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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Montag, 7. Mai 1934

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Großraumwirtschast.

Von Or. W.lhelm Grotkopp.

Weltwirtschaft bedeutete in der Vorkriegszeit Kampf umden Absatz. Die hiermit verbunde­nen typischen Kampf-Verluste konnten getragen werden, weil fast ununterbrochen von Jahr zu Jahr die Welthandelsumsätze stiegen, so z. V. von 82 Milliarden RM. im Jahre 1900 auf 160 Milliarden im Jahre 1913. Es genügte, wenn die einzelnen Exporteure bzw. Länder den relativen An­teil behaupten konnten. Zunächst schien es so, als ob in der Nachkriegszeit die Weltwirtschaft sich auf einen ähnlichen Zustand einspielen würde, dafür schien das Steigen der Welthandelsumsätze von 189 Milliarden RM. im Jahre 1921 auf 284 im Jahre 1929 zu sprechen. Der Zusammenbruch des Welt­handels, der Rückgang der Welthandelsumsätze von 284 auf 98 Milliarden RM. im Jahre 1933 hat UNS jedoch gezeigt, daß wie überall in der Wirtschaft auch im Welthandel Strukturwandlungen vor /ich gegangen sind, daß ein Beschreiten der alten Wege zum Wiederaufbau nicht genügt, son­dern neue Wege gegangen werden müssen.

Vor allem haben uns die letzten Jahre gezeigt, daß sich die Welt nicht mehr den Luxus eines frisch­fröhlichen Kampfes um den Weltmarkt erlauben kann, daß wie überall so auch im Welthandel a n ' Stelle des Kampfes die Zusammenarbeit : treten muß. Milderung der Gegensätze, stärkeres Ab­stimmen der Interessen der einzelnen Länder, mehr Ordnung, mehr Planung, das sind die großen Auf- j gaben, die uns in bezug auf einen Wiederaufbau des Welthandels gestellt sind. Einst genügte den Exporteueren und sonstigen Interessenten am Welt- j handel, daß alle überall gleich behandelt . würden. In Handelsverträgen sicherten die einzelnen ' Staaten in der Form der M e i st b e g ü n st i - gungsklausel ihren Bürgern diese Behandlung auf gleicher Basis, als Meistbegünstigte. Doch schon mit der starken Erhöhung der Zollsätze in der ersten Nachkriegszeit hatte diese Klausel ihren Sinn ver- I loren. Aus der Meistbegünstigung war eine Meist- I beungünstigung geworden. Es erwies sich als not- wendig, neben die Meistbegünstigung andere Klau­seln zu setzen, die ein Abstimmen der Interessen der Volkswirtschaften, die miteinander Zusammenarbeiten wollen, ermöglichen.

Als Sammelbegriff für diese neuen Wege hat sich der der G r o ß r a u m w i r t s ch a f t durchge- | setzt. Großraumwirtschaft besagt also, daß bei der i raumwirtschaftlichen Ordnung der Wirtschaft nicht nur an den nationalbegrenzten Raum gedacht wer­den soll, sondern zugleich an die Zusammenarbeit mit den Ländern, mit denen engere Verbindung ge- j geben oder möglich ist. In den verschiedensten For- ; men ist eine solche Politik der Großraumwirtschaft I möglich. Die radikalste und konsequenteste Form ist die der Zollunion. Die Voraussetzung für eine Zollunion ist eine weitgehende politische Interessengemeinschaft, die zur Zeit nur für einige wenige Länder gegeben erscheint. Wenn somit auch crjts politischen Gründen eine Zollunion wenig aktuell ist, so muß man sich doch darüber im klaren sein, daß eine Politik der Großraum- wirtschaft auf eine Zollunion hinsteuert. Heute muß man sich aber mit Zwischenlösungen begnügen, wie in der Form von Präferenz-, Kontingent- und Monopolabkommen. Durch derartige Abkommen verpflichten sich die Staaten, die gemeinsam eine Politik der Großraumwirtschaft führen wollen, sich gegenseitig im Vergleich zu dritten Staaten b e - v o r z u g t zu behandeln. Diese Politik läuft daraus hinaus, daß diese Staaten ihre Im- und Export- wie auch ihre Produktionsinteressen immer mehr aufeinander abstimmen.

. Begünstigt werden derartige Abkommen durch bestehende enge politische Bindungen, wie z. B. zwischen Nachbarländern und vor allem zwischen Mutterland und überseeischen Besitzungen. Vorbild einer solchen Politik der Großraumwirtschaft ist die durch die Ottawa-Verträge des Jahres 1932 fest-

gelegte Politik zwischen England und den an­deren Teilen des Empire. Diese schon vorher durch andere Vereinbarungen eingeleitete Politik hat zu einer Intensivierung der Handesbeziehungen geführt. Sehen wir von den englisch-irischen Be­ziehungen ab, die durch den gegenwärtigen Kon­flikt gestört sind, dann ergibt sich, daß der Anteil der anderen Länder des Empire am englischen Ex­port von 35,8 v. H. im Jahre 1924 auf 38,3 v. H. im Jahre 1932 und 39,4 v. H. im Jahre 1933 ge­stiegen ist. Noch stärker ist die Steigerung des An­teiles der Länder des Empire am englischen Im­port, nämlich im gleichen Zeitraum von 26,2 auf 31,6 und 33,6 o. H. Die Gewinner dieser Politik der Großraumwirtschaft sind vor allem die über­seeischen Teile des Empire, dagegen nicht so sehr England, das die Vorteile dieser Politik mehr auf politischem Gebiet sieht.

Dagegen hat Frankreich die politische Ab­hängigkeit außereuropäischer Gebiete von Frank­reich sehr stark wirtschaftlich zu seinem Vorteil aus­nutzen können. Der Anteil der französischen Kolo­nien und Mandatsgebiete am französi­schen Export stieg von 1927 bis 1933 von 15 auf 33 v. H., der Anteil am französischen Import nicht ganz so stark, nämlich von 12 auf 24 v. H. Es war für Frankreich ein großes Plus, daß es in der Zeit der Weltkrise seinen Export nach den Kolonien und Mandatsgebieten erhöhen konnte. Auch sonst kann überall die Bildung von Großraumwirtschaf­ten beobachtet werden. Der Anteil der Mandschurei, Ko/eas und Formosas an der japanischen Ausfuhr stieg z. B. von 1931 bis 1933 von 30 auf 34 v. H. Diese drei Gebiete sind gewissermaßen der erste Ring der japanischen Großraumwirtschaft, der zweite sind die Grenzgebiete am pazifischen Ozean. Ferner sei noch darauf hingewiesen, daß das ge­waltige russische Reich als eine Großraum­wirtschaft anzusehen ist, daß die Politik der USA. gegenüber mittelamerikanischen Staaten eine solche der Großraumwirtschaft ist, daß in s ü d a m e r i - konischen Staaten der Plan der Schaffung einer südamerikanischen Großraumwirtschaft dis­kutiert wird.

Im Hinblick auf diese sich überall bemerkbar machenden Tendenzen einer Politik der Großraum­wirtschaft ist es eine der wichtigsten Aufgaben

deutscher Handelspolitik, Möglichkeiten einer deutschen Großraumwirtschaftspolitik zu erschließen. Für eine deutsche Politik der Großraumwirtschaft kommt vor allem eine Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbar st aaten in Frage. Sehr richtig hat Gesandter D a i tz vom Außenpolitischen Amt der NSDAP, diese Aufgabe kürzlich wie folgt formuliert:Die kontinental- europäische Großraumwirtschast zu organisieren, den Warenaustausch zunächst in Kontinentaleuropa durch Deutschlands geographische Lage als Mittler auszuweiten und geschickt zu kombinieren". Doch leider rofrb im Gegensatz zu England und Frank­reich Deutschland politisch dies Streben nach einer Großraumwirtschaft nicht erleichtert, sondern er­schwert. Es fehlen nicht nur die Gebiete, mit denen Deutschland enger verbunden wäre, sondern Deutsch­land muß auch mit dem Einwand rechnen, daß diese Politik der Großraumwirtschast eine neue Form desImperialismus" wäre. Doch trotzdem sind in wirtschaftlicher Hinsicht Möglichkeiten einer Politik der Großraumwirtschast gegeben, vor allem im Hin­blick auf eine Zusammenarbeit mit den Donau st aaten und mit denen Nordeuro­pas. Diese Politik der Großraumwirtschast ist durch verschiedene Verträge der letzten Zeit erfolg­reich eingeleitet worden, so vor allem durch die Verträge mit Dänemark, Finnland, Estland, Un­garn und Südslawien, denen sicherlich bald weitere folgen werden. Während in den letzten Jahren ständig Deutschlands Handelsverkehr mit diesen Ländern zurückging, sind jetzt die Möglichkeiten für einen Ausbau der Handelsbeziehungen gegeben.

Doch falsch wäre es, diese Möglichkeiten einer Politik der Großraumwirtschast zu überschätzen. Zwar kann viel erreicht werden, wenn es zu einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den europäischen Nachbarstaaten kommt, aber wir dürfen nie vergessen, daß daneben das Wort des Hamburger Exporteurs:Mein Feld ist die Welt" seine Geltung behält. Durch die Politik der Großraumwirtschaft soll nur ein Ausgleich dafür geschaffen werden, daß Deutsch­land infolge der Politik der Großraumwirtschast seitens anderer Länder auf einigen überseeischen Märkten gewisse Einbußen erleiden wird.

prima Frühling gefällig?

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

Von Or. Theodor Riegler.

Jeder Berliner Hai seinen Balkon.

In Berlin verbringt der kleine Mann sein Week­end auf dem Balkon. Wfr ein richtiger Berliner ist, ist ohne einen solchen kleinen Balkon unglücklich. Der Balkon ist gewissermaßen die Riviera und die Ostsee des kleinen Mannes. Auf dem Balkon ver­sammelt sich die Familie am Abend. Aus dem Balkon strickt die blonde Claire einen weißen Pull­over für ihren Bräutigam. Auf dem Balkon wird beim freundlichen Schein einer kleinen Tischlampe die traditionelleWeiße" getrunken oder ein ge­mütlicher Skat gedroschen. Der Balkon ist eine Welt für sich. Die Berliner haben augenblicklich keine größere Sorge, als Blumenerde zu kaufen. Viele Familien leben in diesem Monat nur vom Verkauf von Blumenerde und Balkonpflanzen. Wilder Wein und Efeu, Waldrebe und Pfeifen­griffel, rankendes Geißblati und japanischer Hop­fen gehören zu den Balkongewächsen, die beson­ders stark gefragt sind.

Wenn man an einem einsamen Abend durch die stillen Seitenstraßen wandert, gerät man in einen Zustand holder und liebenswürdiger Verzauberung.

Wo ist das glühende und brausende Berlin geblie­ben? UeberaU leuchten gemütliche Lampen aus dem dichten Grün üppiger Rank- und Kletterpflanzen. Alte Herren fitzen in Hemdärmeln behaglich auf dem Balkon, ziehen mit verklärtem Gesich an ihrer langen Pfeife und lesen die Zeitung. Es ist, als ob die Zeit eingeschlafen wäre. Nur von Zeit zu Zeit bringt gebämpftes Hupen wie eine vorüber- gehenbe Sinnestäuschung in ben abenblichen Frie- ben. Der Berliner ist in seinen Balkon vernarrt, weil er sich, selbst ba seinen Frühling zurechtschnei- bern kann, einen Frühling nach Maß sozusagen. Prima Frühling gefällig?

Llnheimliches Erlebnis mit happy end.

Als ich biefer Tage nach Mitternacht in einem bunflen unb ausgestorbenen Viertel Berlins spa­zierenging, hatte ich ein unheimliches Erlebnis. Ich mürbe nicht überfallen, nicht niedergeschlagen unb ausgeraubt, aber trotzdem hatte biefes Erlebnis für mich etwas Grauenvolles. Zuerst glaubte ich, meine Nerven seien überreizt unb ich sei bas Opfer einer Sinnestäuschung geworben. Als ich an einer Kneipe vorbeikam, blieb ich erschrocken stehen. Aus

Oberhessischer Kunstverein.

V.Jahresausstellung: Aquarelle und Zeich­nungen Dresdener Künstler.

Das ist bie letzte Ausstellung des Kunstvereins vor der Wiedereröffnung im Herbst. Einige zwanzig Dresdener Künstler, bekannte und unbekannte, stellen Aquarelle und Zeichnungen aus: die verschieden­artigsten Temperamente und Stilarten sind hier versammelt. Aus der großen Fülle des Materials kann dieser Bericht naturgemäß nur im Ueberbltd einiges herausgreifen und andeuten.

Die Arbeiten von Erich Fra beispielsweise sind durch starke, ziemlich trockene Farben gekenn­zeichnet, die sich im Gesamteindruck nicht immer überzeugend zusammenschließen; koloristisch am glücklichsten scheint uns dieHeimkehr vom Felde . Weicher und lockerer im Auftrag, auch zarter in Konturen und Uebergängen, geben sich die Blumen­stöcke von B i r n st e n g e l. Ein farblich sehr emp­findlich behandeltes Blumenstück in fast japanischer Manier findet man von Hans Iüchser.

Ludwig von Hofmanns Aktfiguren zeugen von der oft bewährten Meisterschaft dieses Malers. .Wilhelm L a ch n i t gelangt in fernen Kmderbild- niffen bei ziemlich hartem Strich und schroffen Konturen zu einem intensiv lebendigen Ausdruck. Hermann Theodor R i ch t e r bringt eine aqua­rellierte Akt-Studie, die um ihres feinen farblichen Zweiklanqs besondere Aufmerksamkeit verdient. Erne starke, porträtmäßige Geschlossenheit zeigen die beiden Bildni se von Josef H e genb arth.

Fast lyrische Empfindsamkeit äußert sich in den av-V fließend gemalten Blumenstücken von Paul Wilhelm, wobei trotzdem etwa tn der ,Mohn­blume" die charakteristischen Merkmale von Stengel und Blumenblatt sicher ersaßt sind. Em hübsches, ruhiaes Stödtebild: dieHauser am Niederrhein non Georg Neugebauer. Rolf T i l l m a n n: er- üelt in leinen 'Aquarell-Porträts eine plastische Rundung, die man sonst nur bei Oelbildern findet interessant auch derBlick auf Pirna aus der und .ng

steckt in den Bildern von Heinrich Burkhardt, sehr bemerkenswert wie er etwa-m,Herbsttag fnft geometrisch genauen, sachlichen Stil oer ünqfün STr auf bie Aqu°r°ll.T-chnik über räa ®on Wilhelm Eller notieren mir eme iparte kleine Landschaft ans 6er sächsischen Schweiz. P©a5 beste Bild der Ausstellung ist Jur unser ifmofinben das Apfelstilleben von Erich Lin­se n a u, ausgezeichnet gemalt, malerisch und pla­nsch zugleich; mit empfindlichem Auge und sicherer ^and'^ abgewandelte Variationen über em Thema

in Grün. Ein Aquarell, das den Begriff des Still- lebens der flachen und gefälligen Schablone ent­rückt und eine Erinnerung an das noble und un­erreichte Vorbild von Schuch gestattet.

Von Fritz Tröger nennen wir die blonde Frau und eine Landschaft mit Kiefern. Die Studien­köpfe von D i x verraten die seit langem bekannte Handschrift dieses Malers. Von B ö ck st i e g e l fin­den wir die Tierskizzen kaum wesentlich genug für eine Ausstellung, das Knabenporträt koloristisch mißglückt; jedenfalls hatten wir bei seiner früheren Gesamtausstellung weit stärkere Eindrücke.

Wir nennen ferner von Kretzschmar ein Dresdener Stadtbild, von Winkler eine Folge impressionistischer Tusch-Skizzen, von Rudolph einen kräftigen Männerkopf, von Arno Drescher ein zartes Knabenporträt, von Grundig ein fast karikaturistisches Bleistiftbildnis, von Sperling die Landschaft mit Windmühle, von Paul Cassel eine gute Federzeichnung (Mädchenbildnis). Ganz phantastisch, wie gemalte Traumerinnerun­gen, wirken die Aquarelle von Kesting (Pflü­gende Bauern";Nächtliches Dorf ).

Die Ausstellung wurde am Sonntagoormittag er­öffnet. Ein besserer Besuch wäre sehr zu wünschen.

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Turnier unter Pinien.

Von unserem römischen E-Korrespondenten.

Rom, Anfang Mai.

Was wohl die Gäule denken?

Don den Reitern, die zum erstenmal oder zum viertenmal diese Arena sehen, wissen wir's ja: sie sind jedesmal baff. Und die Zuschauer, die sich im Salon von Rom" einfinden, stehen Jahr für Jahr zunächst einmal mit offenem Mund da. Und wenn in München ober Honolulu, in Bern oder Hammer- fest ein Farbenfilm von der Piazza Siena vorge­führt werden würde, geschähe ein allgemeines Schütteln des Kopfes: Gibt es ja gar nicht? Thea­ter! Trick!

Die Arena, der römische Salon ober bie Piazza Siena kein Name kann einen auch nur annähern- ben Begriff von ber konzentrierten Schönheit bes Amphitheaters vermitteln bilbet bas Herz ber Villa Borghese auf bem Pincio, bem achten Hügel von Rom. Wer ben ©üben erleben will, wie ihn bie romantische Malerschule komponiert unb kombi­niert haben würbe, wenn sie einmal ben Auftrag erhalten hätte, alle Reize, alle Träume und Zaube­reien in einem einzigen Bild zusammenzufassen, der muß sich im Mai unter diese Pinien setzen. Dann ist er. im Kopsumdrehen 1. o.

Gar nicht zu ertragen! Hier kann ein Gangster elegisch werden. Lyriker seien gewarnt.

Hm und die Gäule?

Für sie hat das also ein Turnierplatz zu sein wie ein anderer. Sie sollen den Oxer zwischen rot= wogenden Azaleen nach Punkten nehmen und über die Rhododendren auf Zeit springen. Die immer siegenden Hannoveraner sind, wenn man dem Ge- tuschel glauben darf, gar keine richtigen Pferde, es sind mechanisch-automatische Gebilde, teuflische Sprungmaschinen. Wie wäre sonst die Geschichte mit dem dreimal hintereinander gewonnenen Mus- solinihumpen zu erklären? Sagen Sie, Signora! Geben Sie es zu, Madame! Habe ich nicht recht, Fräulein? (Fräulein, nein, das richtig auszusprechen bringen nicht einmal die Elegants unter Pinien fertig.)

Oder die deutschen Gäule haben einGeheimnis wie der Rih des guten Old Shatterhand oder Kara Ben Nernst (wenn ich noch sattelfest bin im Karl May), wahrscheinlich wird ihnen jeden Abend eine Sure ins Ohre geflüstert, und wenn man es nüch­tern wie ein Sportberichterstatter betrachtet, bann liegt bie ganze Hexerei eben im Mangel an Ge- schwindigkeit. Sie pfeifen auf bie Zeit, nur um strafpunktfrei über bie Hindernisse zu kommen, benn bas Turnier ist ja kein Rennen. Zick-zock ... zock-zick geht bas, hinauf unb hinunter wie über ein Vene- biger Kanalbrückchen. Was ist bagegen zu tun? Es gibt nur ein Mittel: bie Arena entsprechen!) um­zubauen, bie Mauernecht" zu machen, ben vier­beinigen Teufelsmaschinen bie Gelegenheit zur Aus­übung ihres Geheimnisses zu nehmen. Als Deutsche finb sie in ber Technik nun einmal überlegen, schön, zwingen wir ihnen also einen Wettkampf auf Elan und Slancio auf! Raus mit dem Chronometer! Dann siegt der romanische Schwung über die ger­manische Bedächtigkeit ...

Und Oberleutnant Brandt eröffnet das Tur­nier, indem er in einem Höllentempo über Azaleen und Rhododendren binroegfegt und mit feiner Sprungmaschine auf Zeit siegt.

Per bacco! Trotz des Umbaues. Die ältesten Pi­nien haben ben Kopf geschüttelt.

Daraufhin rissen sich aber die andern Nationen zusammen und machten der Hannoveraner Schule das Leben sauer. Prachtvoll, wie die Schweizer auf­holten. Die Italiener ritten sozusagen auf ben mit= reißenben Wogen ber nationalen Begeisterung. Ein viertesmal die Ducetrophäe für Deutschland? Nein, wissen bie Propheten vom grünen Rasen, diesmal nicht, denn siehe, Wotan ist nicht mit ihnen, der Wunderschimmel der letzten Jahre wird nicht mehr antreten zum letzten entscheidenden Gang. Schwache Gemüter haben sich tatsächlich bei seinen Sprüngen umgedreht, so riß bie Spannung an ihren Nerven.

dem Lokal drang ein wahrhaft höllischer Lärm. Ein wildes, zügelloses Gegröhle ließ mit erbeben. Es schien, als ob im Lokale eine wüste Keilerei im Gange wäre. Von Zeit zu Zeit hörte ich ein merk­würdiges Klirren, als ob Gläser an die Wand geschmettert würden. Schon überlegte ich mir, ob es nicht am vernünftigsten wäre, das Ueberfall- fommanöo zu benachrichtigen, aber bann entschloß ich mich, weiter zu gehen. Als ich an ber nächsten Kneipe vorüberkam, wieberholte sich genau das gleiche Spiel: wilde, gröhlende Stimmen, dazwischen lautes Gelächter und wieder dieses unheimliche, nervenausreizende Klirren von Gläsern, ein unheim­liches Splittern. Das gleiche Erlebnis hatte ich beim dritten, vierten und fünften Lokal. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder hatte sich in diesem Viertel wirklich eine Verbrecherbande eingenistet, die hier ihre Orgien feierte, oder ich war verrückt ge­worden. Ich nahm mir ein Herz und entschloß mich, in eines dieser unheimlichen Lokale einzutreten. Selbst auf die Gefahr hin, daß mir schon auf der Schwelle ein Bierglas an den Kopf fliegen würde. Meinen Augen bot sich aber ein sonderbarer An­blick: um einen großen runden Tisch war eine Horde gröhlender Männer versammelt, die jedes Glas, sobald sie es ausgetrunken hatten, mit ohren­betäubendem Getöse an die Wand schmetterten. Bald erfuhr ich des Rätsels Lösung: die Wirte hat­ten die seit dem 1. April verbotenen und aus dem Schankverkehr gezogenen Gläser ihren Stamm­gästen zur Verfügung gestellt. Diese Gläser wur­den nun von den feuchtfröhlichen Zechern nach der alten Devise, daß Scherben Glück bringen, eines nach dem andern an die Decke geworfen ...

Die Strümpfe Karls des Großen.

Ja, Berlin ist die Stadt der unbegrenzten Mög­lichkeiten. Da ist zum Beispiel vor vielen Jahren ein sehr origineller Herr auf den gewiß nicht all­täglichen Einfall gekommen, Strümpfe zu sammeln. Dieser Mann hat als Vertreter großer Strumpf- firmen weite Reisen unternommen und hatte dabei Gelegenheit, seine Strumpfkenntnisse zu erweitern unb zu vertiefen. Wenn er einen seltenen Strumpf zu Gesicht bekam, geriet sein Blut sofort in Wal­lung. Ruhelos wälzte er sich nachts auf seinem Lager: wie mochten wohl die Strümpfe der alten Pharaonen ausgesehen haben? Welche Strümpfe trug beispielsweise Karl ber Große? Wenn Julius Cäsar in die Schlacht zog und sich auf die Socken machte, was mögen das für Socken gewesen sein? So zog Herr Holz, der Strumpfforscher von Ber­lin, durch alle Lande und studierte sämtliche Strumpfforten von Adam und Eva bis auf die heutige Zeit.

Seine Sammlung zählt 2800 Strümpfe. Darun­ter befinden sich ein armenischer Pontisikalsstrumpf aus Ziegenhaar, den um das Jahr 1100 nach Chri­stus ein Bischof trug; ein englischer Bischofsstrumpf aus derselben Zeit, rot und mit goldener Verzie­rung, eine Nachbildung des Krönungsstrumpfes ber Hohenstaufen und die Beinbekleidung Karls des Großen. Die Sammlung enthält u. a. Hochzeits­strümpfe aus der Mark Brandenburg, aus weißer Baumwolle, mit eingestricktem Namen und Perlen­verzierung, Strümpfe der Bewohner des Hima­laya-Gebietes. Wer zählt die Länder, nennt die Strümpfe? Alle Sorten von Strümpfen, die jemals ein Irdischer über seine Waden streifte, sind bei Herrn Holz zu finden. Die einzigen Strümfe, die er nicht auf Lager hat, sind Glühstrümpfe...

Ein Rad rolli durch Berlin.

In Bad Warmbrunn lebten zwei biedere Hand­werker, die in saurer Arbeit ihr Brot verdienten. Als sie an einem Frühlingsabend des Jahres 1934 friedlich bei ihrem Dämmerschoppen saßen, warf einer von ihnen einen Blick in die Zeitung. Er las, daß in Berlin eine große Ausstellung vorbereitet würde, die den Namen trugDeutsches Volk Deutsche Arbei t". In dieser Ausstellung sollte auch das deutsche Handwerk vertreten fein.

Diesmal lächeln die Franzosen. Die Schweizer fragen den Kopf hoch. Die Italiener tippen auf Sieg. Polen und Portugiesen arbeiten schweigend und ernsthaft wie am Prüfstand. Die Deutschen freilich haben es insofern am schwersten, als sie allein zu verlieren haben. Alle anderen können schließlich nur gewinnen. Die Hannoveraner müssen Ruhm und Erfolg, eine allzusteile Höhe verteidigen.

Diese Sensation Tag für Tag im Pinienfalotto!

Ganz Rom ist da. Man zeigt sich den Kronprin­zen, den Jnfanten von Spanien, Fürstinnen und Prinzessinnen, es kommt der König, es kommt der Duce, man sieht drei Maharadschas auf einmal, darunter einen Großmaharadfcha von Kapurtala, noch nie hat eine internationale Konferenz so viele Botschafter unb Gesandten unb Geschäftsträger und Militärattaches gezählt, hundertzwanzig ausländische Pressevertreter bedienen fünftausend Zeitungen.

Uniformgewimmel. Reihenweise blitzen die Achil- lsehelme auf den Stufen. Es gibt eine Sonnenfeite und eine Schattenseite wie bei Stierkämpfen. Fah­nen und Nationalhymnen. Das klassische Oval ist ein einziger Farbenrausch unter intensivem Blau. Die Schwalben flitzen hindurch wie Meteore, sie stoßen bockigen Fluges unerwartet herab bis zu den Nüstern der Springer, sie legen sich Allah ist groß! tatsächlich mit durchdringendem Riiiiiii- riiiiiiiihhhh! zwischen bie Ohren bes Vollbluts, baß es ben Bruchteil einer Sekunbe stutzt, um bann loszupreschen wie ein Grashüpfer.

Nun soll einer sagen, bas sei nichts für schöne Frauen. Auf bas Turnier hin haben sie ihre Som­merkleiber bestellt, ach, was heißt Kleiber bei solchen Duftgeweben unb Organdi-Gespinsten! Niemand wandelt unkritisiert unter Pinien, sie wissen es. Da blassen die rotrauschenden Azaleen, da verstecken sich die geschlagenen Kamelien, die Gänseblümchen emp­finden es als Ehre ober süßes Opfer, von so rassi­gen Pumps plattgetreten zu werben. Nirgends ist bas Betreten des Rasens verboten". Man schlürft den Eiskaffee auf jungem Gras, es gibt raffinierte Neuheiten an Gelati und Cassate, Gefrorenem in allen Parfüms und Farben. Nein, die Zypressen- fäulen stehen nicht auf einem Rennplatz, hier ist kein Geschäftslokal für Buchmacher, die Mädchen blühen nicht für ein Modehaus. Hier ist taffächlich das Stelldichein der Grazien.

Halbgötter die Cavalieri, die Reiter. Kein Wun­der, wenn auch ein Campionato Amazzoni und ein Premio Amazzoni ausgeschrieben sind. Die dänische Baronessa Varvara H a s s e l b a ch , die Ungarin Lukacs, die Herzogin von Morignano, die Contessina Macchi di Cellere was haben sie alle Chancen!

Bleibt nur die Frage: Was sagen eigentlich die Gäule dazu?