch ist bie Kunst, bie bie herrlichen (Bebäube erstehen ließ, Deutsche waren bie Künstler, bie an ber Ausschmückung bieser (Bebäube arbeiteten.
Die Zeit war vorgeschritten, unb ich mußte Abschieb nehmen von ber gastfreunblichen Bevölkerung Danzigs. Wir Deutschen hoffen mit heißem Herzen, baß sich unser Sehnen bereinft erfüllen möge:
„Danzig bleibt beutfch, unb reichs- beutfch muß es roieber werben!"
H. B.
Daten für Freitag, 24. August.
79 n. Ehr. (bis 26.): Pompeji, Stabiae unb Her- culanum durch Vefuvausbruch verschüttet; — 1572: Bartholomäusnacht (Pariser Bluthochzeit): Nieder- metzelung zahlreicher Hugenotten; — 1869: Dr.-Jng. ehrenhalber Julius Dorpmüller, Generaldirektor der Reichsbahn, geboren.
ihr herüberwehte. Nora sah der jungen Schwester nach, bis die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. Still war es in bem behaglichen, schönen Zimmer. Nora Norbström aber sagte ganz laut in biefe Stille hinein:
„Ein zweites Mal schicke ich ihn nicht fort. Er konnte mich nicht vergessen, er kam hierher in meine Heimat, um mich zu erwarten. Unb nun will ich nicht mehr Schicksal spielen, nun soll alles an mich herankommen. Ich werbe mich treiben lassen."
In bieser Nacht lag Nora Norbström noch lange wach unb bachte voll Glück: Fritz Farnhorst ist gekommen. Er hat hier auf mich gewartet. Alle Kämpfe waren umsonst. Unb alle schmerzliche Entsagung auch. —
Und einige Zimmer weiter schlief auch Helge nicht. Mit großen, brennenden Augen starrte sie in die Mondnacht hinaus.
Warum hat Fritz mir nicht alles gesagt? — das war ber eine Gebaute, ber ftänbig in ihrem Hirn kreiste. Plötzlich richtete sich Helge auf.
„Ich liebe ihn! Unb nun ist biefes Mißverstäubnis in Nora. Nun glaubt sie, Fritz Farnhorst sei ihretwegen hierhergekommen. Was soll nun geschehen? Unb wenn Fritz Nora sieht — wirb er sie bann nicht roieber lieben müssen, meine schöne, rounber» schöne Nora? Unb ich liebe ihn boch auch? Aber roas liegt an mir, wenn es sich um Nora hanbelt?"
Wieber lag sie ba, bie kleine Helge, unb bie Tränen liefen über bas feine, schmale Gesicht.
„Ich sterbe, wenn man ihn mir nimmt. Ich kann nicht mehr von ihm lassen", wimmerte sie leise unb brückte bas Gesicht in bas Kissen.
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Strahlen!) schön kam ber neue Tag heraus. Unb strahlenb schön unb jung staub Nora Norbström im Garten unb wartete auf bie Schwester. Blaß unb mübe kam sie enblich.
„Kiub, wie siehst bu benn aus?" fragte Nora erstaunt. Sie strich liebkosenb über ben blonben Kopf. Unb babei bachte sie: Wie ähnlich sie mir wirb! Ist es nicht, als sei meine eigene Jugenb noch einmal auferstaubeu? —
Aber Nora, biefe kluge, feinsinnige Frau, dachte nicht ein einziges Mal daran, daß sie in einem furchtbaren Irrtum befangen fein könne. Sie ahnte nicht, daß gerade diese von ihr so abgöttisch geliebte junge Schwester ihr ben Stempel unter bas eigene Alter brücken würbe.
Ein weiter Spaziergang. Gegen neun Uhr waren bie Schwestern roieber baheim. Unb gegen elf Uhr erwartete man Doktor Farnhorst.
(Schluß folgt)


