Einzelbild herunterladen

Dienstag, 22. Ml M4

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

ltr.lf6 Zweites Blatt

Gießener Gtadttheater.

Puccini:Tosca".

P u c c i n i war durch und durch Theatermusiker. Ahm war es nicht möglich, sich in Schaffenspausen <:vischen den Bühnenwerken etwa wie Verdi ande­rn musikalischen Gebieten zuzuwenden; er gibt ' lber einmal au, daßihm nie auch nur eine Zeile < nfiele, ohne den Anlaß einer ihn unmittelbar be- rührenden theatralischen Sensation". So war es für ihn eine Notwendigkeit, ständig nach wirksamen Texten zu suchen. Dennoch aber nahm er nie wähl- los an, was ihm von den verschiedensten Seiten an- Geboten wurde, im Gegenteil, wir wissen, wie fründliche kritische Erwägungen ihn selbst von der Vollendung bereits begonnener Werke abhielten, ' r.ie etwa bei dem Dergasschen TextLa Lupa". Unerbittlich versuchte er seine dramaturgischen For- terungen bei seinen Textdichtern durchzusetzen; so smßte beispielsweise der dritte Akt derBoheme" hei mal umgearbeitet werden.

Auch die Verhandlungen mit Dictorien S a r d o u Hegen eines Opernstoffes waren erst von Erfolg, c s Puccini Sarah Bernhardt in der Haupt- rille von SardousTosca" gesehen hatte. Di« Wahl dieses nervenaufpeitschenden Stückes mußte rnmentlich in Hinsicht auf die vorausgegangene OperLa Boheme" befremden; und selten ist em Lwerntext so stark angefeindet worden wie der von Tosca". Die Figur des Scarpia, jenes Scheusals i Menschengestalt, stieß namentlich in Deutschland auf starke Ablehnung; dazu kam jene grausame Sxalistik der Folterszenen des zweiten Aktes: nor- dfsche und romanische Denkungs- und Empftndungs- recife mußten hier hart aufeinanderprallen. Und diß sich die Oper dennoch gehalten hat, dankt sie außer der Musik den beiden Kontrastgestalten, dem gehenden Patrioten Cavaradossi, der für feine Ge- smnung sein Leben einsetzt, und der Tosca, die im Stampf mit der Brutalität Scarpias vor dem Letzten nacht zurückschreckt.

'9tn und für sich gesehen, ist die wechselvolle ktandlung überaus bühnenwirksam angelegt; stärkste Geegenfäfce gleichzeitig sich abspielender Szenen (1 »feen aufeinander: so am Schluß des ersten Wirtes V» gottesdienstliche Feier und der, teuflische Plane erwägende Scarpia; im zweiten Akt der Jubel t>.;>m Fest der Königin und im Geschoß darüber der scmrkenhafte Scarpia, bereit, über Leben oder Tod Srivaradossis zu entscheiden. Sehr geschickt auf- gebaut ist das Verhör des unerschütterlichen Lava«

polnisch-tschechische Ernüchterung.

Von unserem Or. E. K.-Korrespondenien. Warschau, Mai 1934.

Die Beziehungen zwischen Polen und der Tschechoslowakei haben ein Stadium erreicht, das an Schärfe nichts zu wünschen übrig läßt und das die inzwischen beigelegten deutsch-polnischen Span­nungen weit in den Schatten stellt. Im Blätter­wald beider Länder setzte ein bedenkliches Rau­schen ein, das begleitet ist von Zwangsmaßnahmen der Verwaltungsstellen, die sich gegen die Ange­hörigen der Minderheit oder gegen Das Schrifttum des anderen Staates richten. Industrielle und Ar­beiter werden des Lande s verwiesen, das ihnen solange Gastrecht gewährte. Zeitungs- verböte sind hier wie dort an der Tagesord- inung, was umso mehr überraschen könnte, als es «eine polnische-tschechischePresse-Derständiaung" aibt, die eine ArtNichtangriffspakt' darstellen ssollte und deren Aufgabe darin besteht, die kultu­relle Annäherung auf dem Gebiete des Schrift- Hurns zu fördern. Als diesePresse-Derständiguna" zustande kam, wurde der unzerstörbaren Freund- ßchaft derzwei slawischen Schwestern" ein Hym­nus gesungen und an das gemeinsame Ziel, näm­lich die Aufrechterhaltung des Status oquo an der deutschen O st grenze erinnert. Besonders sentimental gestimmte Idealisten träum» Men gar von einer westslawischen Rütliszene an der Weichsel, wobei ihnen so etwas wie eine polnisch- ttschechische Union vorschwebte, die man freilich nicht i näher präzisierte. Und wer sich in Polen nüchter­nes Gemüt bewahrte, nahm diese Heilsbotschaft nicht weiter ernst.

Immerhin hat der politische Wetterhahn inzwi- I sichen eine beachtliche Kehrtwendung gemacht, was I sseine geschichtliche Begründung hat. Wenn näm- I Cid) Polen und Tschechen ihre Historie aufschlagen, j ssinden sie ihre Vorfahren öfter als Widersacher und Rivalen, denn als Freunde und Verbündete ge- I sichildert. Natürlich schuf die Nachbarschaft viele i Verbindungen und die Königshäuser der polnischen Piasten sowie der böhmischen Premysliden waren I jia versippt und verschwägert. Streit und Zwist Überwogen indessen immer, woran auch die Zuge- I Hörigkeit der zwei Slawenvölker zum Habsburger- ceid) nichts änderte.

Als sie ihre Eigenstaatlichkeit erlangten, braute es die Grenznachbarschaft so mit sich, daß die Sied- ungsgebiete der beiden Neustaaten im Tesche - J n e r Land ineinander griffen. Dadurch wurde auch in diesem Falle ein Nationalitätenhader be­gründet, dessen Rückwirkungen gerade jetzt so mäch- ig in Erscheinung treten. Gleich zu Anfang der Eigenstaatlichkeit machten sich sowohl in Polen wie auch in der Tschechoslowakei starke Strömungen nach einer Uebereinftimmung von -Staats- und Sprachgrenze geltend. Zu- Dem erhoben beide Staaten einen gleich starken Anspruch auf den Besitz des Teschener Landes, das vis heute den Zankapfel zwischen beiden Staaten toarfteUt.

Allerdings hatte man in der französischen Emi- prationszeit, als die Eigenstaatlichkeit nur noch in Wunschtraum war, in weiser Voraussicht der Möglichkeiten eines Territorialkonflikts bestimmte Vereinbarungen über eine spätere Aufteilung ' iefes national bestrittenen Landesteils getroffen, rot) dieser Abmachungen war Prag für rasches Handeln und löste die Frage kurzerhand, indem Hchechische Legionäre in das Teschener Gebiet ein­rangen, die polnische Besatzung vertrieben und ich in den Besitz des Landes setzten, während Polens Armee im Osten beschäftigt war. Zwar kam es später zu einem Beschluß des Bot- chafterrates, der freilich so ausfiel, daß sich Polen -enachteiligt fühlte. Polen führt seitdem das an ch vertretbare und auch minderheitenpolitisch über- zeugende Argument ins Feld, daß auf tschechischer Seite einige hunderttausend Polen verblieben, wäh- :aenb sich die Zahl der Tschechen im polnischen Staatsraum im Rahmen von nur einigen Zehn­tausend bewegt. _____________________

Der VDA. in Mainz.

4

r- K

f H

ö -5

Z- -- v

Oben: Reichsinnenminister Dr. Frick auf dem Wege zum Festakt in der Mainzer Stadthalle. Schräg rechts hinter Dr. Frick der Reichsführer des VDA., Dr. Steinacher. Unten: VDA.-Jugend mit ihren Fahnen und Wimpeln beim Aufmarsch auf dem Adolf-Hitler-Platz in Mainz.

Diese Lösung hat in Warschau eine begreifliche Verstimmung und lange nachwirkende Unzu­friedenheit hervorgerufen. Zweckmäßigkeitsgründe sprachen aber dafür, daß sich Polen gemeinsam mit der Tschechoslowakei in die Antirevisionsfront stellte, nachdem sich im Westen und Süden starke Revisionsforderungen geltend machten. Im Warschauer und im Prager Kabinett tat man das übrige, um den Gegensatz nicht an die Oberfläche der öffentlichen Diskussion treten zu lassen. Sorg­sam hatte man die diplomatischen Akte dem Dorn- roschenschlummmer der Kabinettsarchive anvertraut und bedeckte sie mit dem Staub kühner Phantasie- pläne über die polnisch-tschechische Union. Während Warschau in Prag eine Art Rückversicherung gegen jeden Revisivnsdruck suchte, nahm die Tschechoslo­wakei jedes wirtschaftliche Geschenk dankbar an, das ihm Polen auf Dem Altar einer mißverstan­denen Slawenliebe opferte. In diesem Zusammen­hang wäre daran zu erinnern, daß b i e Tsche­choslowakei bie Nutznießerin bes beutsch-polnischen Zollkrieges war, ben bie tschechische Inbustrie weibgerecht auszu- schlachten wußte.

Es ist gewiß nicht übertrieben, wenn man sagt, baß bie polnisch-tschechische Freunbschaft i m beutsch-polnischen Konflikt ihre Nah­rung fanb. Dieser brüchige Kitt mußte naturge­mäß seine Wirksamkeit verlieren, als Abvlf Hitler seine konstruktive Außenpolitik ansetzte, bie bei Marschall P i l s u b s k i unb seinem real- volitisch eingestellten Außenminister Joseph Beck bas gebührende Verständnis fand. So mußte nahe- liegen, daß der deutsch-polnische Ausgleich seine Re- flexe auf das polnisch-tschechische Verhältnis warf. Und dies umso mehr, als man sich in Warschau zu einer von Paris unabhängigen Außen­politik stark genug fühlte, wobei auch die psycho­logische Tatsache nicht aus dem Auge zu lassen wäre, daß heute in Polen bie Kreise regieren, wel­chen bie tschechischen Legionäre Anfang 1919 in ben Rücken fielen. Diese polnischen Kreise haben es noch in frischer Erinnerung, baß französische Munitions- transporte in Prag angehalten würben, als Polen im Bolschewikenkrieg um sein staatliches Sein kämpfte.

All biefe Erwägungen wirb man nicht aus bem Auge lassen bürfen, um ben jetzt in Erscheinung tretenben polnisch-tschechischen Konflikt, feine Reso­nanz unb Reichweite mit ben realen Möglichkeiten in ein richtiges Verhältnis zu bringen. Selbstrebenb wirb Frankreich unb Barthou hat es schon wäh- renb seines letzten Aufenthalts in Warschau unb Prag versucht alles baran setzen, bie Gegner in Prag unb Warschau auszusöhnen. Jnbessen scheinen, wenigstens von Warschau aus gesehen, bie Zeiten geschwunben zu fein, ba man Beneschs biplomatische Fechterkünste bewunderte unb bentschechischen

Das soeben vom Reichskabinett verabschiedete Theat ergesetz scheint geeignet, einen neuen Abschnitt der deutschen Theatergeschichte einzuleiten. Man wirb, wenn man ben Sinn seiner Bestimmun­gen bedenkt, unwillkürlich an jene Rebe Schil­lers vom Jahre 1784 erinnert, in der der Jenaer Universitätsprofessor von dem Theater als von einer moralischen Anstalt" träumte ein schwär­merischer Traum, der heute Wirklichkeit werben will. Man verstehe aber, was Schiller, im Sprach­gebrauch seiner Zeit, untermoralisch" gemeint hat: keineswegs eine moralisierende Schaubühne, die Traktätchenweisheit und platte Tugendlehren in dramatischer Form verabreicht, sondern ein Theater, bas die höchsten Kräfte des Menschen entzündet, das verborgene Fähigkeiten erweckt, das seelische und sittliche Verschrobenheiten zurechtrückt kurz, eine erziehende, eine ethische Schaubühne mit großen sittlichen Aufgaben.

Solch« Forderungen Schillers wie utopisch sie damals waren, wußte er selbst nur zu gut! er­füllt bas neue Gesetz, wenn es ben Bühnenleiter

Cavour", wie ihn bie polnische Presse gelegentlich nannte, als unerreichtes Muster jebem polnischen Außenminister gegenüberstellte. Im Warschauer Brühlschen Palais führen heute Männer bas Regi- ment, bie es Benefch zum mindesten schwer machen werden, die außenpolitische Führung im vorderost- europäischen Staatenraum in seiner Hand zu be­halten.

aus der Kategorie der Gewerbetreibenden heraus­nimmt und ihn in die Reihe der verantwortungs­vollen Persönlichkeiten stellt, die an der nationalen Erziehung und an der volklichen Führung maß­gebend beteiligt sind. Wie aber war es bisher? Das Theater galt allgemein als Geschäft und nur als Geschäft; es war keine Rede davon, die Oeffent- lichkeit zu gewissen Mindestansprüchen und Forde­rungen zu erziehen und in langsamem Ausstieg zu einer deutschen und guten Theaterkunst heranzu- bilden, sondern es war jedermann darauf bedacht, möglichst tief zum Publikum herabzusteigen, seinen Trieben zu schmeicheln und ihm das Zuckerbrot dar- zureichen, dessen es so glaubten die Theater- Herrscher bedurfte. Von diesem argen und bös­willigen Treiben haben wir gerade in Berlin genugsam zu spüren bekommen. Daher hatten wir einen Spielplan, der überwiegend von Ausländern besetzt wurde, daher hatten wir jene Sexualdialoge auf der Bühne, daher jene dummen Schwänke und blöden Reißer, daher jene versteckten und offenen Lüsternheiten und eine Starherrschaft, die

jede geordnete Führung einer geschlossenenTruppe" (einesEnsembles") unmöglich machte. Die Ver­derbtheit dieses Theaterwesens war groß. Sie be­gann bereits beim Kartenverkauf, ben der Kundige für wenig Geld gegen irgendwelcheBons" oderGutscheine^ tätigen konnte, während der Dumme den vollen Eintrittspreis erlegen mußte: auch gegen dieses Unwesen sieht das neue Gesetz wirksame Hilfen vor. Diese Mißstände steigerten sich bei den Preisen für Garderobe und Theaterzettel, für di« der Besucher einen eigenen Etat einsetzen mußte, und sie gipfelten endlich in der Aufführung und in der' Mißwirtschaft hinter den Kulissen und in den Theaterbüros.

Es war das Verhängnis dieser Zustände, baß bie Theaterleiter niemandem verantwortlich zu fein brauchten: biefe Unverantwortlichkeit, dieses dös« Spekulantentum bat die schlimmen Blüten aus dem Berliner Theatersumpf hervorgetrieben. Wenn nun der Theaterleiter endlich als der nationale Erzieher angesprochen und in Zucht genommen wird, so kommt damit tatsächlich Schillers Forde­rung nach einer erzieherischen und ethisch-verant­wortungsvollen Schaubühne ihrer Erfüllung nahe. Dabei kann auch der Böswillige nicht sagen, daß nun dem neu zu gestaltenden Theater denn unsere deutsche Bühne befindet sich heute noch im Zustand des Ausbruchs, der Sammlung und Vor­bereitung von vornherein etwas wie einenatio­nalsozialistische Zwangsjacke" angelegt werden solle. AuÄnücklich sagt das Gesetz, daß an dem Grund- s a tz der künstlerischen Freiheit nichts geändert werden solle; aber das Gesetz appelliert an die Ueberzeugung und an die völkische Verantwor­tung des Theaterleiters: diese beiden Begriffe sie sollten immer selbstverständlich gewesen sein lassen jedermann hinreichende Freiheit, seiner Bühne einen Spielplan aufzustellen, dem die persönliche Eigenart des Direktors nicht zu mangeln braucht.

Rückkehr zur moralischen Anstatt.

Das neue Theatergesetz.

radossi, dem Scarpia mit hinterhältiger Höflichkeit, vorgetäuschter Väterlichkeit und selbst mit roher Ge­walt kein Geständnis entlocken kann; ebenso, wie Scarpia mit Grausamkeit und tierischer Gier Tosca sich gefügig machen will. Ja, selbst noch nach seinem Tode wirkt Scarpias böser Geist weiter, die angeb­liche Scheinerschießung im letzten Akt wird statt theatralischen Spieles zu bitterstem Ernst, zu härte­ster Tragik.

Puccini ist die Vertonung derTosca" nach seinem eigenen Ausspruch nicht immer leicht gefal­len; ihm als vornehmlichem Lyriker unb Melodiker mußten alle bie Szenen ber Grausamkeit befonbere Schwierigkeiten bereiten. Die Schreckenssituationen des zweiten Aktes läßt er mehr in ihrer physischen Auswirkung erleben, als daß er sie etwa noch ton- malend verstärkt; so erfährt durch ihn das Ab­stoßende des Textes eine erhebliche Milderung.

Man könnte an Hand ber Partitur genau fest- stellen, wie Puccini im Verlauf ber Oper mehr ober weniger mit feinem Innern babei war; was ihn nicht so sehr fesselte, gibt er konventionell ohne befonberen Eigenwert. Da aber, wo tiefes, mensch­liches Erleben wach wirb, ba strömt es aus ihm in Wärme unb Leibenschaft; ba gibt er Höhepunkte von erschütternber Kraft. Da strahlt seine Lyrik in weitem melobischem Bogen auf: bie Szene bes ersten Aktes zwischen Tosca unb Cavarabossi. lös­ens Gebet wirb zu einem erschütternben Bekennt­nis ber um ben schwersten Entschluß ringenben Frau. Eine letzte Abrechnung mit bem Leben, zum Abbilb eines verzweifelten Kampfes zwischen Lebens­willen unb Schicksal wirb Cavarabossis:Unb es blitzten bie Sterne ..."

Puccinis motivische Binbungen sinb ungemein bilbhaft unb charakteristisch. Ja, wirkt es nicht wie ein Schicksalsspruch, wenn er ohne Vorspiel mit bem Scarpia-Motiv in feiner laftenben Wucht be­ginnt! Die einzelnen typisch ausgeprägten Motive werben zu Erinnerungssyrnbolen, bie den Gang der Handlung von der musikalischen Seite her im­mer wieder beleuchten unb innerlich verknüpfen unb beziehen. Nicht nur ber einzigen Frauenrvlle ber Oper hat Puccini seine ganze Liebe zugewanbt, auch bie beiben für bie Hanblung so bebeutfamen Männeraestalten behcmbelt er mit schärfster therna- tischer Charakterisierung unb teilnehrnenber Hin­gabe.

Das Orchester Puccinis klingt ungemein farbig unb leuchtenb, stets ber Situation mit ihren Er- forberniffen nachgehenb, voll Sinnlichkeit und Realismus. In packender Unmittelbarleit läßt er

zu Beginn des dritten Aufzuges auf der Engels­burg die Stimmung des hereinbrechenden Mor­gens in engster Bezogenheit auf das Schicksal des Helden, der dem Tode entgegengeht, erleben. Hör­ner verkünden den kommenden Tag; letzter Ster­nenglanz, drohendes Schicksalsmotiv; Herdenglocken, eine Hirtenweise aus der Ferne; Morgenglocken der ewigen Stadt; da wird Cavaradossi zu seinem letzten Gang hereingeführt ... Erwachendes Leben nahender Tod!

Der hiesigen Aufführung hatte man nach jeder Richtung hin eine äußerst sorgfältige Vorbereitung zuteil werden lassen, und so vermochte sie, das sei vorausgeschickt, hohen, ja teilweise höchsten Anfor­derungen zu entsprechen.

Die Bühnenbilder (Karl Löffler) waren bis ins einzelste peinlich gewissenhaft aufgebaut wor­den; durch angemessene Beleuchtung (Ludwig Keim) gab man ihnen Belebung und Gefühls­wert; blutrünstig rot bie Folterkammer; sehr aus­geglichen in der Abstufung ber Uebergang zum Tage im brüten Akt. Die Spielleitung (Paul W r e b e) hatte für besondere Durchbildung der Massenauftritte Sorge getragen. Das Orchester unter Fr. Cuj 6 s Führung war machtvoll, wuch­tig in den Akzenten; dem wechselnden Melos folgte es mit geschickter Anpassung; stark, mit Impuls gaben sich die großen Steigerungen. An einzelnen Stellen könnte die Klangfülle noch gedämpft wer­den, nicht zuletzt mit Rücksicht auf bie Sänger; hier unb ba wirb eine glättenbe Hanb noch Ausgleiche schaffen müssen.

Für bie wichtigsten Rollen hatte man, mit einer Ausnahme, auswärtige routinierte Opernkräfte als Gäste herangezogen, unb so würbe bas Gelingen nach jeber Richtung hin gewährleistet. Die Partie ber Tosca, bas Drama bes Weibes schlechthin, ver­langt zu höchsten gesanglichen Anforberungen eine überzeugende Kraft der Darstellung; im Kampfe mit Scarpia muh sie zu heldischer Große aufsteigen. Maria Perry wuchs im Laufe des Abends immer mehr in ihre Rolle hinein, in der Höhe des Affektes durchschlagend mit ihrer Stimme, in ben bynami- schen Uebergängen zwar noch nicht restlos ausge­glichen, verbient sie doch volle Anerkennung. In einzelnen Momenten, namentlich im stummen Spiel, war sie stark als Darstellerin; nur müßte sie sich noch von dem letzten Rest konventioneller Theater- allüren lösen und seelischen Zustand mit Körperaus- druck völlig konform werden lassen; dann würde das Format ihrer Tosca sich noch mehr steigern.

Wie enorm wichtig und grundlegend für bie Ver­körperung einer Rolle gerabe bie Körpergebärbe fein kann, bestätigte John Gläser, Frankfurt. Als er vor nunmehr fast neun Jahren ben Cavarabossi an gleicher Stelle sang, ba hatte ber Sänger bas Uebergewicht. Und jetzt! Bis ins einzelne zeugen jede Bewegung, jede Miene von innerer Notwendig­keit, ohne irgendwelche Uebertonung; hier sind jetzt Sänger und Schauspieler wirklich eins geworden, die natürlichen Ausdrucksformen des Wahren unb Echten sinb gefunben, auch im Gesänge. Bewunbe» rungsroürbig, wie bieses schon immer schöne Organ sich fortentwickelt hat; mühelos ansprechenb, in jeber Lage der größten Expansion fähig, wie in jeder dynami­schen Abstufung biegsamund tragfähig bei voller Plastik des Textes; hier ist in der Tat der idealste Aus­gleich der Tenorstimme geschaffen; Piano und Forte zeigen die gleiche klangliche Struktur. Und mit welcher Wohlabgewogenheit nützt er seine Mittel, stets der Situation angemessen; stets mit feinem musikalischen Sinn und innerem Mitgehen die italie­nische Gesangslinie gestaltend.

Ihm gleichwertig zur Seite Franz Wolf, Berlin, als Scarpia. Jede Regung, jeder Schritt prägten das Lauernde, Hinterhältige dieses Bühnenschurken ab; jedes Wort, jeder Ton' getragen von charakteri­stischer Begründung. Jeder Nuance in der stimm­lichen Abschattierung fähig, vom schwülen lüsternen Schmeicheln, vom täuberischen Girren bis zum zynischen Höhnen und maßloser Wut; groß in seinen Monologen; teuflisch echt durch Maske und Haltung bei starkem gesanglichen Können.

Als ein gehetztes Opfer Scarpias war Max Schneider (a. G.) als Angelotti darstellerisch uno gesanglich ebenso an rechter Stelle, wie der Meß­ner Richard Stals (a. G ). Letzterer ließ seinen Part durch bie typischen Züge zu einer Kabinetts­figur werben, ohne jedoch in irgendwelche billigen Uebertreibungen zu verfallen; feinenAngelus" betete er in feinerlicher Würde. Karl Tank als Polizei­agent Spoletta und Hans Seitz als Sciaronne fugten sich dem (Banken ein; das Hirtenlied fang Kathi Drommershausen.

Ueberaus starker Beifall des leider nicht voll be­setzten Hauses rief die Darsteller immer wieder vor die Rampe; zum Schluß wollten bie Hervorrufe kaum ein Enbe finben. Dr. H.

6o<bfcbulnad>nd)fetL

Der Direktor ber Chirurgischen Universitätsklinik in Frankfurt a. M., Pros. Dr. Victor Schmie- ben, ist zum Mitglieb ber Königlich Medizinischen Akademie in R o m gewählt worden.