Ausgabe 
27.3.1939
 
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SiehenerKnmlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1959 Montag, den 27. März Nummer 25

Irrungen Wirrungen

Roman öon Theodor F'ontane

9. Fortsetzung.

Latz nur, Lene, laß nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Dörr, sie red't soviel un immer von ihrem Mann. Und ich hab ja mein Feuer. Und wenn der Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Töte mitbringst, ich habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon löst so ..."

Schön, Mutter."

Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlaßen und war erst die Kurfürsten- und dann die lange Potsdamer Straße hinunter­gegangen, auf den Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten. Alles verlief nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch röstete, vergnügte sie so, daß sie stehenblieb und sich das bunte Durch­einander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurde erst auf- gerllttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte.

Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt mar, dann aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf- Apostel-Kirche.Gerade zwölf", sagte sie.Nun ist es Zeit, daß ich mich eite; sie wird immer unruhig, wenn ich später komme, als sie denkt." Und so ging sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wußte nicht, wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho, der mit einer jungen, schönen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter^heitre Dinge, denn Botho lachte beständig, mährend er zu ihr niederblickte. Diesem Umstande verdankte fie's auch, daß sie nicht schon lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich vom Trottoir her nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran, vor dem, mutmaßlich als Deckel für eine hier befind­liche Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte Eisenplatte lag. Das Schau­fenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwarenladens mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichtern und Mixed-Pickles-Flafchen; nichts Besonderes, aber Lene starrte darauf hin, als ob sie dergleichen noch nie «gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber, und kein Wort entging ihr Don dem Gespräche, das zwischen beiden geführt wurde.

Käthe, nicht so laut", sagte Botho,die Leute sehen uns schon an.

Laß sie ..."

Sie denken am Ende, wir zanken uns ..

Unter Lachen? Zanken unter Lachen?"

Und sie lachte wieder.

Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte, daraus sie stand. Gin waagerecht liegender Messingstab zog sich, zum Schutze der großen Glasscheibe, vor dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, ols ob sie, wie zu Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, daß beide weit genug fort waren, wandte sie sich wieder, um ihren Weg fort- ^usetzen. Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob ihr die Sinne schwänden, unb kaum, daß»sie die nächste nach dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten, dessen Gittertür offenstand. Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe, wenige Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.

Als sie wieder erwachte, sah sie, daß ein halbwachsenes Mädchen, ein Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand und sie teilnahmvoll anblidte, während von der Verandabrüstung aus eine alte Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte iu. Das halbwachsene Mädchen ober sah ihr traurig-verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem Kinderherzen eine ernste Vorstellung öon dem Leid des Gebens gedämmert hätte.

Gene war inzwischen, Sen Fahrdamm passierend, bis an den Kanal ülekommen und ging jetzt unten an der Böschung entlang, wo sie sicher 1 ein durfte, niemandem zu begegnen. Von den Söhnen her blaffte dann und wann ein Snjtz. und ein dünner Ranck. well Mittag war, stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf. Aber sie sah und hörte nichts ober

war wenigstens ohne Bewußtsein dessen, was um sie her vorging, und erst als jenseits des Zoologischen die Häuser am Kanal hin aufhörten und die große Schleuse mit ihrem drüberwegschichrnenden Wasser sichtbar wurde, blieb sie stehen und rang nach Guft.Ach, wer meinen könnte." Und sie drückte die Hand gegen Brust und Herz.

Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber, ohne daß ein Wort ober Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre. Mit einem Male aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen war, von ihrem Herdfeuer aus und erschrak, als sie der Veränderung in Levens Gesicht gewahr wurde.

Gene, Kind, was haft du? Gene, tbie siehst du nur aus?" Und so schwer beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehen von ihrer Fußbank los unb suchte nach bem Krug, um bie noch immer wie halbtot Dasitzenbe mit Wasser zu besprengen. Aber der Krug war leer, unb so humpelte sie nach bem Flur unb vom Flur nach Hof unb Garten hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade Goldlack und Je­längerjelieber adschnitt, um Marktsträuße daraus zu binden. Ihr Alter aber stand neben ihr und sagte:Nimm nid) wieder zuviel Strippe."

Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rusen der alten Frau von fernher hörte, verfärbte sich unb antwortete mit lauter Stimme:Komme schon, Mutter Nimptsch, komme schon", und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, daß da was los (ein müsse.

Richtig, dacht idjs doch Gencfen." Und dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor wie leblos Dasitzenbe, während die Alte langsam nachkam unb über den Flur hinschlurrte.

Wir müssen sie zu Bett bringen", rief Frau Dörr, und bie Nimptsch wollte selber mit anfassen. Ader so war baswir" ber stattlichen Frau Dörr nicht gemeint gewesenIch mache so was allein, Mutter Nimptsch", unb Genen in ihre Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu.

So, Mutter Nimptsch. Nu ne heiße Stürze. Das kenn ich, das kommt von? Blut. Erst ne Stürze un dennn Ziegelstein an die Fußsohlen; aber gerab untern Svann, da sitzt das Geben ... Wovon is es denn eigentlich? Is gewiß ne Altration."

^,Weiß nidj. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, daß sien viel­leicht gesehn hat."

Richtig. Das is es. Das kenn ich ... Aber nu die Fenster zu un runter mits Rollo ... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwächt so unb is eigentlich bloß für Motten. Nein, liebe Nimvtschen, was ne Natur is un noch dazu solche junge, die muß sich immer selber Helsen, un darum bin ich für schwitzen. Aber amtlich. Un wovon kommt es? Von die Männer kommt es. Un doch hat man sie nötig un braucht sie ... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe."

Wolln wir nid) lieber nachn Doktor schicken?"

I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon dreimal dod und lebendig."

Siebzehntes Kapitel.

Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, während welcher Zeit sich manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise ver­ändert hatte, nur nicht in dem in ber Lanbgrasenstraße.

Hier herrschte bieselbe gute Gaune weiter, ber Frohmut ber Flitter­wochen war geblieben, unb Käthe lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht betrübt hätte: daß das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfunden. Sie lebte so gern unb sand an Putz und Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genüge, daß sie vor einer Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak, als sie herbeiwünschte. Der Sinn für Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen, und als die Mama --brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte, schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück:Sorge Dich nicht, Mama. Bothos Bruder hat sick) ja nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich überlaß es gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker angelegen fein zu lassen."

Botho sah es anders an, aber auch sein Glück wurde durch das, was fehlte, nicht sonderlich getrübt, und wenn ihn trokdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf feiner Dresdner Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern, aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflächlich unbspiel- rig", als ob sie ber Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen unb unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Und was das schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen Vornig. wußte sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen.Aber, Käü>«> Käthe",,rief Botho bann wohl unb ließ in biesem Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen; ihr