Stolz wird unser Führer Adolf Hitler nach der Abstimmung sagen: Das sind meine deutschen Brüder a n d e r S o a r, die ich nunmehr h e i m - hole in die große deutsche Volksgemeinschaft, das sind meine deutschen Brüder an der Saar, die ich wieder eingliedere in unser großes schönes deutsches liebes Vaterland. Sieg Heil!
Mit stürmischer Begeisterung stimmte die Menge in die Sieg-Heil-Rufe ein und sang anschließend den ersten Vers des Deutschlandliedes.
Nach dem prächtignn Chorgesang der Saarsänger „Wir wollen heim", der die Stimmung der deutschen Saar ergreifend wiedergab, sprach der Führer der Saarsänger Lud. Eich im Namen seines Vereins der Stadt Gießen, der Stadtverwaltung, der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" und der Gießener Sängerschaft den herzlich st en Dank der saaroeutschen Sangesbrüder für die überaus liebevolle Aufnahme und die unvergeßlich schönen Stunden in Gießen aus. Als äußeres Zeichen dieses Dankes überreichte er dem Führer der Gießener Sänger- schäft Emil Koch als Ehrengeschenk für die Gießener Sänger eine künstlerisch hergerichtete Grubenlampe, wie sie im Saarbergbau Verwendung findet. Das Ehrengeschenk trägt als einzigen und außerordentlich wirksamen Schmuck eine kleine Hakenkreuzflagge. (Siehe Abbildung.) Der Redner bat die Gießener Sänger, die Grubenlampe — die aus der Zeche Maibach stammt, auf der noch vor zwei Jahren bei einem schweren Grubenunglück 99 Knappen den Bergmannstod fanden, ohne vorher den Tag der Rückkehr zur deutschen Heimat und zur deutschen Freiheit gesehen zu haben — a m Tage der Rückgliederung des deutschen Saarlandes in das Mutterland anzuzün- den, damit sie dann mit ihrem Schein den herrlichen Tag erleuchte und die Freude aller deutschen Volksgenossen erhelle, die mit Mut und Kraft den Sieg an der Saar davongetragen und mit unserem großen Führer Adolf Hitler die Wiederaufrichtung eines st arten und freien Deutschland begehen können. „Unserem Deutschland und unserem Führer Adolf Hitler dreimal Sieg-Heil!" Stürmisch stimmte die Versammlung in die Rufe ein.
Anschließend sang der Chor der Saarsänger den ersten Vers des Saarliedes, die weiteren Verse wurden von dem Chor und der riesigen Menschenmenge, stehend und die rechte Hand zum deutschen Gruß emporgestreckt, voll glühender vaterländischer Begeisterung gemeinsam gesungen.
Die SA.-Reserve-Kapelle erfreute sodann mit der prachtvollen Wiedergabe der Ouvertüre zur Oper „Wilhelm Tell" und erntete damit starken Beifall. Hierauf nahm die Gießener Sängerschaft auf der Bühne Aufstellung, um mit einem Massenchor, den etwa 300 Sänger darboten, den Abend ausklingen zu lassen. Vorher hielt
Schriftleiter Dr. Röder-Gießen eine eindrucksvolle Ansprache, in der er u. a. sagte: In dieser Feierstunde erleb en wir Deut sch- land. In dieser Stunde erscheint es uns unfaßbar, daß unsere deutschen Brüder von der Saar politisch nicht zu uns gehören sollen. Die Stimme des Blutes sagt uns jedoch, daß sie mit uns verwachsen und verwurzelt sind, daß sie ein Stück der großen Mutter Deutschland sind. Man redet viel von den rauchenden Schloten und von der Wirtschaft der Saar, von den Gruben und den Hochösen.
Wir aber sehen vor allem den Menschen am Hochofen, wir sehen den Bergmann im Schacht, wir sehen den saarländischen Bauer hinter dem Pflug, und wenn das Saarland selbst die ärmste Landschaft in Deutschland wäre, wir würden nicht von ihr lassen, wir würden alles daran sehen, bis wir sie heimgeholt hätten in das
Reich. Uns geht es nicht um die Kohle, nicht um die Hochöfen. Uns geht es nicht um die 800 000 deutschen Menschen an der Saar.
Die Gewißheit wollen wir unseren Brüdern von der Saar mitgeben, daß wir in Deutschland durch unseren Führer Adolf Hitler gelernt haben, auch aus unsere Brüder jenseits der Grenzen zu sehen, daß wir die drückende Grenzlandnot kennen, daß wir uns eins fühlen mit allen deutschen Herzen draußen, die noch auf den Tag warten, an dem die Einheit des Reiches wiederhergestellt ist. Mit dem Abstimmung an der Saar wird der Welt gezeigt werden, daß die Zeit vorbei ist, in der man Völker wie Handelsware betrachten konnte, und daß die Schmach des Versailler Schanddiktats beseitigt ist.
Wir wollen der Well gegenüber klar und deutlich zum Ausdruck bringen, daß das Saarland ein Stück von unserem deutschen Volkskörper ist, das zu uns gehört wie das Kind zur Mutter.
Wir müssen im Reich den 800 000 deutschen Brüdern und Schwestern im Saarland ein starker Rückhalt sein, an dem sie sich aufrichten können. Unsere Herzen in Deutschland müssen gen Himmel lodern und unsere deutschen Volksgenossen mitreißen, die für ihr Deutschtum den schweren Kampf antreten müssen. Unsere deutschen Volksgenossen an der Saar haben nur eins, das sie in diesen schweren Kampf einsetzen können: ihre heiße Liebe zu Deutschland, ihre heiße Sehnsucht, wieder z u r ü ck z u k e h r e n ins Mutterland. Unsere Volksgenossen von der Saar mögen die starken Eindrücke ihrer Fahrt ins Reich mit hinübernehmen in ihre Heimat und dort berichten, daß
in dem neuen Deutschland wieder ein Volk erstanden ist, erfüllt vom Rhythmus der Arbeit, beschwingt von der Freude an der Arbeit und getrieben von der Sehnsucht nach dem Tag, an dem die Trikolore an der Saar wieder verschwindet. (Stürmischer Beifall.) Dann wird auch der deutsche Arbeiter an der Saar wieder frei sein, wie unsere Arbeit im
Reich durch unseren großen Führer Adolf Hitler befreit wurde, dem wir dies alles zu danken haben.
Die Brüder von der Saar und aus Oberhessen können diesen Dank zum Ausdruck bringen in dem dreimaligen Ruf: Unser Führer Adolf Hitler, der uns die deutsche Einheit geschenkt hat, der Befreier des deutschen Volkes, dreimal Sieg-Heil! Jubelnd nahm die Menschenmenge den Ruf auf und sang anschließend begeistert den ersten Vers des Horst-Wessel-Liedes.
Der Massenchor der Gießener Sängerschaft brachte sodann den Chor „Wo den Himmel Eichen ragen" als Abschluß des Abends zum Vortrag.
Oer Pfingstsonntag.
Am Pfingstsonntagmorgen trafen sich unsere deutschen Volksgenossen von der Saar mit den Gießener Vertretern der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" und mit den Gießener Sangesbrüdern zu einem Besichtigungsgang durch die Stadt und die herrliche landschaftliche Umgebung bis zum Schiffenberg. In herzlicher Gemeinschaft verflogen die Stunden leider nur allzu schnell. In trefflichen Worten auf dem Schiffenberg wurden die Sangesbrüderschaft und die unlösliche deutsche Verbundenheit noch einmal allen Teilnehmern in die Herzen geschrieben, bei froher Unterhaltung die Freude der Stunde genossen, und dann ging es zurück zur Stadt, um in den Quartieren das Mittagessen einzunehmen.
Am Nachmittag um 15.45 Uhr fuhren unsere saardeutschen Gäste nach herzlicher Verabschiedung im Gießener Bahnhofsgebäude nach Marburg weiter, wo sie bis zum zweiten Pfingstfeiertag- nachmittag als liebe Besucher verweilten.
Es waren für alle Teilnehmer an den Veranstaltungen Stunden des gemeinsamen großen deutschen Erlebens, das Saardeutsche und Oberhessen vom Samstagnachmiftag bis Pfinast- sonntagnachmittag erfüllte und begeisterte. Wer diese Stunden nicht erlebt hat, ist um eine kostbare nationale und völkische Erinnerung ärmer. Den Teilnehmern hüben und drüben wird dieser Besuch aus dem Saargebiet stets in schönster Erinnerung bleiben.
verschlafenen Winkeln Geister wach, mit denen man in jungen Jahren Zwiesprache hielt, wenn unter dem Fenster der Flieder duftete, der Jasmin im Garten seinen berauschenden Atem herwehte und die Linden um den Dorfteich blühten. Dann ist der Mond Märchenerzähler und Schattenspieler in einer Person. In solchen Nächten geht der Mond wie ein verliebter Brautwerber von Haus zu Haus, durch Gärten und Anlagen und über die ährenwispernde Flur. — Jen 5—
30. SS-Motorstandarte.
Für die neu einzurichtende Dienststelle der 3 0. SS. -Motor standarte werden
5 bis 6 geeignete Räume gesucht. Angebote sind auf dem Büro, Horst-Wessel- Wall 39, 1. Stock, abzugeben.
Der Führer der 30. SS.-Motorstandarte: Wilhelm Ruhl.
KOAI., Bezirsleitung Gießen.
Morgen, Mittwoch, 23. Mai, 18.30 Uhr, im Caf6 Ebel, Schulungsabend des KDAJ. (Kampfbund Deutscher Architikten und Ingenieure) Bezirksleitung Gießen. Es spricht Pg. Dr. med. Kranz über das Thema „Raffe und Volk". Lichtbilder werden den Vortrag bereichern. Sämtliche Mitglieder des KDAJ. sind zum Besuch des Abends verpflichtet, Gäste sind willkommen.
Frontdienst.
Wieder hat sich vor der Welt eine deutsche Front gezeigt, die im gewaltigen, zähen Kampf gegen den ärgsten Feind, die Arbeitsnot, zu bestehen hat.
Unser Führer wies uns den Weg, und Mann für Mann stand Deuschland auf, um sich mit voller
Keiner darf fehlen!
Alle müssen geben!
SA.-Spendetag am 26. und 27. Mai.
Aus der Provinzialhaupistadi.
Mond-Meditationen.
Der gute Mond, der so stille durch die Abendwolken hingeht, wie ein betagter Herr jenseits der Höchstaltersgrenze, der vor allem seine Ruhe haben möchte, von diesem selben Mond sollte man eigentlich nicht annehmen, daß er der heimtückische Geselle sei, als der er noch heute bei sehr vielen Leuten nicht gerade im besten Ruf steht. Bekanntlich ist der Begriff Mond dehnbar, je nachdem ob er ab- oder zunimmt. In seinen mageren Zeiten ist er eine schmale Sichel, fast wie ein altmodischer Kleiderhaken, an dem vermutlich die Schlösser verankert sind, die im Monde liegen sollen. Wie der Mond zu der zweifelhaften Ehre kam, der Grundeigentümer zu sein, auf dem andere Leute ihre Luftschlösser bauen, wissen wahrscheinlich nur diejenigen zu enträtseln, die in oen warmen Frühlings- und Sommernächten Hand in Hand oder fest umschlungen die Pläne zu diesen Wolkenkuckucksheimen entwerfen. Sie erspähen auch in der Mond- sckeibe allerlei Vorgänge, die anderen verborgen bleiben, die nicht durch ihre rosarote Brille sehen. Aber wer selbst einmal in ähnlicher Gemütsverfassung war, wird ihnen beipflichten fönnnen: dort oben, man muß sagen: in Großaufnahme und vor aller Welt, finden sich zwei Verliebte zu dem Knalleffekt, den das Wort „Kuß" viel zu hart ausdrückt. Man muß allerdings jung fein, ober sich so fühlen.
wenn man dieses zweite Gesicht haben will.
Wieso der Mond für eine „Hauptsache als Muster dienen und sie mit feinem vollen Namen decken mußte, die dann in Erscheinung tritt, wenn das einmal vorhandene Haar so nebensächlich geworden ist, daß es fast gar keine Rolle mehr spielt, darüber sind uns wohl noch die Haarkünstler, wie die Astronomen eine ausreichende Erklärung noch immer schuldig. Von einer menschlichen Fassade, die wie ein Vollmondgesicht aussieht, leuchtet der treffende Vergleich ohne weiteres ein.
Und was wird dem Aermften alles in die Schuhe geschoben, bis er fein wohlgenährtes Aussehen wiedergewonnen hat? Heiraten soll man in dieser Zeit. Finanztransaktionen kann man vornehmen. Die Haare zu schneiden empfiehlt sich und noch so mancherlei, über dar der Mond sicher am meisten lachen würde, wenn er sehen könnte, wie manche bei feinem Anblick dreimal den Hut lüften und dabei Hoffnungen und Wünsche hegen, oder wie sie, ohne vorher durch die Fensterscheibe gesehen zu haben, ins Freie eilen, um die neue Mondsichel über die rechte Schultern anzuschauen.
Wer das geheime Wesen des Mondes erleben und seinen Zauber auf sich wirken lassen will, der muß zu nächtlichen Begleitern durch stille Gassen den Maler Spitzweg und den Spökenkieker E. TH. A. Hoffmann wählen. Dann werden um verschnörkelte Giebel, über silberpatinierten Dächern und aus
Kraft für die Idee des Führers einzusetzen und mit Tatkraft dem ganzen deutschen Volk Arbeit und Brot zu schaffen.
Ein reiches Jahr Frontdienst gegen die Arbeitslosigkeit haben wir hinter uns. Wir haben viel erreicht. Aber noch große Aufgaben stehen vor uns.
Kleine Hilfen bauen aroße Stützen und so wendet sich dieses Mal die Dritte Arbeits-Beschaffungs- ßotterie wieder an das deutsche Volt und gibt damit jedem Gelegenheit, Mithelfer im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zu fein. Sie vermittelt mit ihren Losen die kleinen Hilfen zur Unterstützung des neuen Aufbaus, des regen und gefunden Arbeitsmarktes. Und sie bietet mit der vollständigen Umgestaltung ihres Gewinnplanes bedeutend erhöhte Gewinnaussichten. Statt eines außergewöhnlich hohen Gewinnes werden viele mittleren Gewinne ausgespielt. Entspricht das nicht unserer heutigen nationalsozialistischen Idee, die das Wohl aller Volksgenossen ins Auge faßt?
Konzert des Musikzuges der SA-Standarte 116 Gießen
Ein seltener Genuß wurde den Besuchern der Bergschenke am ersten Feiertagnachmittag geboten. Der Musikzug der Standarte 116 Gießen, von Truppführer N i e b e r g a l l geleitet, konzertierte in seiner ganzen Stärke im Garten der Bergschenke. Die reichhaltige Vortragsfolge brachte in der Hauptsache unsere schönen Armeemärsche wie den Großherzog- Friedrich • von - Baden - Marsch, den Badenweiler Marsch, den Marsch „Ruhm und Ehre" u. a. m.,
Lind nun,Ellen?
Roman von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Keine!" Rainer von Rakenius hätte diese Antwort mit reinem Gewissen geben können, denn feine Liebe zu Ellen Ehlers war ein Traumbild, das in der Wirklichkeit nichts zu suchen hatte. Doch er schwieg.
„Entschuldige, bitte, Evelyn! Ich habe noch zu arbeiten. Ich wünsche dir eine gute Nacht", sagte er deshalb beherrscht und verneigte sich kurz.
Evelyn von Rakenius aber spielte sich in Gedanken schon in das erste Zusammentreffen mit Olas Olsen.
Erinnerung zauberte glückliche Bilder vor ihr geistiges Auge. Jahre glitten zurück. Sie sah sich wieder oben im hohen Norden. Märchenhafte Schlittenreisen durch die zauberhafte nordische Winterlandschaft. Seite an Seite mit dem Manne, dem sie eben so unvermutet begegnet war.
Und Rainer von Rakenius? Sie war ehrlich S, um sich zu gestehen, daß diese Ehe eine mbigfeit gewesen war, um ihrem Vater das große Unternehmen zu erhalten, ihre Familie finanziell gesund zu machen. Sie hatte Rainer nie geliebt. Kaum wußte sie, was sie mit dem ernsten, schwermütigen Menschen anfangen sollte. Man konnte so gar nicht mit ihm plaudern, stundenlang über nichtige Dinge, wie man das mit Olaf Olsen so herrlich hatte tun können.
Olaf Olsen, der immer Zeit hatte für schöne Frauen, immer Komplimente zu sagen wußte, dem Gepflegtheit, Eleganz und Frohsinn Lebenselixier waren wie ihr selber.
Olsen war die große Liebe ihres Lebens gewesen. Die schöne Evelyn hatte das immer gewußt. Und wenn es doch zu keiner Ehe gekommen war, so aus dem Grunde, weil sie genau erkannte: der leichtsinnige hübsche Olsen taugte nicht für Heim und Herd.
Seine Liebe konnte das Paradies fein, eine Ehe mit ihm wäre vielleicht die Hölle gewesen.
Ja, sie war klug und schön, Frau Evelyn, und -m--^kühn, wie sie jetzt das Schiff ihres Lebens aus ruhMlTi' sicherem Hafen hinaussteuerte auf das trügerisch^ Meer wilder Leidenschaften.
, Neuntes Kapitel.
Der rck sende Schmerz über den Verlust der geliebten futter hatte sich in Ellen Ehlers langsam zur stilles Trauer durchgerungen.
In bell' ersten Tagen und Wochen, da sie im Hause do?*1 Frau Zimmermann lebte, hatte sie die Einsamkeit ihres Lebens mit Macht überfallen und tatenlos gemacht. Doch allmählich dämmerte die
Gewißheit, daß Arbeit allein die richtige Trösterin ist.
Bernd Caßlers frohe Tatkraft riß sie mit. Seine liebevolle Sorge, sein selbstloses Bemühen um sie gab ihr Halt.
„Sie haben dem armen Jungen bitter weh getan, Fräulein Ellen! Sie hätten wenigstens einen Teil des Geldes nehmen sollen. Er hätte es ja nicht verdient, wenn Sie ihm nicht geholfen hätten."
Frau Zimmermanns Augen hingen an dem schönen, jungen Mädchengesicht. Ellen war ihr lieb und teuer geworden wie eine Tochter in den wenigen Wochen.
„Annehmen? Ich soll Geld annehmen? Ich kann es nicht. Ich werde weiter suchen müssen, bis ich Arbeit gesunden habe. Es ist ja gleichgültig was — nur schaffen, vergessen."
Tränen standen der guten alten Frau in den Augen. Ihre harten Finger strichen in scheuer Liebkosung über das feine, hellblonde Haar.
„Liebes kleines Ellchen! Sie sind doch noch so zart und so schwach. Wie können Sie nur schon arbeiten wollen. Bleiben Sie doch nur. Ich behalte Sie schon. Bei mir eilt's doch nicht so. Ich hab ja meine kleine Rente. Bleiben Sie."
„Ich kann nicht. Ich bin an Arbeit gewöhnt. Was soll denn werden?"
Kopfschüttelnd erhob sich die alte Wirtin.
„Gehen Sie aber nicht wieder so lange aus. Es ist heiß draußen, und Sie sollen mir nicht wieder beinah ohnmächtig nach Hause kommen."
Der schmale rote Mädchenmund verzog sich.
„Gute, liebe Frau Zimmermann! Keine Angst!"
Dann stand sie unten vor dem Hause und ging in die sengende Sommerhitze hinaus.
Zum wievielten Male ging sie schon sich vorstellen?
Eine nagende Angst war in ihr. Ob es diesmal wohl klappen würde? Diesmal wenigstens?
Sie krampfte unwillkürlich die Hände, als sie vor dem kleinen Büro im Hinterhofe des großen Bürohauses stand, und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.
„Einmal, Herrgott! Nur dies eine Mal laß es gelingen. Sonst bin ich am Ende. Ganz am Ende."
Ein junger Lehrlina sah sie verschmitzt und mit listigem Lächeln an, ehe er sie meldete.
Ellen zitterten die Knie. Was war sie in den letzten Tagen gelaufen!
Durch die Tür mit den Milchglasscheiben schob sich ein graumelierter Kopf, und zwei trübe Augen blinzelten ihr zu.
„Bitte, Fräulein!"
Zitternd trat Ellen in den staubigen, düsteren Raum, in dem es von Briefordnern und wirr umherliegenden Zetteln wimmelte. Es roch nach verbrauchter Luft und vergilbtem Papier.
„Setzen Sie sich, Fräulein! Also, um was handelt es sich denn? Ach ja — die Aushilfsstellung!"
Pause. Hinter dem großen altmodischen Stehpult hervor lugten die seltsamen Augen.
„Können Sie denn Schreibmaschine?"
„Etwas nur noch. Doch in einigen Tagen hoffe ich wieder ganz flott zu fein."
„Tja! Aber die einige Tage kosten Geld, mein Kind! Ich brauche eine perfekte Stenotypistin. Es ist viel liegen geblieben."
Ein tiefer Seufzer entfloh Ellen.
Der Alte hörte ihn. Sekundenlang sah er fast mitleidig in das blasse, schöne Gesicht; doch der Geschäftsmann in ihm siegte.
„Ja — da ist leider nichts zu machen, Fräulein! Warum bewerben Sie sich aber auch auf Inserate, deren Anforderungen Sie nicht gewachsen sind? Da gibt es immer Enttäuschungen. Muß es ja geben. Sie sind vielleicht die zwanzigste heute."
Ellen hatte mit gesenkten Augenlidern gelauscht. Sie nickte traurig und stammelte mit einem verzweifelten Lächeln eine Entschuldigung.
„Wiedersehen, Fräulein!" klang es hinter ihr.
Draußen packte sie wieder die ganze Gewißheit ihrer furchtbaren Lage. Wankend schritt sie über den Fahrdamm. So grau war alles in ihr. Sie hätte sich irgendwohin setzen und einschlafen mögen. Schlafen. Für immer schlafen.
Schien wirklich die helle Augustsonne — oder war das alles nur Traum?
Plötzlich ein schrilles Signal. Ellen blieb kreidebleich wie angewurzelt stehen.
Ein langer Wagen fuhr haarscharf an ihr vorbei. Stoppte.
Ein Herr im hellgrauen Sportanzug saß am Steuer. Neben ihm eine Dame.
2etzt sah er sich um. Wie gebannt hingen seine Augen an denen Ellens. Sekundenlang ruhten ihre Blicke ineinander. Dann ein respektvoller, tiefer Gruß — und der elegante Wagen jagte davon.
Doktor von Rakenius.
Ellens Herz ging in rasenden Schlägen. Die Dame neben ihm konnte nur seine Frau gewesen fein.
Das also war seine Frau? Oh, sie war bildschön, bildschön — und elegant.
Beschämt sah sie an ihrem schwarzen Kleidchen herunter. Es war ja so billig gewesen. So dünn...
Und doch war plötzlich trotz allem ein Singen in Ellen. Eine leise, webende Melodie...
„Dieser Blick wird mir genügen müssen — ein Leben lang. Ich weiß ja, daß es Sünde ist, Sünde an seiner Frau — aber ich kann doch nichts dafür, daß ich so glücklich bin. Er kannte mich noch — er hat mich noch nicht vergessen, der stolze, herrliche Mensch. Ich will ja nichts von ihm. Gar nichts. Nie werde ich feinen Lebensweg kreuzen. Nur ganz heimlich still will ich ihn liebhaben. Ganz für mich. Kein Mensch soll darum wissen."
Ein wundersames Leuchten belebte ihr Gesicht, während sie ganz in Gedanken versunken die Straße hinabschritt.
„Vollkommen vertieft, gnädiges Fräulein! Haben Sie sich in den schönen Augusttag verliebt?"
Ellen fuhr auf. Doch das Erschrecken wich blitzschnell der verhaltenen Freude.
Bernd Cahler stand vor ihr. Lachend — die dunklen Augen voller Glück.
„Ihr Reklamechef hätte Sie bald überfahren, Fräulein Ehlers!" lachte Bernd Caßler.
„Mein Reklamechef — wie soll ich das verstehen?" „Nun, der Herr war Doktor von Rakenius, der Chef der Chemie-Aktiengesellschaft, die jetzt Ihre Schönheit, als durch ,Eos< erworoen, in alle Weltteile posaunt."
„Sind Sie immer so luftig, Herr Caßler? Bald sollte man sich in Acht nehmen, um nicht von Ihnen angesteckt zu werden."
„Angesteckt ist gut. Doch bitte! Einen kleinen Wunsch! Schlagen Sie mir eine Tasse Kaffee nicht ab! Ich habe, ehrlich gestanden, damit gerechnet, daß ich Sie treffen würde. Ich muh Ihnen etwas Wundervolles sagen."
Ellen riß sich mit Gewalt von ihren Erinnerungen los. Hier neben ihr stand Bernd Caßler, dieser stille, bescheidene Mensch, in dessen kleinem, schmalen Körper eine so unbändige Lebenskraft wohnte, daß er unbewußt Ellen dadurch ansteckte.
„Ich bin eigentlich etwas abgespannt, Herr Caßler! Verschieben wir es!"
Sie standen vor einem hübschen Cas6.
Bernd Caßler aber schien nicht gewillt zu fein, Ellen nachzugeben.
Fast ohne Ellens Antwort zu beachten, war er vorangeschritten in das Innere des Cafös.
Ellen folgte.
Dichte Gardinen schwächten die Wirkung der Sonne ab. Eine angenehme, erquickende Kühle ging von den kleinen, runden Marmortischen aus.
„Ich war für Sie tätig, Fräulein Ehlers!"
Das Mädchen sah den Sprecher fragend an. Leichter Unwille wölkte die sonst so reine, klare Stirn.
„Sie dürfen es mir bitte nicht Übelnehmen. war glatter Zufall. Ich habe für das Ufa-Theater einige Lichtreklameentwürfe zu machen. Und ganz beiläufig erfuhr ich, daß dort eine Platzanweiserin gebraucht wird."
Jetzt erhellte sich Ellens Gesicht.
„Sie können sich morgen früh vorstellen. Direktor Donnert erwartet Sie. Ich weiß ja, daß Sie unter allen Umständen tätig sein wollen, wenn ich auch die Notwendigkeit nicht einsehe."
Seine letzten Worte hatte Ellen kaum noch gehört. Sie wußte nur, daß es eine Möglichkeit fuf sie gab. Endlich noch einmal eine Möglichkeit.
Arbeiten können? Eine DerdienstmöglichkeÜ haben? Vielleicht täglich wieder ein warmes Mittag' essen. Ach, wie lange hatte sie das schon entbehrt- Wie oft hatte sie Frau Zimmermann gesagt, I1 habe schon in der Stadt gegessen, während W Magen sich vor Hunger zusammenkrampfte.
Ihre Augen wurden feucht vor Freude.
s Fortsetzung folgt.)


