Beratung beschlossen sie, in die Boote zu gehen, um rudernd das rettende Land zu erreichen. Dte Segel wurden gesetzt, und bet leidlich gutem Wetter ging es dem Festlande zu. *
Nur zwei Tage sollte die Fahrt dauern, dann verhinderten undurchdringliche Eisbarrieren jedes weitere Vordringen. Man mußte sich entschließen, die Boote über das Eis zu ziehen und aufs neue auf dem Elfe zu kampieren. Kaum 500 Schritte wurden die Boote an einem Tage von der Stelle gebracht. Fast einen Monat lang leisteten die 14 Männer bei halber Ration eine unerhörte Arbeit.
Am 4 Juni wurde endlich Land erreicht. Die letzten Anstrengungen hatten die „Hansa"°Männer derart mitgenommen, daß man zunächst einen Ruhetag einlegen mußte. Eine Woche lang fuhren dann die Boote längs der grönländischen Küste nach Süden. Am Ufer zeigten sich die ersten Spuren einer armseligen Vegetation, ein paar matte Rasenflecke, Moose und Flechten. Nach Tagen segelten die „Hansa"-Männer in eine weite Bucht, rote Dächer tauchten auf, und auf den Klippen standen Menschen, die gespannt und voll Aufmerksamkeit die Fahrt der drei geheimnisvollen Boote verfolgten, die aus dem Norden kamen.
Die Manner der „Hansa" gingen in Friedrichsthal an Land. Die Fahrt auf einer Eisscholle, einzig in der Geschichte der Nordpolfahrten, hatte nach genau 200 Tagen ihr glückliches Ende gefunden.
Brbeitstaq.
Von Heinrich Lersch.
Ich gehe mit der Sonne Ins stille Werk hinein, Die ruhenden Maschinen Ragen im Frührotschein.
Schon zischt mit straffem Sausen Die Preßluft durch das Rohr.
Nun drängen die Kollegen In Scharen durch das Tor.
Mein Hammer donnert nieder, Well ich der erste bin, Stahl-Lärm und Eifen-Krachen Dröhnt durch die Halle hin.
Aufwölken Schmiedefeuer, Die Räder rollen an, Es drehen die Maschinen, Im Werk wühlt Mann um Mann.
Ich hämmre mit den andern In Schmiedestaub und Sck)weiß. Blut glüht in Schaffensfreude: Werk wird aus Will' und Fleiß.
Mit Lohn und Brot erfüllt mich Die wohlbestandne Pflicht, Im Glanz der Mittagssonne Aufglüht mein Werk im Licht.
Nach kurzer Rast mein Hammer Zu neuem Schaffen.schlägt: Mein Werk, ich will'dich tragen, Wie Gott die Erde trägt!
Oer Morgen.
Von Sigismund von Radeck i.
Nachts, wenn die Stadt, die sich so stolz gegen die Finsternis elektrisiert hatte, dieser schließlich doch gähnend nachgibt, wenn ein Stockwerk nach dem andern dunkelgeknipst wird, wenn die Autokörperchen der Ben kehrsadern mehr und mehr ins Gerinnen kommen und das ungeheure Berstummen uns Menschenmillionen endlich in den Schlaf hypnotisiert, — dann wirfst auch du deine Kleider auf den Stuhl und sinkst in dein Bett Aus einer See von Plagen läßt du dich von der weißen Klappe des Bettungeheuers verschlingen und räkelst dich vor wohliger Dankbarkeit in seinem Leibe. Endlich, wenn auch nur für den kurzen Uebergang zum Nichtsein, bist du ganz du selbst, wie dich Gott erschaffen und liegst da wie ein Kind, das das Leben vor sich, wie ein Toter, der das Leben hinter sich hat — liegst in diesem sanften Mittelding zwischen Sarg und Mutterleib und weißt nicht, ob du den Tag überdenken oder dich leise auf die Seite legen sollst, Wange am Kissen, um geschlossenen Auges die Milch der Unbewußtheit in dich einzutrinken. War der Tag böse — das Bett ist gut, war er gut — das Bette ist besser, denn es begreift dich ganz und verzeiht darum: weiß ist es, und weiß alles von dir"— wie du im Bett empfangen und geboren wurdest, wie du im Bette sterben wirst. Schliefst du in ihm hungrig ein, du wachtest gesättigt auf. Des Tags auf deinen zwei Beinen liefst du hierhin und dorthin, blicktest hinauf, nieder oder zur Seite, machtest vielleicht allerhand Faxen, dir und anderen was vor — doch hier hängt das alles abgestreift auf dem Stuhl: nur wenn du liegst, lügst du nicht, sondern ergibst dich in dein tägliches Sterben zum täglichen Wiederaufstehen. Der tote Punkt im rollenden Rad. Und ganz, ganz alt sinkst du hinüber.
Und ganz, ganz jung wachst du aus. Vielleicht noch erfüllt vom Traum. Doch wie ein Gazeschleier wird er dir sanft und schnell von den Lippen gezogen: du greisst nach ihm mit kraftlosen Säuglingshändchen und kannst gerade noch seinen letzten Zipfe! norm Verschwinden in irgendeiner Traumschubsade bewahren. Sehr zart mußt du ihn an diesem Zipfel zurückziehen, willst du den Traum wiederhaben, damit er ja nicht abreißt!...
Doch laß ihn fieber. Er komm! morgen wieder. Wer wird sich in ihn ein- hüllen, jetzt, wo doch alles Sichöffnen und Zukunft ist! Laß ihn, er ist wie ein Kino, wo man auf der Straße auch nicht mehr recht weiß, was man drinnen gesehen hat. Auch wünsche ich dir keinen Wecker. Das ist der stählerne Schlafmörder, den Segen des Aufwachens in einen Fluch verwandelnd: rasend schrillt er wie zum jüngsten Tag, so daß man erst merkt, wie tot man ist, und sich trostlos zum Lichtschalter tappt... Nein, leise wie ein Augenaufschlag sei auch dein Erwachen, daß man von ihm sagen kann: siehe, ich mache alles neu.....0 flaumleichte Zeit der
dunklen Frühe!"
Doch wer mag sich vom holden Unbewußten gleich loslösen? Wir deehen uns auf die ander« Seite, wir wollen weiterschlafen, noch und noch. Allein aib Acht: das ist die Zeit, da sich das Schicksal deines Tages entscheidet Denn irgendein Punkt in dir bleibt trotz alledem wach, und wehrlos liegt dein junges Denken allem preisgegeben, was" du gestern mit den Kleidern ablegtest. In dieser Weile, da du geschlossenen Auges daliegst, kann der Haß über dich Gewalt gewinnen und träufelt dir behutsam das alte Gift von gestern ein; der Unmut über ein verletzendes Wort schwillt zum Zorn auf, zur Wut, zur grausig-süßen Ausmalung der Rachel Hier bist du ganz allein mit der Spottgeburt deines Gegners, dem Kopf wird heiß, hier hindert dich nichts: Einsamkeit macht Eremiten, aber auch Tollwütige. Alles Gift, das dein Körper zwar abgesondert hat, aber doch noch enthält, wird mobilisiert; die Moleküle der Bosheit kommen in Bewegung und verzerren dir die Menschheit zu einer FrcitzenweU. Und ohne daß du es ahnst, bist du selber zur Fratze deiner selbst geworden, hast die zarte Morgenkindheit in dir abgewürgt und erhebst dich ganz alt, mit geballter Faust. Griesgrämig fängt dein Tag an, und du lächerlicher Jupiter schleuderst Blitze.
Darum sei diese Zeit-des Wachseins auch die der Wachsamkeit. Scheuche die Fledermäuse fort, und es wird ein guter Tag, trotz allem. Denn sonderbar: eben diese Leidenschaft, die dein Hirn in Hassesabgründe entführt hätte, sie spannt sich ebenso willig zum Besseren ein und erhebt dich. Dann liegst du rote ein nacktes Kind auf der Morgenwiese mit allen Vieren ins Blaue strampelnd wie jenes Kindlein auf Philipp Runges Bild „Der Morgen" und siehst staunend aus großen Blumen Engel wachsen, die sich umarmen... So hebt nun die Zeit für dich an. Im Schlafe und Traume fpielteft du ja bloß mit der Zeit und sie mit dir; sie ließ. dich in einer Sekunde viele Jahre durchleben, ernst war es ihr nicht damit. Jetzt aber bist du in sie hinein erwacht, und Zeit besteht aus „Eins, Zwei, Drell", aus Anfang, Mitte und Ende — allein es ist der Anfang, den sie dir nun vor allem schenkt, jener dröhnende Glockenscklag Eins!, der alles Nachtunwesen zerflattern macht. Zeit ist am schönsten, wenn sie stillsteht: „... und da entstand die Zeit — dieweil sie staunend still stand vor der Ewigkeit".
Doch immerhin mußt du aufstehen. Zu Bett gehen kann jeder Narr, heißt es, aber zum Ausstehen braucht es einen ganzen Mann. Es ist kalt und dunkel, es brennt Licht. Doch dieses brennende Licht ist ein anderes als gestern nacht. Nachts war es fieberhaft, flackernd, rebellisch gegen das verhängte Dunkel und wollte mit Gewalt etwas fortsetzen, was ichon untergegangen war: die Sonne. Aber die frühe Flamme, das Feuer- zünden bei Sternenschein, das Licht nicht nach, sondern vor der Sonne ist nicht unnatürlich, sondern geistig: es ist Hoffnung. Es wartet andächtig auf das Schöpfungslicht, um vor ihm zu verlöschen. Die frühe Flamme ist dem ftühen kalten Wasser verwandt — beide sind heilige Nüchternheit. N.chts ist so heimelig als zwischen Schlafeswärme und Morgenfrösteln am Herbst uer die Sonne zu erwarten.
Darum liebe ich die dunkelste Zeit des Jahres. Zum Trost für die Düsternis schenkt sie uns den großen Sonnenaufgang, den sonst verschlafenen, in den goldglänzenden Morgenkaffee, und du kannst das Wim- pernaufschlagen des Sonnenauges, das dich wirklich ansieht, sozusaaen gratis genießen. Morgenstunde hat jetzt Richt nur, weil man gähnt, Gold im Munde. Und merkwürdig ist, daß auch an trübsten Tagen dieses erste Durchflammtwerden des Himmels fast stets sichtbar wird.
Wunderbar ist so ein Großstadtmorgen. Nicht der in den Häusern, wo die Wecker die finsteren Etagen durchrasseln, sondern der draußen. Geisterhaft bescheint noch eine Laterne die beschneiten Verdecke von ein paar obdachlosen Autos, allein der Aspbalt spiegelt schon eine Himmelsahnung. Gespenstig schweben mehlbleiche Bäckerjungen auf Fahrrädern vorüber, lautlos, jeder mit dem Brötchenkorb unterm Arm. Die Tür aber zur „Feinbäckerei und Konditorei" steht offen; eine weißbekleidete Verkäuferin hantiert im grünen Gaslicht von Spiegeln und Marmorplatten, und der Duft des Brotes vermischt sich mit der dunklen Kälte. Die blaue Brüderschaft der Briefträger schwärmt in Gruppen aus, jeder schwer bepackt mit Grüßen, Absagen, Beteuerungen und Wünschen für alle die Schläfer, die das nach einer Stunde in der Seele spüren werden. Allererste Foxterrier streben ungestüm dem nächsten Baume zu. Schulkinder mit Ranzen schlendern langsam, alles rechts und links beguckend, durch die Dämmerung. Oh, sie sind ganz wach — Kinder verstehen noch zu erwachen —, denn sie sind selber Menschenmorgen, sind selber jung wie diese Stunde! Immer komme ich an dem beleuchteten Parterrefenster vorbei, wo die sechs kleinen Waisenmädchen am Tisch ihr Frühstück auslöffeln ... manchmal aber ift's noch nicht so weit, und nur die sechs ausgerichteten Löffel warten stumm. Das ist dann ebenso rührend wie zwei vor die Schlaszimmertür herausgestellte Kinderstiefelchen, oder wie wenn die Enten fortgeflogen sind und nur eine süße Flaumfeder auf dem Wasser schaukelt.
Und dabei geschieht alles ganz stumm, ganz leise, wie in einer Pantomime, weil das große Wort noch nicht gesprochen ist. Aber jetzt ist in das Fensterglas der höchsten Etagen etwas gekommen, plötzlich werden selbst die nadeldünnsten Baumäste schwarz vor dem Goldrand, irgendwelche kleine Bügel heben an zu zwitschern ... und jetzt, jetzt hat es gezündet: der erste Glockenschlag des Lichts hallt feierlich durch den Raum!
Und auf einmal ist alles wie verwandelt, die Hunde bellen, die Menschen sprechen ganz (aut, und auch die Autos machen bedeutend mehr Lärm. Die Sache geht wieder mal in Ordnung.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.


