Aus her Vrovinzialhaupiffadi
Das letzte Kuder.
Don K. K Neuberi.
Es war schon dunkel, als Hein das letzte Fuder Korn in den Hof lenkte. Aber draußen auf dem Feld standen noch ein paar lange Garbenreihen, wenigstens vier Fuder noch. Die hatten sie heute am Samstag nicht mehr hereinbekommen. Dabei hatten sie geschafft, was das Zeug hielt. Die Hemden waren durchgeschwitzt. Die Gesichter brannten braunrot unter den breitkrempigen Strohhüten. Die Hände waren hart von Schwielen. Wie im Takt war das Gabeln vor sich gegangen. Der Sohn des Bauern hatte mit dem Knecht um die Wette geschafft. Die Lader auf dem Wagen hatten nichts au lachen gehabt. Die Garben flogen ihnen nur so vor die Nase. Da hieß es zupacken, wenn die Schicht sitzen sollte. Und wehe, wenn eine Garbe dem Gabler wieder vor die Füße flog. Dann donnerte ein kräftiger Fluch hinauf, daß die Pferde erschrocken anzogen.
So war die ganze Woche vergangen. Früh um vier krochen sie aus den Betten und um 22 Uhr sanken sie wieder hinein. Mittags hatten sie eine Stunde Ruhe. Die gönnten sie mehr den Pferden als sich selbst. Wie die Luft summte vor Hitze. Wie das Land aufatmete, wenn der Wind von den Hügeln blies. Dunkel stand drüben der Wald. In der Kaffeepause starrte man herüber und nahm sich vor, Sonntag dorthin zu gehen und in der kühlen Stille zu ruhen. Alle träumten vom Sonntag. Der Bauer wollte in die Kircke fahren und nachher Verwandtschaft im Nachbaroorf besuchen, der Sohn wollte sich ausschlafen und Lene abends tanzen gehen.
Aber nun standen noch vier Fuder draußen, und die Wetteransage im Radio hatte ein Gewitter angekündigt, da konnte der Bauer die Pferde nicht vor den Kutschwagen spannen, da mußten sie auch am Sonntag vor die Erntewagen, und der Sohn mußte aus dem Bett springen, denn der Bauer brüllte über den Hof. Eine halbe Stunde später fuhr das erste Gespann aufs Feld. Im Nachbardorf läuteten die Glocken. Fuhren sie nicht aus zu einem Gottesdienst? Der blaue Himmel der letzten Woche war verschwunden. Eine dicke Wolkenwand stand im Osten und schob sich immer weiter herauf. Es war schwül.
Im Hof war die sonntägliche Stille einem fieberhaften Werktagstreiben gewichen. Die beiden gestern abend noch in die Scheune gefahrenen Fuder mußten abgeladen werden. Hein stach ab. Lene konnte nicht rasch genug abnehmen und Hein schimpfte.
Als der Wagen endlich leer war, spannte Hein seine Gäule davor und fuhr im Trab los. Als er aufs Feld kam, hatte der Bauer gerade das erste Fuder fertig.
Als sie das dritte Fuder luden, war die Wolkenwand schon ganz dicht herangerückt. In der Ferne grollte es dumpf. Ein Wetterleuchten begann am Horizont. „Wir schaffen es noch!" sagte der Bauer.
Und so luden sie das vierte Fuder, damit nichts verderbe auf dem Felde. Konnten sie denn wissen, wann sie sonst die letzten Garben hereinbekamen? Vor zwei Jahren war ihnen ein ganzer Acker Korn auf dem Felde verfault. Viel Mühe war umsonst gewesen.
Die Pferde begannen unruhig zu werden. Das Gewitter rückte näher. Es stand noch jenseits des Flusses und schien nicht hinüberzukönnen. Die ersten Tropfen fielen. Da schwankte das letzte Fuder auch schon vom Felde. Auf der Landstraße liefen die Gäule Trab. Wie ein vorsintflutliches Riesentier bewegte sich das Fuder durch die verfinsterte Landschaft. Es war ein mächtiges Fuder. Die letzten Garbenpuppen hatten darauf noch Platz finden müssen. Da das Laden aber so rasch vor sich hatte gehen müssen, saßen die Schichten nicht so fest, und durch das schnelle Fahren gerieten sie ins Rutschen. Die ganze linke Ecke sackte ab. Der Sohn wollte langsamer fahren, aber der Bauer schrie ihn an: „Fahr zu!" Im nächsten Augenblick gab es einen
Die Trauerfeierlichkeiien in Gießen.
In Ergänzung der Ankündigungen ergehen im folgenden die endgültigen Anweisungen für Dienstag, den 7. August:
1. Vormittags 11 Uhr: Trauerfeier der Gießener SA. auf dem Trieb vor der Volkshalle. An dieser Feier nehmen sämtliche Behörden und die Mitglieder der Betriebe teil, soweit sie nicht schon als Mitglieder der $21. teilnehmen. Die Behörden, die geschlossen anmarfchieren, treffen um 10.45 Uhr auf dem Trieb ein.
2. Auf dem Landgraf-Philipps-Plah ist sämtlichen Volksgenossen um 11 Uhr Gelegenheit geboten, die Uebertragung der Feier vom Tannenbergdenkmal abzuhören.
3. Dienstag abend 7.30 Uhr Trauerfeier der B$DAP. und ihrer Gliederungen auf dem Land- graf-philipps-plah.
An dieser Feier nehmen teil die vier Gießener Ortsgruppen und die Gießener Mitglieder der N$BO., NS.-hago, Jl$£B^ NS.-Beamtenfach- fchaft. N$.-Frauenschaft.
Eintreffen spätestens 7.15 Uhr auf dem Land- graf-Philipps-Plah. Die politischen Leiter der PO. stehen bereits um 7 Uhr mit Fahnen.
Außerdem nehmen teil: Ehrenstürme der $21., $$., Abordnungen der FAD., der HI., des Jungvolks, des BDM. Antreten 7.15 Uhr auf dem Ver- anstaltungsplah.
Die Feier wird ausgestaltet durch Musikvorträge des Orchesters des $tadttheaters und eine Ansprache des Oberbürgermeisters und Kreisleiters z. b. V. Pg. Ritter. $ie wird abgeschlossen durch die Uebertragung der Trauerfeier vom Tannenbergdenkmal.
Die Bevölkerung Gießens wird aufgefordert, an diesen Trauerfelern Anteil zu nehmen. Von allen Teilnehmern wird strengste Disziplin erwartet. Das Rauchen ist verboten, der Feier ist mit entblößtem Haupte beizuwohnen.
Von den Formationen wird kein Spiel gerührt.
Lieder werden beim An- und Abmarsch nicht gesungen.
Kreisleitung Gießen 'z
In Vertretung: ' x-
hopfenmüller, stellvertretender Kreisletter.
AEOAP., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Alle Partei- und Volksgenossen werden aufgefordert, heute abend 7.30 Uhr auf dem Landgraf- Philipp-Platz an der Trauerfeier teilzunehmen. Oie Beteiligung der Deutschen Arbeit-.
front an den Trauerfeierlichkeiten.
LPD. Wie das Propagandaamt der Deutschen Arbeitsfront Hessen-Nassau in Verbindung mit der Landesstelle des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda mitteilt, wird für Dienstag, 7. August, empfohlen, ab 10.30 Uhr die Betriebe für die Dauer der Uebertragung geschloffen zu halten und allen Angestellten und Arbeitern Gelegenheit zu geben, an den öffentlichen Trauerkundgebungen teilzunehmen oder eigenen gemeinschaftlichen Empfang zu veranstalten. Wo dringende Gründe dieser vorübergehenden Schließung der Betriebe entgegenstehen, haben sich die Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront an dem abendlichen G e m e i n s ch a f t s e m p f a n g zu beteiligen.
Kundfunkprogramm
des Reichssenders Frankfurt a. M.
Dienstag, 7. August.
LPD. Anläßlich der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Herrn Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg hat das Programm des Reichssenders Frankfurt für den heutigen Dienstag folgendes Aussehen:
11 Uhr: Von Königsberg: Reichssendung: Trauer der Reichsregierung am Tannenbergdenkmal. Anschließend Funkstille. 20: Von Königsberg: Reichssendung: Wiederholung der Trauerfeier am Tannenbergdenkmal. Anschließend Funkstille. 22.20: Nachrichten. Funkstille.
Donnerschlag, daß sich die Pferde vor Schreck bäumten und dann wild davongingen. Das Fuder schwankte wie eine Schaukel. Die rechte Ecke sackte nun auch ab. Aber jetzt konnte man schon den Hof sehen.
Verregnet, mit halbem Fuder, außer Atem aber mit Gesichtern wie Sieger, so fuhren sie in den Hof ein. Breit standen die Tore der Tenne offen. Die Bäuerin winkte.
Oie Uebertragung der Trauerfeier der Reichsregierung in Gießen.
Auf dem Landgraf-Philipp-Platz waren gestern auf Veranlassung der Kreisleitung der NSDAP, und der Stadtverwaltung Gießen Vorkehrungen getroffen worden, um die Trauerfeier für den verstorbenen Reichspräsidenten von Hindenburg in der Rundfunkübertragung aus dem Reichstagsgebäude empfangen zu können. Es waren zwei große Lautsprecher angebracht. Der Landgraf-Philipp-Platz war in einer dem Ernst der Stunde entsprechenden Weise geschmückt worden. Zahlreiche Fahnen, auf Halbmast gehißt, flatterten im Winde, außerdem war eine hohe Wand errichtet, die mit Hakenkreuzflaggen verkleidet worden war, über denen zum Zeichen der tiefen Trauer breite schwarze Flore lagen. Zur Uebertragung selbst fanden sich zahlreiche Beamte und Angestellte fast sämtlicher staatlicher und städtischer Behörden (die Beamten der Polizei traten geschlossen an), sowie zahlreiche Volksgenossen ein, die den feierlichen Klängen der Musik und den Worten des Führers und Reichs
kanzlers Adolf Hitler mit großer Andacht lauschten. Die Uebertragung der Trauerfeier aus dem Reichstag gestaltete sich für alle Zuhörer zu einer würdigernsten feierlichen Stunde.
Spenden für die NSV.
Der Amtsleiter des Amtes für Volkswohlfahrt bei der obersten Leitung der PO. hat den Dienststellen der NSV. genehmigt, anläßlich des Todes des Reichspräsidenten an Stelle von Kranzspenden gestiftete Beträge für Wohlfahrtszwecke entgegenzunehmen.
Anordnung an die Direktionen der hessischen höheren Schulen.
Das Staatspresseamt gibt bekannt:
Am 2. August ist Herr Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg nach einem unvergleichlich verdienstvollen und für unser deutsches Vaterland so bedeutsamen Lebensweg in die Ewigkeit abberufen worden.
Aus diesem Anlaß findet in allen Schulen am ersten Schultag na d) den Sommer- ferien in der ersten Stunde schulgruppenweise eine Trauerfeier statt, die in einer würdigen Weise zu umrahmen ist und in der die von heiliger Vaterlandsliebe und Pflichttreue erfüllte Persönlichkeit des Dahingeschiedenen hervorgehoben wird.
Im Anschluß an die Feier fällt der Unterri ch t a u s. * gez. Ringshausen.
VM.MIkMlM
Vornan von Gert Höchberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Endlich richtete er sich wieder auf. Aber wenn jetzt jemand ihn gesehen hätte, so wäre er vor diesem harten, fast eisernen Gesicht erschrocken.
Fritz Farnhorst ging an seinen Schreibtisch. Ganz sorgfältig glättete er das Schreiben Noras. Noch einmal sah er lange und traurig auf die geliebten Schriftzüge, dann legte er das Schreiben in ein Kästchen. Legte ein paar Veilchen mit hinein, die in einer Vase auf dem Schreibtisch standen, und dann schloß er den kleinen, schönen Kasten und stellte ihn in den Schreibtisch zurück.
Tot, begraben, was mir Leben und Inhalt war!, dachte er. Und ganz fest preßte er die Lippen zusammen.
In den nächsten Tagen hatte er sehr viel Arbeit, da der Chef verreist war. Und er war froh darüber. Er kam meist erst am späten Abend aus dem Büro herüber in seine Wohnung. Und hier arbeitete er meist auch noch einige Stunden. Nur so war es ihm möglich, über diese trostlose Zeit hinwegzukommen.
Er würde Nora Nordström nie vergessen. Nie! Und was sie ihm da geschrieben hatte von einem späteren großen Glück, das würde nie kommen können, weil er sie nicht vergessen konnte. Und weil eine andere Frau seine wahre große Liebe verlangen konnte, die er ihr nicht zu geben vermochte. Und somit war diese Frage für alle Zeiten gelöst!
Arbeit!
Welch eine Trösterin! Welch eine Wohltäterin war sie!
Und am Abend, meist mitten in der Nacht, unternahm er noch weite Spaziergänge. Einmal war er viele Stunden gelaufen, war bis an Schloß Tobern herangekommen. An der Gartenmauer hatte er gelehnt, hatte hinaufaesehen, wo Nora Nordström mit ihrer wundersamen Stimme einst das Lied vom müden Wanderer gesungen. Und auch, wo sie das jauchzende Lied der Liebe hatte erklingen lassen!
Vorbei!
Nora kehrte nie wieder zu ihm zurück!
Es war einmal!
Ein süßes, wundersames Weihnachtsmärchen war alles bloß gewesen. Nur ein Märchen mit seinem wehen Satz: Es war einmal!
Fritz Farnhorst preßte die Stirn an die kalte Mauer. Blieb lange Zeit so stehen.
Dann war auch das vorüber! /
Bis nach Schloß Tobern lenkte er seine Schritte nicht mehr!
Am 13. Januar kam Richard Feller zurück. Sie hatten gleich eine Besprechung, die mehrere Stunden dauerte. Der junge Direktor erhielt mehrere Anweisungen vom Chef.
Also vier bis fünf Wochen wird die Reise dauern. Für diese Zeit müssen Sie gewappnet sein. Ich kenne Sie doch. Gewissenhaft bis ins kleinste, wie Sie sind. Im großen und ganzen haben Sie aber Vollmacht in allem. Also, wir verstehen uns?"
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Feller!"
„Morgen komme ich noch einmal ins Büro. Leben Sie wohl einstweilen, Herr Farnhorst."
„Auf Wiedersehn, Herr Feller."
Mit großen Schritten ging Richard Feller darauf seiner Villa zu.
Dort empfing ihn das Mädchen mit der Nachricht, daß die gnädige Frau vorhin umgefallen sei. Gnädige Frau klage über Kopfschmerzen und Herzklopfen. Sie hätte die gnädige Frau zu Bett gebracht.
Richard Feller zuckte zusammen.
Verstellung!, dachte er. Und der schwere Verdacht brannte ihm im Herzen.
Er ging in das Schlafzimmer, wo Doris lag. Sie hatte die Augen geschloffen. Auf ihrer Stirn lag ein kalter Umschlag, den er jetzt behutsam erneuerte, denn seine Frau kam ihm doch sehr blaß vor.
Und er bereute schon wieder, häßlich gedacht zu haben.
„Doris?"
Sie sah ihn einen Herzschlag lang an, dann schloß sie die Augen wieder.
„Mir ist gar nicht gut, Richard."
Es war nur ein Flüstern.
Da beugte sich der Mann nieder und küßte sie.
„Doris! Bleib liegen! Ich sorge mich um dich. Du bist sehr blaß."
Sie hatten die Tage in Berlin ein sehr gutes Leben miteinander geführt. Doris war nicht kokett und oberflächlich gewesen. Und er wurde an sich, an ihr und all den Gedanken irre, die er in letzter Zeit gehegt.
Doris strich über seine Hand.
"Du bist sehr gut, Richard. Sorge dich aber nicht. Es geht schon vorüber."
Da ging er leise wieder hinaus. Wenn sie jetzt schlief, war es vielleicht schon bald wieder behoben, dieses Unwohlsein.
Als er das Zimmer verlassen hatte, richtete sich Doris sofort auf.
„Es ist geglückt! Ich bin krank! Und auf diese langwierige Reise gehe ich bestimmt nicht mit!" sagte sie leise vor sich hin. Dann legte sie sich wieder zurück.
Es blieb dabei.
Doris sagte, sie müsse sich erkältet haben, und sie könne unmöglich jetzt eine längere Reise mitmachen. So bliebe doch viel lieber hier, wo sie es gemütlich habe. Und Richard möge doch lieber nicht gar so lange bleiben, dann sei man doch auch wieder beisammen. Und ihr würde sicherlich die Ruhe sehr gut tun.
Richard Feller biß die Zähne zusammen.
Also doch!
Doris blieb hier, um Doktor Farnhorst bei sich 3u empfangen! So viel wußte er nun! Und mit diesem Bewußtsein kam zugleich die Erkenntnis, daß Doris auf der Berliner Reise durch ihre anschmiegende Liebenswürdigkeit ihm gegenüber nur abermals ein verwerfliches Spiel getrieben! Daß sie ihn nur hatte in Sicherheit wiegen wollen.
Sei es drum!
Dann also jetzt gleich den letzten Schnitt ins Herz! Je eher, desto besser war es sowieso.
„Das tut mir aber sehr leid, Doris. Ich hatte mich wirklich sehr auf diese Reise mit dir zusammen gefreut. Dann muh ich aber allein reifen, wenn du dich nicht wohlfühlst. Ich werde mich also tunlichst beeilen — werde sehen, recht schnell wieder bei dir zu fein."
„Das ist lieb von dir, Richard."
„Ich denke, daß die Reise aber trotzdem drei bis vier Wochen dauern wird."
Er bemerkte nur zu gut, wie sie heimlich aufatmete, und eine jähe Lust kam ihm, der Frau, die ihn mit zynischer Selbstverständlichkeit betrügen wollte, die weiße Kehle zuzudrücken. Aber er trat zurück.
„Wann reift du?"
„Ich werde heute abend noch packen. Ich reise am besten schon morgen früh, da ich ja nun auf deine Reisevorbereitungen keine Rücksicht zu nehmen brauche. Möchtest du jetzt nicht lieber schlafen?"
„Ja! Ich glaube, ich schlafe ein bißchen!"
Er beugte sich zu ihr, küßte sie. Aber er wußte, daß er mit dieser Liebkosung gelogen hatte. Denn er haßte diese Frau bereite in dieser Minute. Schnell ging er hinaus.
Doris aber sah ihm unter halb geschlossenen Lidern nach und dachte:
Du Tor! Du leichtgläubiger Tor du! Oh, könnte ich doch aus dieser Ehe wieder heraus!
Am anderen Tage reifte Feller gegen neun Uhr früh. Da Doris nie zeitig aufstand, jetzt, da sie vorgab, krank zu fein, dieses Aufstehen gleich gar nicht zu erwarten war, ging er zu ihr ins Schlafzimmer, um sich von ihr zu verabschieden. Er hatte es so eingerichtet, daß er in höchster Eile war, und so war der Abschied nur kurz. Als ihr Mann unten mit dem Wagen davonfuhr, dachte die leichtsinnige Frau:
Richard war sonderbar! Hat er Verdacht geschöpft?
Dann aber lachte sie und streckte sich wohlig aus unter der seidenen Decke.
Er hat keinen Verdacht geschöpft. Ich bin ja
Erfunden und erlogen.
Vom Gaupresseamt wird mitgeteilt:
Es liegt Veranlassung vor, erneut darauf hinzuweisen, daß die von dem Luxemburger Sender aufgefteUten Behauptungen, der Reichsjugendführer Baldur von Schirach sei mit zwei Millionen Mark flüchtig und an der Grenze angeschossen worden, frei erfunden und erlogen sind.
Baldur von Schirach ist unlängst auf das leider auch von unverantwortlichen Volksgenossen weiter- getragene und aufgebauschte Schwindelmanöver in einem Zwiegespräch am Mikrophon des Deutschlandsenders eingegangen und hat klargestellt, daß die Gerüchte erfunden sind, um Glauben, Vertrauen und Achtung in Deutschland zu unterminieren.
Es ist Pflicht jedes einzelnen, gegen weitere Gerüchtemacher rücksichtslos einzuschreiten und sie in jedem Fall der Polizei zur Bestrafung zu übergeben.
Heichöfachschast für Badebetriebe.
Lin Aufruf des Gruppenleiters.
Als Leiter der Reichsfachschaft für Badebetriebe, Gruppe Kaltwasserbäder, die in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Berufe im sozialen und ärztlichen Dienst und als solche in der Gesundheitsfront aufgestellt ist, unterstehen mir die Belange des gesamten deutschen Kaltwqsserbade- roefens. Dasselbe umfaßt sämtliche privaten Strandbäder, Schwimmbäder und Hallenbäder. Außerdem gehören zu meiner Gruppe sämtliche Pächter von privaten oder städtischen Badeanlagen Deutschlands.
Ich fordere hiermit die oben angeführten Besitzer oder Pächter von Strand-, Schwimm- und Hallenbädern Deutschlands auf, sich bei mir zum Eintritt in die Reichsfachschaft anzumelden. Mit der Mitgliedschaft zur Reichsfachschaft ist die Zugehörigkeit zur Deutschen Arbeitsfront verknüpft. Sämtliche Interessen und Wahrnehmungen ihrer Berufsbelange finden die oben angeführten Berufszweige nur in der mir unterstellten Reichsfachschaft. Die genaue Anschrift lautet: Otto Mackh, kommissarischer Leiter der Reichsfachschaft für Badebetriebe, Gruppe Kaltwasserbäder, Frankfurt a. M.-Eschers» heim, Strandbad Mackh.
Heil Hitler!
Gez. Otto Mackh, kommissarischer Gruppenleiter der Reichsfachschaft für Badebetnebe, Gruppe Kaltwafserbäder.
Gewerbefreiheit — Berufsstand.
Von der Industrie- und Handelskammer Gießen wird uns geschrieben:
Die Industrie- und Handelskammer Gießen macht darauf aufmerksam, daß es den Grundsätzen nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik zuwiderläuft, wenn Aufträge zur Beförderung von Personen und Lasten an sogenannte Gelegenheitsfuhrunternehmer vergeben werden. Für die Ausführung derartiger Transporte ist nur das ortsansässige Gewerbe der Kraftwagen- und Fuhrunternehmer heranzuziehen. Wer in Zukunft noch solche Aufträge an Firmen ober Unternehmungen gibt, die nicht ausdrücklich diesem Gewerbezweig angehören, und in diesem hauptberuflich tätig sind, schädigt bewußt und absichtlich das notleidende Fuhrgewerbe. Schwarzarbeit ist grundsätzlich verboten. Wir werden gegen diejenigen, die solche Aufträge in Schwarzarbeit vergeben, und gegen diejenigen, bie sie ausführen, in Zukunft vorgehen.
Kapital- und Kleinrentner.
Von der Ortsgruppe Gießen des Reichsbundes der deutschen Kapital- und Kleinrentner wird uns geschrieben:
„Der Reichsbund der deutschen Kapital- und Kleinrentner in Berlin W 30, Münchener Straße 33, ist die einzige offiziell anerkannte Organisation für diese Gruppe von Volksgenossen im Rahmen des ständischen Aufbaus des Staates; eine Ortsgruppe
dumm, so etwas zu denken. Und nun soll Fritz Farnhorst erst einmal beweisen, ob er wirklich so kalt und unnahbar bleibt, wie er sich immer zeigt — mir gegenüber zeigt!
Fünftes Kapitel.
Acht Tage nach der Abreise Fellers erhielt Fritz Farnhorst folgenden Brief:
„Sehr geehrter Herr Doktor!
Es war mir bisher nicht möglich, mit Ihnen allein einmal länger zu sprechen. Ich muh aber doch einmal aus der Vergangenheit etwas berühren. Darum bitte ich Sie, auf ein Stündchen zum Tee zu kommen. Meine Schwiegermutter ist auch auf Besuch, und so ist ja jeder Anstand gewahrt. Die alte Dame wird uns eine Viertelstunde allein lassen. Die Sache ist schnell besprochen. Werden Sie kommen? Heute gegen 20 Uhr erwarten wir Sie.
Mit freundlichem Gruß Doris Feller." Eine harmlose Sache.
Eine Sache, die durch die Anwesenheit der alten Frau Kommerzienrat Feller vollständig sanktioniert wurde. Er konnte also hingehen. Obwohl er nicht wußte, was diese Frau noch mit ihm aus der Vergangenheit zu besprechen hätte.
Wenn es eine Falle wäre?
Nein! Was dachte er denn da für einen Unsinn zusammen?, Das war ausgeschlossen. Und Doris würde es niemals wagen, sich derart in die Hände ihrer Dienstboten zu gebe*n. Diese Einladung an ihn konnte sie wirklich nur an ihn ergehen lassen, wenn ihre Schwiegermutter anwesend war. Er mußte wohl hin.
Wenig genug lag ihm daran. Und er wußte aus den Worten des Chefs, daß der ihm vertraute. Nicht nur in geschäftlicher Hinsicht vertraute, sondern wohl in erster Linie auf seine Ehrenhaftigkeit baute, die Ehe eines anderen hochzuhalten.
Fritz Farnhorst war mittags ein Stündchen herübergekommen. Hatte den Brief vorgefunden. Ohne Marke, ohne Stempel. Ein Dienstbote muhte ihn aus der Villa Feller herübergebracht haben.
Farnhorst sah sich um.
Alles war ihm fremd geworden, nichts erschien ihm mehr lieb und vertraut. Alles war kalt, gab ihm nichts mehr. Und erst war dieses kleine Heim mit eigenen Möbeln sein Heiligtum gewesen.
Nora!
Nora Nordström, die schöne, wunderschöne, liebe Frau, die er noch immer liebte, und die sich doch hinter ihrem Alter versteckte, um ihm die Tatsache leichter zu machen, daß sie nur mit ihm gespielt hatte. Denn wie hätte sie ihn sonst verlassen können für immer? Hatte er nicht an ihre Wiederkehr geglaubt?
Vorbei!
Alles vorüber, was fein Leben auf kurze Zeit f» unendlich reich und schön gemacht hatte!
Nora kam nicht mehr zu ihm zurück!
(Fortsetzung folgt.)


