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Nr. 180 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzelger für Gberheffen)

5am§tag, 4. August 1054

Wandern und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.

Konstanz aus der Ferne.

Von Gustav W. Eberl in, Rom.

Bon der Peterskuppel aus sieht man Konstanz.

Und wenn ich neben Mussolini auf dem Kapitol stehe und den Blick in die Ferne schweifen lasse, so sieht der Duce Nom und ich s e h e K o n st a n z.

Und wenn ich auf Tuskulums heilige Höhen hin­aufsteige, dann liegt dort unten wieder die Stgdt der Städte, dehnt sich ins Mastlose die Campagna, das Gräberfeld der Antike, leuchtet auf das Meer und steigt auf aus diesem leuchtenden, Meer die Stadt am Bodensee: Konstanz.

Denn wo der Deutsche auch sei, immer sieht er die Heimat vor sich, und Konstanz liegt am Rande des Reiches,'ist die südlichste Stadt Deutsch­lands, ist das Eingangstor d e s Vater­landes. Und wenn es nicht die südlichste Stadt sein sollte, nun, dann geht, eben die Geographie falsch. Oder glaubt jemand im Ernste, daß sich ein deutsches Herz täuschen kann?

Ich weist im Augenblick nicht, wiegroß" Kon­stanz ist, für mich jedenfalls ist es größer als Rom, wenn schon die Große, an der Einwohnerzahl oder am Flächenmaß gemessen, ein Werturteil begründen kann. Sicher weiß ich, daß die Stadt am Schwäbi­schen Meer die schönste ist, wie die Geliebte immer die schönste Frau. Und ich liebe sie.

Wer liebt sie nicht? Ist sie nicht liebenswert und liebens-würdig? Das Wort in seinem ur­sprünglichen, wie in seinem gegenwärtigen Sinn genommen.

Konstanz ist großzügig, in seinen Seeanlagen großzügiger als Zürich, mit dem es so viel Aehn- lichkeit hat. Es gibt kein anderes Städtchen auf Gottes weiter Welt, das sich in dieser Hinsicht mit ihm messen könnte, denn auch diese Großzügigkeit wird nicht durch Ausdehnung und Umfang bestimmt, sondern durch Geschmack. Ob die großen weihen Dampfer herantuten oder die Motorboote hinaus- slitzen, ob man ein Ruderboot mietet oder ins Wasserflugzeug steigt, immer fühlt man Weite und Höhe, Licht und Ausblick, als ob das Weltmeer vor einem liege. Und dreht man sich um, schaut in die erste Straße hinein, so steht sie da in ihrem ganzen unvergleichlichen Reiz des An­heimelnden, die deutsche Kleinstadt! Was käme ihr gleich? Streift durch den Süden, wandert im Nor­den, sucht in Rußland oder Amerika nichts, nichts, was unmittelbar zum Herzen spräche. Beschreiben läßt sich das schwer, und je weiter einer herumgekommen ist, desto mehr erkennt er den Sinn dieser fast unbegreiflichen Tatsache. Das ist nicht nur Heimatsgefühl, o nein, das empfinden auch die Ausländer Nicht umsonst verlassen die Amerikaner ihre Wolkenkratzer und pilgern zu unseren Giebeln, ohne geringschätzig zu lächeln. In diesen Häusern wohnt etwas, was man nicht kaufen kann: Seele.

In Konstanz kommt sie zum Ausdruck, wunder-

Nun soll nur keiner glauben, daß ich blind wäre gegen die Fehler meiner Geliebten. Einiges gefallt mir nicht, zum Beispiel das durch Kleinlichkeit ver­unglückte Kriegerdenkmal mitten in der seelenadeli­gen Straße, und ein noch größeres Verkehrshinder­nis ist die Rheinbrücke, die erste, die über den heiligen Strom der Deutschen führt und nun einen Namen trägt, vor dem wir den Hut abnehmen. Schon jenem zuliebe sollte sie befreit werden von der drückenden Enge. Auch ist mir bekannt, daß die Bahnlinie auf die denkbar ungeschickteste Weise die Stadt vom See abgeschnitten hat. Aber das alles sind keine Untugenden, sondern ausmerzbare Fehler.

Die Tuaenden? Es wäre kein Anfang und kein

Ende. Da sind Berge und Täler, da ist ein Sieg- friedswald neben dem andern, da ist immer wieder der Bodensee und immer wieder ein anderer, der Ueberlingersee, der Gnadensee. Wer stiege uner­griffen wieder vom altehrwürdigen Münster herab? Wen machten die blitzblanken Außenquartiere nicht stolz? Wer möchte nicht durch die Gassen wunder­licher Namen schlendern und in den immer weih­nachtlichen Läden einkaufen?

Heiter die Stadt, heiter ihre Bürger. Blanke

Augen und blanke Räder haben die Mädchen, sie sind das erste, was einem auffällt, und die Zigarren kaufe ich bei Herrn ja, jetzt weiß ich nicht mehr, heißt er Gotterbarm oder Leibundgut? Solche Namen gibt es. Das gehört irgendwie dazu.

Konstanz, urdeutsche Stadt, dich schaut man nichi an wie eine Ansichtskarte, dich erlebt man. Und aus welcher Ferne man immer dich erblickt und fühlt, du mußt unsere verliebten Worte hören: Wie bist du schönl Wie beglückend du bist!

Wanderfahrten.

Bad-Nauhelm Steinfurth Münzenberg Arnsburg Cid).

Diese Wanderstrecke, die fast durchweg mit blauen Ringen bezeichnet ist, führt durch den interessan­testen Teil der Wetterau, ist jedoch nur für Früh­jahr oder Herbst zu empfehlen. Wir überschreiten bei der Station Bad-Nauheim den Bahnkörper und gelangen über den Goldstein nach dem durch seine Rosenkulturen berühmten Steinfurth, das zur Blüte­zeit ganz prächtige Bilder aufweist. An zahlreichen Rosenfeldern vorüber geht unser Weg, später auf dem sog. Judenpfad über den Galgenberg mit den Ueberresten eines alten Galgens hinauf zum Wetterauer Tintenfaß", der Burg Münzenberg. Wir besichtigen das mächtige Bauwerk mit seinen zum Teil noch wohlerhaltenen Burgmauern und besteigen den einen der beiden Bergfriede, um von seiner Plattform die herrliche Rundschau zu ge­nießen. Zum Abstieg benutzen wir zweckmäßig rote Striche, die uns über Trais-Münzenberg auf der alten Römerstraße nach Arnsburg bringen, wo wir wieder auf die blauen Ringe stoßen. Nach einer Erholungspause in der bewirtschafteten Klostermühle und einer gebührenden Besichtigung der Ruinen des ehemaligen Klosters führt uns unser altes

Zeichen durch das liebliche Gottesackertal nach ins­gesamt fünfstündiger Wanderung nach unserem Endziel Lich.

Sinn Merkenbach Hirschbergkoppe Greifen­stein Edingen.

Von unserem Ausgangspunkt, dem industriereichen Städtchen Sinn, wandern wir ohne Zeichen in westlicher Richtung durch Merkenbach mit seinem weithin sichtbaren'Wasserturm hinauf nach der im Driedorfer Forst gelegenen 538 Meter hohen Hirsch­bergkoppe, von der sich stellenweise eine schöne Aus­sicht bietet. Eine Schutzhütte auf dem Gipfel ladet zur Rast ein. Der Weitermarsch führt uns auf dem bewaldeten Kamm des Höhenzuges entlang bis zum Reitelsberg (521 Meter), von dem uns ein Weg abwärts leitet. Nach kurzer Zeit treffen wir die von Beilstein kommende blaue Strichmarkierung, der wir, stets durch stattlichen Hochwald, bis Grei­fenstein folgen. Beim Austritt aus dem Wald zeigt sich uns ein prächtiges Panorama. Nach Besich­tigung der gewaltigen Burganlage und der sehens­werten Kirche steigen wir auf aussichtsreichem Weg hinab nach unserem Endziel Edingen. Dauer der Wanderung, zu der eine gute Karte unerläßlich ist, 4V2 Stunden.

Blick von der Wartburg.

Im grünen Herzen Deutschlands.

Von hier oben, von Turm und Wehrgana ber Wartburg, geht der Blick weit über das Land. Ringsherum breitet sich ein in allen Farbenstufun­gen von Grün und Gelb gewirkter Teppich unter dem tiefblauen Rund des Himmels aus. Das Sin­gen und Rauschen der Wälder und der kräftige Ge­ruch der Felder schlägt in unsichtbaren Wellen bis zu dieser Höhe empor, und der Gast spürt in tiefer Gewißheit die Wahrheit des so oft mißbrauchten Bildes von dem Ort im Herzen Deutschlands. In der Landschaft um Eisenach, die das leuchtende Kreuz der Burg beschirmt, scheinen sich die Kraft- und Atemströme der heimischen Erde zu ruhig ver­nehmbarem Pulsschlag zu sammeln und Tal und Höhen mit den unvergänglichen Gestalten der deut­schen Sagen- und Märchenwelt zu beseelen.

Als Goethe im Jahre 1777 auf der Wartburg weilte, da schrieb er trunken vor Begeisterung: Diese Wohnung ist das Herrlichste, was ich je er­lebt habe, so hoch und froh, daß man hier nur Gast sein muß-, sonst würde man vor Höhe und Fröhlichkeit zunichte werden." Und später als reifer Mann verband sich ihm die erhabenen Stimmung dieser schönen Stätte mit der Zärtlichkeit für die ge­liebte Frau von Stein , wenn er ihr schrieb: Wenn ich Ihnen nur diesen Blick, der mich nur

kostet aufzustehn vom Stuhl, hinübersenden könnte! ... Liebste, ich hab' eine rechte Fröhlich­keit daran, ob ich gleich sagen mag, daß der be­lebende Genuß mir heute mangelt, wie der lang Gebundene reck' ich erst meine Glieder. Aber mit dem echten Gefühl von Dank, wie der Durstige ein Glas Wasser nimmt und die Heiligkeit des Brun­nens und die Liebheit der Welt nur Nebenweg schaut. Wenn's möglich ist, zu zeichnen, wähl ich mir ein beschränkt Eckchen, denn die Natur ist zu weit herrlich hier auf jeden Blick hinaus!" Und ein solchesbeschränkt Eckchen", von dem die Augen den unermeßlichen Liebreiz und die sonnendurch­wärmte Pracht des thüringischen Landes trinken können, findet sich noch immer, und wie einst fühlt sich der Gast von dem romantischen Burgengewirr, von Winkeln und Gäßchen, von Rosengerank und Butzenscheiben verlockt und gefesselt. Vor dem Fen­ster des Lutherstübchens, in dem der Reformator einst mit dem Teufel gerungen haben soll, sind schon die Rosen verblüht. Selbst die Lautesten und Selbst­sichersten unter den Besuchern werden still, wenn sie den kleinen Raum für eine kurze Weile betreten.

Auf der schweren Zugbrücke steht vor dem dunklen Tor ein Soldat gegen den Himmel. Unter seinem Stahlhelm, mit unverwandtem.Blick in die Ferne,

wächst er empor zu einer zeitlosen Erscheinung, zur Verkörperung des Kriegers und Wächters, mit allen seinen Sinnen an die große Aufgabe, an den Schutz von Erde und Himmel, hingegeben.

In vielen Windungen führt der Weg von der Wartburg durch die Kühle des Laubwaldes. Wie eine Klamm in den Alpen rücken im Anna- cknd Mariental, die auch in der Bruthitze des Sommers noch moosfreien Felsen zusammen, "lieber den Spalt, der nur einen schmalen Streifen des Himmels her­einläßt, neigen sich die Arme gertenschlanker Bu­chen. Auf der Hohen Sonne, dem beliebtesten Sonn­tags-Ziel der Eisenacher Bürger, wird der Wan­derer reich belohnt. Wendet er den Kopf zurück, so erblickt er wieder zwischen den Kulissen der ge­waltigen Baumriesen, die wie in Ehrfurcht zurück- treten, die Silhouette der Wartburg und das weit­aufragende Kreuz, ein Zeichen aus unwirklicher Ferne.

Vor Wilhelmstal, wo früher die Großherzöge von Sachen-Weimar ihre Sommerresidenz hielten, lichtet sich der Wald; in ihn eingebettet liegen schöne Wie­sen, über die metallen aufblitzende Libellen streifen. Dann wird der Wald zum Park mit jahrhunderte­alten Bäumen. Auf dem Wasser blühen Rosen, weiß und unerreichbar. Das Schloß verbirgt sich wie ein verwunschenes Idyll hinter den mächtigen Zwei­gen. Der Wind fährt leise über die Wipfel der Bäume, die Märchenwelt des Waldes tut sich auf und nimmt den Traumseligen in ihre Arme. Am Himmel, dicht über dem Rand der Hügel, taucht das. blasse Horn des Mondes empor. doe.

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