Ausgabe 
31.3.1939
 
Einzelbild herunterladen

Zreitag, den 31. März

Jahrgang 1939

Nummer 26

ömmgm Ä)ivrungen

Vornan Son Theodor Montane

10. Fortsetzung.

Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Grotzböttchermeister, und lütte bloß ein Auge: das heißt, das andere war auch noch da, man bloß innj weiß und sah eigentlich aus wie ne Fischblase. Un wovon war es? hn Reisen, als er ihn umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze gerat) ins Auge. Davon war es. Ob er von da herstammt?"

Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen."

Ach so. Na, denn is es ja ganz natürlich."

Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über diese Naturlichkeits- -ersicherung weiter aufklären zu lassen, und fuhr ihrerseits fort:Un ion Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage. Da ging er hin. t u er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, iber als er sah, daß es nich ging, wurd er Doktor und zog rum mit liufer kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben. Und weil er so gut iredigte, wurd er angestellt bei... Ja, nun hab ich es wieder vergessen, iber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige."

Herr, du meine Güte", sagte Frau Dörr.Er wird doch nich... irtt, wie heißen sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs «der sieben und" manche noch mehre... Ich weiß nich, was sie mit so riefe machen." ...

Es war ein Thema, wie geschossen für Frau Dorr. Aber die Nimptsch ferutjigte die Freundin Zind sagteNein, liebe Dörr, es is doch anders. ?ch hab erst auch so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: > bewahre, Frau Nimptsch. Ich bin Junggesell. Und wenn ich mich ver- Mrate, da denk ich mir, eine ist grade genug.'

Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen", sagte die Dörr.Und wie km es denn nachher? Ich meine, drüben in Amerika."

Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war i m geholfen. Denn was die Frommen find, die helfen sich immer unter­mander. Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier rfeber. Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Wpnicker Straße, wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne mb alles, was sie für den Gas brauchen. Und er ist da der Oberste, so nie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat wohl hundert unter sich. Un is tri sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh. Un h»t auch ein gutes Gehalt."

Un Lene?"

Nu, Lene, die nähm ihn schon. Und warum auch nid)? Aber sie kann V den Mund nicht halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann uirb sie ihm alles erzählen, all die alten Geschichten; erst die mit Kuhl- ttein (un is doch nu schon so lang, als wär's eigentlich gar nich gewesen) tiib denn die mit dem Baron. Und Franke, müssen Sie wissen, ist ein firner un anständiger Mann, un eigentlich schon ein Herr."

Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; Dzu denn? Wir wissen ja auch nich alles."

Wall, woll. Aber die Lene ..."

Achtzehntes Kapitel.

Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin Haren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und utter und Schwiegermutter, die sich mit jedem Tage mehr emrebeten, 'Ire Käthe blasser, blutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben, h-lten, wie sich denken läßt, nicht aufgehört, auf einen Spezialarzt zu gingen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Utferfudjungen, eine vierwöchentliche Schlangenbader Kur als vorläufig verläßlich festgesetzt worden war. Schmalbach könne bann folgen. Käthe wtfe gelacht unb nichts davon wissen wollen, am wenigsten von Schlan- Mbab,cs sei so was Unheimliches in dem Namen, und sie fühle schon I6ik Aiper an der Brust"; aber schließlich hatte sie nachgegeben unb in den Mn beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden, die Süßer war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich in ll! Stadt, um Einkäufe zu machen, und wurde nidjt müde, zu versichern, sie jetzt erst das so hoch in Gunst und Geltung stehendeshopping r1- englischen Damen begreifen lerne: so van Laden zu Laden zu wan- unb immer hübsche Sachen unb höfliche Menschen zu finden, das a doch wirklich ein Vergnügen unb lehrreich dazu, weil man so vieles *>e, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin nicht einmal 'fa Namen gehört hätte. Botho nahm in der Regel an diesen Gängen l|» Ausfahrten teil, unb ehe die letzte Juniwoche heran war, war bie "i-be Rienäckerfche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reise- l-kten umgewandelt: ein Riesenkossex mit Messingbeschlag, den Botho

mcht ganz mit Unrecht denSarg seines Vermögens" nannte, leitete den Reigen ein; bann kamen zwei kleinere von Iuchtenleder, samt Taschen, Decken unb Kissen, und über bas Sofa hin ausgebreitet lag bie Reife­garberobe mit einem Staubmantel obenan unb einem Paar wunbervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich um irgendeine Gletscherpartie gehandelt hätte.

Den 24.3uni, Johannistag, sollte bie Reise beginnen; aber am Tage vorher wollte Käthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln, unb |o waren denn Wedell unb ein junger Osten unb selbstverständlich aud) Pitt unb Serge zu verhältnismäßig früher Stunde geladen worden Dazu Käthes besonderer Liebling Balafrä, her bei Mars-la-Tour, damals nod) alsHalderstäbter", bie große Attacke mitgeritten unb wegen eines wahren Prachthiebes schräg über Stirn unb Backe seinen Beinamen erhalten hatte.

Käthe saß zwischen Wedell unb Balafre unb sah nicht aus, als ob sie Schlangenbabs ober irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei; sie hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begnügte sich, wenn ber Gefragte zu sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich führte sie bas Wort, unb keiner nahm Anstoß daran, weil sie bie Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte. Palafre fragte, wie sie sich ihr Beben in den Kurtagen benke? Schlangen- bab sei, nicht bloß wegen seiner Heilwunber, fonbern viel, viel mehr nod) wegen seiner Langenweile berühmt, unb vier Wochen Babelangeweile seien selbst unter ben günstigsten Kurverhältnissen etwas viel.

Oh, lieber Balafre", sagte Käthe,Sie bürfen mich nicht ängstigen unb würden es aud) nicht, wenn Sie wüßten, wieviel Botho für mich getan hat. Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt, unb bamit sich meine Phantasie nicht kur- ro-ibrig erhitze, hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan.'

Balafre lachte.

Ja. Sie lmhen, lieber Freunb, und wissen doch erst bie kleinere Hälfte, die Haupthälfte (Botho tut nämlich nichts ohne Grund unb Ur­sache) ist feine Motivierung. Es war natürlich bloß Scherz, was ich ba vorhin von meiner mit Hilfe der Fifchzuchtsbrofchüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das Ernste von der Sache lief darauf hinaus, ich müsse dergleichen, die Broschüre nämlich, endlich lesen, und zwar aus Lokal­patriotismus; denn die Neumark, unsre gemeinsame glückliche Heimat, ist seit Jahr und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte ber künstlichen Fisch­zucht, unb wenn ich von diesem nationatökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte, fo dürft ich mich jenfeits ber Ober im ßanbsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne."

Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab unb fuhr fort:Ich weiß, was du sagen willst, unb daß es wenigstens mit ben acht Novellen nur so für alle Fälle fei. Gewiß, gewiß, du bist immer fo schrecklich vorsichtig. Aber ich denke, ,aUe Fälle' sollen gar nicht kommen. Ich hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Gräoenitz sei feit acht Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante Blondine, mit der ick) bei ber alten Zülow in Pension unb sogar in berfetben Klasse war. Unb ich entsinne mich noch, wie mir unfern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten, bis bie gute alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen Unsinn. Unb Elly Winterfelb, wie mir Ine schreibt, käme wahrscheinlich auch. Unb nun sag ich mir, in Gesellschaft von zwei reizenben jungen Frauen unb ich als brüte, wenn auch mit ben beiben andern gar nicht zu vergleichen, in fo guter Gesellschaft, sag ich, muß man doch am Ende leben können. Nicht wahr, lieber Balafre?"

Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, bas in allem, nur nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen irgendwen sonst in ber Welt, feine Zustimmung ausbrürfen sollte, nahm aber Nichtsbestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte: Wenn ich Details hören könnte, meine Gnädigste! Das einzelne, sozu­sagen die Minute bestimmt unser Glück unb Unglück. Und der Tag hat der Minuten so viele."

Nun, ich denk es mir so. Jeden Morgen Briese. Dann Promenaden­konzert und Spaziergang mit ben zwei Damen, am liebsten in einer ver­schwiegenen Allee. Da setzen wir uns bann unb lesen uns die Briefe vor, die wir dock) hoffentlich erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt, unb sagen ,ja, ja'. Und dann kommt das Bad, unb nach dem Bade bie Toilette, natürlich mit Sorglichkeit und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher fein kann als in Berlin. Cher das Gegenteil. Unb bann gehen wir zu Tisch unb Haden einen alten General zur Rechten unb einen reichen Jnbustriellen zur Linken, unb für In­dustrielle hab ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, bereit ich mich nicht schäme. Denn entweder Haden sie neue Panzerplatten er­funden ober unterseeische Telegraphen gelegt oder.einen Tunnel gebohrt

SieRenerScimilicnblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger