Die SWsalsschlachl bei Tannenberg.
Genie gegen Masse. — Rätsel und Wunder. — Spieler und Gegenspieler.
Von Alfred H. Troß.
(Urheberrecht: Dammert-Pressedienste, Berlin W 35) 1. Fortsetzung.
Oer entscheidende Entschluß des Hauptquartiers.
Der Gegner wundert sich, als am 21. der weitere Angriff der Deutschen ausbleibt. Was ist denn mit den Deutschen? Er findet sich nicht zurecht — rind er rührt sich nicht, er posaunt nur einen riesigen Sieg bei Gumbinnen nach rückwärts, in die Heimat, nach Petersbura.
In Koblenz herrscht Unwillen und Verstörung über die im Gang befindliche Preisgabe Ostpreußens. Moltke meldet dem Kaiser:
„Prittwitz hat den Kopf verloren, übersieht die Lage anscheinend nicht mehr. Ich schlage vor —"
„Abberufen!"
„— schlage vor als neue Männer: Oberkommandierender im Osten — General a. D. von B e - neckendorff und Hindenburg, Hannover. Chef des Stabes: General Ludendorff. Majestät erinnern sich: Lüttich —"
„Veranlassen Sie das Weitere!"
So wird Prittwitz mit seinem Stabschef Walder- see abberufen — werden die neuen Männer zur Rettung des deutschen Ostens entsandt. Und damit geschieht die große Wende; die größte Genietat der Kriegsgeschichte aller Zeiten, die Urn- gehungs- und Befreiungsschlacht von Tannenberg dämmert herauf.
Oie neuen Männer.
In der Nacht vom 22. auf den 23. August laufen in Marienburg, dem Sitz des östlichen deutschen Oberkommandos, dauernd Telegramme und Befehle ein. Zunächst wird der übereilte Rückzug, abgestoppt, die Truppen werden in die Gegend von Deutsch- Eylau dirigiert. Dann die Nachricht:
, :uer Oberbefehlshaber und Chef des Stabes treifen morgen nachmittag mit Sonderzug im Fahrplan des Nord-Expreß in Marienbura ein."
Und eine Telephongespräch Moltkes mit Den historischen Worten: „Es muß mit Kühnheit etwas Großes gewagt werden! Die neue Führung verbürgt mir einen Erfolg, sofern er noch möglich ist!"
Immer wilderes Rätselraten beginnt bei den Kommandierenden Generälen und den Stäben —: wer werden die neuen Männer, sein, wer trifft da mor- aen im Nord-Expreß an der aufs schwerste gefährdeten Nordfront ein? Ob es ein Führer von der Westfront ist? Kaum; hier kann man niemanden unbeschadet herausnehmen, dazu sind die Dinge zu mächtig im Schwung. — Man kommt nicht auf die richtigen Namen; man weiß nur eins: es werden sicher die besten Männer sein, die Deutschland in dieser dunklen Stunde zu vergeben hat! —
Die „neuen Männer" wissen während dieses Marienburger Rätselratens schon um ihre Bestimmung und um die ungeheuerliche Aufgabe, die ihnen gestellt ist.
Ludendorff trifft als Ersten die Nachricht von seiner Versetzung an die Ostfront. Er hat die 14. Jnfanteriebrigade nach dem Tode ihres bisherigen Kommandeurs bei Lüttich geführt, mit ihr die Frontlinie durchstoßen unter Eroberung der wichtigsten Feste. Wie der Befehl k.ommt, ist er Oberquartiermeister bei der 2. belgischen Armee; sie steht an der Sambre. Niemand weiß, ob er ungern den Westen verläßt? wo in frischem Vorwärtssturm immer neuer Siegeslorbeer winkt. Befehl ist Befehl, und Ludendorff gehorcht. Im Auto, geht es nach, Koblenz. Hier wird er vom Kaiser empfangen. Er erhält ben Pour le- mstiie für seine KKT~~- III IM»I«IIIII 11II tu
Heldentat bei Lüttich. Und hier erfährt er erst, wessen Generalstabschef er werden wird: der neue Oberkommandierende der bedrohten Ostfront heißt General Paul von Beneckendorff und Hindenburg. Hindenburg lebt als pensionierter General zu Hannover. Sein Sohn ist zu Beginn des Krieges mit der Garde ins Feld gerückt. Ihn selbst schien man vergessen zu haben, obschon er sich sofort dem Chef des Generalstabes, Exzellenz von Moltke, zwecks Verwendung an der Front zur Verfügung gestellt hat; er hat auf sein Angebot nichts gehört, bis zu diesem 22. August.
Da trifft aus Koblenz das Telegramm ein, das anfragt, ob er bereit sei. Und bevor seine Antwort beim Hauptquartier sein kann, kommt die Marschorder:
Nach dem Osten! In der Nacht wird ein Extrazug mit seinem Stabschef in Hannover halten; am nächsten Nachmittag wird er bereits in Marienburg sein und vor einer gigantischen Aufgabe stehen: die Russen schlagen, Ostpreußen retten.
In jagender Eile wird gepackt, wird die Ausrüstung vervollständigt. In der Nacht gegen vier Uhr steht der General auf dem Bahnsteig zu Hannover und wartet auf den angekündigten Zug. Pünktlich trifft er ein. Elastisch springt ein General mit funkelndem Pour le m£rite aus dem Abteil, eilt auf ihn zu, stellt sich vor. Es geschieht der erste Händedruck zweier Männer, die in wenigen Tagen Weltgeschichte machen werden.
Sie steigen ein. Die Räder rollen in die Nacht. Im Abteil wird kurz die Lage besprochen, die man im Osten vorfinden wird. Ludendorff berichtet von den ersten Anweisungen, die er nach Marienburg gegeben hat: die Kommandierenden Generale werden zu ernster Beratung anwesend sein; im übrigen sind die von Nordosten abtransportierten; Korps nach Süden zu leiten, um sich mit den bortj stehenden Truppenschleiern zu vereinigen; solange die beiden russischen Armeen noch getrennt marschieren, muß unbedingt zunächst einmal die füb= liche — Armee Samsonow — angegriffen und zurückgeschlagen werden; dann kann man sich mit der Nordarmee beschäftigen. — Hindenburg ist einverstanden mit allen Anordnungen; man begibt sich zur Ruhe; man wird von morgen an den letzten Gran Nervenkraft nötig haben.
Wennenkamps, der Prahler.
Inzwischen herrscht toller Jubel und Festestrubel in Insterburg, im Hauptquartier des Generals Rennenkampf. Sozusagen „soeben" noch war man bei Gumbinnen in eine heftige Schlacht mit diesen verfluchten Deutschen verwickelt; die wehrten sich wie die Teufel, man verlor eine Menge Gefangener, obgleich es daraus nicht so sehr ankam, denn Rußland hat Menschenmaterial genug, um noch ganz andere Lücken und Ausfälle auszufüllen; aber die Geschichte sah eigentlich gar nicht so recht nach einem Sieg der russischen Dampfwalze aus! Und einen Sieg erwartete doch Seine Kaiserliche Hoheit der Oberstkommandierende aller russischen Armeen, dieser gefährliche Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, der nicht nur ein Onkel des Zaren, Gott segne seine Erhabenheit, sondern vor allem auch ein grauenerregend jähzorniger Herr ist. Heilige Mutter von Kasan, steh mir bei! Bekommt dieser Großfürst es nicht fertig, in seiner Wut einen hohen Offizier einfach mit der gleichen Reitpeitsche zu traktieren, mit der er einmal den jungen Wurf seiner Lieblingshündin in Gegenwart des erhabenen Neffen lachend totgeschlagen hat?!—. Selbst। der Zar fürchtet ja diesen jähzornigen Riefen; wie
soll sich da ein einfacher General nicht fürchten, selbst wenn er Rennenkampf heißt, aus altem Baltenadel stammt und wohl doch, ich bitte, der fähigste Heerführer der ganzen russischen Armee ist, was er einmal gegen den chinesischen Boxer und nicht zuletzt bei der Niederschlagung der Revolution nach dem traurigen Krieg mit Japan bewiesen hat!
Ja, einen Sieg will er unter allen Umständen haben, der Nikolai! Und wahrhaftig: wie die Sache reichlich beklommen aussieht, da tut Gott und tun seine sämtlichen Heiligen, ihr Name sei gepriesen in Ewigkeit, ein bares Himmelswunder: auf einmal sind d i e Deutschen weg! Im Namen des Höchsten: das ist ein Sieg!
General Rennenkampf setzt sich und seinen Stab unter Sekt, daß es einfach eine balkenbiegende Wonne ist; gleichzeitig aber werden die Morsetaster auf und nieder bewegt, daß die Funken stieben und die Drähte zittern. Zunächst ist man noch bescheiden, man hat ja auch keine rechte Ahnung, was vor sich geht; darum meldet man an Väterchen Zar:
„Der Feind wurde am 20. August auf der ganzen Front geschlagen, er ging einige Werst zurück und gräbt sich jetzt ein."
Aber dann gefällt dem General diese Fassung nicht. Er hetzt neue Botschaften hinterher:
„Riesensieg. Ein ganzes deutsches Korps vollständig niedergemetzelt. Ganze deutsche Armee auf wilder Flucht. Weg nach Berlin frei."
So in diesem Sinne; das wird wirken!
Und ob es wirkt . . .
Gieqesjubel in pet rsf urg.
Rennenkampf, der Sieger von Gumbinnen, der Vernichter der deutschen Armee, ist der Held des Tages. Der Zar schickt ihm einen Orden. Sein nächster Vorgesetzter, General S h i l i n s k i, dem die Armeen 'Rennenkampf und Samsonow unterstehen, trieft vor Vergnügen, besucht den Sieger, fällt ihm um den Hals, küßt ihn auf beide Wangen, bringt ihm die Anerkennung des Generalissimus, des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch — und bringt ihm noch etwas anderes mit ... sowohl der Großfürst wie Shilinski scheinen Rennenkampf besser zu kennen, als der Prahlhans denkt; drum der scharfe Befehl des Großfürsten:
„Ich erwarte, daß Sie sofort die Verfolgung der geschlagenen Deutschen aufnehmen und sie gleich bis Berlin jagen!"
Da wird Rennenkampf gleich unsicher.
„Tja — man muß vorsichtig tasten; die Deutschen sind verdammt diszipliniert; vielleicht planen sie irgendwo eine Falle; für mich steht fest, daß das Wichtigste ist und bleibt der allerschnellste Anmarsch der Armee Samsonow, um die Deutschen in der Flanke zu packen! — Wo bleibt denn überhaupt dieser Samsonow mit seiner Armee?!"
Damit hat Rennenkampf aus ganz besonderen Gründen zunächst einmal alle Verantwortung und kommende Aktion von sich auf Samsonow abgeschoben. (Fortsetzung folgt.)
Wirtschaft.
Nindermarkt in Gießen.
Auf dem gestrigen Rinder-Nutzviehmarkt in Gießen standen 588 Stück Großvieh, 173 Fresser und 163 Kälber zum Verkauf. Es kosteten: a) Milchkühe ober hochtragende Kühe 1. Qual. 300 bis 390 Mark, 2. Qual. 200 bis 260, 3. Qual. 120 bis 170; b) Schlachtkühe 1. 150 bis 270, 2. 50 bis 110; c) Rinder, XH bis ^jährig, 50 bis 85, ’A bis 2jäh- rig 70 bis 160, tragend 170 bis 270; d) Kälber das Pfd. Lebendgewicht 20 bis 30 Pf. Ausgesuchte Tiere über Notiz. Marktverkauf: Etwas lebhafter, geringer Ueberftanb.
Schweinemarkt in Schotten.
= Schotten, 7. Aug. Auf bem heutigen Schweinemarkt stauben runb 600 Ferkel unb Einlegschweine zum Verkauf. Es kosteten bis zu 6 Wochen alte Ferkel bis zu 13 Mark, 6 bis 8 Wochen alte 13 bis 16 Mark, 8 bis 10 Wochen alte 17 bis 20 Mark, 10 bis 13 Wochen alte Tiere 21 bis 24 Mark, Einlegschweine 28 Mark pro Stück. Das Handelsgeschäft verlief flott.
Frankfurter Obst- und Gemüsemarkt.
Frankfurt a. M., 7. August. Der Gemüse- markt hatte starke Zufuhren von allen Gemüsearten zu verzeichnen. Gurken waren im lieber» angebot ba. Schöner Kopfsalat unb Eskarol blieb gefragt. Preise für Weiß- unb Rotkraut rückläufia, für Tomaten gestiegen, sonst unoeränbert. Geschäft nicht sehr lebhaft. Es erzielten: Blumenkohl 10 bis 40, bo. (Steige 12 St.) holl. 4/ bis 5, Buschbohnen grün 12 bis 14, bo. gelbe 12 bis 14, Stangenbohnen 16 bis 18, Eskarol 5 bis 10, Gewürze! Bb. 25 bis 30, Salat-Gurken 3 bis 20, Einmachgurken (Salz) 120 bis 150, bo. (Essig) 50 bis 90, Karotten 5 bis 6, Kartoffeln Erstlinge 6 bis 6V2, Kartoffeln Böhms 480 bis 525, Knoblauch (Ausland) 18, Oberkohlrabi 3 bis 4, Kopfsalat 7 bis 10, Petersilie 15, Pilze (Pfifferlinge) 50, Steinpilze 50, Rettich 3 bis 7, Römischkohl 5, Roterüben 5 bis 6, Rotkraut 8 bis 10, Spinat 12, bo. Neuseel 10, Schnittlauch 20 bis 25, Tomaten I 12 bis 15, II 8 bis. 10, holl. Tomaten 12 bis 14, Weißkraut 7 bis 8, Wirsing 10 bis 14, Zwiebeln 6% bis 6%, ital. bis 63A, Melone^ 20 bis 30, Melonen (holl.) 50 bis 100.
Obstmarkt. Angebot von Birnen, Mirabellen,
Reineklauben unb Zwetschen überreich. Preise allgemein weiter rückläufig. Geschäft langsam. Es erzielten: Aepfel I 12 bis 18, II 8 bis 10, Falläpfel 3 bis 4, Aepfel (Auslanb) 14 bis 16, Birnen I 12 bis 18, II 8 bis 12, Kochbirnen 4 bis 6, Birnen (Klapps) I 15 bis 16, II 10 bis 14, Birnen (Dr. Gouyet) I 16 bis 18, II 12 bis 14, Brombeeren 18 bis 25, Heibelbeeren 23, Mirabellen 10 bis 14, Pfirsiche I 16 bis 20, II 10 bis 15, ital. 20 bis 28, Pflaumen 7 bis 10, Preiselbeeren 25 bis 26, Reine- klauben 4 bis 8, Trauben (ital.) 22 dis 26, bo. (holl.) 70 bis 85, Zwetschen 7 bis 10.
Devisenmarkt Berlin — Frankfurt clTIL
6.August
7.August
Amtliche Notierung
Amtliche Notierung
Geld
Äriei
Geld
I Ärie
Buenos Aires
0,638
0,642
0,648
0,652
Brüssel....
58,90
59,02
58,94
59,06
Rio de Jan.
0,184
0,186
0,184
0,186
Sofia.....
3,047
3,053
3,047
3,053
Kopenhagen
56,44
56,56
56,43
56,55
Danzig....
81,74
81,90
81,74
81,90
London....
12,645
12,675
12,64
12,67
HelsingforS.
5,584
5,596
5,574
5,586
Paris.....
16,50
16,54
16,50
16,54
Holland ....
169,73
170,07
169,73
170,07
Italien....
21,58
21,62
21,58
21,62
Japan.....
0,750
0,752
0,750
0,752
Jugoslawien
5,664
5,676
5,664
5,676
Oslo.....
63,54
63,66
63,52
63,64
Wien......
48,95
49,05
48,95
49,05
Lissabon....
11,48
11,50
11,47
11,49
Stockholm..
65,18
65,32
65,17
65,31
Schweiz ....
81,68
81,84
81,67
81,83
Spanien...
34,32
34,38
34,32
34,38
Prag......
10,44
10,46
10,44
10 46
Budapest ..
Neuyort...
2,512
2,518
2,502
2,508
Banknoten.
Berlin, 7.August
Geld
Z?rlc
Amerikanische Noten..............
Belgische Noten..................
Dänische Noten .................
Englische Noten .................
2,455
58,78
56,38
12.595
16,46
169,31
21,46
63,35
65,01
81,49
34,18
2,475
59,02
56,60
12,655
16,52
169,99
21,54
63.61
65,27
81,81
34,32
Französische Noten . ....... ....
Holländische Noten ...............
Italienische Noten................
Norwegische Noten ..............
Deutsch Oesterreich, * 1OO Schilling
Rumänische Noten...............
Schweizer Noten.................
^finnische Note».................
aöaartiche Note» ..•■••••••••••••
M.U UM «ist.
Vornan von Gert Gothberg.
Urbeberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
9. Fortsetzung. Nachbruck verboten!
Er wußte es! Unb wenn er hier alles stehen- unb liegenließ unb ihr folgte, sie fuchte, bann würbe er sich ihr nur verächtlich machen.
Aufbringlich!
Ob Nora wußte, was ihm ihr Fortgehen, ihr ewiger Abschieb von ihm für ein Leib gebracht hatte? Ob sie es wußte?
Wieber schritt er ruhelos hin unb her.
„Nora! Ich habe bich namenlos geliebt. Warum mußte uns ein hartes Schicksal trennen?"
Der Brief!
Doris Fellers Brief!
Es gab keine Ausrebe. Es gehörte sich, baß er ging, wenn die beiden Damen feine Gesellschaft wünschten. Und da er jetzt völlig einsam geworden war, so viele, viele freie Zeit hatte, wenn er sie nicht am Abend noch bis in die späte Nacht hinein ausfüllte, so war es ganz gleich, wenn er ein paar Stunden hinüberging.
Er sah nach der Uhr. Es war Zeit, wieder ins Büro zu gehen. Er aß jetzt immer gleich in der Kantine. Das Essen war billig, einfach, aber doch kräftig. Und die Leute waren peinlich fauber. Und ihm war auch alles gleich. Da er aber doch schließlich etwas zu sich nehmen mußte, so aß er eben dort. Weil es so bequem für ihn lag. Weil er nun nicht immer erst ins Dorf hinüberlaufen mußte.
Farnhorst nahm den Brief und legte ihn in das linke Fach seines Schreibtisches. Er schloß dieses Fach nicht erst ab, da er noch etwas herausnehmen wollte. Aber bann war er boch so in Gedanken, baß er bas Fach nicht zuschloh. Er ging wieber ins Büro!
Zwischen ben beiben Schränken im Schlafzimmer kam ein schlankes Persönchen hervor.
„Briefe soll ich hier suchen! Er wirb sie gerabe so Herumliegen lassen. Wie bie Gnäbige sich bas nun wieber einmal.benft! Aber ich kann es ja versuchen."
Unb Marie Katschet durchsuchte bie Sachen, die Briefmappe, bie unverschlossen auf bem Schreibtisch lag. Alles Sachen, bie nicht in Frage tarnen.
Der Schreibtisch selbst? Natürlich verschlossen! Halt! Hier, bas linke Fach. Marie Katscheks lange, gelbe Finger wühlten eifrig, legten bennoch alles an ben rechten Platz zurück. Da — ein Brief! Von ber (Bnäbigen selber!
Marie las, lächelte höhnisch.
Das war ja sehr interessant. Die Gnäbige lockte ben jungen Doktor durch Vorspiegelung falscher Tatsachen in bie Villa Feller. Hm — bas Schreiben könnte man an sich nehmen. Das konnte einem
selber noch einmal gute Dienste leisten. Unb Karl, ihr Liebster, ber hatte für so was immer Ver- roenbung. Vorläufig war so etwas nicht nötig. Bis jetzt war die Gnädige freigebig in jeder Beziehung. Da brauchte man den Spieß nicht gegen sie selber zu kehren. Aber für später war es sicherlich gut, eine Waffe in der Hand zu haben.
Und Marie Katschek steckte den Brief ein. Ließ ihn vielmehr im Ausschnitt ihres schwarzen Kleides verschwinden. Dann sah sie sich noch einmal prüfend um. Aber es war wirklich nirgends ein Brief mit einer Damenhandschrift zu entdecken.
Und wieder kicherte das Mädchen.
Und eifersüchtig war die Gnädige auf den jungen Doktor? Sie wollte wissen, mit wem er verkehrte. Aber kein Mensch hatte eine Ahnung. Obwohl sie, Marie, schon immer im Auftrage der Gnädigen herumgehorcht hatte. Aber es wußte eben niemand etwas Bestimmtes. Hier im Hause hatte sie gesagt, der Herr Doktor werde manchmal von einem Auto abgeholt. Aber das sei jetzt auch schon länger nicht mehr vorgekommen. Man wisse nichts. Und einen Verkehr mit einem Mädel habe der Herr Doktor bestimmt nicht. So ein solider Mann, wie das fei.' Ein bißchen spät sei er ja manchmal in der Woche nach Weihnachten heimgekommen. Aber wer könne es ihm denn verdenken, wenn er auch mal fortginge?
Die Gnädige hatte getobt, als sie ihr die negativen Nachrichten brachte. Und Marie hatte einen kleinen Schlüssel bekommen.
„Wenn er nicht einen Sicherheitsschlüssel eindreht, dann können Sie mit diesem Schlüssel sofort in feine Wohnung. Bringen Sie mir einen ober zwei Briefe mit einer Damenhanbschrift. Aber nicht ben Schreibtisch beschäbigen. Das auf keinen Fall, Marie! Er würbe boch bann sofort Verbacht schöpfen. Sie haben mir schon wertvollere Dienste geleistet, bann werben Sie bieses also wohl mit Leichtigkeit fertigbringen. Den Brief legen Sie in seinen Briefkasten. Hier!"
Das war ber Auftrag gewesen. Unb bie Gnädige hatte ihr, Marie, einen Brief übergeben. Marie hatte diesen Brief in den Briefkasten gelegt, damit ihn der Doktor sand, wenn er am Abend herüberkam. Und sie hatte dann, sich vorsichtig umsehend, die Tür geöffnet, war in die Wohnung des Direktors gegangen. Gerade, als sie anfangen wollte, nach diesen von der Gnädigen verlangten Damenbriefen zu suchen, war Farnhorst heimgekommen. Gut, daß sie sorgfältig zweimal den Schlüssel herumgedreht und abgezogen hatte. Sie hatte nur noch Zeit gehabt, schnell zwischen die Schränke zu schlüpfen. Wenn er ins Schlafzimmer kam, war sie verloren. Er kam wirklich herüber, wusch sich aber nur die Hände und ging dann wieder ins Wohnzimmer.
Ein schöner großer Mensch! Kein Wunder, daß die Gnädige ihn an sich fesseln wollte!
Sehr ernst, fast versteinert sah fein Gesicht aus. Was mochte ihm denn eigentlich passiert sein?
Marie schlich zur Tür, lauschte. Alles ruhig draußen! Die Frauen mochten jetzt in ihrer Küche mit Aufräumen beschäftigt fein, unb bie Männer waren längst wieber, soweit sie überhaupt mittags nach Hause kamen, im Werk brüben.
Auf ber Treppe begegnete eine Frau der Marie Katschek. Sie grüßten sich, unb bas Mädchen sagte:
„Grab hab ich einen Brief für ben Herrn Doktor eingeworfen."
Die Frau nickte.
Marie Katscheks Anwesenheit hier im Hause war geklärt. Es konnte also ruhig bavon gesprochen werben, baß sie hier gewesen war. Unb * nach ber Uhr würbe bie Frau ja nicht sehen.
Marie Katschek tänzelte bavon.--
Doris Feller war sehr ungehalten, baß das ganze Wagnis umsonst gewesen war. Aber ba in biesem Augenblick gerabe bas Telephon klingelte unb Doktor Farnhorst melbete, baß er sich pünktlich ein- finben würbe, so lächelte Doris zu ihrer Vertrauten hin.
„Es ist gut, Marie. Nehmen Sie sich bas graue Tuchkleid aus bem Schrank, bas Ihnen so gut gefiel. Unb hier finb zwanzig Mark."
„Vielen Dank, gnäbige Frau. Gnäbige Frau finb sehr gütig."
Zehn vor acht! Warm unb gemütlich war es im Zimmer. Draußen war es ganz schwarz, unb ber Sturm wütete. Er rüttelte an ben Fenstern unb fegte burch ben Kamin. Die rotumschirmte Lampe warf ein mattes Dämmerlicht in ben Raum. Unb Doris Feller, in bem weiten, schwarzseidenen Haus- kleib mit gestickten roten Blumen unb weiten Spitzenärmeln, sah entzückenb aus.
Die schöne blonbe Frau sah nach ber Uhr.
Gleich war es so weit. Dann kam er! Unb sie würbe ihn auslachen, wenn er vielleicht gleich nach ber Frau Kommerzienrat Feller fragen würbe.
Doris zuckte zusammen. Eine Tür war aufgegangen.
Dann melbete bas Mäbchen:
„Herr Doktor Farnhorst."
„Ich lasse bitten, Marie."
Farnhorst ftanb vor ber Frau, beren Augen ihm entgegenstrahlten.
Gnäbige Frau, vielen Dank für die freundliche Einladung."
Er küßte die entgegengestreckte Hand.
Dann blickte er sich um. Sah das Gemachte. Sah die sehnsüchtigen Augen der Frau. Zorn schoß in ihm empor. Was glaubte sie von ihm?
„Lieber Farnhorst, meine Schwiegermutter ist selbstverständlich nicht hier. Sie würde unter allen Umständen bei ihrem kranken Manne bleiben, selbst wenn ich sie gebeten hätte zu kommen. Ich bitte Sie, mir das nicht Übelzunehmen, aber Sie wären ja sonst nicht gekommen. Und ich mußte Ihnen doch endlich einmal von ganzem Herzen danken, daß Sie geschwiegen haben."
„Gnädige Frau, ich bitte, mich zu entlassen. Ich eigne mich nicht zu der Rolle, die Sie mir augenscheinlich zugedacht haben."
Sie sah ihn an. Minutenlang. Dann sagte sie langsam:
„Ich will fort aus meiner Ehe. Ich liebe Richard Feller nicht. Und habe ihn nie geliebt. Sie habe ich damals gehaßt. Damals, als Sie mich mit kränken halfen auf jenem Abiturientenball. Als ich später durch meine erste Heirat reich geworden war, bie Vergangenheit begraben war, ba fjabe ich mir zuweilen gewünscht, mich einmal an Ihnen rächen zu können. Denn ich hatte bamals so große Hoffnungen auf Sie gesetzt. Ich wollte Max Blästen kränken. Nun, bas mochte alles mehr kinblich fein. An Blasken fjabe ich auch bamals in ben folgenben Jahren kaum nock gedacht. Sie aber Yja.be ich nie vergessen. Nun sah ich Sie im Hause meiner Schwiegereltern und war zuerst furchtbar erschrocken. Aber dann hab ich mich beruhigt, dann hab ich mir gesagt, daß Sie schweigen werden! Unb ich fjabe mich ja auch nicht in Ihnen getäuscht! Fritz Farnhorst, ich möchte mit Ihnen von hier fortgehen. Ich bin reich, bin vollkommen unabhängig von meinem Manne. Wir grünben uns irgendwo eine neue Existenz. Was sind Sie denn hier? Sie bleiben doch immer nur ein Angestellter in gehobener Stellung. Und mein Mann ist viel zu gern Ehes, als daß er seinem jungen Direktor Lorbeeren ließe. Ich liebe Sie — gehen Sie mit mir!"
„Nein! Diese Komödie können Sie sich sparen. Ich will mit Ihnen nichts gemein haben. Am allerwenigsten werde ich Ihnen zuliebe Ehre und Treue gegen einen Menschen vergessen, der mir vertraut."
Doris Feller stand regungslos.
Und er dachte: So weit vergißt sich eine Frau! Die Frau eines ehrenwerten, geachteten Mannes!
Was sollte jetzt geschehen? Fort mußte er! Fort, so schnell als möglich, so viel war ihm klar.
Doris meinte.
„Ich fjabe ihn geheiratet, weil ich eine schützende Hand brauchte. Aber ich habe nicht gewußt, wie es ist, wenn man einem ungeliebten Manne angehören muß."
Es klang aufrichtig.
Er blickte auf sie nieder, die ganz zusammengekauert im Sessel saß.
„Sie waren mit einem alten Manne verheiratet. 3n erster Ehe. Haben Sie ihn geliebt?"
„Nein! Aber ihm habe ich auch nicht gehört. Er wollte mich nur heiraten, um mit einer jungen Frau zu glänzen. Zudem war er schwer krank. Er hoffte immer auf Genesung. Aber ich wußte vom Arzt, daß er seiner Auflösung entgegenging. Deswegen nahm ich ihn, um aus der Armut herauszukommen. Er hatte mir immer versprochen, mich ZU seiner alleinigen Erbin einzusetzen, und er hat ja sein Versprechen auch gehalten. Diese Ehe war keine Ehe. Nur — Richard — da — ich kann nicht mehr bei ihm bleiben." (Fortsetzung folgt!)


