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Nr. 182 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhefsen)

Dienstag, 7. August 1934

Die Schicksalsschlacht bei Tannenberg.

Genie gegen Masse. Rätsel und Wunder. Spieler und Gegenspieler.

Von Alfred H. Troß.

Der Gedenkstein für die Schlacht bei Tannenberg auf dem Feldherrnhügel bei F r ö g e n a u, von wo aus Hindenburg in den entscheidendeü Stunden des 28 August 1914 die Schlacht leitete. Hier hat der qUq der die sterblichen Reste des verewigten Feld­marschalls von Neudeck nach dem Tannenberg- Denkmal überführte, für zwei Minuten gehalten.

P r i t t w i tz, die ihm unterstellten Divisionen nach eigenem Ermessen dort zu vereinigen, wo der dro­hende Einfall der gefürchteten russischen Schwadro­nen und Bataillone zuerst Abwehr und Angriff heischte.

Rußland entsandte gegen Ostpreußen sofort zwei gewaltige Heeressäulen. Die eine, aus Richtung Kowno aufbrechend, unterstand dem General Ren­ne n k a m p f und brach bei Stallupönen über die Grenze. Ihr wurde die deutsche Hauptmacht ent­gegengesandt. Alsbald entwickelte sich Gefecht auf Gefecht, die Deutschen hielten stand, schlugen meist die Russen, aber der Feind füllte seine Verbände auf und drückte mit ungeheuren Massen gegen Königsberg vor.

Als finsterste Bedrohung wuchtete aus Richtung Warschau gegen die ostpreußische Südostgrenze eine zweite Armee unter dem General S a m s a n o w heran mit dem Ziel, ebenfalls die Deutschen gegen Norden, in die Ostsee zu drücken, sie westlich zu überflügeln, in einen Kessel zu treiben, zu vernich­ten dann war es um Ostpreußen geschehen, und der Weg nach Berlin lag frei.

Die nächstdrohende Gefahr war die Armee Ren­nenkampf, die bereits auf deutschem Gebiet sengte und mordete. Ihr einen Damm entgegenzusetzen, war erstes Bedingnis. Und daraus entwickelte sich Vorspiel und Voraussetzung zu Tannenberg:

Oie Schlacht bei Gumbinnen.

Ein Feldpostbrief aus jenen schweren Tagen des bedrohten Ostpreußens erzählt:

Kaum war die Kriegserklärung heraus, da fielen ganze Grenzdörfer den Russen zum Opfer; die Mu- schiks und Kosaken führten sich als Mordbrenner auf. Wagen, überlastet mit Vertriebenen und Flücht­lingen, suchten in Gumbinnen Schutz. Schon am 2 August durcheilte die schauerliche Kunde die Stadt:Die Russen sind bis zur Rominter Heide vorgedrungen!" Am 3. waren sie in Eydtkuhnen.

In wahren Heeressäulen wälzten sich die Flücht­linge zurück und drohten die Anmarschwege der deutschen Truppen zu verstopfen. Die Stadt war zum Heerlager geworden, Verband auf Verband durchstürmte die Straßen und wandte sich ostwärts.

Und nun kamen die beiden Tage, Mittwoch und Donnerstag, der 19. und 20. August, die Tage der Schlacht bei Gumbinnen, die sich im nördlichen und östlichen Teil des Kreises abspielte. Bereits am Dienstag sah man ganze Kolonnen hinausrücken. Der Feind war sengend und brennend durch die Kreise Pillkallen, Ragnit und Stallupönen in Ost­preußen eingefallen, hatte sich stark verschanzt und harrte des Angriffs.

Mittwoch früh. Ferner Kanonendonner kündigt den Bewohnern an, daß beide Parteien im Vor­gehen gegeneinander sind. Gegen Mittag wird das Getöse immer lauter und vernehmbarer, und ich begebe mich auf einen erhöhten Punkt außerhalb der Stadt, um diesem grausigen Schauspiel als Beobachter beizuwohnen. Dort finde ich bereits eine große Schar von Zuschauern, teils mit Gläsern bewaffnet, teils mit Karten. Schwarze dicke Wol­ken steigen hinter einem Walde vor mir auf, dort muß ein großes Gut durch Granaten in Brand ge­steckt sein. Die Brandstellen mehren sich, und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre wird immer heftiger vernehmbar.

Allmählich senkt sich dunkle Nacht auf die von wildem Kriegsgeschrei erfüllten Fluren. Blutrot färbt sich der Himmel, der ganze Horizont gleicht

Oas eiserne Spiel hebt an.

In leuchtender Pracht steigt der August des Jah­res 1914 herauf. Gleichzeitig senkt er ein schweres Schicksal über unser Vaterland: Krieg! Zunächst gilt es, nach zwei Fronten hin die Heimat zu schützen. Und Deutschland ist darauf seit langem vorbereitet; der geniale Generalfeldmarschall von Schliessen hat schon vor Jahren die Parole ausgegeben: An­griff im Westen Abwehr im Osten! Und auf die­sen Schliesfenschen Plan greift der Generalstabs­chef von Moltke sofort zurück. Alle verfügbaren Kräfte werden im Westen gegen Frankreich ein­gesetzt, um diesen Feind mit stürmischem Elan zu überrennen. Im Osten, im Ostpreußen, im Gebiet östlich der Weichsel werden nur die als zum Schutz der dem russischen Zugriff besonders ausgesetzten Landesteile unumgänglich notwendig erachteten Truppen belassen.

Die Schicksalsschlacht von Tannenberg in ihren Ausmaßen, ihrer genialen Anlage und als Er­lösung von schwerster Gefahr recht zu verstehen, müssen zunächst einmal nüchterne Tatsachen gegeben werden. Es sind diese:

Hinter einem Schleier schwacher Grenzsicherungen versammelte sich zum Schutze seiner heimatlichen Fluren das 1. Armee-Korps bei Gumbinnen und Insterburg; das I. Reserve-Korps stand bei Anger­burg-Nordenburg, das XX. Armee-Korps bei Allen- stein, das XVII. bei Soldau; die Kavallerie-Division setzte bei Kriegsausbruch sofort über die Grenze.

Diese wie eine Kordonstellung aus fridericianischer Zeit anmutende weitläufige Verteilung der Trup­penkörper 8. Armee genannt erlaubte dem Oberkommandierenden im Osten, dem General von

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Der Trauergottesdienst im Berliner Dom, der am Sonntag durch Reichsbischof Müller abgehalten wurde.

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einem gewaltigen, schier endlosen Feuermeer. Da­zwischen sieht man weiße kleine Wölkchen auf- steigen, die von den zerplatzenden Granaten und Schrapnells herrühren.

Ich verlasse meinen Posten. Doch selbst in der Nacht ruht der tobende Kampf nicht. Am Don­nerstag in aller Frühe vernimmt die Einwohner­schaft von Gumbinnen von neuem das Brüllen der großen Haubitzen, die nun in den Kampf einge­griffen haben. Lange Reihen von Munitionswagen, die unentwegt die todbringenden Geschosse im schar­fen Trab heranschaffen, beleben die drei Kunst- straßen nach Tilsit, Pillkallen und Stallupönen, und lange Züge von russischen Gefange­ne n werden bereits nach der Stadt zum Abtrans­port mit der Bahn zum Bahnhof oder den leer­stehenden Kasernen geführt.

Ich bin schon wieder auf meinem Beobachtungs­posten. Vor mir breitet sich das weite Schlachtfeld in ganzer Größe aus. In weiter Ferne bei den Dörfern Springen, Brakupönen, dem Remonte- depot Kattenau und den Nachbardörfern, deren Einwohner schon lange ihre Heimstätten verlassen haben, wogt der Kampf, der um 12 Uhr vormittags seinen Höhepunkt erreicht. Wie die Figuren auf dem Schachbrett bewegen sich die einzelnen Truppen­massen hin und her.

Jetzt saust in Sturmeseile auf ihren schnellen Pferden eine deutsche Kavalleriebrigade quer Über das Schlachtfeld, um eine Attacke auszuführen, und verschwindet, umhüllt von einer undurchsichtigen Staubwolke, in weiter Ferne. Erst nach drei Tagen soll sie mit einer großen Zahl gefangener Russen wieder zurückgekehrt sein.

Ich hatte mich wohl zu weit vorgewagt, geriet in die Feuerlinie der rechts von der Chaussee nach Stallupönen auffahrenden Artillerie. Da kommt mit einem Male Leben und Bewegung in die langen Züge von Muntions-, Bagage- und Gepäck­wagen. Zurück nach der Stadt! Die Schrappnells fliegen über die Chaussee und unsere Köpfe hinweg.

Aber als das Ergebnis der mörderischen Schlacht am Donnerstag, den 20. August, nachmittags, be­kannt wurde, als allein durch Gumbinnen fünftau­send russische Gefangene trotteten, ohne den Blick von der Erde zu erheben, da wurde manches Auge feucht. Unsre Feldgrauen hatten Wunder an Tapferkeit verrichtet.

Die Schlacht stand günstig, fest waren die Deut­

schen in die Russen verbissen, von denen ungefähr sechzig Mann' auf einen Deutschen kamen. Da meldeten deutsche Flieger:

Russische Heeressäulen aus Richtung Warschau gegen Linie Ortelsburg-Soldau im Anmarsch!"

Die furchtbare Bedrohung aus dem Süden naht; die Armee Samsonow drückt nach Norden, ver­sucht die Umgehung von Westen her. Die 8. Armee kann von ihren rückwärtigen Verbindungen abge- schnitten werden. Wenn sie die Armee Rennenkampf nicht sofort endgültig vernichtet, um sich dann auf Samsonow zu werfen, droht der einzigen Armee des Ostens ein vernichtendes Sedan.

priitwih verliert die Nerven.

Er glaubt nicht mehr an die Möglichkeit einer Vernichtung der Armee Rennenkampf, obgleich die Schlacht bei Gumbinnen günstig steht. Immer wieder Drahtgespräche mit dem Großen Haupt­quartier in Koblenz. Gesuche um frische Truppen Gesuche, denen leider Moltke stattgibt! Truppenver­bände werden aus der Westfront gelöst; sie kommen nicht einmal mehr zum Eingreifen in die Schlacht von Tannenberg; diese Gigantenschlacht vollendet sich auch ohne sie; aber sie fehlen alsbald an der Marne man geht kaum fehl mit der Behaup­tung, daß ihre Abwanderung nicht nur die Marne­schlacht, sondern damit indirekt sogar den Ausgang des Weltkrieges entschieden hat!

Moltke warnt und warnt vor übereilten Ent­schlüssen. Aber Prittwitz läßt nicht mehr mit sich reden; er ahnt Katastrophen; er will feine Armee erhalten: er gibt den Rückzugsbefehl!: Ab­brechen der im günstigen Stadium befindlichen Schlacht bei Gumbinnen und Rückzug der ganzen Armee über die Weichsel: Ostpreußen ist preisgegeben!

Die Unterführer sind verzweifelt, glauben an den nahen endgültigen Sieg; aber sie müssen gehorchen. Also: zurück. Und in die Schrecken des Rückzuges mischt sich das Elend der von Haus und Hof ver­triebenen Flüchtlinge. Wagen auf Wagen verstopft die Chausseen, letzter Hausrat wird mitgeschleppt, Betten, Truhen, ein bißchen Vieh. Weinen und Jammern. Und:Platz für die Truppe! Herunter von der Straße!" Die Truppe ist wichtiger. Und das Chaos ist da, alles scheint verloren.

(Fortsetzung folgt!)

Geschenke.

Don 3o Hanns Rösler.

Die junge Frau stand vor dem schmalen Fenster des Juweliers, der in einer Nebengasse sein Dasein fristete. Sie betrachtete versorgt die wenigen billi­gen Stücke der Auslage. Uhrketten zu Dutzend ge- bündelt und an eine Pappenscheibe aufgenäht, dünne Goldringe mit dürftigen roten, grünen und blauen Steinen, vierzig nebeneinandergesteckt und jeder mit einem Preis versehen, zwischen ihnen billige Weckeruhren und ein versilberter Tafelauf­satz vermehrten die Trostlosigkeit des Anblicks. Eine Kollektion vergoldeter Manschettenknöpfe zog das Interesse der jungen Frau auf sich. Noch einmal trat sie in die Zuflucht eines Toreinganges, nestelte umständlich ihre abgegriffene Geldbörse heraus und zählte die wenigen Silbermark, die darin lagen. Dann ging sie über die Straße zurück und öffnete die Tür in das Geschäft.

Guten Tag", sagte sie und blieb an der Tür stehen.

Hinter einem Vorhang hervor kam mühsam schnell ein alter Mann. Er drehte eine elektrische Birne über dem Dunkel des Tisches an.

Sie wünschen?", fragte er.

Ich möchte einen Manschettenknopf.

Nur einen?"

Ja. Nur einen. Aber aus echtem Gold muß er sein."

Der alte Juwelier brummte etwas Unverständ­liches und holte aus einer Schublade ein Brett mit grauem Samt. Dann öffnete er das Fenster und brachte einige Papierstreifen mit Manschetten­knöpfen.

Ich kann sie aber nur als Paar verkaufen", sagte er.

Sie sah auf die Knöpfe.

Ich habe kaum das Geld zu einem Knopf", ant­wortete sie müde.

Nehmen Sie doch vergoldete Knöpfe. Sie sind wesentlich billiger und sehen genau so aus."

Nein, nein", sie sagte es fast erschreckt,es muß echtes Gold fein. Mein Mann hat einmal goldene Knöpfe getragen und vor zwei Jahren den einen verloren Jetzt will ich ihm einen ähnlichen Knopf dazu kaufen, damit er wieder zwei Knöpfe hat. Wir haben morgen unseren zehnjährigen Hochzeitstag. Ich möchte meinem Mann-gern etwas schenken. Er war jetzt erst neun Monate ohne Arbeit."

Der Juwelier räumte die Stücke wieder in die Auslage und ging wortlos hinter den Verschlag. Nach einigen traurigen Minuten kam er zurück.

Ich habe hier einen einzelnen Knopf reines I Gold gefällt er Ihnen?"

Ja. Er ist sehr schön."

Paßt er zu dem anderen Knopf?

Nein. Aber das macht nichts. Es muß nur echtes Gold fein. Mein Mann wird sich sehr freuen. Was kostet er?" v ± ,

Ich werbe Ihnen nur den Goldwert rechnen.

Neunzehn Mark."

Die junge Frau schüttete den Inhalt ihrer Geld­börse auf den Tisch. . .

Es sind acht Mark und vierzig Pfennige sagte sie,mehr konnte ich mir seit einem Jahr nicht sparen. Aber ich möchte Ihnen meine goldene Ke te verkaufen bitte nehmen Sie sie für den Rest.

Sie löste eine dünne, kurzgliedrige Kette von ihrem Hals. Der Juwelier spürte kaum ihr Gewicht und versuchte, sie zurückzuschieben. .

Nehmen Sie sie bitte", wiederholte die junge Frau," sie ist echtes Gold. Mein Mann brachte sie mir zur Hochzeit. Vor zehn Jahren. Und ich mochte doch morgen so gern meinem Mann etwas schenken.

*

Sie war sehr froh, als sie am nächsten Morgen erwachte. Unter ihrem Kopfkissen suhlte sie das kleine Papier mit dem goldenen Knopf. Ob sie Erich wohl küssen würde in feiner ersten Freude? Ihre Augen fielen auf Blumen, die auf dem Bett lagen.

Vor zehn Jahren, Katherine lch hebe dich noch immer wie damals

Sie suchte seine Hand. f. ,

Ich habe dich noch viel, viel heber!

.Neben den Blumen hegtem kleines Geschenk. Ein Geschenk? Für mich?

(fr mnr nerleaen wie em Schuljunge

ff« mfrh T)ir aefaüen. Du hast es Dir gewünscht.

Es wird Dl g I Heine goldene Kette,

Ein goldenes Kreuz füruein., f, mirtt Du die ich Dir vor zehn Jahren schenkte. Jetzt wir,t ^u beides tragen können.

2Iber" 2lugen. Ihr Mund zitterte.

Tranen füllten ihre äugen > batte ich x?reÄ t Shp ich meinen goldenen Manschet- 7^- Unbnf°fa2rt betmk geblieben ift. Ich werde U nk wieder einen Zeiten dazu bekommen. Und Tin haft jetzt dafür Dem Kreuz.

Katharine weinte, als fk ihm ihr Geschenk hin- "WMa Knop'in'der^anb und ihre Trbne7ftek77us'd"as^^ne. Kreuz. Dann strich ^ISk sind ärm?Me^chen", jagte sie, auch dann, wenn wir feiern.

Freunde in der Noi.

Don Karl Ludwig Este.

Man muß einmal in eine große Not geraten fein, um zu erfahren, auf welche Menschen man als wahre Freunde rechnen darf, aber auch um zu wissen, wer man selbst ist. Es gibt Dinge, fühlt man nun vielleicht, die reicher machen als Geld und Besitz, die auch dem Aermsten gehören, wenn er sie nur haben will, die ihn lehren, feinem Los nicht gram zu fein. Aber nicht alle können fo füh­len. Nicht alle haben soviel Kraft zur Freude. Nicht alle auch haben soviel Phantasie, aus ihrem Le­ben wie aus einem bösen Traum herauszutreten. Mancher ist dem Schönen gegenüber blind gewor­den vor Bitterkeit und schleppt an seinem Leden schwer wie ein Kettensträfling, so unversöhnlich ist seine Not. Wer glaubt, daß nicht der Haß, sondern die Liede die Welt verwandelt, trifft hier wohl auf Menschen, die in ihrer Armut dumpf und stumpf dem Peiniger nichts als ein Knurren zeigen.

Notzeiten find Prüfzeiten auch der Freund­schaft, und das Wort von den taufend Freunden, die auf ein Lot gehen, erweist sich jetzt wieder als ein Wahrwort. Wie freundlich und beziehungsreich erscheinst du dir von Menschen umgeben, solange du ein Mann bist in Amt und Würden und eben­so freigiebig beim Pokulieren wie mit deinen Ge­fühlen. Wie sehr geliebt von Freunden, fo denkst du, ist dein gastliches Haus, hörst du des Abends bei deren Eintritt fröhliches Lachen und hörst du es gleichfalls noch beim späten Händedruck, da du hinterm Rücken des letzten der Freunde das Tor schließest. Wenn außer dem Frohsinn auch mancher fein Leid zu dir hinträgt, wie bis du stolz, daß er's tut, daß er gerade zu dir kommt und sich dir anvertraut in seinem Kummer. Wievielen darfst du ein Helfer fein aus ihrer Not und willst nichts von Dank hören, bist beschämt gar, wenn man sich in deiner Schuld fühlt.

Du arbeitest froh und freust dich doppelt deiner Erfolge, weil du weißt, daß es Menschen in deiner Nähe gibt, die du kannst daran teilhaben lassen. Ach, wieviel Glückwünsche glaubst du willig dem freundlichen Schmeichler, und auch fein Bedauern: Es tut mir aufrichtig leib", wenn du ihm von kleinen Sorgen, kleinen Verlusten und schmerz­lichen Enttäuschungen erzählst. Deine schwachen Stunden, deine Zweifel und nagenden Angstgefühle welcher Stärkste hat nicht einmal darunter zu leiden wie aufrichtig bist du, sie den Freunden mitzuteilen. Denn Aussprache lockert den Schmerz und heilt die verschwiegenen Wunden. Vielleicht scheint es dir manchmal zuviel des Guten, rote fte dich trösten wollen, wie gar leicht sie Worte ho­

ben unb bamit zuzubecken glauben, was bich be« brückt. Aber baß sie sich hinter beinern Rücken über bich lustig machen, baß sie boshaft bewitzeln kön­nen, was bu im Augenblick ber Schwäche ihnen vertraut, wie könntest bu fo gering von ihnen benken?

Ja, welch ein kostbares Gut ist Freunbfchaft unb welch ein Verbrechen, bie Axt bes Mißtrauens gegen ihre Wurzel zu heben. Du schiltst bich einen Undankbaren, einen Unwürdigen und verachtest wohl noch den Warner, der dir deiner Freunde Spottlust zuträgt, weil es ihn empört, wie sie sich bei dir zu Tische setzen und dich doch heimlich zum Gespött machen. Den Ohrenflüsterern, die mit glat­tem, mit feilem Lächeln dir begegnen, die Ja sagen, wenn du unrecht tust, und dich umgarnen mit bil­ligem Lob, lauschst du gläubig. Der dir aber wohl will und harte Worte nicht scheut, der zu dir redet als dein Gewissen, wenn bu ihn fragst, unb schweigt, wenn bu nicht fragst, bem magst bu zu­zeiten gar zürnen und magst dir einreden, daß er nichts ist als ein hämischer Neider deines Erfolges. Du feierst Triumphe und siehst ihm beim Feste beiseite stehen, fo wenig achtest bu seiner, ja, wirst ihn burch Seinen Hochmut vielleicht noch vertreiben von beinern Tische.

Einmal aber finb alle Worte unb Gelöbnisse ber Freunbfchaft wie Spreu, in bie Winbe gefegt wenn bie Not mit ihren Spinnenfingern an bein Tor pocht unb bir auf allen Weaen wie ein Schatten bie Sonne verstellen will. Da harrst du umsonst der Freunde, der lustigen Brüder. Dein Haus bleibt verlassen und stumm, ein Totenhaus, so scheint es bem Frembling, unb roartenb stehst bu bir brinnen selber im Weg. Zu ahnen, sie schämen sich beiner, bie beine Freundschaft beschämte, zu fühlen, sie meiden dich, die dich einst suchten, zu wissen schließlich, sie lachen mit deinem Feinde, denen du nie feind warst, um wieviel vereinsamter lebt so ber Geselliae. Noch möchtest bu bezweifeln, daß Treue unter Menschen ein wandelbar Ding ist, und oebft aus dem Haus, ein paar Zeugnisse ber Freundschaft einzusammeln, einen aufmerksamen Blick, einen Händedruck unb Gruß. Du benFft wohl babei:Die Freunde wollen sich dir nicht auf- drängen in deinem Schmerz". Aber sie äugen scharf, wenn du kommst, eh du's merkst, und flüchtige Spuren nur lassen sie dir zum Besinnen.

Einer noch bleibt und begegnet dir mit fragenden Blicken. Der zu Unterst an deinem Tische saß ober ber ungekonnt an beinern Haus vorüber ging, wäh- renb brinnen beine Freunbe mit bir lachten unb feierten, er reicht bir feine Hanb, er spricht dir Mut zu. Unb nun erst, ba bu ben Freunb in ber Not gefunben, weißt bu, welch ein kostbares Gut dies ist: Freunbfchaft.