Wichtig für die Volksabstimmung!
„£>ie Wählerliste liegt auf!"
Vom (Samstag, 11. bis einschl. Sonntag, 12. August, liegt im Stadthaus, Bergstraße 20, Zimmer 13, die Wählerliste für d i e Volksabstimmung zur Einsicht offen. Personen, die bis zum 19. August 1934 das Wahlalter von 20 Jahren erreichen, Wahlberechtigte, die in letzter Zeit ihre Wohnung gewechselt haben, oder erst zugezogen sind, oder durch Verheiratung einen anderen Namen führen usw., mögen nicht versäumen, sich von der richtigen Eintragung in die Wählerliste durch Einsichtnahme zu überzeugen. (Siehe Bekanntmachung der Stadtverwaltung im heutigen Anzeigenteil.)
Stimmscheine rechtzeitig besorgen!
DNB. Wer sich am 19. August außerhalb seines Wohnsitzes aufhält, lasse sich rechtzeitig durch die Gemeinoebehörde seines Wohnortes einen Stimmschein ausstellen. Besonders wichtig ist die Besorgung von Stimmscheinen für Seeleute, für die Besatzung der Binnenschiffe, für Angehörige der Reichsbahn, der Reichspost, wie aller Verkehrsunternehmungen. Auf Grund des Stimmscheines kann in
jedem Stimmbezirk des Deutschen Reiches abge- stimmt werden. Der Stimmschein ermöglicht auch die Stimmabgabe im Reiseverkehr, auf den größeren Durchgangsbahnhöfen, sowie an Bord der für die Abstimmung in Betracht kommenden Seeschiffe. Erleichterungen für die Stimmabgabe
der Kranken.
DNB. Von verschiedenen Seiten gehen bei den Behörden Anträge ein, daß für die Kranken ein erleichtertes Abstimmungsverfahren in der Wohnung zugelassen werden möge. Dies ist jedoch nicht möglich, da nach dem geltenden Abstimmungsgesetz die Stimmzettel nur in den von der zuständigen Behörde bestimmten öffentlichen Abstimmungsräumen vor einem Abstimmungsvorftand abgegeben werden können. Nur für Kranken- und Pflegeanstalten ist ein vereinfachtes Verfahren vorgesehen.
Gegenüber den Wünschen nach erleichterter Stimmabgabe durch Kranke kann nur darauf hingewiesen werden, daß durch die Ortsgruppen der NSDAP, weitgehende Transportmöglichkeiten für Kranke' geschaffen werden, und daß auch das deutsche Rote Kreuz sich und seine Einrichtungen zu diesem Zweck voll zur Verfügung stellen wird.
Aus der provinzialhauptstadi.
Erntebräuche in deutschen Landen.
Wie der Anfang der Ernte, so ist auch das Ende ein besonders bedeutsamer Abschnitt, dem zahlreiche Bräuche gewidmet sind und der im Erntefest gipfelt. Der Fruchtbarkeitsgeist, der sich mit der Mahd immer weiter zurückzieht, flüchtet nach dem Volksglauben schließlich in die letzten Halme, die letzte Garbe, denen man infolgedessen magische Kräfte zuschreibt. Die letzten Halme werden deshalb nicht abgemäht, sondern bleiben stehen; man windet sie auch mit bunten Bändern und Blumen zu einer Garbe zusammen oder gestaltet sie zu einer Puppe.
Die letzten Halme wie die letzte Garbe gelten als Opfer für den Fruchtbarkeitsgeist, der die verschiedensten Namen führt, so Wodan, Fru-Gaue, die Alte, Kornmutter oder nach den Tieren, unter denen man sich den Dämon vorstellt, Bock, Hahn, Hase usw. Die letzte Garbe wird recht groß gebunden, damit die nächste Ernte gut ausfalle; sie wird mit allerlei Dingen ausgestattet, wie Brot, Bierflaschen usw., und ans Scheunentor genagelt, im Hause aufgehängt oder ihre Körner werden bei der nächsten Saat mitverwendet. Ein Zaubermittel, durch das die Kraft der letzten Garbe gesteigert wird, ist der sog. Ernte-Mai. Wie die Griechen beim Erntefest einen reich mit Spenden behängten Zweig herumtrugen, so schmückt man heute die letzten Halme mit grünen Reisern oder Blumen, steckt auch eine belaubte Birke aufs Feld, und da der Hahn besonders häufig als Fruchtbarkeitsgeist verwendet wird, so hängt man eine tote Henne in den Ernte-Mai und verzehrt wohl auch einen Hahn beim Erntemahl. An seine Stelle tritt gelegentlich ein hölzernes Abbild, das bunt bemalt und geschmückt ist. Diese Fruchtbarkeitssymbolik gipfelt im Erntekranz, der zum schönen Sinnbild des Ernte- Endes geworden ist.
Der Erntekranz wird am Tage des letzten Schnittes oder bei Einbringung des letzten Wagens feierlich gewunden und ist die Hauptzier des Erntefestes. Er ist zumeist eine Art Krone, an der über dem Kranzreifen zwei Bogen in Kreuzform aufsteigen, und besteht aus den Aehren aller Getreidearten, wozu noch Laub und Moos, Blumen, Bänder, Flitterwerk, manchmal auch kleine Puppen, Schnitter und Binderinnen darstellend, hinzukommen. Seine Bedeutung als Fruchtbarkeitszauber wird durch Ausputzung mit einem Hahn ober anderen Vögeln noch unterstrichen. Für den Lichtzauber sorgen die in der Krone angebrachten Kerzen, die abends angezündet werden.
Manchmal haben die Schnitter einen Erntekranz, die Binderinnen eine Erntekrone. Dieses Zeichen des Ernteglücks wird mit langen Sprüchen dem Gutsherrn überreicht; ein Bindezauber ist es, wenn ihm der Kranz um den Hals gelegt oder die Krone auf den Kopf gefetzt wird, und wird die Gutsherrschaft bei Überreichung des Kranzes begossen, so ist das ein Regenzauber. Während des Erntemahles liegt der Kranz auf dem Tisch, wird beim Erntetanz an der Decke aufgehängt und bleibt wohl bis zur nächsten Ernte in der Stube, auf der Diele ober an ber Haustür. Auch die Körner bes Erntekranzes werben bei der neuen Aussaat verwendet oder in den Zipfel des Säetuches gebunden, um den Acker ertragreich zu machen. Beim Erntetanz hängt ein Pantoffel unter dem Erntekranz, wenn die Mädchen die Burschen wählen und das Kommando beim Fest übernehmen. Auch beim kirchlichen Entefest spielt der Erntekranz eine Rolle, indem er geweiht wird; Kinder ziehen mit brennenden Kerzen zum Gotteshaus und legen ihn auf dem Altar nieder. Bei den Erntedank-Umzügen wird der Kranz vorausgetragen, und so entfaltet sich unter diesem freudigen und zugleich feierlichen Zeichen die ganze Fülle der dankbaren Freuden und Feste, mit denen der Landmann den Abschluß der Erntezeit begeht. B.
WUMMW
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Das ist ganz allein Ihre Sache. Ich helfe Ihnen dabei bestimmt nicht."
Hart, grausam klang es. Die Frau blickte ihn entsetzt an. Fragte:
„Wohnt in Ihnen denn kein Mitleid?"
„Doch! Ich bemitleide Sie, weil Sie stets falsche Wege gehen. Wäre es nicht besser, Sie blieben in dem schützenden Hafen, den Sie hier gefunden haben?"
Doris Feller erhob sich. Neigte sich ganz nahe zu ihm.
„Sind Sie mir ein Freund, Fritz Farnhorst? Dann werde ich hierbleiben!"
„Das war das Schlimmste, was Sie sich antun konnten, gnädige Frau. Ich bin kein Objekt für diese Rolle, die Sie mir zugedacht haben. Darf ich mich verabschieden?"
Sie ballte die Hände, sah, daß sie gegen ihn verlor.
„Fürchten Sie nicht, daß ich Sie das heutige Gespräch entgelten lassen kann?" fragte sie, und ihre Augen sprachen mehr als Worte, daß sie fähig war, sich zu rächen.
Er sah sie an; um feinen Mund zuckte es verächtlich.
„Gnädige Frau meinen das Würfelspiel um meine Stellung? Ich werde diese Stellung sowieso nicht mehr behalten. Sie ist unhaltbar geworden, ich sehe das ein."
Sie sah, daß sie keinerlei Macht über ihn hatte, und sie dachte verzweifelt darüber nach, was sie ihm wohl noch sagen könne.
„Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich werde Ihrem Herrn Gemahl sagen, daß ich aus Familiengründen von hier fortgehe."
„Farnhorst bleiben Sie! Ich will Sie nicht um Ihre Stellung bringen. Was sosi dann werden? So schnell finden Sie nicht wieder etwas."
„Das spielt keine Rolle. Ich werde ja auch etwas finden. Leben Sie wohl, gnädige Frau!"
Er ging zur Tür, nachdem er sich noch einmal fun verbeugt hatte. Da hörte er einen dumpfen Fall. Er wandte sich um.
Noch eine Komödie?
Nein!
Doris Feller lag am Boden, und ihre Augen verdrehten sich.
Fritz Fckrnhorst dachte an gar nichts weiter, als daß er der Frau helfen mußte. Denn das war keine Verstellung, so viel sah er nun doch trotz allen Zornes und aller Verachtung.
Daten für Donnerstag, 9. August.
1839: Der Augenarzt Karl Theodor, Herzog in Bayern geb. (gest. 1909). — 1896: Der Flugtechniker Otto Lilienthal bei Rhinow gest. (geb. 1848). — 1919: Der Naturforscher Ernst Haeckel in Jena gest. (geb. 1834). — 1933: Neues Strafvollzugsund Gnadenrecht in Preußen.
Gieüener Woncnnrarktpreise.
* Gießen, 9. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,45 Mk., Landbutter 1,30 bis 1,35 Mk., Matte 20 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische), Klasse S 10^, Klasse A 10, Klasse B 9%, Klasse C 9, Klasse D 8, Wirsing (grün), das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 12 bis 15, Rotkraut 15, Gelbe Rüben 10 bis 12, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Römifch- kohl 8 bis 10, Bohnen (grün) 25, (gelb) 25, Erbsen 25, Tomaten 15 bis 20, Zwiebeln 12, Rhabarber 8 bis 9, Kartoffeln (neue) 6 bis 6% Pf., der Zentner 5 bis 5,50 Mk., Frühäpfel, das Pfund 15 bis 25 Pf., Falläpfel 5 bis 8, Pfirsiche 20 bis 45, Brombeeren 30, Preißelbeeren 30 bis 35, Aepfel 15 bis 20, Birnen 20 bis 35, Pflaumen 12 bis 15, Zwetschen 12 bis 15, Mirabellen 20, Reineclauden 15 bis 18, junge Hähne 80 bis 90, Tauben, das Stück 50, Blumenkohl 10 bis 80, Salat 8 bis 10, Salatgurken 10 bis 30, Einmachgurken 2 bis 3, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5, Lauch (Suppengrünes) 5, Rettich, 5 bis 10, Radieschen, das Bund 8 Pf.
Hüllten.
— Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Töchter Ihrer Exzellenz". — Waldeslust: ab 15 Uhr Ferienkinderfest, Konzert und Tanz.
— Das Jahresfest des Gustav-Adolf- Zweigvereins findet am kommenden Sonntag statt. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
*
* * Seinen 82. Geburtstag kann am morgigen 10. August Herr Lokomotivführer i. R. Christian Hoerster, Crednerstraße 6 wohnhaft, in erfreulicher voller Frische begehen.
** E i n Brand im Transformatorenhaus entstand gestern gegen 15 Uhr durch Blitzschlag auf dem Schiffenberg in dem dort an eine Scheune angebauten Transformatorgebäude. Die sofort alarmierte Gießener Feuerwache rückte schleunigst aus, fand aber bei ihrer Ankunft auf dem Schiffenberg gegen 15.15 Uhr den Brand bereits gelöscht vor. Der Pächter des Schiffenbergs, Herr
Er hob die Frau auf. Ihr weicher Körper ruhte an feiner Brust. Er sah sich um. Dorthin, auf das Ruhebett.
Da hörte er neben sich eine zornbebende Stimme:
„Also doch, Farnhorst! Ich hätte es Ihnen nicht zugetraut."
Richard Feller stand neben ihm. Die beiden Männer maßen sich mit zornigen, heißen Augen. Und auf den Armen des Jüngeren ruhte noch immer die Frau. Und sie war wirklich ohnmächtig!
Farnhorst legte Doris Feller auf das Lager, sah sich nach Feller um. Der sagte ruhig:
„Sie sind entlassen, Farnhorst. Das ist das erste, was ich vorläufig tun kann."
„Sehr wohl. Ich hätte meine Entlassung sowieso eingereicht, auch wenn Sie nicht gekommen wären. Aber wollen Sie Ihrer Frau Gemahlin nicht vorläufig ein Glas Wasser... ?"
„Nennen Sie diese Dirne nicht so! Sie ist meine Frau nicht mehr. Und wenn Sie Wert darauf legen, dann können Sie die Frau gleich mitnehmen!"
„Sie sind im Irrtum. Vollständig. Aber ich bin mir zu gut dazu, noch Erklärungen abzugeben."
„Ich würde Ihnen auch nicht glauben", sagte der andere verächtlich. „Mir genügt nämlich diese Situation vollkommen."
„Dann bleibt nur eins übrig, Herr Feller!"
Hoch aufgerichtet stand Farnhorst vor feinem Chef. Der lachte verächtlich.
„Eigentlich — die Frau ift's nicht mal wert. Aber es soll fein. Ich schicke Ihnen meine Zeugen."
„Danke! Bis Samstag stehe ich zur Verfügung." Fritz Farnhorst ging.
Ging aufrecht, gerade, im Bewußtsein eines Unrechtes, eines Schickfalfchlages, der ihn unverschuldet traf, und den er dennoch begrüßte.
Hoffentlich fiel er!
Dann war alles gut! Alles!
Dennoch! Neben der Lebensmüdigkeit regte sich ein starrer Trotz. Warum weichen? Wenn man nichts getan hatte? In feinem Schreibtisch lag der Brief, mit dem Doris Feller ihn für den Abend bier^er bat und worin sie mitteilte, daß er ruhig kommen könne, da ihre Schwiegermutter auch mit anwesend sei. Er brauchte diesen Brief dem beleidigten Ehegatten nur vorzulegen. Aber wozu? Dieses sogenannte Schicksal hatte es verhindert, daß Juajarb Feller eine halbe Stunde eher gekommen war. Denn dann hätte er alles mit angehört, was gesprochen wurde.
Nun, das hatte nicht fein sollen! Er, Farnhorst, mußte als em Mensch gelten, der ein in ihn gesetztes Vertrauen schnöde brach!
Und — eine Frau stellt man doch auch nicht bloß! Auf Kosten einer Frau wusch man sich nicht rein.
Und — vielleicht war Doris Feller jetzt noch imstande, sich den sicheren Hafen zu erhalten und alle Schuld auf ihn, Farnhorst, zu schieben? Dann durfte er ihr diesen sicheren Hasen doch nicht
Lyncker, hatte geistesgegenwärtig und kurzentschlossen die Tür zu dem Transformatorhaus aufgebrochen, um dadurch an den Brandherd heranzukommen. Die Flammen hatte er durch Aufschütten von Sand gelöscht, so daß erfreulicherweise die Gefahr für die Gebäude des Schiffenberg rechtzeitig und wirksam abgewendet werden konnte.
** Fünf Minuten vor Toresschluß macht die Intendanz des Stadttheaters die Alt- Abonnenten, die sich bis heute noch nicht zum Abonnement für die Spielzeit 1934/35 entschieden haben, darauf aufmerksam, daß am 11. August die Meldefrist für die alten Stammplätze abläuft. (Siehe heutige Anzeige.)
** Verkauf von Fallobst. Wie aus einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil hervorgeht, findet auf dem städtischen Obstbaumstück am Kugelberg täglich Verkauf von Fallobst statt.
** Vorsicht bei der Behandlung von Wunden. Dieser Tage mußte ein 30jähriger Zimmermann aus Büßfeld (Kreis Alsfeld) eine schlimme Erfahrung machen. Er hatte sich in der Ausübung feines Berufes eine Verletzung zu gezogen, die ihm nicht wesentlich erschien und die er infolgedessen nicht weiter beachtete. Inzwischen hatte sich aber eine Entzündung eingestellt, die ein solches Ausmaß erreichte, daß sich der Verletzte zur Behandlung in die Chirurgische Klinik nach Gießen begeben mußte. Der Fall ist kennzeichnend dafür, daß man auch unbedeutend erscheinende Wunden nicht vernachlässigen darf!
Schöffengericht Gießen.
Der O. R., geboren in Wieseck, zur Zeit in Untersuchungshaft, wurde wegen eines schweren und eines einfachen Diebstahls, sowie wegen vollendeten Betrugs in zehn Fällen und eines versuchten Betrugs zu einer ©efamtgefängnisftrafe von einem Jahr und zwei Monaten, sowie zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Fünf Monate erlittener Untersuchungshaft werden auf die Strafe angerechnet. Der Angeklagte, der Angehöriger des Arbeitsdienstlagers in Homberg war, verstand es durch Vorspiegelung ausgezeichneter wirtschaftlicher Verhältnisse von zu Hause, den Kantinenverwalter, sowie Gastwirte in Homberg, die ihm erhebliche Kredite gewährten, zu schädigen. So gab der Angeklagte, der geschieden und dessen Vater vermögenslos ist, an, seine Schwester reite morgens aus. Er scheute nicht da
nehmen? Was lag denn an ihm? Nichts! Nicht das geringste!
Farnhorst ging wie ein Träumender seiner Wohnung zu. Droben aber in der Villa wühlten Richard Fellers Hände in dem rotgoldenen Gelock der Frau.
„Oh, du! Wenn ich doch den Mut fände, dich zu töten! Aber ich will es ja.gar nicht. Ich will es nicht. Ich — liebe dich, und ich hasse dich."
Doris war noch immer ohnmächtig.
Der Mann ging hinaus, verständigte draußen das Mädchen. Dann saß er regungslos in feinem Arbeitszimmer, während sich Maria Katschet um die ohnmächtige Herrin bemühte. Endlich schlug Doris die Augen auf. Eine Weile lag sie still. Die weit aufgerissenen Augen blickten an die Zimmerdecke, wo die Lampe weiße Kringel malte. Plötzlich richtete sich Doris auf.
„Marie, hier war doch — mein Gott» was ist denn? Hab ich geträumt?"
„Gnädige Frau, ganz still! Wir müssen leise reden."
Vertraulich beugte sich Marie zu der Herrin:
„Doktor Farnhorst war hier. Und bann kam ganz unverhofft der gnädige Herr hier an und ging gleich hierher. Die beiden Herren haben zusammen gesprochen. Waren die gnädige Frau denn da schon ohnmächtig?"
Lüsterne Neugier stand in den Augen des Mädchens. Doris strich sich mit der Hand über die feuchte Stirn.
„Mein Mann? Marie, was sprechen Sie da? Mein Mann?"
„Ja, der gnädige Herr war wirklich hier und ist jetzt drüben in seinem Arbeitszimmer. Der gnädige Herr hat mich doch hierher geschickt, nachdem Doktor Farnhorst fort war."
„Ich werde ja noch irrsinnig. Mein Mann hier? Er ist doch nach Hamburg abgereist?"
„3a, jetzt ist er aber hier."
Doris erhob sich. Mein Gott, wie wirr ihr im Kopfe war? Was war nur gewesen?
Farnhorst war hier!
Und er blieb stolz und kühl ihren Bitten gegenüber. Er ging. War bereits an der Tür. Da — wußte sie nicyts mehr.
Richard hier!
Nun war alles verloren.
Was nun?
Doris wanderte hin und her. Der Kopf brannte ihr, und sie fühlte einen sonderbaren Durst. Sie hatte das Mädchen ganz und gar vergessen. Einmal stolperte sie über ein Stückchen zusammengerollten Teppich. Mechanisch glättete ihr Fuß die Stelle. Dann schritt sie wieder hin und her.
Es klopfte kurz.
Gleich darauf trat der Hausherr über die Schwelle. Er winkte kurz.
Marie Katfchek verschwand! Aber draußen lauschte sie an der Tür. Sie mußte alles wissen. Denn ihr Karl hatte ihr erst vorhin, als sie ihm
vor zurück, Briefe, dke seine angebliche ausgezeich, nete Lage bestätigten, an sich selbst in das Lager zu schicken. Der Angeklagte erwarb sich bald großes Vertrauen. Im Februar dieses Jahres ließ er sich Urlaub geben, angeblich um seinen kranken Vater zu besuchen. In Wirklichkeit fuhr er jedoch zu einem angeblichen Freund nach Groß-Auheim. Er wohnte in einer Wirtschaft, dessen Inhaber und Hausangestellte ebenfalls durch Hingabe von Darlehen geschädigt wurden. In Hanau veranlaßte der Angeklagte einen Taxenchauffeur, indem er sich diesem gegenüber als Beauftragter einer höheren Persönlichkeit im Arbeitsdienst ausgab, ihn nach Gießen und schließlich nach Homberg zu fahren, ohne daß der Chauffeur zu feinem Geld kam. Im Arbeitslager Homberg erbrach der Angeklagte nachts eine Schublade in der Kantine und entwendete größere Mengen Zigaretten und einen Geldbetrag. In einer hiesigen Wirtschaft wurde er, nachdem er auch einen Chauffeur aus Gießen, fo- wie einen Gastwirt schädigte, schließlich feftgenom- men. Der Angeklagte war in vollem Umfange geständig, was bei der Strafzumessung strafmildernd in Betracht kam.
Wegen Vergehens gegen den § 3 der Verordnung vom 21. März 1933 wurde der Alfons Budenbender aus Wetzlar zu der Mindest- ftrafe von drei Monaten Gefängnis und den Kosten des Verfahrens verurteilt. Der Angeklagte machte in einer Wirtschaft in Lauterbach abfällige Bemerkungen gegen die Reichsregierung.
Schulungslager der rhein-mainischen Fachschulstudentinnen.
LPD. Darmstadt, 8. Aug. Zwischen Aumenau und Villmar an der Lahn sind die Führerinnen der weiblichen Fachschuljugend unseres Rhein-Main-Ge- bietes zu einem zehntägigen Schulungs- lager zusammengekommen, um aus dem Rahmen kameradschaftlicher Beratungen heraus die praktische Arbeit der Fachschulschaft zu gestalten. Die Erkenntnis, daß durch die Verschiedenheit der Arbeit die Fachschule keine andere studen- tenschaftliche Organisation zu erhalten hat als die Hochschule, hat dem Zusammenhalt zwischen der Studentin der Hochschule und Fachschulstudentin keinen Abbruch getan. Im Gegenteil versicherte Fräu- lein Else H v r st m a n n, Referentin bei der Reichsführung der Deutschen Fachschulschaft, „besteht unsre Aufgabe darin, die Arbeit aller Studentinnen dadurch auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, daß wir die Grundforderungen mit den praktischen Möglichkeiten der Fachschule in Einklang bringen". Die Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen bilbet das Gerüst, um das sich die weiblichen Fachschulschaften aufbauen können. Im Rhein- Main-Gebiet sind es etwa 1000 Mädels, die bei dem augenblicklichen Aufbau der Deutschen Fachschulschaft in diese eingegliedert werden. Und unter ziel- bewußter Leitung erhalten ihre 20 Führerinnen jetzt die Schulung, »die sie befähigt, die Arbeitskraft der Schülerinnen schon im kommenden Semester zu voller Entfaltung zu bringen.
So wechseln in dem Lager ernste Referate mit Volkstanz und Wanderungen ab, wird durch Heranziehen der Deutschen Arbeitsfront die Verbindung mit den schon im Beruf stehenden Volksgenossinnen hergestellt, und als Abschluß der Tagung werden alle Lagerteilnehmerinnen noch in einem Lager des weiblichen Arbeitsdienstes zu Gast fein, um and) diesen wichtigen Teil der Jugenderziehung in bie Gesamtarbeit einzugliedern.
Fräulein H o r ft m a n n als Vertreterin der Reichsführung und Gauamtsleiter W a l ch e r als Kreisführer der rhein-mainifchen Fachschulschaften gäbe beide der Erwartung Ausdruck, daß dieses erste Schulungslager der rhein-mainischen Fachschulstudentinnen auch der Arbeit im ganzen Reich Richtung weisen wird und somit von grundlegender Bedeutung ist.
sein Essen hinbrachte in den alten Schuppen, in dem er hauste, um in ihrer Nähe zu sein, gesagt, daß sie jetzt aufpassen müsse. Jetzt ginge es ums Ganze. Jetzt müßte sie sehen, eine Menge Geld von der Gnädigen zu erpressen. Diese Gelegenheit käme nicht wieder. Die beste Gelegenheit sei immer die, wo ein Ehegatte vor dem anderen etwas zu verbergen hätte. Und er hätte das Dreckleben satt. Wenn sie nicht bald Geld schaffe, dann rücke er ab von ihr. Und warum er eigentlich nicht einen netten kleinen Einbruch hätte ausführen sollen, während der Herr in Hamburg fei? Dann hätte er sie irgendwo erwarten können. Aber mit ihr sei ja nichts los in solchen Sachen. Sie hätte da schon längst etwas arrangieren können, wo sie doch nun einmal die Vertraute der Gnädigen sei. Das sei sehr hübsch, sei aussichtsreich. Und jetzt müßte es sich endlich einmal lohnen.
Marie, über beide Ohren verliebt in den verwegenen, wenn auch stets ehrlicher Arbeit abgeneigten Burschen, hatte ihm versprochen, endlich etwas zu unternehmen. Denn verlieren durfte sie ihn nicht.
Und Marie Katfchek lauschte angestrengt.
Sechstes Kapitel.
Die Hände in den Taschen feines Beinkleides, näherte sich Richard Feller feiner Frau. Seine Augen hatten einen eigenartigen Glanz. Und als er immer näher kam, merkte Doris, daß er stark getrunken hatte. Sie erschauerte in Furcht. Was wollte er von ihr?
„Siehst du, ich hätte dich eigentlich hinter ihm herwerfen sollen. Aber sieytst du, ich liebe dich. Aber ich hasse dich auch. Nimm dich in acht, Doris! Wie kam der Mensch hierher? Sag es mir, oder es geschieht etwas, Doris!"
Die Frau sah nach der Tür. Kam denn niemand, um ihr zu helfen? Wo war Marie? Wo Friedrich?
Feller packte feine Frau an den Händen:
„Wie der Farnhorst hierherkam, will ich wissen!" „Ich — weiß es nicht. Er war plötzlich da", log sie in feiger Angst um ihr Leben. „Er war noch gar nicht lange im Zimmer, als mir von der Aufregung schlecht wurde. Ich war wohl ohnmächtig, denn ich weiß nichts davon, daß du plötzlich in meinem Zimmer warst. Marie sagte es mir. Richard, glaubst du wirklich, dieser junge Mensch hätte für mich Interesse? Aber ich will dir etwas gestehen: Er kannte mich von feiner Primanerzeit her. Und er wußte, was mein Vater getan. Ich will dir erzählen, Richard. Höre zu!"
Fieberhaft berichtete sie ihm, was er ja schon wußte. Nur von ihrem Verhältnis zu Max Blasken schwieg sie. Sie stellte es nur fo hin, als seien die Primaner mit* ihr und ihren Freundinnen in der Tanzstunde gewesen. Und natürlich habe nun Fritz Farnhorst auch gewußt, was ihr Vater getan. Und das feien feine Drohungen an sie gewesen.
(Fortsetzung folgt) .


