Ausgabe 
23.12.1939
 
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zunehmen.

Dritter Teil.

Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. Druck und Verlag: Brühlsche Universität »druckerei, St. Lange, Gieße"

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Der September war gekommen. September, der den Liebenden, den Träumern, Dichtern und Künstlern |o liebe Monat; sanfter Uebergangs- monat zwischen dem glänzenden, »strahlenden, scheidenden Sammer und dem reichen, fruchtbaren, wehmütigen herannahenden Herbst. Die zeitig ergrünenden Bäume, die auch zuerst verwelken, lassen schon ihre röt­lichen Blätter aus die Wege fallen, das Sonnenlicht spielt malerisch in den abends am Horizont in dichteren Massen ausgehäuften Wolken. In der Natur herrscht seltsame Ruhe, wie in Erwartung einer tränen­losen Trauer. Die Brombeeren glänzen wie Trauben aus schwarzem Benrstcin aus den Sträuchern, die ihre langen schlangenförmiaen Ranken entblößt sehen lassen. Die schon kalt« Nachtluft bräunt die Ränder der

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

12. Fortsetzung.

Die Frösche und Kröten im Teich fuhren fort, sich mit ernster, schwer­mütiger Stimme zu unterhalten; Pappeln und Buchen spiegelten tm ruhigen Wasser mit metallischem Abglanz ihre dunklen Schattenrisse; die Sterne glänzten blaß wie die Liebe palleat amans, sagt Oviü am blaugrauen Himmel; eine Nachtigall sang über ihnen und im Herzen Roosjes. Sie fühlte sich geliebt und sah wohl, daß alles dies als Rahmen zu ihrem Glücke diente; aber still und anbetend schaute sie ihren stolzen Geliebten an, aus dessen Arme sie sich, die Hände faltend, mit ihrem ganzen Gewicht stützte, ohne daß er es auch nur zu bemerken schien.

Er sah, daß sie müde war, und wollte sie tragen. Sie weigerte sich lebhaft in dem Gedanken, daß er es wohl tun würde, aber nicht lange aushalten könnte. Vor allem aber war es Fraueneitelkeit, denn sie wäre sich vorgekommen wie ein Kind in den Armen der Amme, außerdem aber hätte man im Licht irgendeiner verräterischen Laterne die mangel­hafte Schnürung eines ihrer Schuhe bemerken können.

Sie gingen vom Jahrmarkts wieder fort.

Sieh", sagte er auf einmal, beredt und wie ein Dichter,betrachte diesen Stern/Benus, den hellen Stern, den Stern der Liebe und der Hoffnung. Sieh ihn an! Wer in allen seinen Schmerzen, Sorgen und Kämpfen diesen Stern nicht im Gedächtnis hat, der ist tot und wert, vor die Hunde geworfen zu werden."

Sie küßte ihm als Zeichen der Unterwürfigkeit die Hand, erwartete aber eine andere, bestimmtere Aeußerung von ihm, in der von Heirat die Rede sein sollte, wie eben die Töchter des Volkes und auch die andern es von denen erwarten, die behaupten, sie zu lieben.

Du wirst niemals allein sein, und der Arm, auf den du dich stützest . " _ _ L t

Er vollendete nicht, sondern bedeckte sie mit Küssen. Sie fuhr fort ihm die Hand zu küssen und war beinahe glücklich, aber die Ueberlegung, die Frauen niemals verläßt, das Gefühl, daß der Mann leichtsinnig und rücksichtslos ist, ließ die Freude, ihr Herz liebend schlagen zu fühlen, nicht recht aufkommen.

Von den Feldern her kam der beraufchende Dust blühenden Getreides.

Ich bin so müde", flüsterte sie.

Sie gingen in einen der Gärten, die den Teich entlang lagen, einen Garten, der mit Bäumen und Sträuchern in Laubensorm bepflanzt war; dje Lauben waren durch niedrige Hecken voneinander getrennt. Auf den Bänken sahen sie die Umrisse dicht aneinander geschmiegter Liebespaare, die im ungewissen, vom Teich widerspiegelten Licht des Himmels sich abhoben. Es war ganz still, als sei niemand hier. Ein weißgekleideter Kellner, der geräuschlos hin und her ging, wirkte in der Dunkelheit wie ein Gespenst. Die beiden Glücklichen ahnten, daß es in diesem Dunkel Streit, Eifersucht, Schmerzen und Küsse gab. Wie viele Liebespaare mochten hier sein, die in der dunklen Einsamkeit, im Stillschweigen der Nacht ihr Glück suchten und fanden?!

Draußen rauschten die Blätter, zirpten die Grillen, quakten die Frösche und Kröten. *

Von Zeit zu Zelt hörten sie auch schwere Tritte auf dem Weg und die Stimme irgendeines bierseligen Säufers, der ein unanständiges Lied Ö das Roosje erröten machte; er war entrüstet. Ihre Liebe war echt, und groß, so hestig sie auch loderte. So sahen sie Auge in Auge, vom blassen Lichte der Hellen und warmen Sommernacht beschienen, Hand In Hand, Mund auf Mund, sie auf seinen Knien.

Die Wärme des Bodens und des Himmels, die Ruhe der Bäume, die ihre eingeschlummerten Blätter hängen ließen, entfachten in ihnen das Feuer der Liebe. Für sie gab es nur noch Süße, Liebkosung, Güte!

Die böse Welt mit ihrem täglichen Streit entschwand ihnen. Si« berauschten sich an den Geräuschen der Liebesnacht, des Getreideduftes und aller Stimmen der Natur.

Und nun gab es nichts mehr als Einsamkeit, Abgeschlossenheit und Eifersucht! Nichts mehr, nicht einmal ihr Kind, das ein anderer ihr genommen hatte. Nichts als in einem Winkel des Friedhofs das ver­modernde Skelett dessen, den sie so geliebt hatte; nichts als Leere, schreck­liche Leere und das peinigende Schauspiel des Glückes eines gehaßten Mannes! Nein, das mutzte aufhören. Roosje wollte glücklich fein, geliebt von ihrer Tochter, aeliebkost, immer mit ihr ganz allein ohne diesen Taugenichts" von Gatten, in ihrem Hause, aus dem sie, wenn nötig, einen vergoldeten Palast machen würde, um Margaret« darin auf-

Dlätter. Die Rüben mtt ihren morgens vom Tau getränkten Blätter» zeigen über der Erde im blaffen Sonnenlicht ihre roten umfangreiche» ! Wurzeln Menschen, Vögel, Pflanzen und die ganze Natur scheinen z» begreifen, daß der Lebenssaft alles, was er konnte, gegeben hat nach den Gesetzen, die ihn regieren, und dah die Zeit gekommen ist, in der die scheinbar erschöpfte Quelle die eingeschlummerte Erde weniger reich- lich versorgt.

Paul und Margarete und selbst Siska, bis zu den Vögeln in de» Käsigen, unterlagen diesem wehmütigen Einflüsse des Herbstes. Roosje aber hatte andere persönliche, ehrgeizige und wilde Gedanken.

Bisher hatte sie die Gewohnheit, die Möbel mit blotzen Hände» abzustauben, das Geschirr mit heißem Wafser selbst zu reinigen und sich dabei die Finger zu verhärten; jetzt verbrachte sie einen große« Teil des Tages damit, diese Arbeitswerkzeuge besser zu behandeln, und zwar mit Mandelcreme, Jockeyklubseife und anderen Mischungen mit griechischen und französischen Namen, deren anreizende Geschäftsempfeh- iungen der Hautunvergleichliche Frische und Glätte" zu verleihen ver­sprachen. Seit einiger Zeit hörten Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Schuh, macher nicht auf, insSchloh", wie Roosje es nannte, Kleider, Röck^i Hüte und Schuhe zu bringen

Sie fragte ihre Lieferanten, Leute von Gefchmack und Ruf, um Rat und erschien bann bald so vornehm gekleidet, daß man fie aus einet i gewissen Entfernung für eine wirkliche groß« Dame hätte halte», können. Margarete war erstaunt, sie jo umgewandelt zu sehen, und! glaubte in ihrer Einfalt, Roosje wolle, eifersüchtig auf die bescheidene Eleganz der Kleidung Margaretens, sie nicht etwa nachahmen, sonder» durch verschwenderischen Aufwand übertreffen. Sie freute sich über da« Vergnügen, das ihre Mutier daran hatte. Paul, der nicht Roosjes Soh» war und sie aus Achtung vor ihrem Alter und aus Rücksicht auf ihr Geschlecht gut behandelte, bemerkte jedoch an ihr eine Veränderung, die ihn nachdenken ließ. Drei Gefühle beseelen sie, dachte er: eine grau­same und schlecht verhehlte Genugtuung, gesteigerter Haß gegen ihn, btt Haß einer Katze, die Samtpfötchen macht, während si« auf den Krallen­hieb wartet, und eine törichte, grenzenlose Eifersucht.

Die erste Handlung Roosjes als große Dame bestand darin, daß fit grob und grausam Siska zur Einnahme ihrer Mahlzeiten in die Küch« schickte. Das arme Mädchen ging traurigen Herzens dorthin und tarn an diesem Tage nur heraus, um zu sehen, ob Roosje irgend etwa« brauche. Sehr von oben herab wurde ihr angedeutet, man würde läuten, wenn man sie brauche.

Eines Tages erschien ein kleiner Mann am Gitter. Er war schlecht angezogen wie ein junger Gelehrter, eine Archioratte, die alt geworden schmutzig sein wird. Er benahm sich zugleich spöttisch und übertrieben höflich. Nachdem er das Mädchen von oben bis unten betrachtet hallt, fragte er mit gebieterischer Stimme, ob Frau Baronin Servaes van Steelandt sich im Schlosse befände. Das WortSchloß" betonte er seht stark. Das Mädchen antwortete, eine alte Frau mit Namen Roosje, oie W-iwe Servaes geborene van Steelandt bewohne dieses Landhau«, vielleicht fei sie Baronin, weil der Herr es sage.

Nach Deffnung des Gitters konnte sie den kleinen Mann von hinten sehen, wie er durch die mit Muscheln besäten Wege ging, die den Rasen umsäumten und unter dem Gewicht seiner grotzen Schuh« krachten.

Siska mußt« lachen, als sie sein« graziöse Haltung sah, feinen Zylinderhut, der an den Leuchtturm von Ostende erinnerte, den zu großen Kopf und zu langen Oberkörper, sein biegsames Rückgrat, bin stark entwickelten Hüften und das gewaltige Hinterteil, das dem «in« Stute glich, die krummen, schweren Beine und Plattfüße.

Er ließ sich unter dem Namen de Bouffart melden und begrüßt« beim Eintritt in Roosjes Wohnung den Tisch, die Möbel, den Samin, die Bilder und auch Frau Servaes van Steelandt, die er mit einem zärtlichen und boshaften Blick betrachtete.Setzen Sie sich, Herr", (agil Roosje sehr würdevoll und mit einer Handbewegung, die stolz fein sollt!, aber nur lächerlich wirkte.

Herr Bouffart nahm bescheiden auf dem ersten Sitz Platz, der i seiner Nähe stand. Es war der Betstuhl.

Roosje setzte sich, den Kopf hoch erhoben und mit starren, roeity öffneten Augen, ein Zeichen überreizter Eitelkeit. Sie stützte den Ellen' bogen auf dem kleinen Spieltisch und bemühte sich, das Gesicht mit einer Hand zum Teil bedeckend, den kleinen Finger nahe dem Augi zierlich gekrümmt zu halten.

,Ach hör« Ihnen zu, mein Herr", tagte sie hart und hochmütig Boussart verbeugte sich tief.

Frau Baronin", sagte er, ,Zhre Titel sind in Ordnung. Der Nanu von Servaes van Steelandt" findet sich bereits 1567 unter den Schössen von Gent."

1567 vor Christus! Ah, Herr, welches Glück!" rief Roosje, die iwt Meinung war, es handele sich um di« Zeit der Sintflut.

Und fo alt ist mein Name schon, mein Herr?"

Nicht ganz, Frau Baronin, aber es fehlt nur wenig", erwidern Bouffart, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber", erwiderte Roosje,alles dieses Master ..."

Einige Kirchenregister sind durch das Wasser vernichtet roorbe» gewiß, Frau Baronin, aber glücklicherweise konnte man die größere An­zahl retten. Diejenigen, die Ihren Namen erwähnen, sind dem hängnis entgangen. Hier ist übrigens Ihr Adelsbrief, mit der Baron«', kröne versehen. Ihre Vorfahren, die Edlen van Steelandt, waren Herrm von Berg-op-Zoom, Lille. Perregaie und anderen Orten. 1727, untm der Regierung ihrer erhabenen Majestät Maria Theresia, ließ Hem von Parcq, der damals nur Knappe war, ihrer sehr erhabenen SDM' ftät eine Bittschrift überreichen, in der er ihr mit dem Hinweis«, da» er von guter Lebensart Md unbescholten sei, zweitausend Gulden an , bot, um den Baronstitel zu erhalten mit dem Rechte, den Namen der-» van Steelandt zu tragen. (Fortsetzung fotgtj