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Nr. 185 Zweites Blatt Gießener Anzeiger(General-AnzekgerfürVberheffen)Zreitag, 10. August 1934

nur einen Finger zu rühren.

Daß die internationale Diskussion über den Pakt, dessen Bestimmungen eine förmliche Ermunterung Sowjetruhlands zu einem schärferen Vorgehen gegen Japan bedeuten, auch in Tokio mit der größten Spannung verfolgt wird, ist selbstverständ­lich. Es kann vielleicht auch als eine Antwort auf diesen Paktentwurf angesehen werden, daß Tokio die Entsendung einer politischen Abordnung nach Washington vorbereitet, die die japanisch-amerika­nischen Beziehungen verbessern soll. In einer Zeit, in der Roosevelt persönlich sich vom strategischen Wert Hawaiis überzeugt, in der bei Alaska im großen Stil die Manöver, der amerikanischen Flotte abqehalten werden und m der die USA. sich be­mühen, auf jede Weise ihre militärische Stärke gegenüber Japan darzutun, wird die Stimmung in Amerika vielleicht für Annäherungsbestrebungen solcher Art nicht sonderlich empfänglich sein. Aber auch Amerika kann sich heute nicht ohne weiteres einen kriegerischen Konflikt mit Japan leisten, und wenn Roosevelt auch das japanische Angebot eines Nichtangriffspaktes abgelehnt hat, so hat man in Washington doch auf der anderen Seite den ernst gemeinten japanischen Vorschlag zur Kenntnis ge­nommen, daß die USA. und Japan sich über die Aufteilung des Pazifik der östliche Teil für Amerika, der westliche für Japan verständigen mögen. In diese Verhandlungen kommen die Angebote der Sowjets hinein, die bald in Tokio und bald in Washington den Abschluß von Nicht­angriffspakten empfehlen und die trotz der Siche­rung ihres europäischen Rückens erkennen lassen, daß sie an der Entspannung der Lage im Fernen Osten nicht weniger als Japan und Amerika inter­essiert sind. r ,, m

Man kann über die Aussichten einer solchen Ver­ständigung im Fernen Osten geteilter Meinung sein Tatsache aber ist, daß unabhängig von den europäischen Paktverhandlungen die Bemühungen

Die Möglichkeiten einer solchen Kolonisation und ihre Rückwirkungen auf das Mutterland sind außerordentlich groß und vielseitig und zahlen­mäßig kaum abzuschätzen. Dor allem Ostafrika mit einer wechselvollen geographischen Natur könnte ür alle Zweige der menschlichen Betätigung in )er Tropenzone ein ausgezeichnetes Versuchsfeld ür Deutschland abgeben, was Tropenlandwirtschaft, Tropenmedizin, Tropentechnik usw. betrifft.

Es wäre verhängnisvoll, die Kolonialfrage rein . inanzpolitifch nach der Rentabilität der Kolonial­gebiete allein beurteilen zu wollen. Die gegen- wärtige Verdrängung der deutschen Arbeit in einem großen Teil der Welt wäre bei einem kolonialen Deutschland unmöglich.

Hinsichtlich der Siedlungsfrage sind alle Vor­schläge für deutsche Massen- und Kleinbauernsied-

am Pazifik fortgesetzt werden, die der größtmög­lichen Ausschaltung der Konfliktsursachen und einer Sicherung des Friedens dienen. Vielleicht ist die Moskauer Rechnung nicht irreal, daß unter den veränderten Umständen in Europa die Japaner zu der Herstellung eines gütlichen Einvernehmens ge­neigter denn je wären. Wenn man aber diesen Fall setzt, so entsteht erst recht die Frage, welches Schicksal dem Nordostpakt bzw. seinen Teilnehmer­staaten zuteil werden wird. Eine, wenn auch nur vorläufige Ausschaltung der japanischen Gefahr für Moskau würde bedeuten, daß die Sowjets erst rechtnach Europa zurückkehren". Man male sich dies aus: Eine französisch-sowjetrussische Diktatur

im Völkerbund, die großzügig über sämtliche ver­traglichen Bedenken, Durchmarschklauseln usw. hin» weggehen würde, könnte mit Hilfe ihrer Bajonette die endgültige Friedhofsruhe in Europa für lange Zeit einkehren lassen.

Im Fernen Osten hat Tokio das Spiel durch­schaut. Ob dort der Friede gewahrt bleiben kann, ist eine Frage der Zeit. Aber für Europa ist ent­scheidend, daß der Nordostpakt nicht lediglich eine europäische Angelegenheit ist, sondern daß er auch am Pazifik eine neue Lage schaffen würde, deren Folgen sich aber wieder, und zwar mit wirklich entscheidender Wucht in dem gequälten und zer­rissenen (Europa austoben würden.

sich über die schlafheißen Wangen, und der blonde Kopf findet fein gewohntes Plätzchen auf dem braungebrannten Arm.

Auch mein kleiner Besuch von vorhin liegt schla­fend da, ein schokoladenes Bärtchen über dem zart- geschwungenen Mund.

So, nun wird mich aber gewiß nichts mehr vom Schreiben zurückhalten.

Da erwartet mich jedoch noch eine der kleinen Ueber- raschungen, an denen diese drei Wochen überreich waren: mitten auf dem polierten Deckel des großen birkenen Tintenfasses steht ein Kinderschuh Em zuner" Schuh ist es, da er bis an das Gelenk zugeschnürt werden kann. Kleiner, rührender, ver­schrammter, breitmäuliger Schuh!

Während ich den kleinen Eindringling betrachte, ziehen die letzten drei Wochen, die sich als etwas vollkommen Neues und Besonderes aus meinem Leben herausheben, an mir vorbei. Was habe ich gelernt, was gewonnen in diesen merkwürdigen Wochen? ., . .

Und nun kommst du endlich zu deinem Recht, mein geduldiger Freund!

Daß Lena schrieb:Dir vertraue ich fie an", bedeutete mir Auszeichnung und Lob. Nachdem zwei Ferienwochen an der See mir das letzte Nest­chen Schulstaub und Müdigkeit weggeblasen und weggeschwemmt hatten, kam ich schön ausgeruht her. Einen Tag lang wurde ich angelernt, das wich­tigste war Marlenchens Überraschend reichhaltiger Speisezettel, und dann ging Lena an ihre mehr als notwendige Erholung.

Daß ich nach drei Wochen die vier ihren Eltern fröhlich und gesund mrückgeben tarn, das macht mich stolzer, als wenn ich eine Klasse von vierzig ohne Unfall durch die Klippen und Strudel der Versetzung führte. Ich freue mich brennend auf die Überraschung morgen: Marlenchen steht! Sie richtet sich an den Stäben ihres Bettchens auf und ruft triumphierend: hei!" Marlenchen, meine Herzenswonne, deren Augen von so wun­dersam reinem Blau sind, daß die Vorübergehen­den an ihrem Wägelchen den Schritt verhalten und ihre Gesichter über ein Weilchen wieder jung wer­den und gut.

Doch, was ich gelernt habe, willst du wissen, alter Getreuer?

Ich weiß jetzt, nicht nur vom Hörensagen, daß alle die vielen kleinen, unscheinbar ober nett ober leicht aussehenben, immer wiederkehrenden, nie enD- qültiq fertigen Dinge bes Haushalts unb ber Kin­derpflege sich zu einer gewaltigen Summe von Ar­beitsleistung abbieren. Ich werbe nicht mehr um

HI. stellt aus

und zeigt ihre Arbeit für Deutschland. Eröffnung der großen Ausstellung am 19. August, vormittags 11 Ahr auf dem Frankfurter INessegelände.

1./2. September? Frankfurt a. IN.?

1OOOOO marschieren!

hunderttausende sehen zu!

Kochschuinacdncbten

Ernannt wurden: der außerplanmäßige außer- ordentliche Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt Dr. Paul Kn ip ping zum plan- mäßigen außerordentlichen Professor für Rvntaen- phvsik und Röntgentechnik; der Bibliothekar ber Hauptbücherei unb außerplanmäßige außervrdent- liche Professor an ber Technischen Hochschule Darm« stabt Dr. Friebrich L i st zum planmäßigen außer- orbentlichen Professor für Verwaltungsrecht, 93 er- kehrsrecht unb Recht ber Technik, beibe an ber Technischen Hochschule Darmstadt mit Wirkung vom 1. April 1934 an.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, 29. Juli.

Nach dem Besuch des französischen Außenmini­sters in London unb ber Unterstützung, bie Barthou seitens ber britischen Regierung für den Nordost- 1 pakt fand, befanden sich das Moskauer Außen- kommifsariat gleichermaßen wie die sowjetoffiziöse Presse in einem Zustand der gesteigerten Erregung. Worum man jahrelang kämpfte, womit man die schweren moralischen Niederlagen der Komintern in Asien wieder wettzumachen hoffte, was das Fundament für ein neues unb fester gefügtes Ge- bäube ber Außenpolitik liefern sollte bas schien greifbar nahegerückt zu fein. Zwar wäre bas marxistisch-kommunistische Rußlanb gezwungen, mit bem Eintritt in ben Völkerbund auch den Anschluß an die Gesellschaft der kapitalistisch-bürgerlichen Staaten zu vollziehen und sich damit der Juris­diktion der bürgerlichen Welt zu unterwerfen, zwar würde es damit auch die Verpflichtung überneh­men müssen, Schiedssprüche und Gerichtsurteile an­zuerkennen, bie vonbourgeoisen" Grunbsätzen unb vonkapitalistischen" Richtern gefällt werben, zwar müßte Stalin schließlich bie ganze kommunistische Weltanschauung verleugnen, bie ber tragenbe Pfeiler deseinzigen sozialistischen Staates der Welt" ist aber imVerbrennen dessen, was noch gestern angebetet wurde", hat er ja eine gewisse Uebung. Und dafür würde man eines eintauschen: Man hätte Frankreichin der Tasche", die in Ver­sailles begründete stärkste Europamacht stünde zur eigenen Verfügung, und Frankreich wäre der Sowjetgendarm in Europa, der denbedrohten Rätestaat" vor allem anderen Schutz von den an­geblich aggressiven Absichten des nationalsozialisti­schen Deutschland böte. Das ist das Moskauer Für und Wider.

Inzwischen sind seit dem Londoner Besuch Barthous fast vier Wochen ins Land gegangen. Heute ist man in Moskau über die zunehmend nüchterne Beurteilung in Italien und England er» taunt, man sucht den Widerstand der Randstaaten, )ie noch durch das geschickte Operieren des polni- chen Außenministers Beck erhöht wird, zu neu­tralisieren, man ist über die hartnäckige Ableh­nung, die der Gedanke und der Inhalt des Nord­ostpaktes in Deutschland und Polen gesunden hat, aber besonders in Wut geraten. Man stellt Zug um Zug die einzelnen Phasen der Verschlechterung der Paktaussichten fest, und Zug um Zug versucht man auch die verschiedenen Gegenmaßnahmen. Die Tatsache bleiet aber: Die Paktfront bröckelt zu­sehends ab.

So ist heute der Moskauer Trommelklang nur noch sehr gedämpft. DieJswestija" gehen um bcu Pakt herum, wie die Katze um den heißen 93rc sie verzeichnen nur noch Meldungen aus fran­zösischer Quelle, und selbst der patentierte Rufer im Streit für Litwinow, Radek, hat völlig die Sprache verloren. Man tut das einzige, was man angesichts einer fo unsicheren Lage tun kann: Man wartet ab. , .

Und dennoch ist der Pakt für Sowietrußland von ungeheurer, von lebenswichtiger Bedeutung. Nur durch die Propaganda der französischen Presse, m bereu Horn auch gelegentlich bie kommunistischen Zettunqen kräftig stoßen, ist er zu einer beutsch- sranzösischen Angelegenheit geworben. Von hier aus gesellen, hat ber Pakt aber ein völlig anberes Gesicht Seiner europäischen Beimengsel unb An­hängsel entkleibet, mit benen fertig zu werben Moskau Frankreich überlassen hat, bebeutet ber Norbostpakt für Moskau ein Garantieschein gegen frembe Einmischung bei ber früher ober spater zu ermartenben Auseinanbersetzung mit Japan. Auch seine einzelnen Bestimmungen sinb vom Blickpunkt des Fernen Ostens aus so präzise unb gründlich auf bie Sowjetinteressen zugeschmtten, baß em Blinber mit dem Krückstock in Moskau seinen

Der Mahagonischreibtisch meiner Lerniahre hat sich in dieses kleine Fremdenzimmer verirrt. Oh, er ist sehr vertraut mit meinem alten Freunde!

JTante",0 ruft eine Helle, etwas scharfe Stimme aus dem Zimmer der Mädels,bestimmt?

Bestimmt!"

Ganz bestimmt?"

Ganz bestimmt!"

Kann ich mich daraus verlassen?

Du kannst dich darauf verlassen!

Na, denn is man schön!" Stille.rnnn Es handelt sich nicht etwa um eine Verschwörung zwischen Ilse und mir, nein, ich soll nur H)rJto- janes" plätten; damit will sie morgen, bei ber Heimkunft ber Eltern, Staat machen.

Ich glaube, ich plätte bas rosa Kleid gleich letzt noch. Denn morgen vormittag fmben sich tausenb anbere Dinge.

So, bas Kleibchen hängt anziehfertig ba; so ganz schnell war es gar nicht gemacht, all bie galten ''% mem grauer Freund auf ber warmleuchtenben Schreibtischplatte Heu^ freue ich mich auf bich; heute brauchs du mich nicht zu trösten unb nicht zu ermahnew Unb. nun-

Aber, was ist benn im Jungenszimmer los??

Rührt euch! Still gestanden! Augen qerabe aus! Im Gleichschritt ^^rsch^ Das ift Lians Georgs bes Siebeniahngen, trompeten helle Stimme Er wird sich M nicht aus dem Bett fommanbieren? <7xnrf.

di°b,°nst",u str°Snd°n Augm haben einen fernen, f^ ihm über das dichte Blondhaar und '°°Alİ-"?°nn d1r°M°nfch nich», kommt es °b- few-

i° -in W Ansinnen an ihn gestellt zu haben. |(attern ejn paar, - »' -

von K 3 siebenjährige Seele geworfen: "^nnk9 mte kommt bas blasig daß di- schönsten StZ-Immer fo fchnell zu End' sind- bei Konzert '°D°ch d-/'kleine'PHUchopd worteii nicht auf Ant- wort Die dunklen Halbrunde dec Wimpern senken

Aus meinem Schreibtisch sieht ein Kinderschuhchen.

Von Maria Dehn.

Jetzt enblid), am letzten Tage meines Hierseins, will ich mich bir wibmen, mein stiller, treuer, gebul- biqer Freund! . ri . . .

Wozu hat sie mich mitgeschleppt, wirst du denken, wenn sie sich drei Wochen lang nicht um mich küm­mert? Doch nein, ich tue dir Unrecht: me wahrend dreier Jahrzehnte hast du dich beklagt, daß ich dich zu viel oder zu wenig in Anspruch nehme, warst immer da, wenn ich dich brauchte, und hast es mir nie verargt, wenn ich dich und unsere Freundschaft ängstlich vor allen Menschen versteckte. Sie Hatten dich und mich ja ausgelacht, du mein vielbändiges Tagebuch, das sie so gernstumm nennen.

Stumm? Wie rauntest du, wenn ich in Leid und Enttäuschung zu dir stürzte, so tröstlich von altem Glück! Und wenn die Flügel, auch, so lahm hmgen, zeigtest du mit mahnendem Finger auf die Zetten des Aufschwungs und ließest nicht nach, bis end­lich wieder auch Schwäche und Klagen em mutiges Und dennoch" sein Haupt hob!

Die vier Kinder schlafen. Jetzt endlich also

Da schiebt sich sacht der Vorhang zum Nebern zimmer zurück, und in der dunklen Türöffnung steht wie aus einem Gemälde von Caspar David Fneb rich oder Philipp Otto Runge geschnitten, em vier- jähriges Geschöpfchen im langen weißen Nachtrock. Ueber dem altmodischen kreisrunden Stickereikragen leuchtet ein zartes, reizendes Gesicht. Langsam lost sich das Bild aus seinem Rahmen, nackte Fuße pat­schen zu mir her, kastanienbraune Ringettockchen flimmern auf, ein derbes Pfötchen nähert sich mei­nem Gesicht und eine durchaus jungenhafte Stimme

Wist'n Happen haben, Tante? Da, stopp 'rin!" Mit gemischten Gefühlen mummle ich an dem Scho­koladenstückchen. Diether sieht mir interessiert zu und meint gönnerhaft:Schuklad is gesund für Kinder und für Menschen!"

Zwar lächle ich zustimmend, scheine aber durch­aus keinen Unterhaltungsstoff zu finden.

Na denn wer'ch man wieder abhaun!" Eine leise Enttäuschung klingt durch seinen Baß.

Und so dreht mir der unverhoffte Besuch seine weißwallende rückwärtige Front zu verweilt noch einen Augenblick mit zuruckgekandtem Köpfchen als schimmerndes Bild im Türrahmen unb ift ver- fchwunben.

eigentlichen Zweck fühlt. Der Vertrag ist bazu ge­schaffen, ber Sowjetunion nicht nur als europäische Entlastung zu bienen, sonbern ihr auch völlig freie Hand gegenüber Japan zu lassen; ja, mehr als das: Frankreich übernimmt in bem Pakt bie Ge­währ bafür, baß bie Teilnehmerstaaten bes Ost­paktes auch ihr ber Sowjetunion gegenüber ge­gebenes Versprechen einhalten, unb bieje Aufpasser­rolle Frankreichs ift für Moskau in ber Tat Garantie genug, baß ben Sowjets in Europa auch wirklich niemanb in ben Rücken fällt, solange sie mit Japan beschäftigt sinb. Sämtliche bekannten Klauseln bes Paktes Konsultationsrecht bzw. -pflicht, gegenfeitige Hilfeleistung, Eintritt in den Völkerbund usw. sinb barauf berechnet, eine Einteilung zweier Kontinente in Interessensphären vorzunehmen: Frankreich-Europa, Sowjetrußlanb- Asien.

Bei biefer Bebeutung bes Paktes für ben Fernen Osten unb bei biefer Funktion, bie ihm Angewiesen würbe, soll nach bem Willen seiner Schöpfer auch Deutschland eine bestimmte Rolle spielen. Gerät bie Sowjetunion als Vertragspartner in einen un- provozierten Konflikt mit Japan, kann sie auch bie deutsche Hilfeleistung in Anspruch nehmen un­abhängig davon, daß zwischen Deutschland und Japan keinerlei Reibungspunkte bestehen, daß die Beziehungen zwischen Berlin und Tokio durch eine Reihe von Verträgen, beginnend mit dem Versailler Vertrag, geregelt sind, daß uns ein derartiger Kon­fliktsfall keineswegs passen würde. Nicht nur in­direkt oder passiv direkt und aktiv würde Deutsch­land auf Grund dieses Paktes automatisch in einen russisch-japanischen Konflikt verwickelt werden. Wo­bei, um die inneren Unmöglichkeiten dieser Pakt­konstruktion noch zu ergänzen, nur darauf hinge­wiesen zu werden braucht, daß natürlich im um­gekehrten Fall eines sowjetrussischen Angriffs auf Japan keine der Signatarmächte befugt wäre, auch

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Johannesburg, 11. Juli 1934.

Professor Carl Troll, der in den Jahren 1926 bis 1929 auf feinen Reisen in Südamerika als Biologe und Geograph die Lebensbedingun­gen in den tropischen Gebirgen studierte und seit dem Jahre 1930 mit der Vertretung der Kolonial- Geographie an der Universität Berlin beauftragt ift, faßte vor Jahren den Plan, diese Studien auf Afrika auszudehnen, um das deutsche Kolo­nialproblem wissenschaftlich zu unterbauen. Spe­ziell die Frage der Siedlungsmöglichkeiten für Weiße in den tropischen Hochländern drängte immer stärker nach einer objektiven wissenschaft­lichen Untersuchung, weil sie bislang stets wider­sprechend entweder ablehnend ober übertrieben optimistisch bargestellt würbe.

Für biese Forschungsarbeit bot Ostafrika bas beste Betätigungsfelb. Dort hat sich feit ber Oeff- nung bes Manbcttsgebietes für bie beutschen Siebter im Jahre 1926 eine Zone junger deitt- scher Pioniersieblungen gebilbet, bie in bem gegenwärtigen Entwicklungsstabium bie ganzen Probleme aufzeichnen. Professor Troll hat, ab­gesehen von biefer speziellen Frage ber Sied- lungsmöglichkeiten, bas ganze beutsche Kolonial­problem zu erfassen versucht. Zu diesem Zweck hat er zusammen mit Dr. Wien zunächst brei Monate lang bas nordabessinische Hochlanb unb bie bärtige italienische Kolonisation ftubiert, bann in weiteren fünf Monaten Ostafrika; unb zwar vergleichen!) bas Manbcttsgebiet Tanganjika unb bie alte englische Sieblungsfolonie Kenya. Zu­letzt führten ihn feine Forschungsarbeiten zu einem kurzen Besuch nach Sübafrika. Pro­fessor Troll wirb von hier über Kapstabt in bas Mandatsgebiet Deutsch-Südwestafrika reisen und sich von dort aus nach Deutschland einschiffen, wo er am 12. August eintreffen wird.

Hier gewährte Professor Troll mir eine Unterredung über die Eindrücke auf feiner Expe­dition. Der deutsche Forscher führte dabei u. a. folgendes aus:

Alle Probleme, die das Afrika von heute be­treffen, müssen von einem vollständig neuen Ge­sichtspunkte aus angepackt werden und nicht von Den Erfahrungen der Vorkriegszeit aus. Die Stel­lung des Europäers dem Eingeborenen gegenüber, die Rolle des Eingeborenen und des indischen Ein­wanderers sind völlig verändert. Vor allem ist auch die Stellung der einzelnen Rassen in der wirtschaftlichen Produktion heute eine ganz andere und wird von den Kolonialregierungen in ver­schiedener Weise gefördert. In der Erziehung des Eingeborenen zur Zivilisation nehmen Regierung, Mission unb Pflanzer eine ganz verschiebene Stel­lung ein. Eine zukünftige beutsche Kolonialpolttik müßte einen Weg einschlagen, ber in ber schritt­weisen Förberung bes Eingeborenen unb in ber zielbewußten, straff organisierten Ansieblung bes Weißen ben Anforderungen beiber gerecht wirb.

Deutsche Forschungsarbeit in Ostafrika

Prof. Carl Trott über das deutsche Kolonialproblem.

Von unserem ständigen Dr. B.-Äerichterstaiier.

lungen in ben tropischen Hochländern illusorisch, aus geographischen, wie aus sozialen Grünben. Die beutschen Neusieblungen in Ostafrika haben bei aller Schwierigkeit ber gegenwärtigen Lage nach Ueberroinbung ber Pionier- unb Lehrzeit eine Zu­kunft; aber ihre Ausdehnungsmöglichkeit ift be» schränkt, unb auf bie schwarze Arbeit wirb ber Pflanzer unb Farmer immer angewiesen bleiben. Aus biesem Grunbe ist auch eine gewisse Betriebs- gröhe ber einzelnen Sieblungen erforberlich.

Der Wert bes beutschen Tropenpflanzers barf auf keinen Fall nach ber Zahl ber Siebter bemessen werben. Auch kleine Gruppen bebeuten in ben weiten afrikanischen Räumen wirtschaftlich, kultu­rell unb nationalpolitisch ungeheuer viel mehr als bie gleiche Zahl in ber Heimat.

Deutsch-Ostafrika ist trotz ber völligen Enteignung beutschen Grunbbesitzes im Weltkrieg burch harte Arbeit beutscher Siebter aus allen Berufen und Bevölkerungsschichten in friedlicher Durchdringung zum großen Teil zurückgewonnen. Die Inder, deren Zahl in zehn Jahren englischer Verwaltung auf das Dreifache gestiegen ift, haben fast den ge­samten Kleinhandel und eine Reihe großer Pflan- zungen in der Küstenzone in der Hand. Die wich­tigsten Siedler nach den Deutschen, aber nur in den alten Pflanzungsgebieten, find die Griechen. Eine geringe Rolle fpielen im Verhältnis zu ihnen gläubig die Achseln zucken, wenn Lena sagt:Ich komme einfach nicht zum Briefschreiben; ich bin abends immer todmüde ..."

Ja, die müden Füße! Vier Schritte vorwärts, einen zur Seite, einen zurück ... das gibt eine an­dere, quälendere Müdigkeit als eine weite Wan­derung in frischer Luft durch Wald und Feld.

Ich weiß jetzt, daß es, abgesehen von der eigent­lichen Arbeit, recht aufreibend ist, wenn von früh bis spät mehrere Menschen immer etwas von einem wollen. Und kein Schneckenhäuschen ist da und darf auch nicht da fein für eine rechte Mutter. Im­mer muß ihre Seele wach sein und offen für alle Fragen, Wünsche, Erzählungen und Klagen.

Ich beginne jetzt zu ahnen, wie es kommt, daß ich da, wo ich eitel Freude und Wonne erwartete, manchmal einen unfrohen Zug sah: wehe, wenn ein Mensch so angestrengt ist, daß, trotz aller Liebe, zum Freuen keine Kraft mehr bleibt ... Und (Se­gen über alles, was einer vielgeplagten Mutter Er­leichterung, Erholung und Ausspannung zu ver- schaffen bestrebt ist!

Uebermorgen dann, mein treuer Freund, gehen wir in unser stilles, sehr stilles Heim zuruck. Auf meinem wohlaufgeräumten Schreibtisch wird fein Kinderschuhchen stehen. Doch das Gleichmaß froher Arbeitswochen wird mich, wie stets noch, in feinen Kreis bannen, in dem Grillenfängerei nicht ge- deiht. Glückes genug!

Welchen Gewinn ich für mich selbst und meine Arbeit aus diesen drei Wochen Heimtrage, fragst du, du Gründlicher?

Mehr Wissen um Kinder und Mutter habe ich und darum mehr Liebe. Mit viel mehr Weich­heit, Güte, Verständnis und Aufopferung will ich all den jungen Menschenwefen nachgehen; denn ein jedes ift einer Mutter sehr geliebtes Kind!

Aordostpakl - von Moskau gesehen

Von unserem ^.-Berichterstatter.